92. Zauberstab

Malfoy Manor, 20. Juli, abends

Eine Hand vor dem Abgrund – eine Hand in der tiefsten Finsternis – ihre Hand...

„Lucius, ich sehe keinen Grund, warum du noch einen Zauberstab brauchst," schnarrt seine Stimme. Rubin und Blut durchboren mich, sehen auf den Grund meiner Seele, tauchen ein in das schwarze Wasser meiner Verzweiflung, suhlen sich darin, mit schweinischem Wohlbehagen. Und vor allen gebe ich auf, was mich im Innersten zu dem macht, was ich bin; sehe feixende Fratzen perverser Schadenfreude ringsum. „Ulme und Drachenherzsehne, mein Lord..."

Ihre Hand – kühl, bestimmt, ohne Zittern – in der tiefsten Finsternis ist das alles was mir bleibt.

59. versuchen

Malfoy Manor, 21. Juli

Es ist still im Haus, graues Morgenlicht filtert durch die hohen Fenster. Narzissa sitzt verloren zwischen den zerwühlten Bettlaken und sieht mich an. „Der Anfang vom Ende," murmelt sie, aber es ist kein Vorwurf in ihrer Stimme, nur leidenschaftslose Akzeptanz.

Dann langt sie mir einer entschiedenen Bewegung zum Nachttisch hinüber und reicht mir ihren Zauberstab. „Hier, probier es, Lucius," ermuntert sie mich.

Meine Finger schliessen sich dankbar um helles, ungewohntes Holz – Eibe mit Veelahaar, 13 Zoll – ich hole aus, ziele auf ein Kissen: „Wingardium Leviosa!"

Und dann sind wir von einem Schneegestöber aus explodierenden Federn umgeben.

87. Tod

Malfoy Manor, 23. Juli

Er steht wieder in Eßzimmer vor der langen Tafel, die schmalen Schultern hochgezogen, starrt ins Leere, dort wo vor vier Tagen eine Frau grotesk von der Decke baumelte. Fahrig streicht eine Hand durch die blonden Haare, dann dreht er sich um, zuckt zusammen als er mich sieht.

Ich sehe ihn noch neben mir von seinem Stuhl fallen, als der Körper der toten Lehrerin auf die Tischplatte kracht, aber es war nicht die einzige Blamage für uns an jenem schwarzen Abend.

Er leckt sich nervös die Lippen. „Vater..."

Eine Geste von mir schneidet ihm das Wort ab...

65. bitter

... ich war in seinem Alter härter; und so bitter es sein mag: er muß etweder aufholen oder untergehen.

„Was soll das, Draco? Eine Blutsverräterin ist tot. Du akzeptierst das oder du bist als nächstes dran."

Er wirkt jetzt, als wollte er am liebsten weglaufen, aber dann bricht es aus ihm heraus: „Es muß nicht so sein, Vater. Er – er hat gesagt, er kann uns beschützen, wenn wir..."

Ich starre ihn an: „Wer?!"

„D-d-dumbledore," stottert er.

Ich zögere keine Sekunde, schlage ihm mit dem Handrücken über die Wange. – Ihm diese wahnsinnige, unmögliche Hoffnung zu erlauben, wäre die grausamere Wahl.

27. Besen

Malfoy Manor, 27. Juli

Die wirren Stimmen der Kombattanten sind nur noch ein Echo: „Wahnsinn, haste gesehen, wie er Moody vom Besen gefegt hat?!" – „Mensch, Rodolphus hat's ganz schön übel erwischt..." – „Wir haben den verdammten Potterbengel wieder nicht erledigt!"

Trampelnd verteilt sich alles im Haus – der Dunkle Lord und Wurmschwanz haben ein paar interessante Fragen an Ollivander; der Rest ist unterwegs in die Küche oder auf die Zimmer.

Ich bleibe allein in der Eingangshalle zurück, starre auf die Ulmenholzspäne in meinen Händen und höre noch immer die ölige Stimme, die mir ins Ohr zischelt: „Selbst Dein Zauberstab taugt nichts, Malfoy!"

