Am nächsten Morgen lag Harry lange wach. Er lauschte seinen Verwandten beim Frühstücken und wartete auf irgendein Anzeichen dafür, dass jemand vorhatte sie wieder hinauszulassen. Er wusste nicht wie spät es war, doch Helen schien ebenfalls wach zu sein. Sie regte sich nicht, aber Harry merkte es an ihrem schneller werdenden Atem und wusste dass auch sie lauschte und darauf wartete, dass sich die Tür endlich öffnete.
Irgendwann hörte Harry wie Stühle gerückt wurden und das vertraute klingeln von Onkel Vernons Schlüsseln rauschte an ihnen vorbei.
„Wir kommen noch zu spät zur Schule." sagte Helen matt, doch in diesem Moment öffnete sich die Tür und Tante Petunia zischte: „Schnell jetzt! Anziehen und ab!"
Es war die letzte Woche vor den Sommerferien. Helen würde in diesem Jahr noch keine Noten bekommen, sondern erst im nächsten Jahr richtig miteinbezogen werden. Harry und Dudley jedoch schlossen ihre Grundschulzeit ab und für Harry bedeutete dies endlich eine Dudley-freie Schule besuchen zu können. Auch wenn das hieß Helen allein zurück zu lassen, konnte er nicht umhin sich ein wenig zu freuen.

Dritte Stunde, Mathe, war endlich vorüber. So wie es läutete, stürmte Helen als erste zur Tür und hinaus. Sie hatte einen Bärenhunger. Helen überquerte den Hof im Laufschritt und ließ sich dann auf der selben Bank wie jeden Tag nieder. Sie mochte diesen Platz, denn er war etwas abseits gelegen und so konnte Helen ihr Pausenbrot genießen ohne den verächtlichen Blicken ihrer Mitschüler ausgesetzt zu sein. Tante Petunia war nicht gerade großzügig gewesen und nach ihrem kargen Mahl knurrte Helen der Magen nur noch mehr. Sie vermutete, dass ihre Tante den Vorfall mit der Schlange noch immer nicht vergessen hatte.
Harry schien nicht gerade besserer Laune zu sein. Im Gegenteil, er wirkte besonders missmutig, als er zu ihr hinüber spazierte und schweigend auf seinem Brötchen nagte.
„Alles in Ordnung mit dir?" fragte Helen, doch Harry schüttelte nur den Kopf. Sie beobachtete ihn eine Weile lang. Er bohrte mit seinen Schuhen wütend Löcher in die Erde und warf dabei immer wieder böse Blicke zum Schulgebäude hoch.
„Was ist denn los Harry?" hakte Helen nach.
„Ich muss nach der Schule noch bleiben und Sätze schreiben." grummelte er und mied Helens Blick.
„Was ist denn passiert?" bohrte Helen weiter. Sie drehte sich neugierig zu ihm und saß nun im Schneidersitz auf der Bank.
Harry nuschelte etwas Unverständliches.
„Was sagst du?" fragte Helen.
„Ich hab ihre Haare blau gefärbt!" erwiderte Harry laut und sah zu Boden.
Helen starrte ihn mit offenen Mund an, dann sagte sie ebenso laut: „Aber wie hast du das gemacht? Und warum?"
„Es war keine Absicht." sagte Harry und fummelte nun an dem Verschluss seines Rucksacks herum. Er zerrte einen großen gelben Brief hervor und reichte ihn Helen. „Für die Dursleys." erklärte er finster.
Sie schwiegen ein paar Minuten während Helen den Brief las und Harry leise vor sich hin fluchte.
„Aber sie kann doch gar nicht beweisen, dass du das warst!" sagte Helen schließlich.
„Das wird den Dursleys egal sein." erwiderte Harry nur und Helen seufzte. Er hatte wohl recht.

Die letzte Woche vor den Ferien wurde von einigen Dingen überschattet. Zunächst war da das Nachsitzen, das Harry sich eingebrockt hatte. Onkel und Tante waren ganz und gar nicht glücklich über Harrys Verhalten in der Schule gewesen, wo doch der Vorfall mit der Schlange erst einen Tag zurück lag, also verdonnerten sie ihn zu einer Reihe äußerst unangenehmer Hausarbeit.
