2. Under Her Wing
(Mother – Roger Waters)
Anthony räusperte sich leise, aber die Frau, die in einem Sessel schräg vor dem Kamin saß, war so sehr in ihre Lektüre vertieft, dass sie ihn immer noch nicht bemerkte. Wenn er noch irgendwelche Zweifel gehabt hätte, spätestens jetzt wären sie ausgeräumt gewesen. Die Frau konnte nur Simons Mutter sein. Wenigstens war damit die Frage geklärt, von wem Simon seine Büchermacke hatte. Und sein langweiliges Gesicht.
»Ähem«, versuchte er es noch einmal lauter, und endlich sah Mrs. Grey von ihrem Buch auf. Sie zog die Augenbrauen hoch, als sie nur seinen Kopf aus dem Kamin ragen sah, lächelte dann aber freundlich. Vielleicht war die Ähnlichkeit mit Simon doch nicht so groß, wie er zuerst gedacht hatte. Jedenfalls machte sie einen wesentlich lebendigeren Eindruck als ihr Sohn, aber das mochten auch die vielen Falten bewirken.
»Hallo«, sagte sie und legte ihr Buch zur Seite. »Du bist Anthony, nehme ich an? Simon hat schon viel von dir erzählt.«
Anthony erinnerte sich an seine Manieren. »Bitte verzeihen Sie mein unangemeldetes Eindringen, Mrs. Grey«, entschuldigte er sich höflich. »Anthony Goldstein, zu ihren Diensten. Es freut mich sehr, Sie endlich persönlich kennenzulernen. Ich hoffe, ich habe Sie nicht bei etwas Wichtigem gestört?«
Sie hatte zwar ein angenehmes, helles Lachen, aber Anthony war nicht ganz klar, was es zu lachen gab. Seine Mutter wäre stolz auf seine Höflichkeitsfloskeln gewesen. Aber vielleicht wurde in diesem Haus weniger Wert auf gutes Benehmen gelegt.
»Aber nicht doch, Mr. Goldstein«, antwortete sie nach ihrem kurzen Auflachen. »Sie stören keineswegs. Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuchs? Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Mr. Grey zu sprechen wünschen? Soll ich Sie bei ihm anmelden?« Anthony kam sich leicht veralbert vor, aber Simons Mutter wirkte völlig ernst und erwartete anscheinend eine Antwort.
»Wenn es Ihnen nicht zu viele Umstände macht.« Er hatte inzwischen den starken Verdacht, dass sie ihn auf den Arm nahm.
»Überhaupt keine, Mr. Goldstein«, sagte sie und stand auf. »Wenn Sie sich einen Moment gedulden möchten. Ich werde Mr. Grey sofort von Ihrer Ankunft in Kenntnis setzen.« In der Tür drehte sie sich noch einmal um und zwinkerte ihm zu. »Übrigens: Es heißt Miss Grey.«
Anthony starrt ihr mit offenem Mund nach, als sie den Raum verließ. Miss Grey! Hatte Simon Mutter nicht mehr alle Tassen im Schrank? Er erinnerte sich nicht, dass schon einmal mittelalte Frau auf ›Miss‹ bestanden hätte, höchstens ein Ms. Grey wäre infrage gekommen. Auch wenn er nicht besonders gut darin war, das Alter von Erwachsenen zu schätze, so musste sie doch mindestens zehn Jahre älter als seine Mutter sein. Und jetzt schrie sie auch noch Simons Namen durchs Haus. Und Simon schrie ein genervt klingendes »Was?« zurück. »Besuch für dich! Wohnzimmer!« hallte erneut ein Ruf durch das ganze Gebäude, dem Türknallen und Treppengetrappel folgten. Gehobene Umgangsformen genossen in diesem Haushalt wohl tatsächlich keine hohe Priorität.
Kurz darauf erschien Simon in der Tür. »Anthony«, sagte er noch ausdrucksloser als sonst. »Hallo.« Er wirkte irgendwie gehemmt. Vielleicht war ihm das Verhalten seiner Mutter peinlich. Aber Anthony hatte keine Zeit für solchen Unsinn.
»Hi«, sagte er nur. »Mach die Tür zu und komm her.« Was sie zu besprechen hatten, war nicht für andere Ohren bestimmt. Simon schloss endlich die Tür hinter sich und kam zögernd näher. Er nahm auf der Kante des Sessels Platz, in dem eben noch seine Mutter gesessen hatte, und legte verkrampft die Hände zusammen. Er sah beinahe so aus, als hätte er ein schlechtes Gewissen. Hoffentlich war dem Stein nichts passiert.
»Wie ist es gestern gelaufen?«, wollte Anthony ungeduldig wissen. »Aus Luna war kein vernünftiges Wort rauszubringen.«
Und das war noch untertrieben. Wann immer er versucht hatte, von ihr zu erfahren, ob bei der Bergung des Steins alles glattgegangen war, hatte sie einen ihrer typischen Luna-Anfälle bekommen. Besonders schlimm war es gewesen, als er sich erkundigt hatte, ob sich die Wieselbrut auch benommen hatte. Sie hatte sich gar nicht mehr eingekriegt, und als er sie angeschrien hatte, hatte sie nur den Kopf schief gelegt, ihn mit ihren silbergrauen Augen gemustert und gemeint, dass er das vielleicht besser Simon fragen solle, und ob sie schon einmal erwähnt habe, dass ihm grün wirklich gut stehe. Dann hatte sie wieder angefangen zu lachen, und es war kein vernünftiges Gespräch mehr mit ihr möglich gewesen. Und jetzt starrt ihn auch Simon an, als hätte er keine Ahnung, wovon Anthony eigentlich sprach. Es war zum Aus-der-Haut-Fahren.
»Jetzt sag' schon! Was war mit dem Stein?« Er hatte allmählich wirklich genug. »Habt ihr ihn gefunden?«, schnauzte er Simon beinahe an, aber dieser schien seltsamerweise fast erleichtert.
»Ach ja, der Stein.« Simon rutschte ein Stück auf dem Sessel zurück und entspannte sich sichtlich. »War kein Problem. Äh, Fred hat ihn rausgeholt und wir haben ihn sofort in dein Kästchen gesteckt. Luna hat darauf bestanden, dass wir ihn im Turm lassen.« Er hielt einen Moment inne, sprach dann aber schnell weiter. »Die Zwillinge waren überhaupt nicht begeistert, aber Luna kann recht überzeugend sein.«
Anthony war erleichtert. Dann war gestern wohl einer von Lunas besseren Tagen gewesen. Wenn ihr Turm auch nur halb so gut geschützt war wie das Anwesen der Goldsteins, dann war das die vernünftigste Lösung. Sie hätten sich schon vorher überlegen sollen, was sie mit dem Stein anstellen würden, wenn er erst einmal geborgen war.
»Wenigstens etwas«, meinte er. »Ich hab' schon das Schlimmste befürchtet, so wie sich Luna heute aufgeführt hat.« Er tastete auf der anderen Seite des Kamins nach dem Stapel Pergamente, den er bereitgelegt hatte. Als er ihn gefunden hatte, zog er ihn heran und hob ihn durch die grünen Flammen der Flohnetzverbindung.
»Hier«, sagte er und streckte den Packen durch das Feuer Simon entgegen. »Ich hab' unsere Bibliothek durchforstet und ein paar interessante Artikel kopiert, die uns vielleicht weiterhelfen. Meinen Großvater konnte ich noch nicht fragen, aber vielleicht treff' ich ihn heute Abend.«
Das war nahezu der einzige Lichtblick. Er sah zwar ein, dass er jetzt vermehrt gesellschaftliche Verpflichtungen wahrzunehmen hatte, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass die Dinnerparty bei den Yaxleys besonders unterhaltsam werden würde. Aber bestimmt würden einige Slytherins aus seinem Jahrgang da sein. Und vermutlich waren auch zumindest die Smiths und MacDougals eingeladen und er konnte sich mit Zacharias oder Morag unterhalten, wenn es zu langweilig wurde.
»Jetzt nimm schon!«, forderte er Simon auf, der immer noch auf seinem Sessel klebte. »Ich hab' nicht den ganzen Tag Zeit!« Er wedelte ungeduldig mit den Pergamentbogen, und endlich raffte sich Simon auf.
»Mein Terminplan ist so was von voll, ich kann's dir gar nicht sagen«, klagte er Simon sein Leid, während dieser bereits in den Pergamenten zu blättern begann. »Und als meine Mutter erfahren hat, dass uns 'ne Inkarnation des Dunklen Lords in Verteidigung unterrichtet hat, hat sie entschieden, dass ich da auch noch Nachhilfe brauch'. Als hätt' ich nicht schon genug zu tun. Ich muss die nächsten Wochen auf ein Dutzend Partys, hab' Privatunterricht in Etikette, Buchhaltung, Geschäftsführung und jetzt auch noch Verteidigung und soll irgendwann auch noch Hausaufgaben machen. Und dann auch noch die Sache mit dem Stein. Ich weiß gar nicht, wann ich überhaupt noch zum Fliegen kommen soll.« Er seufzte schwer. Das Fliegen fehlte ihm jetzt schon.
Simon, der seinem Lamento offensichtlich gar nicht zugehört hatte, sah plötzlich auf und fragte unmotiviert: »Hat Luna sonst nichts gesagt?«
»Was soll sie denn gesagt haben?«, fragte Anthony, plötzlich misstrauisch geworden. Irgendetwas verheimlichten Luna und Simon doch. Oder warum benahmen sie sich sonst so komisch?