08. Heckenrose

Malfoy Manor, 29. Juli

Sie sitzt allein im Park auf einer Bank, perfekt wie immer: graue Seide, frisiertes Haar, die schmalen Schultern aufrecht. Sie hat sich weggewendet vom Haus, zerpflückt mit den Fingern weiße Heckenrosenblätter vom Strauch neben ihr.

Ich mußte früher immer lächeln über diese Unruhe in ihren Händen.

Für einen Moment erwäge ich, zu ihr zu gehen, aber ich habe ihr nichts zu sagen, was die hundert Ohren in diesem Haus hören dürfen. Reue ist keine Option fuer Todesser, beleidigt nur Narzissas eigene Stärke.

Ich schließe die Vorhänge gegen meine momentane Schwäche, wende mich wieder meinen Abrechnungen zu.

56. Macht

Malfoy Manor, 31. July

Ich sehe meiner Eule zu, die sich auf dem Fenstersims die Flügel putzt und lese das Pergament noch einmal – die Schachfiguren sind in Position: Thicknesse unter dem Imperius, die Reporter vom Tagespropheten gekauft, Schlüsselpositionen im Ministerium mit unseren Leuten besetzt. Morgen wird die Macht uns gehören, wird das Magieministerium wie eine reife Frucht in unsere Hände fallen.

Ich fühle keinen Triumph: meine Beteiligung ist gleichgütig, sogar unerwünscht, mein Geld gerade noch gut genug für Bestechungen. Mein Sohn steht jetzt an meiner Stelle, und ich kann nur hoffen, daß er die Revolte des morgigen Tages überlebt.

35. stolpern

Malfoy Manor, 1. August

Er kommt mit vier vermummten Gestalten die Auffahrt zum Haus herauf. Im Abendlicht leuchtet sein zerzaustes Haar hell zwischen den schwarzen Roben. Ich erkenne Bellatrix und Dolohov, die ihn begleiten. Narzissas Hand krampft sich um meine.

„Er lebt," flüstert sie.

Ich lasse sie los, damit sie ihm entgegengehen kann. In der Eingangshalle löst er sich aus der Gruppe der Todesser, taumelt stolpernd auf sie zu. Sie fängt ihn, hält ihn.

„Rowle," würgt er. „Mir's schlecht!"

Bella lacht rauh; sie klopft ihm gutgelaunt auf die Schulter – „Na, für deinen ersten Cruciatus warst du gar nicht so übel..."

42. Froschlaich

Malfoy Manor, 3. August

Wir haben einen neuen Hauselfen. Seit Malfoy Manor als unser Hauptquartier dient, ist die Elfendienerschaft an einem Punkt, wo auch Selbstbestrafung nicht mehr hilft. Der Ersatz für Dobby ist spindeldürr, furchtbar nervös seit der Zauberbannung an die Familie, und von unbestimmbarem Geschlecht.

Heute hatte „Es" die Aufgabe, in der Küche auszuhelfen. Ich sehe angespannt in die Runde, aber niemand hat bisher gemäkelt. Als ich mich dem Dessert zuwende, reißt mich die kalte Stimme des Dunklen Lords aus meinen Gedanken.

„Was IST das? Froschlaich?!"

Ich starre entsetzt auf die Glasschüssel vor mir: – Tapiokapudding... Ich bin endgültig erledigt!

62. sauer

London, 8. August

Es ist windstill und entsetzlich heiß. Am schlimmsten aber quält die Langeweile. Ich sehe jetzt seit einer Stunde zu, wie sich Jugson heimlich in der Nase bohrt, wenn er glaubt, daß ich nicht aufpasse. Der Anblick ist kaum mehr erheiternd als die grauen, verdreckten Mauern der zwei Häuser mit den Nummern 11 und 13, zwischen denen sich absolut nichts bewegt.

Ein Rascheln schreckt mich aus meinen Gedanken.

Jugson hat eine Papiertüte aus seiner speckigen Robe gezogen und gräbt mit seinen fetten Fingern darin herum, hält sie dann mir hin und grinst: „Saure Drops, Lucius?"

Ich lehne ab.