Dann war da die Tatsache, dass Helen nun ohne Harry nach Hause gehen musste, da dieser ja länger in der Schule bleiben musste, und sie prompt von Dudley und seiner Gang aufgespürt wurde. Sie kam allerdings noch ziemlich glimpflich davon, denn, obwohl sie alle strahlende, neue Rennräder fuhren und Helen zu Fuß unterwegs war, konnten sie sie nicht einholen. Helen kannte nun etliche Abkürzungen. Sie kämpfte sich durch Sträucher und rannte durch fremde Gärten, wo sie ihr mit den Rädern nicht folgen konnten. Nichtsdestotrotz war Helen außer Atem und schweißgebadet als sie endlich zu Hause ankam.
Ähnlich unangenehm war die Tatsache, dass Dudley im nächsten Jahr die Smeltings-Schule besuchen würde und er seine neue Schuluniform erhalten hatte. Diese beinhaltete nämlich, aus welchen Grund auch immer, einen Stock, den Dudley nur zu gerne benutzte um Harry und Helen gegen die Schienbeine zu schlagen, wann immer sich eine Gelegenheit bot.
Am schlimmsten war aber die Tatsache, dass am Freitag Morgen, der Tag an dem endlich eine sehr lange Woche vorüber gehen sollte, Harry hinaus ging um die Post zu holen und dort etwas Unerwartetes fand. Einen Brief adressiert an ihn. Harry, der in verdutzt in Händen hielt und gedankenverloren begann ihn zu öffnen, konnte nicht mehr tun, als einen kurzen Blick auf die grüne Handschrift darin zu werfen, denn Dudley schnappte ihn sich und übergab ihn Onkel Vernon.
Onkel Vernons kleine Augen huschten über die paar handgeschriebenen Sätze und sein Gesicht wurde dabei immer röter, während Tante Petunia, die über seine Schulter hinweg mit las immer blasser wurde und dabei aussah, als wäre ihr schlecht. Als Dudley dann zum xten Mal laut forderte mitlesen zu dürfen, zerriss Onkel Vernon den Brief vor ihren Augen.
In den kommenden Tagen folgten noch weitere solcher Briefe, alle adressiert an Harry, doch Onkel Vernon hatte sie erfolgreich von ihm ferngehalten. Immer drängender wurde in Harry der Wunsch herauszufinden, wer ihm so dringend schreiben wollte. Auch Helen war neugierig, also tüftelten sie schließlich einen Plan aus, um an einen der Briefe zu kommen. Harry würde wie jeden Morgen die Post holen, Helen würde aber in genau diesem Moment auf die Toilette gehen, um seinen Brief im Gang abzufangen, bevor Onkel Vernon ihn abnehmen konnte.
Aber auch dieses Vorgehen wurde von Onkel Vernon vereitelt. Harry schaffte es zwar Helen den Brief zuzustecken, Onkel Vernon hatte aber Verdacht geschöpft und Dudley nachgeschickt, der Helen den Brief abnahm. Daraufhin bekamen sie eine volle Woche Schrank und Helen war so verzweifelt, dass Harry beschloss sie nie wieder in so etwas mit hineinzuziehen. Das änderte allerdings nichts daran, dass er unbedingt herausfinden wollte, wer ihm so unbedingt schreiben wollte.

An einem besonders heißen Sommertag, eine Woche vor Harrys Geburtstag, schien das Glück aber endlich auf ihrer Seite zu sein. Sie hatten schon den ganzen Tag Ruhe vor den Dursleys, (Tante Petunia und Dudley waren zusammen unterwegs, um Einkäufe zu erledigen und Onkel Vernon war drinnen im Haus, damit beschäftigt den Briefkasten zu zu hämmern, und ständig aus dem Fenster zu spähen, um den Postboten nicht zu verpassen) als Harry unerwartete Gesellschaft bekam.
Sie lagen beide im Gras. Helen knotete Gänseblümchen aneinander und bastelte sich so ein Armband. Harry starrte gedankenverloren hinauf zum Himmel, und grübelte über den Verfasser der Briefe und deren möglichen Inhalt nach, als plötzlich ein kleiner Schatten über ihn hinweg flog. Sie blickten hoch. Mindestens fünf Eulen zogen ihre Kreise über die beiden, alle schauten sie zu ihnen und alle umklammerten mit ihren Krallen etwas, das jenen Briefumschlägen verdächtig ähnelte.