»Ach, nichts«, wehrte Simon verdächtig schnell ab. »Das sieht ganz interessant aus«, fuhr er eilig fort und bezog sich offensichtlich auf den Stoß Pergamente. »Damit lässt sich bestimmt etwas anfangen. Übrigens hat Terry geschrieben. Der Kleine ist total fertig. Seine Eltern lassen sich scheiden.«
Anthony fand dieses Ablenkungsmanöver ziemlich durchsichtig, aber es erfüllte trotzdem seinen Zweck. Ihm schauderte bei dem bloßen Gedanken. Eine Scheidung war unter Muggeln gar nicht so selten, selbst wenn die Kinder noch nicht volljährig waren, hatte ihm seine Mutter erklärt, als er ihr von Terrys Sorgen erzählt hatte, und er war froh, dass so etwas unter Zauberern und Hexen nur selten vorkam. Die Bindungsmagie einer Vermählung verhinderte solche Probleme meistens. Oder schob sie zumindest so lange hinaus, bis die Kinder erwachsen waren. Armer Terry. Er fragte sich, was er an dessen Stelle getan hätte. Wenn sich sein Vater und seine Mutter – Verdammt! Seine Mutter! Wahrscheinlich war er schon zu spät! Er hatte nur Simon schnell die Pergamente geben wollen und nicht geplant, sich auf eine Unterhaltung einzulassen.
Er sagte nur noch »Muss weg!« zu Simon und zog seinen Kopf wieder zurück in die Bibliothek. Er rappelte sich eilig auf und warf einen Blick auf die Kaminuhr, die ihm seine Befürchtung bestätigte. Er würde zu spät kommen.
Hastig rollte er den weichen Feuerrufteppich wieder auf, auf dem er gerade noch gekniet hatte, und warf ihn in sein Fach im Kaminkasten. Leider hatte der Gelbe Salon – oder das, was noch von ihm übrig war – keinen eigenen Anschluss, sonst hätte er gleich das hausinterne Flohnetzwerk benutzen können und wäre nur eine Minute zu spät dort angekommen. Aber so musste er zu Fuß in den Westflügel. Er rannte los.
Hoffentlich war seine Mutter nicht allzu sauer. Aber angesichts ihres Verhaltens beim Abendessen nach seiner Rückkehr war das wenig wahrscheinlich. Sie hatte gefragt, ob es etwas Besonderes in der Schule gegeben hätte, und er war dummerweise gleich mit der Neuigkeit über Voldemorts Erscheinen herausgeplatzt. Er hatte ja nicht ahnen können, wie seine Eltern reagieren würden. Seine Mutter hatte ihr Besteck auf den Teller fallen lassen, während sein Vater erbleicht war, aber Messer und Gabel ordentlich beiseite gelegt hatte. Und dann hatte sich seine Mutter über den Tisch gebeugt und ihm eine schallende Ohrfeige verpasst, die ihm die Tränen in die Augen getrieben hatte. Seine eigene Mutter! Sie hatte ihn noch nie zuvor geschlagen. Er hatte sie nur mit offenem Mund angestarrt und ihr dann versprechen müssen, diesen Namen nie wieder auszusprechen. Sein Vater hatte versucht, etwas zu sagen, aber sie hatte ihn mit einem gefährlich ruhigen »Halt den Mund, Theo!« unterbrochen, und dann hatte die Inquisition begonnen. Sie hatte jedes auch noch so kleine Detail wissen wollen. Was hatte Du-weißt-schon-wer alias Quirrel getan, was hatten sie in Verteidigung gegen die Dunklen Künste gelernt, was hatten die anderen Professoren, speziell Dumbledore und Flitwick, zu der Sache gesagt und was hatte Du-weißt-schon-wer überhaupt in Hogwarts zu suchen gehabt? Und als er ihr auf die letzte Frage hin vom Stein der Weisen berichtete, wollte sie natürlich auch darüber alles wissen. Er hatte extrem aufpassen müssen, ihr nicht mehr zu verraten, als er aufgrund der Gerüchte eigentlich hätte wissen dürfen. Das Verhör hatte mindestens eine halbe Stunde gedauert. Sein Essen war kalt geworden, und sein Magen hatte zu knurren begonnen. Dann war sie plötzlich mitten im Satz verstummt, unvermittelt aufgestanden und hatte das Esszimmer verlassen.
Sein Vater hatte ihm anschließend erklärt, dass er seine Mutter verstehen müsse. »Sie hat viele Freunde im Krieg verloren«, hatte er gesagt. »Vor allem muggelstämmige. Und als alles vorbei war, hat sie durch die Todesser-Prozesse auch noch erfahren, dass ihr Name – und der deiner Großeltern – auf einer Todesliste stand. Nicht dass wir das nicht schon vermutet hätten, aber …«
Anthony hatte seinen Vater ungläubig angestarrt, doch dieser hatte erst einen Hauselfen herbeigerufen, die inzwischen kalt gewordenen Teller wegnehmen lassen und befohlen, den nächsten Gang aufzutragen. Und dann hatte der Kronleuchter gewackelt. Nun, nicht wirklich gewackelt. Nur ganz leicht gezittert und dabei ein kaum hörbares Singen von sich gegeben. Sein Vater hatte getan, als würde er es nicht bemerken, und weitergesprochen. »Es war wahrscheinlich nur eine längst überholte Liste. Du warst damals schon geboren, aber dein Name war nicht darauf, und nach dem Desaster mit den Prewetts waren die Todesser viel vorsichtiger, wenn es darum ging, gegen die mächtigeren Häuser vorzugehen. Und damals hatten sie noch die Hoffnung, dass sie meinen Vater doch noch auf ihre Seite ziehen könnten.« Sein Vater hatte unvermittelt ein halb verächtliches, halb amüsiertes Schnauben ausgestoßen. »Als würde der alte Sturkopf jemals hinter einem ›dreckigen Schlammblut‹ hermarschieren.«
Anthony war die Kinnlade nach unten gefallen. Ein Schlammblut? Er hatte seinem Vater einen fragenden Blick zugeworfen, aber der hatte nur in Gedanken versunken ins Leere gestarrt. Als der nächste Gang vor ihnen erschienen war, hatte er wieder nach seinem Besteck gegriffen und »Iss!« gesagt, während erneut der Kronleuchter leise geklirrt hatte, und Anthony hatte gewusst, dass er nicht mehr aus ihm herausbekommen würde. Es war sowieso das erste Mal gewesen, dass er von seinen Eltern etwas über den Krieg erfahren hatte.
Als er vor der Tür zum Gelben Salon ankam, hielt er inne, um wieder zu Atem zu kommen. Er strich seine Robe glatt und kämmte mit den Fingern seine Haare zurück. Es machte keinen Sinn, seine Mutter noch mehr auf die Palme zu bringen, und zu spät war er ohnehin schon. Wenn er auch noch einen unordentlichen Eindruck machte, wenn sie ihm seinen neuen Lehrer vorstellte, würde sie vermutlich ziemlich sarkastisch werden. Und das zog im Allgemeinen unangenehme Konsequenzen nach sich. Er klopfte einmal, bevor er die Klinke drückte und den Salon betrat.
Die Hauselfen hatten wirklich ganze Arbeit geleistet. Die jetzt kahlen Wände strahlten wieder in hellem Dottergelb. Sämtliche geschwärzten Stellen und Rußflecken waren verschwunden. Auch die Trümmerreste, die gestern noch den zerfetzten Teppichboden bedeckt hatten, waren entsorgt worden. Er hatte nur einen flüchtigen Blick auf das Chaos werfen können, bevor ihn die Hauselfen hinauskomplimentiert hatten, aber er hatte kein einziges unversehrtes Möbelstück ausmachen können, nur ein paar Gemälde waren an der Wand gelehnt und hatten überlebt. Offensichtlich hatte seine Mutter sie abgenommen, bevor sie begonnen hatte. Aber sie hatte den Gelben Salon auch noch nie leiden können und immer wieder davon gesprochen, dass sie ihn bald einmal umdekorieren wolle.
Jetzt stand sie, Anthony den Rücken zugekehrt, allein in dem leeren Raum vor einer nackten Wand und zeichnete mit ihrem Zauberstab Runen in die Luft, die dann auf einen Wink von ihr in die Farbe zu sinken schienen, um dort weiterzuglühen. Sie trug eine einfache azurblaue Robe, die fast bis zum Boden reichte, und wirkte nicht ganz so groß wie sonst, warum auch immer. Normalerweise zog sie dunkle Gewänder vor, weil sie glaubte, dass passe besser zu ihren schwarzen Haaren und verliehe ihr eine vornehme Blässe.
»Du bist spät«, sagte sie, ohne mit ihrer Runenmalerei aufzuhören oder sich umzudrehen.
»Tut mir leid, Mutter«, bat Anthony um Entschuldigung. »Ich habe gelesen und die Zeit vergessen.«
Seine Mutter würdigte ihn keiner Antwort und fuhr fort, seltsame Symbole an die Wand zu werfen. Anthony sah sich genauer im Zimmer um. Die restlichen Wände, der Boden und die Decke waren bereits mit einer Runeninschrift bedeckt. Er erkannt nur ein einziges Symbol, dass er zufällig in einem Buch gesehen hatte und dass irgendeine Schutzwirkung haben sollte. Der Boden federte seltsam, als er weiter in den Raum hineinging. Es war fast, als ginge er auf einem dicken, weichen Teppich, dabei war der Boden genauso kahl wie die Wände. Vielleicht hatte seine Mutter Polsterungszauber verwendet, oder es handelte sich um eine Wirkung der Runen.
