Verstecken

Sie fühlte schüchtern seinen Puls, schaute dann Nenya an und sagte: "Der Puls scheint soweit in Ordnung."

"Ist das einer Deiner Lehrer? Der Doppelspion?", hauchte sie unhörbar.

Hermione nickte. Dann rastete ihr Verstand wieder ein und begann mit gewohnter Routine zu arbeiten. Sie sagte entschlossen: "Hier wird es vielleicht jeden Moment vor Auroren oder noch mehr Todessern wimmeln und keinem von denen können wir trauen. Die Auroren wissen nichts von Snape und würden auch sofort Dein Gedächtnis löschen. Na ja und die Todesser... Weißt Du ja selbst."
Hermione schluckte.

Nenya ließ ihren Blick suchend durchs Zimmer schweifen.

"Los, hilf mir schnell mit der Couch. Wir verstecken den hier erst einmal im Bettkasten."

Doch viel weiter kamen sie nicht. Sie hatten den bewusstlosen Spion gerade mühsam an Armen und Beinen durchs Zimmer geschleift und in den Bettkasten verfrachtet, den er fast vollständig ausfüllte, als auch schon das Geräusch mehrerer apparierender Zauberer vor der Hütte zu vernehmen war. Gnädigerweise war der Eingang durch einige Kiefern verdeckt, die einen direkten Einblick in das Innere des Zimmers verwehrten.

Hermione lugte seitlich aus dem Fenster.

"Auroren! Besser Du versteckst Dich auch. Ich rede mit ihnen und versuche sie abzulenken. Die werden mich höchstwahrscheinlich mit ins Ministerium nehmen und bevor ich mit dem Orden Verbindung aufnehmen kann, kann es Stunden dauern. Versuch mit Snape zu reden, sobald er zu sich kommt. Aber verschwindet so schnell wie möglich von hier!"

Die Stimmen waren inzwischen an der Tür angelangt. Nenya quetschte sich ebenfalls in die Couch, in der es jetzt sehr eng war und versuchte den dumpf pochenden Schmerz in ihrem Bein unter Kontrolle zu bringen. Hermione klappte das Polster zu und schwang sich im selben Moment darauf. In diesem Augenblick betraten die Auroren das Zimmer, sicherten es zuerst nach allen Seiten ab und durchsuchten anschließend jeden Winkel mit Ausnahme der Couch, auf der nun eine sichtlich aufgelöste und heftig schluchzende Hermione saß, die Beine fest mit den Armen umschlungen, und eine oscarreife Vorstellung gab.

Snape hatte nicht viel Zeit gehabt um sich etwas geniales einfallen zu lassen. Nachdem Lucius das Zimmer durchsucht hatte, waren nur zwei Möglichkeiten übrig geblieben. Entweder die Mädchen hatten Glück gehabt und waren nicht da, oder sie waren hinter der Couch in Deckung gegangen. In dem Moment, als sich der Teppich unter dem strauchelnden Malfoy straffte, hatte Snape Gewissheit.

Von Rockwood unbemerkt, schaffte er es gerade noch, Malfoy mit einem Lähmzauber außer Gefecht zu setzen, als die Couch nach vorne gekippt wurde und Malfoy unter sich begrub. Dann, noch bevor er die Gelegenheit hatte, auch Rockwood unbemerkt auszuschalten, sah er sich mit einem Gegner konfrontiert, mit dem er so nicht gerechnet hatte.

Vor ihm stand eine junge Frau, nicht sehr groß, nicht schlank und zierlich wie Granger, eher kräftig und muskulös. Sie hatte leuchtend karottenrote Haare, die mit blauen Strähnen durchsetzt waren und hielt ein Buch in der Hand. Ein Buch? Snape schaffte es gerade noch den Fluch, der eigentlich Rockwood treffen sollte, von ihr abzulenken. Er traf die Eingangstür und zertrümmerte sie, bevor er von dem Buch an der Schläfe getroffen wurde und die Welt in gnädiger Finsternis versank.

Als er langsam wieder zu sich kam, war es dunkel. Wie lange war er bewusstlos gewesen? Er überprüfte mit seinen erwachenden Sinnen seinen Körper nach Verletzungen, doch außer monströsen Kopfschmerzen konnte er nichts ernsthaftes feststellen. Vermutlich eine Gehirnerschütterung. Damit konnte er das Apparieren schon mal vergessen.

Großartig. Von einem Mädchen mit einem Buch erschlagen. Ganz toll Severus! Er konnte es kaum glauben. Immer noch gab er nach außen kein sichtbares Zeichen, dass er erwacht war. Erst musste er die Lage sondieren, denn eine Fehleinschätzung der gegenwärtigen Situation konnte ihn das Leben kosten. War er gefangen genommen worden? Er spürte keine Fesseln, doch ob ein Fluch auf ihm lag, konnte er nur feststellen, indem er sich bewegte. Das wiederum würde Aufmerksamkeit auf ihn lenken, also ließ er es vorerst bleiben. Ohne seinen Zauberstab hatte er jedenfalls nicht viele Möglichkeiten. Ein zweiter war im Saum seines Umhangs versteckt, da kam er aber so auch nicht ran.