„Sieh mal!" Rief Harry und sprang auf. „Die Briefe!"
Auch Helen erhob sich aufgeregt und beide streckten nun die Arme in die Luft. Die Eulen flogen aber über Helen hinweg und ließen die Briefe über Harry fallen, der einen auffing und vor freudiger Erregung an seine Brust drückte.
„BURSCHE!" brüllte Onkel Vernon von irgendwo her und die Eulen kreischten laut auf und flogen dann im hohen Bogen davon.
„Schnell wir müssen sie verstecken!" rief Helen. Zu zweit sammelten sie hastig die restlichen Briefe auf und rannten los. Sie stürmten zu ihrem Versteck im Gebüsch und tauchten gerade noch rechtzeitig darin ab, als Onkel Vernons wütende Schritte ertönten.
„Wo steckst du?" murmelte er und sie konnten durch das Gestrüpp nur seinen Bauch erkennen und wie er wütend die Arme in die Hüften stemmte. Harry hielt den Atem an. Onkel Vernon stand noch ein paar Sekunden auf der Stelle und sah sich offenbar um, dann stolzierte er zurück ins Haus.
„Das war knapp." sagte Harry begeistert und betrachtete den Brief den er immer noch umklammert hielt. Helen sah aber ziemlich blass aus und sagte mit zittriger Stimme: „Besser wir gehen jetzt wieder rein, das gibt Ärger wenn wir nicht da sind."
„Dann nimmt er uns nur die Briefe wieder weg." entgegnete Harry aufgebracht. „Lass ihn mich nur vorher lesen, du willst doch auch wissen was drinnen steht!"
Helen sah nicht überzeugt aus, nickte aber und besah sich die restlichen Briefe. „Die sind alle für dich." sagte sie seltsam verwegen.
Harry nickte, sah sich noch einmal um und riss endlich den Umschlag auf.

„Aber was, wenn es doch stimmt?" fragte Harry zum, wie es ihm vorkam, zwanzigsten Mal an diesem Abend. Sie lagen wieder im Schrank und es war bereits spät. Man konnte schon das leise Schnarchen Onkel Vernons hören.
Helen lag im Bett. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und war von Harry abgewandt, so, dass sie mit dem Gesicht fast an der Tür klebte. Harry lag am Rücken und starrte an die Decke. Den Brief hielt er noch immer umklammert, er fühlte sich hellwach.
„Was, wenn es doch nicht erfunden ist?" sprach Harry weiter.
„Hmpf." machte Helen nur, doch Harry war es egal. Seit er den Brief gelesen hatte, war es, als hätte jemand ein Feuer in seinem Kopf entzündet, dass sich so leicht nicht mehr löschen ließ. Er war in Hogwarts aufgenommen. Einer Schule für Hexerei und Zauberei. Am ersten September sollte er dort hingehen...
Konnte es denn wahr sein? Konnte es wirklich so etwas geben? Immer wenn Harry gerade zu dem Schluss gekommen war, dass es natürlich stimmte, dass er natürlich zaubern konnte, und, dass er tatsächlich auf diese Schule gehen sollte, holte ihn die Wirklichkeit wieder ein. Wie konnte so etwas wie Zauberei denn existieren, wo doch Harry sein ganzes Leben über, nichts anderes gehört hatte als, dass diese Dinge nur abnormale, nichtexistierende Verrücktheiten waren? Wie konnte er, Harry, wirklich ein Zauberer sein, wo er sich doch sein ganzes Leben lang von Dudley und seinen Freunden schikanieren ließ? Warum waren sie nicht alle längst in Kröten verwandelt worden, oder hatten sich einfach in Luft aufgelöst? Nein, es konnte nicht wahr sein...
Helen war keine Hilfe. Sie hatte den Brief gelesen und sich seit dem äußerst seltsam verhalten. Sie wollte eigentlich nichts über dieses Thema hören, mehr noch, sie wurde fast wütend, wann immer Harry davon sprach. Aber wie konnte Harry aufhören davon zu sprechen, wenn es doch irgendwie passte. Er hatte doch seltsame Dinge erlebt, und er hatte Helen von ihnen erzählt. Der letzte Vorfall lag nicht lange zurück, die Haare seiner Lehrerin hatte er blau gefärbt und dann war da noch die Schlange im Zoo, die ihn zu verstehen schien...