Seine Mutter beendete ihr Werk und drehte sich zu Anthony um. Und er hätte sie fast nicht erkannt, so ganz anders als sonst sah sie aus. Sie trug überhaupt keinen Schmuck, nicht einmal Ohrringe. Und war völlig ungeschminkt. Anscheinend hatte sich nicht einmal Puder aufgelegt, wenn man nach ihrer Gesichtsfarbe gehen konnte. Sie hielt ihren Zauberstab lässig in der Rechten, und die langen Fingernägel ließen ihre Hände wie schlanke Krallen aussehen. Zum ersten Mal in seinem Leben wurde ihm klar, dass seine Mutter eine Hexe war. Natürlich hatte er gewusst, dass sie zaubern konnte, auch wenn sie es nur selten tat. Schließlich war sie in Hogwarts gewesen. In Ravenclaw, wie er jetzt. Und sie hatte sich gefreut, als er in ihr altes Haus gekommen worden war, und nicht nach Slytherin, wie seine Vater und Großvater es gewollt hatten. Aber nur weil er gewusst hatte, dass sie eine Hexe war, hatte er es noch lange nicht gewusst. Der Gedanke ergab auch für ihn selbst keinen großen Sinn, aber es machte auch keinen Sinn, dass die Frau, die jetzt vor ihm stand, seine Mutter sein sollte. Und ihn beschlich ein höchst beunruhigender Verdacht.
»Anthony«, sagte sie tadelnd. »Hör auf zu gaffen und mach den Mund zu. Du siehst dumm aus.«
Anthony machte schnell den Mund zu und zwang sich, eine neutrale Miene aufzusetzen. »Entschuldige, Mutter. Ich war nur überrascht. Es wird nicht wieder vorkommen.«
Sie nickte knapp und schritt zu einer Seite des Raums, wo sie sich vor der Wand aufstellte. Dann bedeutete sie Anthony, ihr gegenüber Aufstellung zu nehmen.
»Wie es scheint«, begann sie mit schneidend sanfter Ironie in der Stimme, »ist momentan der Markt für kompetente Tutoren für Verteidigung aus völlig unerfindlichen Gründen wie leergefegt.« Sie sah ihn an, als wäre das seine Schuld. »Ich erwarte, in Zukunft über alle ungewöhnlichen Vorkommnisse frühzeitig informiert zu werden. Jedenfalls vor den Eltern deiner Mitschüler. Haben wir uns verstanden?«
Anthony fand das extrem ungerecht, aber er antwortete nur »Ja, Mutter«. Es war wohl nicht der richtige Zeitpunkt für Diskussionen.
»Gut!« Seine Mutter sah ihn immer noch scharf an, aber ihre Stimme wurde sanfter, als sie fortfuhr: »Und da wir einen erstklassigen Tutor erst für nächstes Jahr verpflichten konnten, werde ich deine Ausbildung nicht einem dahergelaufen Stümper überlassen, sondern die Sache vorläufig selbst in die Hand nehmen.«
Anthony konnte sich gerade noch ein lautes Aufstöhnen verkneifen. So etwas in der Art hatte er fast befürchtet. Das konnte ja heiter werden. Unterricht mit der eigenen Mutter!
»Das hast du dir selbst zuzuschreiben«, meinte sie, obwohl er doch gar nichts gesagt hatte. »Lass es dir eine Lehre sein.« Dabei blitze aber so etwas wie Humor in ihren Augen auf, und ihre Mundwinkel zuckten sogar kurz. Anthony war wie vor den Kopf gestoßen. Wer war diese Frau? Und was hatte sie mit seiner Mutter gemacht? Wenn es nicht lächerlich gewesen wäre, hätte man glauben können, ein Betrüger hätte mit Hilfe von Vielsafttrank oder einem Illusionszauber das Aussehen seiner Mutter angenommen. Und zwar ein Betrüger, der seine Mutter nicht sonderlich gut kannte oder ein sehr schlechter Schauspieler war.
»Die erste und wichtigste Lektion«, begann seine Mutter unvermittelt zu dozieren. »Verlier niemals deinen Zauberstab! Er ist oft genug das Einzige, was zwischen dir und einem gewaltsamen Tod steht. Ob die Bedrohung von einem Menschen, einem Tier oder der Umgebung ausgeht, wenn du deinen Zauberstab verlierst, hast du oft auch schon dein Leben verloren.«
Er starrt seine Mutter wieder ungläubig an. Er konnte einfach nicht anders. Das alles konnte unmöglich ihr Ernst sein.
»Anthony!«, sagte sie gereizt und schnippte mit den Fingern. Wie machte sie das nur mit ihren langen Fingernägeln? »Hörst du überhaupt zu?«
Er riss sich zusammen und nickte. Als sie ihm befahl, seinen Zauberstab zur Hand zu nehmen, tat er es, ohne Fragen zu stellen. Zu allem Überfluss kündigte sie auch noch an, dass sie gleich versuchen würde, ihn zu entwaffnen. Er packte seinen Stab so fest wie möglich, doch noch ehe er einen klaren Gedanken fassen konnte, zuckte der Zauberstab seiner Mutter kaum merklich und auf ihr geflüstertes »Expelliarmus!« hin, wirbelte sein Stab durch die Luft auf seine Mutter zu. Ihre freie Hand schoss vor und schnappte sich seinen Zauberstab noch im Flug. Wieder erinnerte ihn ihre Bewegung an eine zupackende Klaue. Es war einfach nur verrückt. Und demütigend.
Seine Mutter schüttelte den Kopf. »Es gibt drei prinzipielle Möglichkeiten, sich vor einem Entwaffnungszauber zu schützen«, sagte sie ruhig. »Erstens: Ausweichen. Ein kleiner Schritt zur Seite reicht oft schon aus. Zweitens: ein Gegenzauber. Protego oder ähnliche Formeln sind im Allgemeinen wirksam genug. Und drittens«, jetzt hob sie ihre Stimme, »man beherrscht seinen Stab. Geht eine tiefe Bindung mit ihm ein. Dann kann man ein simples Expelliarmus einfach an sich abgleiten lassen.« Sie warf ihm seinen Stab wieder zu und Anthony fing ihn auf. »Die letzte Möglichkeit wird oft vernachlässigt. Viele Zauberer benehmen sich, als wäre ihr Stab nur ein Werkzeug, ein reines Instrument zur Durchsetzung ihres magischen Willens.«
Jetzt streckt sie ihre Hand aus und legte ihren eigenen Zauberstab auf die offene Handfläche. »Dabei haben die meisten ihre Stäbe von Ollivander, der wirklich sein Möglichstes tut, um sie eines Besseren zu belehren.« Sie lächelte ihn seltsam an. »Du bist an der Reihe. Entwaffne mich!«
Anthony erkannte natürlich eine Falle, wenn sie derart offensichtlich vor ihm aufgebaut wurde, aber ihm blieb wohl keine andere Wahl. Und vielleicht unterschätzt seine Mutter ihn ja auch. Immerhin hatten er und die anderen sich den größten Teil des Stoffs selbst erarbeitet, als sie die Witzlosigkeit von Quirrels Unterricht begriffen hatten. Und auch wenn er es in den Übungen nicht immer geschafft hatte, den anderen ihre Zauberstäbe zu entwinden, ein paarmal hatte es trotzdem geklappt. Mit aller Konzentration, die er aufbringen konnte, rief er sein »Expelliarmus!« und riss energisch seinen Zauberstab hoch.
Der Stab seiner Mutter bewegte sich keinen Millimeter. Dabei hielt sie ihn nicht einmal fest. Er lag immer noch frei auf ihrer Handfläche, und Anthony kam es fast wie eine spöttische Geste vor, wie sie ihn präsentierte. Als würde sie ihm den Zauberstab anbieten und er bräuchte ihn nur zu nehmen. Er versuchte es ein zweites Mal, mit demselben Erfolg. Als sie ihm aber zulächelte, ihre schlanken Finger sich krümmten und der Stab über ihrer Hand frei in der Luft zu schweben begann, verschränkte er die Arme und verzichtete auf einen dritten Versuch. Er würde sich von seiner Mutter nicht zum Hampelmann machen lassen! Wen glaubte die Frau eigentlich vor sich zu haben!
Der Rest der Stunde verlief ähnlich katastrophal. Als sie endlich vorbei war, kam er sich gründlich gedemütigt vor. Er hatte seine Mutter kein einziges Mal entwaffnen können, und nur zweimal war es ihm gelungen, ihrem Expelliarmus auszuweichen. Und als Hausaufgabe hatte sie ihm aufgegeben, dass er sich mit seinem Zauberstab anfreunden sollte. Wenn er eine echte Bindung an ihn erreicht hätte, würde niemand ihn mit einem simplen Expelliarmus entwaffnen können. Er sollte ihn mindestens zehn Minuten lang jeden Tag in Händen halten und ihn einfach nur spüren und kennenlernen. Und er hatte das unangenehme Gefühl, dass sie es wissen würde, wenn er es nicht tat. Am Ende der Stunde hatte seine Mutter freudestrahlend – anscheinend hatte wenigstens einer von ihnen Spaß am Unterricht – verkündet, dass sie sich beim nächsten Mal mit einfachen Flüchen und Gegenflüchen beschäftigen würden. Anthony graute schon vor der nächsten Stunde. So hatte er sich seine Sommerferien wirklich nicht vorgestellt.
