Diesmal ein etwas längeres Kapitel.
Viel Spaß beim Lesen - und ich freu mich immer über Reviews ;)

~Kapitel 2~

Als die Anwältin nach Hause kam, war Lilliana schon vor dem Fernseher eigeschlafen. Sie schaltete das noch flackernde Gerät ab und holte für ihre kleine Schwester eine Decke, mit der sie sie zudeckte. Als Lilah ihre friedlich schlafende Schwester so betrachtete, konnte sie sich gar nicht vorstellen, dass sie fünf Jahre lang weg war – und sie konnte ihr auch nicht richtig böse sein, auch wenn sie es gern wollte. Danach ging sie selber auch ins Bett.

Lilliana erwachte, als die Sonne schon etwas höher am Himmel stand – oder besser stehen sollte, denn der Himmel war mit dicken Wolken verhangen und lies kein Licht durch. Sie suchte ihr Handy und entnahm diesem, dass es bereits 11 Uhr mittags war. Sie stand schließlich auf, duschte und zog sich neue Sachen an. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel von Lilah, der besagte, dass sie schon in der Kanzlei war. So beschloss Lilliana angesichts der Zeit, dass es ein gutes Timing für eine Mittagspause wäre.

Sie fuhr also wieder zur Kanzlei und spazierte direkt zum Aufzug. Die Empfangsdame erkannte sie anscheinend und zog eine Augenbraue hoch, die Lilliana grinsend zur Kenntnis nahm. Der Gang im 14. Stock war fast leer. Die junge Frau machte sich gleich auf den Weg zu Lilah's Büro. Sie lauschte, ob da vielleicht irgendeine Besprechung im Gange war. Als sie überzeugt war, dass das nicht der Fall war, klopfte sie. Erneut erklang Lilah's „Ja." Diesmal aber weniger genervt. Lilliana trat ein.

„Morgen Lilah. Ich denke es ist an der Zeit für eine Mittagspause. Kannst du hier irgendein Lokal empfehlen?" Sie lächelte ihre große Schwester an. Diese lächelte zurück und schaute auf die Uhr. Es war wirklich schon Mittagszeit. Die Anwältin klappte ihre Akte zu und antwortete: „Guten Morgen." Sie grinste. „Hmm, der Italiener zwei Straßen weiter macht ausgezeichnete Pasta. Appetit?" Die kleine Schwester nickte eifrig und Lilah nahm sich schon ihre Tasche, als es an der Tür klopfte und ein älterer anzugtragender Mann eintrat.

Lilliana merkte, wie Lilah sich verkrampfte und wusste, dass das wohl irgendein hohes Tier hier sein musste. „Lilah, Sie wollen weg?" Erst dann fiel ihm die fremde, junge Frau auf. „Oh, Sie haben Besuch…" Er trat vor Lilliana und hielt ihr seine Hand hin. „Mein Name ist Holland Manners, ich bin der Leiter dieser Abteilung. Mit wem habe ich das Vergnügen?"

Lilliana verdrehte innerlich die Augen, ergriff aber freundlich lächelnd seine Hand. „Ähm, hallo, ich bin Lilliana MacIntyre. Lilah's Schwester." Hollands Augen wurden groß und er sprach zu Lilah: „Sie haben ja noch gar nicht erwähnt, dass Sie eine Schwester haben, und dann noch so eine Hübsche." Erneut das innerliche Augenverdrehen.

Irgendetwas an diesem Mann störte sie – und zwar mächtig gewaltig, und das lag nicht nur an seiner übertriebenen Freundlichkeit. Plötzlich stand auch noch der blauäugige Anzugträger vom vorigen Tag in der Tür. „Ah, Lindsey." Jaa, so hieß er… „Ich glaube Lilah hätte unser Meeting beinahe vergessen." Lilah blätterte in Gedanken durch ihren Terminplan, bis ihr die kleine Notiz einfiel, die ihre Assistentin heute Morgen auf ihrem Schreibtisch hinterlegt hatte.

„Kennen Sie im Übrigen schon Lilah's Schwester…" Er wandte sich ihr zu und zeigte auf Lilliana. „Lilliana." Lindsey schluckte. Daher kam sie mir so bekannt vor – sie erinnerte mich irgendwie an Lilah! S-c-h-w-e-s-t-e-r! Es dauerte eine Weile, ehe er das Gesagte ein wenig verdaut hatte. Dann ging auch er auf sie zu und sie begrüßten sich. „Ja, wir hatten uns gestern schon im Aufzug kennen gelernt."