Harry ging es durch, immer und immer wieder in seinem Kopf.

„Happy Birthday Harry!" Helen schloss ihn in die Arme. Dudley warf ihm einen kurzen, gehässigen Blick zu, dann wandte er sein Gesicht wieder zum Fernseher. Er hatte in den letzten Wochen so gewaltig an Gewicht zu gelegt, dass er förmlich in dem Sofa zu versinken schien und nun wie ein einziger, fetter Haufen dort saß. Harry versuchte ihn zu ignorieren und wandte sich wieder Helen zu. „Danke." sagte er lächelnd.
„Ich habe ein Geschenk für dich." Hauchte sie und wurde dabei aus irgendeinen Grund knallrot im Gesicht.
„Okay." sagte Harry und wartete gespannt. Er hatte noch nie Geschenke bekommen und war sehr neugierig, was sie sich wohl überlegt hatte.
„Kommst du mit raus in den Garten? Ich will es dir zeigen." sagte Helen, den Blick noch immer auf ihre Füße gerichtet.
„Klar." sagte Harry und lächelte ihr aufmunternd zu.
Sie spazierten hinaus, vorbei an Onkel und Tante die seinen Geburtstag, wie immer, gekonnt ignorierten.
Harry folgte Helen bis ganz nach hinten, und wusste, dass sie ihn in das Versteck führte. Nachdem er ihr hinterher durchgekrochen war, stellte Harry verblüfft fest, dass Helen etwas vorbereitet hatte. Eine kleine grüne Decke, zweifellos von Tante Petunia stibitzt, lag ausgebreitet auf dem Boden. Darauf stand eine kleine Schüssel, gefüllt mit ein paar bronzenen Münzen. Helen setzte sich auf die Decke. „Was ist das?" fragte Harry neugierig, als er sich ebenso niederließ.
„Ich möchte dir etwas zeigen." murmelte Helen, die sich aus irgendeinen Grund sehr unwohl zu fühlen schien.
„Okay." sagte Harry wieder.
Helen wartete ein paar Augenblicke, als würde sie sich sammeln und sagte dann: „Du willst doch auf diese Schule gehen und zaubern lernen. Ich weiß, dass du das willst." fügte sie streng hinzu, als Harry den Mund öffnete um zu widersprechen. „Und das kann ich auch verstehen, deswegen habe ich nachgedacht." sie stockte kurz und sagte dann ziemlich schnell: „Ich dachte mir, es gibt auch andere Arten zu zaubern, ohne, dass du weggehen musst. Soll ich es dir zeigen?"
Harry besah sich die Münzen vor ihm auf den Boden und entdeckte daneben noch eine Augenbinde. Er ahnte langsam in welche Richtung ihr Geschenk gehen würde. Harry spürte dumpf wie Mitleid in ihm aufstieg, aber auch ein großes Gefühl der Zuneigung für Helen. Er zwang sich zu lächeln und nickte.
„Gut." sagte Helen und wirkte auf einmal ziemlich geschäftsmäßig. Sie krempelte sich die Ärmel hoch und reichte Harry die Augenbinde. „Zuerst musst du mir die Augen verbinden!" kommandierte sie und Harry spielte mit. Helen zupfte noch ein paar mal an der Binde herum, und tat als würde sie sich selbst schlagen, um zu beweisen, dass sie jetzt nichts mehr sehen konnte, Harry musste lachen. „Gut, ich kann nichts mehr sehen." sagte sie dann. „Harry du hast doch bestimmt die Münzen vor mir gesehen? Du musst dir jetzt eine herausnehmen, irgendeine und sie kurz in der Hand halten, in Ordnung?"
Harry tat wie ihm geheißen und war froh, dass Helen nichts mehr sehen konnte, denn er musste sich ziemlich das Lachen verkneifen.
„Hast du dir eine ausgesucht?"
„Ja, habe ich." sagte Harry. Er hatte sich einen Penny genommen. Auf der Münze war außerdem noch der Kopf eines alten Mannes abgebildet.
„Gut und du weißt, dass ich überhaupt nichts sehen kann?" sagte Helen wieder. „Dann behalte sie noch kurz in der Hand, ich muss mich konzentrieren."