Filius saß in seinem Zimmer an seinem Schreibtisch und frühstückte. Während der Sommerferien ging niemand zum Essen in die Große Halle. Auf vier leere Tischreihen zu starren und das einsame Echo der eigenen Stimme durch das Gewölbe hallen zu hören, hatte keine besonders appetitanregende Wirkung. Und er war der Letzte, der sich darüber beschweren würde, von der Verpflichtung zur gemeinsamen Nahrungsaufnahme befreit zu sein. Der Weg vom siebten Stock hinunter ins Erdgeschoss wäre auch für einen Jüngeren mit längeren Beinen nicht unbeschwerlich gewesen. Die anderen Professoren besuchten sich zwar manchmal zu den Mahlzeiten oder speisten im Lehrerzimmer, wenn es etwas zu besprechen gab, aber er fühlte sich in seinen eigenen vier Wänden am wohlsten. Die Einrichtung war auf seine Größe abgestimmt, und das Alleinsein machte ihm nichts aus. Er genoss es geradezu, ein paar Wochen lang tun und lassen zu können, was er wollte, ohne von Unterrichtsstunden und Korrekturarbeiten unterbrochen zu werden. Er kam endlich dazu, seine Korrespondenz abzuarbeiten und sich mit den neuesten Entwicklungen auf seinen Spezialgebieten zu beschäftigen.
Und so saß er da, nippte an seinem Tee, biss hin und wieder von einem Stück gebutterten Toast ab und blätterte nebenbei in Ars Incantatorum, einer der wenigen Fachzeitschriften über die Zauberkunst mit wissenschaftlichem Anspruch, von der sich das Schuljahr über schon wieder drei ungelesene Ausgaben angesammelt hatte. Er überflog die Überschriften und hielt nur inne, um einen Artikel zu lesen, wenn ihn das Thema interessierte oder er den Autor kannte.
Er war gerade in eine Abhandlung über die Theorie absoluter Zauber vertieft, an der er nur wenig auszusetzen fand, als er ein scharrendes Kratzen an seinem Fenster hörte. Er erwartete seit Tagen ein paar Antworten auf Briefe, die er schon letzte Woche geschrieben hatte. Aber es schien sich um eine Eule zu handeln, die da um Einlass bat, was es sehr unwahrscheinlich machte, dass es sich um die erhofften Auskünfte handelte. Vermutlich brachte die Eule nur einen weiteren Beschwerdebrief aufgebrachter Eltern. Der Höhepunkt der Heulerflut war schon seit zwei Tagen überschritten, und die meisten waren natürlich an Albus gerichtet gewesen, aber auch er selbst und die anderen Hauslehrer hatten ihren Anteil abbekommen. Außer Severus. Eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen man den armen Severus beinahe hätte beneiden können. Keiner hatte es gewagt, sich bei ihm über die potenzielle Gefahr zu beschweren, in der ihre Sprösslinge geschwebt waren. Wenigstens soweit Filius mitbekommen hatte.
Mit einem resignierenden Nicken und einer knappen Geste seiner Rechten ließ er das Fenster aufschwingen und den Vogel herein. Es war ein ausgewachsener Uhu, und wie er befürchtet hatte, trug dieser Bote einen roten Umschlag in den Krallen. Der riesige Vogel drehte eine Runde durchs Zimmer, ließ den Umschlag vor Filius auf den Tisch fallen und flog wieder aus dem geöffneten Fenster. Da die Fenster seines Zimmers nach Westen gingen, schien die Sonne nicht herein, aber es war nicht allzu kühl. Und die milde Luft versprach einen warmen Tag, weshalb Filius es nicht wieder schloss.
Er überlegte kurz, ob er den Heuler gleich bannen sollte, aber er hatte seinen Zauberstab nachlässigerweise auf dem Nachttischchen neben seinem Bett liegen lassen und wollte keine destruktive Magie mit bloßen Händen wirken. Außerdem war es die Mühe eigentlich nicht wert. Heuler zu bannen, gehörte nicht eben zu den einfachsten Unternehmungen und hatte den Nachteil, dass man nie erfuhr, wer ihn geschrieben und was in ihm gestanden hatte. Manche Sachen ließ man besser einfach über sich ergehen, als seine Energie darauf zu verschwenden, ihnen ausweichen zu wollen. Mit einem Schnippen, als wolle er ein Staubkorn von ihm entfernen, stieß er den Umschlag an, und dieser öffnete sich und gab das Heulerpergament frei. Er war bereits auf das hysterische Schreien einer nachträglich verängstigten Mutter oder das wütende Poltern eines besorgten Vaters eingestellt, daher kam ihm der ruhige Tonfall des Heulers fast wie ein Flüstern vor.
»An Professor Filius Flitwick, Magister der Magie, Magister der Kunst, Zauberspruchmeister, Hauslehrer von Ravenclaw, Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, Schottland.« Ein wirklich seltsamer Heuler. Die Frauenstimme hatte zwar mehrere seiner akademischen Titel ausgelassen, aber dass sie überhaupt welche erwähnt hatte, war sehr ungewöhnlich und machte ihn misstrauisch. Wahrscheinlich würde gleich ein theatralischer, hysterischer Anfall folgen. Er stählte sich innerlich dagegen.
»Lieber Professor Flitwick«, ging es jedoch genauso ruhig und beinahe freundlich weiter. »Wie ich sehe, haben Sie aus dem Tod Arabella Spencers keine Lehren gezogen.«
Er starrte den Brief fassungslos an. Das war unfair! Niemals war der kleinen Spencer auch nur ein Haar gekrümmt worden, solange sie unter seiner Obhut gestanden hatte. Sie war das Erste, aber leider nicht das letzte Opfer aus seinem Haus gewesen. Und auch wenn sie im Vergleich zu den späteren Opfern einen relativ leichten Tod gefunden hatte, war die Sache doch unappetitlich genug gewesen. Ein Todesser-Kommando hatte die Spencers während der Weihnachtsferien zu Hause überfallen. Sie hatten den Vater unter Imperius genommen und ihn gezwungen, seine eigene Tochter zu vergewaltigen. Zuerst hatten sie die Mutter nur zusehen lassen, aber ihr dann befohlen, ihre Tochter mit einem Messer zu zerlegen, noch während ihr Vater … Filius versuchte vergeblich, den Gedanken zu verdrängen. Als die Auroren angekommen waren, hatten sich die Todesser bereits wieder zurückgezogen. Arabella Spencer war nur noch ein blutiger Haufen Fleisch und Eingeweide gewesen. Und ihre Eltern noch am Leben, was man unter den gegebenen Umständen wohl kaum als Gnade bezeichnen konnte. Die Todesser hatten wirklich gewusst, was es mit Terror auf sich hatte. Filius bezweifelte, dass die Heiler in St. Mungos viel für die Eltern des armen Mädchens hatten tun können. Selbst eine komplette Gedächtnislöschung konnte über gewisse Traumata nicht hinweghelfen. Was bildete sich dieses Aas eigentlich ein, ihn mit dieser Sache in Verbindung zu bringen?
»Oder war es die Last Ihrer vielen Jahre, die Anfeindungen eines hohen und ehrwürdigen Alters, die sie nachlässig haben werden lassen?« Der heuchlerisch besorgte Tonfall brannte wie Gift in seinen Adern.
»Wie anders wäre es zu erklären, dass Sie ein ganzes Jahr lang den, dessen Namen nicht genannt werden darf, einen größenwahnsinnigen Massenmörder, unter Ihren Kollegen hatten, mit ihm am selben Tisch gesessen haben, mit ihm gemeinsam die Mahlzeiten eingenommen und – ich hoffe, nicht zu viel – getrunken haben, und der die Schüler auch Ihres Hauses sogar in Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichtet durfte – ein einmalig geschmackloser Vorgang, wenn ich mir dieses Urteil erlauben darf. Der Schlächter unzähliger Familien hätte mit jedem Ihrer Schüler jederzeit allein sein können, wenn er gewollt hätte – was wäre einfacher als das gewesen? Er hätte nur ein Nachsitzen anordnen müssen, und niemand hätte sich gewundert oder ein Wort darüber verloren.«
Er hasste es, wenn ihm jemand im Plauderton die Fehler unter die Nase rieb, die er selbst schon längst erkannt hatte. Und langsam wünschte er sich, es würde sich bei diesem Heuler um das übliche hysterische Herumgekreische handeln.
»Vielleicht ist es nach einem langen Leben voller Verdienste und bewundernswerter Pflichterfüllung an der Zeit, auch ein Mal an sich selbst und den wohlverdienten Ruhestand zu denken? Sich vergnüglicheren und weniger verantwortungsvollen Passionen als dem Unterrichten zuzuwenden? Platz für einen jüngeren, geistig noch regeren Nachfolger zu machen?«
Filius bleckte die Zähne und hätte beinahe geknurrt.
»Doch seien Sie nichtsdestoweniger meiner allerhöchsten Wertschätzung versichert. Auch aus Respekt vor Ihnen als meinem ehemaligen Hauslehrer habe ich mich entschlossen, Ihnen einen persönlicheren Brief zu schicken als dem Direktor und den Schulräten.«
Filius glaubt der honigtriefenden Stimme kein Wort. Er war nur etwas darüber verwundert, dass die Schreiberin anscheinend in seinem eigenen Haus gewesen war. Die ganze Art des Briefes hätte viel besser zu einer ehemaligen Slytherin gepasst.