Langsam wurde es Lilliana zu viel Anzug in einem Raum. „Ich denke, ich hole dann mal Kaffee und Sandwiches aus der Caféteria – Hier gibt es doch eine?" Lilah nickte. „Ja, im Erdgeschoss. Du kannst dann hier in meinem Büro warten und essen." Lilliana nickte und wollte gerade aus der Tür hinaus, als sie sich noch einmal umdrehte: „Soll ich jemandem noch Etwas mitbringen?" Sie wollte ja nicht unhöflich sein, aber Mr. Blauäugig und Mr. Krawatte lehnten dankend ab. Also fuhr Lilliana mit dem Aufzug nach unten zur Caféteria.

Es herrschte weniger Trubel, als sie sich gedacht hatte, trotzdem musste sie sich eine Weile anstellen. Sie nutzte die Gelegenheit, um sich umzusehen und die Leute um sie herum zu beobachten. Schon bald fiel ihr auf, dass sie diejenige war, die wohl eher auffiel. Einerseits stellte sie das daran fest, dass einige sie komisch fragend ansahen und andererseits fällt man in einer Masse von Anzug und Krawatten, bzw. Kostüm und Bluse tragenden Anwälten nun mal auf, wenn man nur in einfachen Jeans gekleidet war.

„Was möchten Sie?" ertönte plötzlich die Stimme der Essenausgabe. „Ähm, hi. Ich hätte gern zwei Coffee to go – large und zwei Schinken-Käse Sandwiches. Oh und einen davon." Sie fischte sich einen Schokoriegel aus der Auslage und legte ihn vor die Frau. „Arbeiten Sie hier?" Lilliana sah die Angestellte fragend an. „Ist das eine Voraussetzung hier etwas zu essen zu bekommen?"

Die Essenausgabe nickte. „Eigentlich schon, wir sind schließlich keine Imbissbude!" So schnell ließ sich Lilliana nicht abwimmeln. „Ich arbeite nicht direkt hier, aber meine Schwester und immerhin ist die Hälfte der Bestellung für sie." Die Essensausgabe zog eine Augenbraue hoch. Scheint man hier als Aufnahmeprüfung zu verlangen – Hauptsache man kann eine Augenbraue ordentlich zweifelnd hochziehen. Dachte Lilliana bei sich. „Wer ist ihre Schwester?" Lilliana seufzte. Der Buschfunk funktioniert hier offensichtlich nicht. „Lilah Morgan."

Das brachte die Essensausgabe zum Staunen. Sofort machte sie sich daran, den Kaffee und die Sandwiches zu machen – frisch. Lilliana grinste in sich hinein. Irgendwie scheint meine große Schwester hier Eindruck hinterlassen zu haben. Sie bekam die zwei Becher Kaffee in einem Papphalter und die Sandwiches obendrauf, danach zahlte sie und ging wieder zum Aufzug. Bei der übertriebenen Freundlichkeit – die Essensausgabefrau hat innerhalb eines Satzes mindestens sechs mal das Wort ‚bitte' verwendet, absolut ein Rekord – musste sie immer noch Schmunzeln. Im Aufzug packte sie schließlich ihren Schokoriegel aus und biss genüsslich rein.

Vor dem Büro ihrer Schwester angekommen öffnete sie immer noch kauend und gedankenverloren die Tür – und erschrak, als sie feststellte, dass sie doch nicht allein war. Lindsey und Lilah standen mit versteinerten Minen an den Schreibtisch gelehnt und Holland ein Stück davor. Er unterhielt sich mit Jemandem und gestikulierte großflächig. Obwohl ‚unterhalten' wohl das falsche Wort war – bei der Spannung in der Luft.

Alle Blicke flogen plötzlich zu der gerade Eingetretenen, die immer noch die Becher hielt und ihren Schokoriegel aß. „Ups, ähm, sorry, ich wollte nicht…. Wusste nicht…" Hatten die hier keinen Konferenzraum? Sie ging ein wenig zur Seite und stellte die Becher ab. Erst da erkannte sie die Person, mit der Holland sprach. „Angel?" Ihr Gesicht hellte sich auf und sie lächelte ihn an. Der Angesprochene allerdings entgegnete mit deutlich weniger Begeisterung und sehr viel mehr Verwirrung in der Stimme: „Lilliana?!"