Harry wartete und sah zu wie sich Helens Gesicht vor Anstrengung verzog.
„Fertig?" fragte Harry irgendwann. Helen wartete noch ein paar Augenblicke, dann sagte sie: „Ja, gut, du kannst die Münze nun zurücklegen, merk dir aber welche du genommen hast. Ich habe nämlich deine Gedanken gelesen und kann dir sagen, welche es war."
Wieder war Harry sich nicht sicher, ob er diese Inszenierung lustig oder traurig finden sollte und er verkniff sich die Bemerkung, dass er zwar an vieles gedacht hatte, nicht aber an die Münze in seiner Hand.
„Gut, ich hab sie zurück gelegt, du kannst die Augenbinde jetzt abnehmen." sagte Harry.
Helen nahm sie ab und kippte dann die Schüssel Münzen in ihre Hand. Dann begann sie sie in der Hand hin und her zu schütteln und sich einzelne Münzen herauszupicken.
Harry wartete.
Helen sah nicht zufrieden aus. Sie nahm sich letztendlich zwei Münzen heraus, schloss kurz die Augen und wiegte sie dabei in den Händen. Dann sagte sie: „Das ist deine Münze." und zeigte sie Harry und tatsächlich, es war die, die er zuvor ausgesucht hatte.
„Beeindruckend." sagte Harry lächelnd. „Wie hast du das gemacht?"
„Das sag ich dir nicht. Noch nicht." antwortete Helen und wirkte dabei ziemlich zufrieden mit sich selbst.
„Ich wollte dir nur zeigen, dass man auch hier, Zuhause, zaubern kann." sagte sie und ihr Lächeln verblasste dabei ein wenig.
Auch Harry wurde plötzlich schwer ums Herz.
Er wusste noch immer nicht was es mit diesen mysteriösem Brief auf sich hatte. Ein Teil von ihm glaubte jedes Wort. Dieser Teil war auch überglücklich, und wollte nichts sehnlicher, als sofort zu antworten und seine Zusage zu schicken.
Der andere Teil aber, (der verdächtig nach Helen klang), wollte nicht glauben, dass es so etwas wirklich geben konnte. Es würde bedeuten wirklich auf diese Schule zu gehen, fort von hier zu leben, zaubern zu lernen und vor allem die Dursleys zu verlassen. Es klang einfach zu schön um wahr zu sein.
Harry sah hoch. Helen sah ihn gespannt an, als wüsste sie genau, was er gerade dachte. Er holte tief Luft. „Sieh mal Helen..." begann er, wusste aber nicht genau was er sagen sollte. Helen sah zu Boden und hatte plötzlich Tränen in den Augen. „Wenn du gehst, dann bin ich wieder ganz allein." murmelte sie.
Harry holte tief Luft, fasste sie am Arm und zwang sie ihn anzusehen. Sie blinzelte und ein paar Tränen rannen ihre Wangen hinab. Harry sagte langsam: „Weißt du, früher habe ich oft davon geträumt, dass irgendjemand kommt und mich hier wegholt. Dass plötzlich irgendein entfernter Verwandter, ein Onkel oder so jemand, hier auftaucht und mich mitnimmt..." Doch er brach angesichts von Helens Miene ab.
„Und dann bin ich gekommen." sagte sie leise. „Ich bin doch eine verschollene Verwandte."
Harry schluckte schwer. „Ja, ja das stimmt." flüsterte er und zwang sich zu einem Lächeln, Helen lächelte zurück, nahm seine Hand und flüsterte: „Dann ist doch jetzt alles gut, oder?"
Harry nickte, doch gleichzeitig meldete sich eine ungebetene Stimme in seinem Kopf leise zu Wort: Und wegen dir sitze ich jetzt hier fest, flüsterte sie.

Helen wusste nicht ob ihr kleiner Trick funktioniert hatte, ob er auch nur irgendetwas bewirkt hatte. Ihr war bewusst, dass es ein verzweifelter Versuch war, doch sie musste Harry unbedingt davon abhalten auf diese Schule zu gehen. Schon bei der Vorstellung hier ganz alleine, ohne Harry, leben zu müssen, wurde ihr ganz schlecht. Wer sollte sie dann noch vor Dudley beschützen? Sie wusste, dass sie egoistisch war, doch sie konnte nicht anders. Helen wusste, dass Zauberei echt war, sie wusste, dass Harry zaubern konnte und sie wusste auch, dass diese Schule wohl tatsächlich existierte. Aber sie wollte nicht zulassen, dass Harry das auch bewusst wurde.