»Woran auch immer es gelegen haben mag, dass Sie die Gefahr für Ihre Schüler nicht erkannt haben, ich bin geneigt zu glauben, dass es sich nicht um Bösartigkeit gehandelt hat. Deshalb verzichte ich vorläufig darauf, Ihre Absetzung als Hauslehrer meines Sohnes zu betreiben.«
Das entlockte Filius nur ein Schnauben. Sollte sie es ruhig versuchen. Weit würde diese Frau nicht kommen. »Nur vorläufig auch deshalb, weil ich noch nicht vollkommen überzeugt bin, dass es sich lediglich um bloße Pflichtvergessenheit gehandelt hat, die Sie sich selbstverständlich kein zweites Mal zuschulden kommen lassen werden, und nicht um ein durch beginnende Vergreisung einsetzendes Nachlassen Ihrer geistigen Beweglichkeit oder, mit einem Wort, ALTERSSCHWACHSINN!«
Filius hatte das Gefühl, halb taub geworden zu sein, als sogar die Echos des Wortes »Altersschwachsinn« noch in trommelfellzerfetzender Lautstärke durch seine Räume hallten. Aber andererseits war er fast erleichtert, dass sich der Brief doch noch als echter Heuler herausstellte, und er hielt sich die Ohren zu, um sich der unausweichlich folgenden Schimpftirade zu stellen. Erst als er nichts dergleichen hörte, nahm er die Hände wieder herunter. Der Brief war anscheinend in dem gleichen falschen freundlichen Ton weitergegangen, den er die ganze Zeit über schon angeschlagen hatte.
»… meinen Appell ernst, verehrter Professor Flitwick. Tun Sie ihn nicht als überempfindliche Reaktion einer besorgten Mutter ab, denn das wäre ein Fehler, den sich ein Mann von Ihrer Erfahrung und Ihrer Intelligenz zusätzlich zu den vielen, die er bereits begangen hat, nicht auch noch leisten sollte. Sollten Sie keine Möglichkeit sehen, für die Sicherheit meines Sohnes zu garantieren, dann teilen Sie mir das bitte umgehend mit, und ich werde dafür sorgen, dass er andernorts eine adäquate Ausbildung erhält. Sollte ihm jedoch auch nur ein Haar gekrümmt werden, solange er sich in Ihrer Obhut befindet, werde ich Sie persönlich dafür verantwortlich machen und in vollem Umfang zur Rechenschaft ziehen. Bitte sehen Sie das nicht als leere Drohung an. Für dererlei nutzlose Gesten ist meine Hochachtung vor Ihnen viel zu groß. Sehen Sie in meinen Ausführungen lieber einen freundschaftlichen Rat und in dieser Nachricht eine erste und letzte Warnung. Ich verbleibe mit aufrichtiger Wertschätzung, Ihre Kathryn Goldstein, geborene Smith. Ehemalige Ravenclaw, Abschlussklasse '76. Runenmeisterin.«
Filius starrte den Heuler fasziniert an. Das war mal eine echte Abwechslung gewesen. Goldstein also. Oder vielmehr Smith. Er versuchte, sich an eine Kathryn Smith zu erinnern, aber sein Namensgedächtnis war sowieso nicht das Beste, und er konnte den Namen einfach keinem Gesicht zuordnen. Er meinte nur, sich ganz dunkel zu entsinnen, dass es irgendeinen Skandal gegeben hatte, nachdem der letzte Goldstein Hogwarts verlassen hatte. Aber er hatte sich noch nie sonderlich für die Bettgeschichten der alten Familien interessiert und konnte sich nicht einmal mehr genau erinnern, worum es eigentlich gegangen war.
Wirklich ein interessanter Brief. Und in gewisser Weise auch amüsant. Voll wohlkalkulierter Gemeinheiten. Auf einmal kam ihm zu Bewusstsein, dass der Heuler ja immer noch da war, und nicht, wie sonst üblich, in Flammen aufgegangen war. Gerade als er sich Sorgen zu machen begann, faltete sich das Pergament zusammen. Und wieder auseinander. Und noch komplizierter wieder zusammen. Filius verfolgte erstaunt, wie sich die Gestalt des Pergaments in einem faszinierenden Wirbel von Formen veränderte und nach jedem Faltstadium komplexer wurde. Schließlich hing eine seltsame, kleine Figur über seinem Schreibtisch, die er zuerst nicht erkannte. Erst als sie sich in einer letzten Metamorphose gleichzeitig um verschiedene Achsen drehte, streckte und teilweise wieder entfaltete, wurde ihm klar, was er da vor sich hatte. Aber da war es auch schon zu spät. Eine Detonationsrune. Und sie strahlte bereits vor Magie, die sie jederzeit freisetzen konnte. Er verfluchte seine eigene Unvorsichtigkeit. Und die Bannzauber von Hogwarts, die sie offensichtlich nicht bemerkt und einfach durchgelassen hatten. Weglaufen oder sich unter dem Schreibtisch verstecken hatte wohl keinen Sinn. Wenn sie wirklich ihre Kraft freisetzen sollte, und er hoffte sehr, dass sie das nicht tun würde, bliebe von ihm so oder so nicht viel übrig. Die Schutzzauber der Mauern würden zwar verhindern, dass sich eventuelle Zerstörungen weiter ausbreiteten, allerdings würden sie auch die Gewalt der Detonation auf seine Räume konzentrieren. Seine einzige Hoffnung war, dass die Rune nur eine Warnung sein sollte, wie die Briefschreiberin angedeutet hatte. Trotzdem begann er, einen Schutzzauber um sich herum zu wirken, so gut es ihm ohne Zauberstab eben möglich war. Und nach vielleicht fünf Sekunden, die ihm jedoch wie eine Ewigkeit vorkamen, und während derer er gebannt auf die strahlend helle Rune starrte, ging das Symbol aus Pergament endlich in Flammen auf und rieselte als harmlose Asche auf seinen Schreibtisch und sein Frühstück nieder.
Sein Herz klopfte hart in seiner Brust und er verfluchte die Verfasserin des Heulers laut und ausgiebig in allen Sprachen, die er beherrschte. Trotzdem musste Filius diesen kleinen Trick bewundern. Und er musste dringend seine eigenen Schutzzauber überarbeiten, damit ihm so etwas nicht ein zweites Mal passieren konnte. Er wünschte sich, er könnte sich an diese ehemalige Schülerin seines Hauses erinnern, aber so sehr er sich das Hirn auch zermarterte, er konnte mit »Kathryn Smith« nichts anfangen. Es waren zu viele Schüler in zu vielen Jahren gewesen, und außerdem hatte er sich Namen noch nie merken können. Was sie sich wohl für Albus und die Schulräte ausgedacht hatte?
Mit einem nachdenklichen Lächeln wischte er das Häufchen Asche vom Tisch und ließ es aus dem Fenster schweben, wo es von einer sanften Brise erfasst und fortgetragen wurde.
Simon zuckte zusammen und zog mit seiner Feder ungeschickt einen langen, fahrigen Strich über das Pergament, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Dabei war er fast fertig gewesen. Er drehte sich um, wischte ihre Hand weg und warf seiner Mum einen anklagenden Blick zu. Sie beachtete es gar nicht und beugte sich etwas vor, um zu lesen, was er bisher geschrieben hatte.
»Ein Brief an das Zaubereiministerium?«, fragte sie verwundert. »Geht's um diese Schutzzauber?«
»Hast du nichts Besseres zu tun?« Simon hasste es, wenn ihm jemand über die Schultern sah. »Musst du nichts korrigieren? Oder dir nicht ein paar neue Gemeinheiten für deine nächsten Prüfungen ausdenken?«
»Nein«, antwortet seine Mum abgelenkt, während sie den Brief studierte. »Ist die letzte Woche vor den Ferien. Plätschert alles so vor sich hin.« Ihre Hand schoss vor und tippte mit dem Zeigefinger auf eine Stelle des Pergaments. »Das würde ich nicht so schreiben. ›Oder wie soll ich sonst…‹ und so weiter ist ein bisschen stillos. Schreib lieber: ›Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir eine Möglichkeit aufzeigen könnten‹ oder ganz einfach ›Bitte teilen Sie mir mit‹. Aber ansonsten nicht schlecht für einen Entwurf.«
»Das war kein Entwurf«, schnappte Simon. »Glaubst du, ich würd' 'nen Entwurf auf Pergament schreiben? Ich war fast fertig, bis du aufgetaucht bist. Und jetzt darf ich den ganzen Mist noch mal machen.«
»Kein Entwurf?«, fragte seine Mum und sah den Brief skeptisch an. »Soll das etwa heißen, dass das da deine schönste Schrift ist?«
Die Muttersau nennt ihr Ferkel ein Schwein, dachte Simon, hütete sich aber davor, es laut auszusprechen. Stattdessen streckte er ihr die Feder entgegen und sagte: »Willst du den Brief schreiben? Wenn nicht, dann lass mich –«
In diesem Moment nahm ihm seine Mum zu seinem Entsetzen tatsächlich die Feder aus der Hand und schubste ihn aus seinem Stuhl, um selbst vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Zuerst schlich sie sich in sein Zimmer, verdarb seinen Brief, meckerte dann noch an dessen Formulierung herum, schubste ihn vom Stuhl und setzte sich an seinen Schreibtisch. Auch wenn sie sich noch so sehr langweilte, das war noch lange keine Entschuldigung. Und jetzt begann sie auch noch, mit seiner Feder Übungsachten auf sein Pergament zu kritzeln. Sie meinte es wohl tatsächlich ernst, dabei hatte sie eine noch unleserlichere Schrift als er. Eine echte Sauklaue, über die sich ihre Schüler mehr als einmal beschwert hatten, und die nicht einmal er immer entziffern konnte.