Es war heiß und eng in seinem Gefängnis und er konnte über sich und um sich herum gedämpfte Stimmen hören. Jemand weinte.
Und da, ganz nah an seinem Ohr spürte er mehr, als das er es hören konnte, wie jemand stoßweise und sehr unregelmäßig atmete, wie um sich nicht zu verraten.
Er hätte es auch beinahe nicht gemerkt, aber es war so nah. Snape zuckte ungewollt zusammen und spürte plötzlich eine Hand mit festem Druck auf seinem Mund - warm und verschwitzt. Eine sehr leise Stimme hauchte in sein Ohr. "Pst. Leise!"
Sie zitterte leicht. Er nickte zum Zeichen das er verstanden hatte und die Hand verschwand. Zurück blieb ein salziger Geschmack auf seinen Lippen.

"Wo sind wir hier und wer zum Teufel sind Sie?", hauchte er kaum hörbar.

"Hermiones Schwester und in der Couch!"

"Auroren?"

"Jepp."

"Wo ist Miss Granger?"

"Genau über uns. Sieht so aus, als würden sich ihre sommerlichen Theaterworkshops bezahlt machen." Nenya gluckste leise. Die Situation war einfach absurd.

"Seit wann hat Miss Granger eine Schwester? Das würde ich wissen!" Snape war ärgerlich und misstrauisch zugleich.

"Halbschwester, wir teilen uns denselben Vater. Nun Hermione ist fast 17 ich werde 27."

"Sie waren nicht in Hogwarts." Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

"Nun, ich kann leider nicht zaubern."

"Sie sind eine Muggel!"

"Sch..."

"Warum zur Hölle wissen Sie dann über unsere Welt bescheid? Kann dieses neunmalkluge Gör nicht ein einziges Mal ihre vorlaute Klappe halten!" Snape zischte durch zusammengebissene Zähne und Nenya hatte das Gefühl ihre Knochen würden bei diesem Geräusch kristallisieren.

Sie lehnte sich ganz dicht an sein Ohr, so das ihre Lippen seine Wange beinahe berührten und hauchte mit eisiger Grabesstimme, die Snape nicht besser hinbekommen hätte: "Reden Sie nie wieder so von meiner Schwester. Wir hatten noch nie Geheimnisse voreinander. Ich bin überhaupt der einzige Mensch, dem sie sich bedingungslos anvertrauen kann. Es hat niemals ein Dritter was erfahren. Selbst unsere Eltern wissen nur Bruchstücke von dem, was ihr in den vergangenen Jahren passiert ist. Aber gerade in diesem Moment, rettet dieses neunmalkluge Gör Ihnen Ihren verdammten Arsch!"

Snape knurrte, ging aber nicht darauf ein.

"Wir sollten so schnell wie möglich von hier verschwinden."

"Wo ist mein Zauberstab?"

"Moment, den habe ich... Hier, bitte." Sie reichte den Stab im Dunkel weiter, wobei sich ihre Hände trafen.

"Was ist mit Ihren Händen?"

"Was soll damit sein?"

"Nun, eben waren sie noch warm, jetzt sind sie eisig."

"Ich schätze ich sollte aufhören zu bluten", presste Nenya, zwischen zusammengebissenen Zähnen, mit vor Sarkasmus triefender Stimme hervor.

"Sie sind verletzt? Wo?"

"Mir steckt ein Stück Verandatür im rechten Oberschenkel."

"Lumos minimalis."

Ein sehr schwaches Licht glomm am Ende von Snapes Zauberstab auf.
Kurz trafen sich ihre Augen. Seine waren vollkommen schwarz und sahen irgendwie gruselig aus. Nenya hatte das Gefühl, er würde ihr damit auf den Grund der Seele blicken. Mit diesem Mann wollte sie nicht verfeindet sein. Doch im Moment verspürte sie keine Angst vor ihm, lediglich dieses altbekannte Kribbeln in den Knochen, das ihr sagte, dass dieser Mann äußerst gefährlich war, doch in diesem Augenblick zumindest nicht für sie. Ja, und zudem sehr interessant und geheimnisvoll.

Ihr Herz setze einem Schlag lang aus und schlug dann langsam und sehr deutlich in ihrem Hals weiter. Sie hätte schwören können, Snape konnte es hören. Der Lichtschein wanderte an Ihrem Körper abwärts, zu ihrem inzwischen blutdurchtränkten Oberschenkel, aus dem einige Zentimeter eines breiten Glassplitters ragten.
Snape atmete scharf ein.

"Sie brauchen einen Druckverband."

"Ja, ich weiß. Aber erstmal müssen wir hier raus."

Die Stimmen entfernten sich langsam. Noch ein einsames Knarren der Diele, dann war es still.

AN: (Ich freue wirklich mich über jeden, der die Geschichte liest, sie wird am Tag über 50 mal geklickt. Da ist es doch nur fair, auch ein kleines Review da zu lassen, wenigstens, ein einfaches „Ich war hier". Meint ihr nicht?)