Und es hätte sogar funktionieren können. Sie hätte Harry überzeugen können, ihn davon abhalten können sie zu verlassen. Wäre da nicht Hagrid gewesen.
Er kam spät am Abend. Die beiden waren bereits in ihren Schrank, beinahe eingeschlafen, als plötzlich donnernde Schritte ertönten. Dann hörten sie Onkel Vernons Geschimpfe auf der Treppe, und schließlich Tante Petunias Schrei.
Helen und Harry schraken hoch und sie stürmten, Harry voran, hinaus, um zu sehen was los war.
Dort stand er. Ein Riese von Mensch. Mächtige Pranken als Hände, das Gesicht, wegen dem vollen Bart fast nicht zu erkennen und in der Hand einen kleinen, rosafarbenen Regenschirm. Hagrid lächelte als er die beiden sah und er schloss rasch die Tür hinter sich. Harry trat hastig vor Helen, schien aber genau so große Angst zu haben wie sie.
„Wer sind Sie? Wie können Sie es wagen hier einfach herein zu kommen?" brüllte Onkel Vernon, doch seine Stimme klang seltsam schrill. Er baute sich zwischen Hagrid und Tante Petunia auf, wie um sie zu beschützen.
„Ich bin hier, um mit Harry über seinen Brief zu reden." sagte Hagrid grimmig zu ihm, doch als seine Augen Harrys fanden lächelte er freundlich.
Und das war es. Hagrid erzählte die ganze Geschichte. Von ihren Eltern, dass sie selbst einmal nach Hogwarts gegangen waren, dass sie selbst dort zaubern gelernt hatten und er sprach auch über ihren Tod. Harry hing begierig an seinen Lippen, doch Helen hatte nur Augen für Harry. Er wusste nun das der Brief, dass alles echt war. Er wusste er konnte die Dursleys vielleicht für immer verlassen. Ein Traum ging in Erfüllung und er sah dabei so glücklich aus, dass Helen wusste, was sie zu tun hatte. Doch Harry kam ihr zuvor.
„Was ist mit Helen?" fragte er und Hagrids Lächeln verblasste ein wenig: „Es gibt bisher keinerlei registrierte Zauberei von ihr. Viele glauben sie ist eine Squib, aber ich glaub das nich´ Helen." nun lächelte er sie an und Harry hatte das Gefühl, sie verstand nicht im Geringsten was hier vor sich ging. Er verstand es selbst nicht vollkommen. „Du bis´Lily un´James Potters Tochter, nie un nimmer bis du eine Squib. S´wird sich schon zeigen, wir brauchn nur n´bisschen mehr Geduld, dass is alles." Er lächelte sie noch immer an, so liebevoll und optimistisch, dass Helen nicht anders konnte als zurück zu lächeln.
„Aber was heißt das für sie, wenn ich in diese Schule, nach Hogwarts gehe?" fragte Harry nun drängender. Hagrids Lächeln schwand wieder. „Sie kann dich nich´ begleiten, noch nicht, s´is verboten Muggle mitzunehmen, erst muss sie zaubern, un´ zu jung ist sie auch noch." Helen hatte nichts anderes erwartet und ihr war bewusst, dass sie nun eine Entscheidung treffen musste. Sie sah Harry an und er blickte zurück.
„Dann gehe ich auch nicht." sagte er bestimmt, doch Helen schüttelte nur den Kopf und murmelte, obwohl es ihr unsagbar schwer fiel: „Natürlich gehst du, du musst! Du kannst zaubern lernen und dann kannst du uns beide beschützen!"
„Das denkst du wirklich?" fragte Harry und sah dabei aus, als würde er seinen Ohren nicht trauen.
Helen zwang sich zu lächeln und sagte: „Ja, du solltest gehen!"
Und natürlich ging er.

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So im nächsten Kapitel beginnt dann die eigentliche Geschichte, zwei Jahre später in Hogwarts :-)