Aber unbeirrt zog sie mit Bleistift und Lineal ein paar Hilfslinien auf das Pergament und begann, Buchstaben zu malen. Und er hätte die Schrift fast mit Anthonys verwechseln können, wenn sie nicht noch altmodischer gewirkt hätte. Fassungslos starrte er mit großen Augen über die Schulter seiner Mum auf das Pergament, auf dem sie einen Buchstaben neben den anderen setzte. Als ob sie seine Verblüffung spürte, begann sie in belehrendem Ton zu sprechen.
»Im Gegensatz zu euch jungen Leuten«, sagte sie und streifte überschüssige Tropfen von der Federspitze, die sie gerade wieder in das Tintenfässchen getaucht hatte, »hat man uns noch beigebracht …«, sie zog ein paar Kringel um ein großes »D«, die es wie ein Initial aussehen ließen, »… wie man schön schreibt.«
»Davon merkt man normalerweise aber nicht viel.« Simon konnte sich diese Bemerkung einfach nicht verkneifen, aber seine Mutter zuckte nur mit den Schultern, fragte »Wozu auch?« und malte zwei weitere Buchstaben. Sie schrieb bestimmt eine halbe Stunde lang konzentriert und schweigend. Am Schluss hielt sie den fertigen Brief auf Armeslänge von sich weg und betrachtete ihn kritisch, bevor sie vorsichtig begann, die Hilfslinien wieder wegzuradieren.
»So«, verkündete sie strahlend, als sie endlich zufrieden war. »Damit kann man doch leben, oder?«
Simon brummte nur etwas Undefinierbares. Selbst wenn seine Mum recht hatte, würde er den Teufel tun, sie auch noch zu ermutigen. Leider war das aber anscheinend gar nicht nötig.
»Das hat mal wieder richtig Spaß gemacht«, meinte sie gefährlich fröhlich. »Hast du nicht noch was zu schreiben?«
»Nein!« Und selbst wenn, er würde seine Briefe bestimmt nicht von seiner Mutter schreiben lassen. Was denn sonst noch?
»Dieser Terry hat dir schon zwei Mal geschrieben und du hast immer noch nicht geantwortet.«
Na und? Und was ging sie das überhaupt an? Außerdem konnte sie das gar nicht sicher wissen. Er hatte es zwar nicht getan, aber nur deshalb nicht, weil er wirklich keine Ahnung hatte, was er Terry hätte mitteilen sollen. Über den Stein wollte er in einem Brief nichts sagen, und zu dieser blöden Scheidung, die Terry anscheinend so aufregte, wusste er nicht, was er hätte schreiben sollen. Terry war viel zu emotional und würde ihm für eine rationale Analyse der Lage vermutlich nicht gerade dankbar sein, um es vorsichtig auszudrücken.
»Das ist doch wohl meine Sache«, beschied er seine Mum. Und zwar in einem Tonfall, der deutlich machen sollte, was er von ihrer Einmischung in seine Privatangelegenheiten hielt.
Seine Mum nickte nachdenklich. »Schon gut. Aber denk daran, eine Freundschaft erhält sich nicht von selbst. Schreib ihm!«
Simon stöhnte auf. Das war so typisch für seine Mum. Jeder braucht Freunde, auch du, mein Sohn, bla, bla, bla. Schau mal, Simon, der arme Junge braucht dringend Nachhilfe in Mathe. Und Josh ist doch wirklich nett, oder? Warum freundest du dich nicht mit ihm an? Bla, bla, bla. Alles eine einzige Katastrophe! Wenn seine Mum sich nicht dauernd eingemischt hätte, wäre sein Leben mit Sicherheit sehr viel unkomplizierter verlaufen.
»Lad ihn doch für ein paar Tage ein«, fuhr sie unbeeindruckt von seinen Grimassen fort. »Ich würd' ihn auch gern kennenlernen. Und vielleicht ist er sogar froh, wenn er eine Weile rauskommt. Wer weiß, wie's bei ihm zu Hause läuft, mit der Scheidung und so …« Seine Mum warf ihn einen seltsamen Blick zu. »Ab nächster Woche hab' ich ja auch Ferien und du willst doch nicht die ganze Zeit allein mit deiner Mutter verbringen, oder?« Es klang fast wie eine Drohung, so wie sie es sagte. »Obwohl wir uns ja ein halbes Jahr lang nicht mehr gesehen haben und du bestimmt noch eine Menge zu erzählen hast.«
Es war eine Drohung. Und so typisch.
»Erpressung, Mum?«, fragte er sie ruhig.
Sie grinste nur halb. »Nur ein Vorschlag. Am besten schreib' ich auch gleich einen kurzen Brief an seine Mutter, damit sie weiß, dass mit der Einladung alles in Ordnung geht und wir uns wirklich freuen würden, ihren Sohn ein paar Tage bei uns aufzunehmen. Ihn von seinen Problemen ablenken und so weiter.«
Es war einfach unglaublich. Jetzt reichte es seiner Mum schon nicht mehr, in seinem Leben herumzupfuschen, jetzt musste wohl auch noch Terry dran glauben. Dabei hatte der Kleine sicherlich andere Sorgen. Bestimmt hatte ihn die Sache mit seinen Eltern und der Schei– Woher …? Er hatte ihr doch gar nichts von –
»Woher weißt du das mit Terrys Eltern?«, fuhr er seine Mum aufgebracht an.
Sie zeigte aber keinerlei Schuldbewusstsein. »Ups, da hab' ich mich wohl verplappert, hm?«, wagte sie im Plauderton von sich zu geben, als wäre es nichts Besonderes. »Du solltest deine Korrespondenz wirklich nicht herumliegen lassen, wenn du nicht willst, dass sie jemand liest.«
Er schnappte nach Luft. Das war doch der Gipfel der Frechheit. »Schublade«, würgte er mühsam hervor. »Sie waren in meiner Schreibtischschublade.«
»Na, jemand muss dein Zimmer doch aufräumen, wenn du es schon nicht selbst tust.«
Sein Zimmer war … auf jeden Fall aufgeräumt genug. Und sein Schreibtisch war immer ordentlich. Außerdem war er sich sicher, dass er die Schublade …
»Vielleicht solltest du die Schublade absperren, wenn du verhindern willst, dass jemand hineinsieht.«
Er hieb mit der flachen Hand wütend auf die Schreibtischplatte.
»… und den Schlüssel dann verstecken?«, setzte sie gleichmütig hinzu. Er starrte sie nur anklagend an, bis sie aufseufzte. »Besser verstecken, meine ich. Also wirklich, hinter einem Buch. Wie einfallslos ist das denn? Ich hab' keine fünf Minuten gebraucht –«
»Du tust das nie wieder!« Er war stolz, dass er nicht geschrien hatte. Der drohende Tonfall kam leise viel besser rüber, und er entging der Gefahr, dass sich seine Stimme überschlug.
»Natürlich, Schätzchen«, sagte sie im Brustton der Überzeugung, während sie ihm zuzwinkerte und versuchte, seinen Kopf zu tätscheln.
Er drehte sich schnell weg. »Muuum!« Er war selbst entsetzt, wie jämmerlich sein Protest klang. Es war zum Haareraufen.
»Ich hab' doch ›Natürlich‹ gesagt«, schmollte sie mit einer Unschuldsmiene, die Simon nicht fassen konnte. »Traust du etwa deinem armen, alten Muttchen nicht?«
Simon fand, dass das Knirschen seiner Zähne aussagekräftig genug war, und verzichtete darauf, diese offensichtliche Provokation einer weiteren Antwort zu würdigen.
Terry stellte seinen Koffer kurz ab, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Es war erst Vormittag und eigentlich gar nicht so heiß. Im Moment war die Sonne sogar hinter einer Wolke verschwunden, aber das milderte die fast unerträgliche Schwüle der Luft kaum. Pucks Käfig in der anderen Hand haltend sah er sich um. Wie schon bei seinem ersten Besuch in der Winkelgasse kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es waren heute zwar weniger Menschen unterwegs, aber es herrschte trotzdem ein reges Kommen und Gehen. Angesichts des farbenfrohen Durcheinanders von Zaubererroben, fließenden Gewändern, Schlapp- und Spitzhüten kam er sich in Jeans und T-Shirt ein bisschen fehl am Platz vor.
Er stellte auch Pucks Käfig ab und betrachtete das bunte Treiben in der Winkelgasse. Es kam ihm unwirklich vor – aber in letzter Zeit kam ihm eigentlich alles ein bisschen unwirklich vor. Er zog den Knoten in den Ärmeln seines Pullovers wieder zu, den er ausgezogen und sich um die Hüften gebunden hatte, sobald die U-Bahn die Station verlassen hatte und seine Mutter außer Sichtweite gewesen war. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er nur T-Shirt und kurze Hose angezogen, aber sie hatte gemeint, das gehöre sich nicht, wenn man zu jemandem zu Besuch kam. Erster Eindruck und so. Er konnte immer noch kaum glauben, dass sie ihn überhaupt hatte gehen lassen. Ihm wäre es ja egal gewesen. Vor allem nach der nicht gerade enthusiastischen Einladung in Simons Brief.
Ich will Dich bloß warnen, dass meine Mum Deiner Mum geschrieben hat, dass ich Dich einladen würde und Du uns ein paar Tage besuchen kannst. Ich habe natürlich nichts dagegen, wenn Du kommen willst, aber die Entscheidung liegt ganz bei Dir.