Als er erkannte, dass sie es wirklich war, hellte sich auch seine Mine auf, doch nachdem ihm wieder einfiel wo sie waren, ergänzte er noch erschrocken: „Was machst du denn HIER?" Die Augen der anderen blickten verwirrt von Angel zu Lilliana und wieder zurück. „Ich bin hier zu Besuch… Bei meiner Schwester." Sie sah kurz zu Lilah hinüber. Angel fielen fast die Augen aus dem Kopf. „D-deine Schwester? Lilah ist deine Schwester?" Lilliana nickte nur, sie konnte die Aufregung in Angels Stimmte nicht verstehen. Dieser schüttelte mit dem Kopf, wandte sich noch einmal Holland zu „Wir sind noch nicht fertig!" und verschwand anschließend.

Lilah fand zuerst ihre Sprache wieder. „Ihr kennt euch?" Die Angesprochene nickte wieder. „Ja, wir haben uns in Sunnydale getroffen…" In diesem Moment konnte man auf Hollands Lippen ein Lächeln sehen – allerdings keineswegs ein Freundliches, eher ein Hinterhältiges. Er verließ Lilah's Büro mit den Worten: „Wir verlegen das Meeting. Aber Sie beide." Er zeigte auf Lilah und Lindsey. „kommen in einer Stunde noch einmal in mein Büro." Die beiden Anwälte nickten und Holland ging.

Lindsey verabschiedete sich auch schnell, er war sichtlich mit der Situation überfordert. Nachdem nur noch Lilah und Lilliana übrig geblieben waren, fing die Jüngere nun an: „Okay, ich werde das Gefühl nicht los, hier gerade irgendwas verpasst zu haben! Die Frage ist nur was?" Damit sah sie Lilah eindringlich an. Diese wusste, dass sie die Situation aufklären musste. Sie setzte sich und bot auch Lilliana einen Platz an. Diese nahm sich die Kaffeebecher und das Essen, reichte davon je eines Lilah und biss selbst genüsslich und erwartungsvoll in ihr Sandwich.

„Also gut, ähm. Wolfram und Hart vertreten nicht ausschließlich menschliche Klienten." „Das dachte ich mir bereits." „Lindsey und ich arbeiten hier in der Abteilung für Spezialprojekte für Holland. Und Angel, ja, der… ist das Spezialprojekt." Lilliana schaute sie immer noch fragend an. „Und das heißt?" Die Ältere der beiden holte tief Luft. Sie dachte kurz darüber nach, wie viel sie ihrer kleinen Schwester von Dämonen und Vampiren erzählen sollte und beschloss dann, es bei einem Minimum zu belassen.

„Ich nehme an, du weißt was Angel ist?" Ein bestätigendes Nicken. „Er wird später mal von großer Priorität sein und wir wollen mehr darüber erfahren, dazu brauchen wir vor allem Infos über ihn selbst." Lilah nahm einen Schluck ihres Kaffees. „Jetzt bin ich dran, mit der Fragerunde: Woher genau kennst du ihn?" Lilliana wusste, dass sie nun genau überlegen musste, was sie erzählte. „Wie gesagt, ich habe ihn in Sunnydale kennen gelernt, wir waren gute Freunde, haben uns dann aber aus den Augen verloren, nachdem ich weitergezogen bin."

Die Anwältin zog ebenfalls eine Augenbraue hoch, ihr war klar, dass ihre Schwester ihr etwas verschwieg. Definitiv ein Einstellungskriterium! Dachte Lilliana innerlich grinsend. „Hmm okay, ist ja alles schön und gut. Aber anhand des eher spannungsgeladenen Gesprächs bin ich der Ansicht, dass Angel nicht so auf eure ‚Informationsbeschaffung' steht, oder?" Lilah verneinte und Lilliana fragte nicht weiter nach, so genau wollte sie das lieber auch gar nicht wissen. Die beiden aßen schweigend auf und Lilliana verließ die Kanzlei, um wieder in Lilah's Appartement zu gehen.

TBC