Herzlich wie immer. Das war schon eher eine Aus- als eine Einladung. Er hatte eigentlich nicht vorgehabt, sie anzunehmen, und seiner Mutter auch nichts davon gesagt. Aber am nächsten Tag war tatsächlich ein Brief von Simons Mutter mit der normalen Post gekommen. Seine Oma war dagegen gewesen, besonders als sie erfuhr, dass Simon auch ein »Zauberer« war. Sie hatte sich immer noch nicht richtig mit dem Gedanken angefreundet, dass ihr Enkel magische Kräfte besitzen sollte. Sie hatte sogar eine Weile lang aufgehört ihn »Spätzchen« zu nennen, was Terry aber auch egal war. Seine Mutter schien ebenfalls nicht sonderlich begeistert von dem Gedanken, dass er sie gerade jetzt allein lassen könnte. Aber dann hatte sein Opa seine Zigarette in den Mundwinkel geschoben, die beiden angeknurrt und »Hyänen« genannt und gemeint, dass seinem Enkel nichts Besseres passieren könne, als ein paar Tage woanders als in diesem Irrenhaus zu verbringen. Und seine Mutter hatte komischerweise sofort nachgegeben und beschlossen, dass sein Opa recht hatte. Natürlich hatte ihn wieder mal keiner gefragt, was er eigentlich wollte.
»Kann ich dir helfen, Kleiner? Suchst du was?« Eine junge Hexe in einem langen Rock mit schreiend buntem Blumenmuster und einem großen Strohhut auf dem Kopf – fast schon ein Sombrero – stand vor Terry und lächelte freundlich auf ihn herunter. Er warf ihr einen grimmigen Blick zu und sagte patzig »Nein«. Sie verzog sich etwas beleidigt, aber das war ihm egal. Bestimmt hatte sie ihn für ein dummes, muggelstämmiges Kind gehalten, der sich in der Winkelgasse nicht auskannte und ihre Hilfe brauchte. Das war zwar nicht komplett falsch, aber er hatte keine Lust, sich helfen zu lassen. Und außerdem hatte ihm Simon genau beschrieben, wie er zum Treffpunkt finden würde. So genau, dass man hätte denken können, dass Simon ihn für ein bisschen beschränkt hielt.
Er nahm seinen Koffer und Pucks Käfig wieder auf und ging weiter die Winkelgasse hinauf. Fortescues war einfach zu finden. Er sah die Eisdiele schon von weitem. Auf dem Gehweg vor dem Laden standen über dessen ganze Länge kleine runde Tische und weiße Stühle. Ungefähr die Hälfte der Plätze war auch besetzt mit einer bunten Mischung aus Zauberern und Hexen, von ein paar Jugendlichen, die Terry entfernt bekannt vorkamen – irgendwelche Fünft- oder Sechstklässler aus Gryffindor, wenn er sich nicht täuschte –, bis hin zu einer Großfamilie mit einem Haufen Kindern, die sich offensichtlich auf mehrere Tische verteilt hatten, und deren Eltern alle Hände voll zu tun hatten, sie unter Kontrolle zu bringen. Von Simon weit und breit keine Spur. Erst als er seinen Blick schon zum dritten Mal suchend über die Tische schweifen ließ, bemerkte er ihn. Er saß alleine an einem Tisch ganz am Rand und hatte den Kopf – oh, Wunder! – in einem Buch vergraben. Er trug keine normalen Sachen oder eine Schulrobe, wie Terry eigentlich erwartet hätte, sondern ein ärmelloses, undefinierbar hellgraues Gewand, eher schmutzig-weiß als alles andere. Er schaute sogar kurz von seinem Buch auf, und Terry war sicher, dass Simon ihn genau erkannt hatte, aber anstatt zu winken oder sich sonst wie bemerkbar machen, wandte er gleich wieder den Blick ab und tat so, als ob er ihn nicht gesehen hätte.
Terry hielt direkt auf ihn zu und war ziemlich sauer, als er an Simons Tisch ankam. Wütend stellte er den Käfig auf einen leeren Stuhl, seinen Koffer daneben und setzte sich Simon gegenüber, der immer noch in sein Buch starrte und kein Wort von sich gab. Vor sich hatte er einen Becher Schokoeis mit Schokoladensoße stehen, dass er aber genauso wenig beachtete wie den Neuankömmling. Allmählich wurde Terry stinkig.
»Vielen Dank für die herzliche Einladung und die nette Begrüßung!«, sagte er, und es war ihm egal, dass er verbittert klang.
»Keine Ursache«, murmelte Simon, ohne von seinem Buch aufzusehen. »Und jetzt kauf dir 'n Eis und sei still.«
Terry hatte weder Zauberergeld dabei – seine Mutter hatte ihm nur normales mitgegeben, damit er für sich selbst zahlen konnte, falls er mit den Greys irgendwohin ausgehen sollte – noch wollte er sich so von oben herab behandeln lassen.
»Keine Lust auf Eis!«, sagte er mürrisch, vielleicht nicht ganz wahrheitsgemäß.
Simon blickte von seinem Buch auf, hob die Brauen und sah ihn skeptisch an. Als er in seinen Taschen zu kramen begann, fiel Terry auf, dass Simons komische Robe gar nicht ärmellos war, wie er zuerst gedacht hatte, sondern die Ärmel nur mit Schlaufen an den Schultern hochgebunden waren. Ein Beutel fiel klimpernd auf das kleine Tischchen, und Simon knurrte wieder »Kauf ein Eis und sei still!«
Terry überlegte sich einen Moment, ob er Simon sagen sollte, wohin er sich sein Geld stecken könne, aber das hätte wohl nichts gebracht. Simon hätte wahrscheinlich nur mit den Schultern gezuckt und den Beutel wieder eingesteckt. Außerdem hatte er wirklich Lust auf ein Eis. Also sagte er sich, »Wenn schon, denn schon!«, schnappte sich das Geld und ging in die Eisdiele.
Er betrat Florean Fortescues Eissalon und war überrascht, wie normal alles im Inneren wirkte. Obwohl es hier kühler und angenehmer als draußen war, waren sämtliche Tische und Stühle unbesetzt. Eine lange Eistheke, die auf den ersten Blick wie jede andere Eistheke aussah, war am anderen Ende des Raums. Dahinter stand ein ziemlich großer, etwas dicklicher Mann mit rosigen Bäckchen, der eine weiße Schürze umgebunden hatte, eine weiße Kappe auf dem Kopf trug und gerade einen Eisbecher für eine alte Hexe zusammenstellte. So schnell, dass man seinen Bewegungen kaum folgen konnte, pickte er eine Kugel nach der anderen aus den Eisbehältern und ließ sie in eine gläserne Schale fallen. Dann bewegten sich die Eisbehälter plötzlich, schienen in der linken Thekenwand zu verschwinden, während von rechts neue Kästen mit anderen Sorten einfach aus dem Nichts erschienen. Als wären die Eisbehälter auf einem Karussell angeordnet, nur dass man davon nichts sehen konnte. Sie beschleunigten, und ein bunter Reigen aus verwischten Farben zog unter der Glasscheibe der Theke vorbei, bis sie wieder zu einem abrupten Halt kamen und der Mann fortfuhr, Eiskugeln aus ihnen herauszupicken. Als er fertig war, goss er noch etwas, das Terry für Himbeersirup hielt, über das Eis, streute mit einer lässigen Handbewegung noch glitzernden Staub über die Schale und steckte einen kleinen Löffel und eine Waffel hinein, die wie ein Zauberstab geformt war. Dann zahlte die alte Hexe und ging. Sie würdigte ihr Eis keines Blickes und ließ es einfach stehen. Terry war einen Moment lang versucht, die alte Frau darauf hinzuweisen, dass sie ihr Eis vergessen hatte, hielt dann aber doch den Mund. Erstens ging es ihn nichts an, und zweitens machte sie nicht den Eindruck, als wüsste sie nicht, was sie tat, als sie mit energischen Schritten an ihm vorbeiging. Vielleicht würde es ihr auch jemand draußen servieren, aber Terry hatte noch niemanden gesehen, der auch nur entfernt nach einem Kellner aussah. Dann wandte sich der große Mann Terry zu.
»Was darf's sein, mein Junge?«, fragte er und strahlte ihn an. Er erinnerte Terry an ein Ferkelchen, so wie sich seine dicken Backen aufbliesen, wenn er lächelte. An ein übergroßes Riesenferkel.
»Was ist ihr teuerster Eisbecher?«, fragte Terry, ohne lange zu überlegen.
Der Fettsack, der so aussah, als wäre er selbst sein bester Kunde, lachte ihn aus! Sein Lachen war tief und rumpelnd.
»Der kostet mehr als die vier Galleonen, sechs Sickel und einundzwanzig Knuts, die Sie dabeihaben, Mr. Boot«, teilte ihm der Mann dann mit und grinste. Unverschämt und herablassend, wie Terry fand. Bestimmt erwartete der Fettsack jetzt auch noch, dass er ihn mit großen Augen fragte, woher er wisse, wie viel Geld er dabei hatte und wie er seinen Namen hatte erraten können, aber den Gefallen würde er ihm nicht tun. Er würde sich nicht von blöden Zauberertricks beeindrucken lassen. Jedenfalls nicht von so billigen.
»Ich mach' dir 'nen Vorschlag, Junge«, sagte der Dicke und zwinkerte Terry vertraulich zu. »Gib mir eine Galleone, und du wirst es nicht bereuen, das verspreche ich dir.«
Terry suchte wortlos eine Galleone aus dem Beutel und knallte sie auf die Theke. Die mittlerweile wieder leer war. Der Eisbecher der alten Hexe war verschwunden.
Der Dicke grinste ihn an, und steckte sein Geld in die Ladenkasse. »Du kannst ruhig draußen bei deinem Freund warten. Der ›Sommernachtstraum‹ findet dich schon.«
Terry verließ grußlos die Eisdiele und ignorierte das scheinheilige »Beehren Sie mich bald wieder, Mr. Boot!«, das ihm der Fettsack nachrief.
Als er sich wieder auf seinen Platz gegenüber Simon fallen ließ und den Geldbeutel wieder auf den Tisch warf, entfuhr ihm ein »Arschloch!«, aber er wusste nicht, ob er damit den Fettsack, Simon oder sich selbst meinte. Kommentarlos fingerte Simon nach dem Beutel und steckte ihn wieder ein, ohne den Blick von seiner Lektüre abzuwenden.
Gleich darauf flimmerte die Luft vor Terry, und in einem Funkenregen materialisierte vor ihm ein großer Eisbecher. Ein Miniaturfeuerwerk blauer und grüner Glitzerfontänen sprudelte aus ihm hervor, und Terry traute sich erst zu probieren, als sie endlich versiegt waren. Die Kugeln waren zum großen Teil ebenfalls blau oder grün, aber durchsetzt von schwarzen und goldenen Flecken und Tigerstreifen. Auch in seinem Eisbecher steckten ein Löffel und ein Waffelzauberstab, dessen Spitze golden glänzte.
Er kostete vorsichtig die erste Kugel und war überrascht von dem seltsam salzigen Geschmack nach Weintrauben. Es schmeckte komisch, aber nicht schlecht und war nicht besonders süß. Dafür waren die nächsten beiden Kugeln wie Zuckerexplosionen. Eine schmeckte irgendwie nach Kiwi und Schokolade und noch etwas, dass er beim besten Willen nicht einordnen konnte. Fast wie Rosen schmecken würden, wenn man ihren Geruch essen könnte, stellte er sich vor. Die nächste Eiskugel war wie ein eisiger Bratapfel, den jemand in Honig getaucht hatte. Während er davon kostet, meinte er seltsamerweise, das Zirpen von Grillen in der Luft zu hören. Er probierte sich weiter durch all die unbekannten Geschmacksrichtungen, bis er auf ein weißes Eis stieß, das mit orange und gelb schillernden Fäden durchzogen war. Es löste sich sofort in Nichts auf, als es seine Zunge berührte, und schmeckte auch nach Nichts. Allerdings begann es in seinem Mund zu kribbeln, als hätte er Brause auf der Zunge. Das Kribbeln und Kitzeln stieg dann in seine Nase und er musste plötzlich albern kichern, ohne dass er einen Grund dafür gehabt hätte. Wieder ein blöder Zauberertrick, dachte er bei sich, aß aber trotzig weiter. Er hatte schließlich eine Galleone dafür bezahlt, und außerdem war das Gefühl auf der Zunge ganz witzig.
Simon klappte plötzlich sein Buch zu, steckte es in eine Stofftasche neben sich, die anscheinend ziemlich voll war, und begann mit seiner Zauberstabwaffel in seinem halbgeschmolzenen Eis zu rühren.
»Fortescue?«, fragte er, während er sein Eis zu Matsch verarbeitet.
»Was?« Terry hatte keine Ahnung, was Simon von ihm wollte.
»Das ›Arschloch‹ vorhin. Hast du damit etwa Fortescue gemeint?« Terry zuckte nur mit den Schultern. Sollte Simon doch denken, was er wollte.
»Er kann dich auf jeden Fall leiden.« Terry grunzte nur und löffelte weiter an seinem Eis. Er würde bestimmt nicht fragen, woher Simon das wissen wollte. Sollten er und Fortescue ihm doch den Buckel runterrutschen.
»Hat dir 'ne Blattgoldwaffel gegeben. Macht er nicht bei jedem.« Terry warf einen bezeichnenden Blick auf Simons Zauberstabwaffel, die keine goldene Spitze hatte.
»Ein Menschenkenner also«, sagte er und musste unwillkürlich grinsen.
»Vielleicht.« Simon begann seine dicke, braune Soße aus der Schale zu löffeln. »Und er hat was drauf. Hast du die Theke gesehen? Hat er selbst gemacht, hat er wenigstens behauptet. So 'ne saubere Raumkrümmung sieht man nicht alle Tage.«
Sie löffelten schweigend ihr Eis. Simon war schon fertig, als Terry noch zweifelnd seine Waffel musterte. Konnte man Gold essen?
»Mach's ab, oder iss es mit!«, forderte ihn Simon ungeduldig auf, nachdem er einen Blick auf seine Armbanduhr geworfen hatte. »Aber mach hin. Wir müssen langsam los.«
Terry biss einfach die goldene Spitze ab und schob den Rest der Waffel hinterher. Simon nahm seine Tasche, hielte dann seine Hand über seine leere Eisschale und wartete offensichtlich, bis Terry hinsah, bevor er ein winziges, goldenes Kügelchen hineinfallen ließ.
»Pure Verschwendung«, verkündete er mit selbstgefälligem Grinsen und stand auf. »Schmeckt nach nichts und klebt nur auf den Zähnen.«
Terry sagte nichts und nahm nur seinen Koffer und Pucks Käfig wieder vom Stuhl. Schweigend trottete er hinter Simon her, weiter die Winkelgasse hinauf. Er hatte eigentlich damit gerechnet, dass sie zu Gringotts gehen würden, um dort einen der öffentlichen Kamine zu benutzen, aber Simon hielt geradewegs auf Flourish & Blotts zu. Terry hätte fast gefragt, was das sollte, aber er blieb seinem Vorsatz treu, sich heute nicht mehr verarschen zu lassen, und folgte Simon wortlos in den Laden.
»Mr. Grey«, begrüßte sie die erstaunte Stimme eines Verkäufers, der sie über den Rand seiner Brille hinweg fragend ansah. »Schon wieder hier? Stimmt etwas mit ihrer Bestellung nicht?«
»Alles in bester Ordnung, Mr. Gaffer, wie immer«, versicherte ihm Simon und klang dabei ungewöhnlich höflich. »Wäre es wohl möglich, dass wir Ihren Kamin benutzen? Mein Freund hier hat schweres Gepäck …«
»Aber selbstverständlich, Mr. Grey«, antwortete der Verkäufer zuvorkommend und machte eine einladende Geste in den hinteren Teil der Buchhandlung. »Sie kennen sich ja aus.«
»Vielen Dank, Mr. Gaffer«, sagte Simon und zog Terry hinter sich her, zwischen den Regalreihen hindurch, zu einem Vorhang in der hintersten Ecke des Ladens. Sie kamen in eine Art Treppenhauszimmer, in dem nichts weiter war, als ein Kamin und ein Treppenaufgang in jeder der vier Wände. Ein Schild teilte mit, dass die Treppe neben dem Durchgang, durch den sie gerade hereingekommen waren, in den vierten Stock führte. Antiquaria und bibliophile Ausgaben stand außerdem auf dem Schild. Terry musste sich fast auf die Zunge beißen, um nicht zu fragen, was das zu bedeuten hatte. Flourish & Blotts konnten niemals einen vierten Stock haben, wenn man das Gebäude von außen betrachtete.
Simon ging zu dem Kamin und schien dann einen Augenblick zu zögern.
»Äh«, begann er unsicher. »Es gibt da noch ein paar Sachen, die du vielleicht wissen solltest.«
Terry hätte beinahe höhnisch gelacht. Aber er stellte nur sein Gepäck ab, verschränkte die Arme und wartete, was jetzt wohl kommen würde.
»Meine Mum«, begann Simon herumzudrucksen. »Na, ja, sie ist manchmal ein bisschen komisch.«
»Ach ja?«, fragte Terry mit der Andeutung eines zynischen »Was du nicht sagst?« in der Stimme.
Simon sah ihn scharf an, bevor er weitersprach. »Nenn Sie ›Miss Grey‹, nie Mrs. oder Ms., dann hast du gleich 'nen Stein bei ihr im Brett. Meine Großmutter war ›Mrs. Grey‹, und Mum findet, dass ›Ms. Grey‹ affig klingt.« Simon schien einen Moment zu überlegen und fuhr dann fort: »Und sag nichts über ihr Alter oder ihr Aussehen oder ihre Kocherei. Ich mein', mach ihr keine Komplimente oder so, wenn du's nicht hundertprozentig ernst meinst.«
»Apropos Kocherei.« Simon verzog angeekelt das Gesicht. »Es gibt heute Spinat, und du bist verpflichtet, dich zurückhaltend, aber deutlich erkennbar darüber zu freuen. Und soviel von dem widerlichen Zeug zu essen, wie du nur runterkriegst.«
Terry hatte zwar gerade einen großen Eisbecher gegessen, aber Spinat war eines seiner Lieblingsgerichte. »Macht sie extra für mich Spinat?«, fragte er und genoss den angewiderten Ausdruck, den Simons Gesicht annahm, wenn das Wort »Spinat« fiel.
»Nein«, antwortete Simon ausdruckslos. »Bei uns gibt's jede Woche grüne Kotze. Wegen des hohen Eisengehalts und weil sie so nitratarm ist.«
Simon ließ ihm den Vortritt, aber erst nachdem er Terry mindestens drei Mal haarklein auseinandergesetzt hatte, wie Flohreisen funktionierten. Als würde er ihn für einen Schwachkopf halten. Ein paar Minuten später stolperte Terry dann unversehrt aus einem Kamin in Middlesmoor in den Yorkshire Dales und betrat zum ersten Mal in seinem Leben das Haus der Greys.
