Anmerkung: Ich habe „In and Out of Volterra" vor fast zwei Jahren begonnen und werde deshalb anfangs die bereits seit längerem existierenden Kapitel schneller online stellen. Feedback is welcome, as always.

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Ich fühlte mich, als wäre ich verprügelt worden und hätte obendrein in der letzten Nacht einen üblen Alkoholabsturz erlebt. Jeder Muskel in meinem Leib protestierte, als ich mich aufrappelte. Stechende Schmerzen schossen durch meinen Schädel, doch nicht annähernd so grausam wie die Qualen, die mein Herz erfüllten.

Ich lag unter einem purpurroten Mantel auf einer uralten, abgewetzten Ledercouch in einem abgedunkelten Raum, der wie eine Mischung aus gemauerter Gruft und Klosterbibliothek aussah.

Marcus stand zwischen zweien der überladenen Bücherregale, einen ledergebundenen Band in Händen, und blickte zu mir. „Ich befürchte, meine Räume sind nicht ausreichend für deinen Besuch ausgestattet. Ich zeige dir den Weg zum Badezimmer der menschlichen Untertanen, wenn du es möchtest."

Ich nickte.

Marcus führte mich in den zeitgenössischer eingerichteten Anbau der Burg, durch den ich das weitläufige Gebäude gestern betreten hatte. Er wechselte einige Worte mit der Rezeptionistin, die ehrfurchtsvoll seinen Anweisungen lauschte, dann zeigte er mir das Bad.

Während ich duschte und meine Tränen sich mit dem heißen Wasser – warm wie Jakes Körper – mischten, hörte ich, wie Marcus draußen die Frau bat, für mich Lebensmittel und Getränke zu kaufen.

„Ah, Chelsea.", sagte er dann und unterhielt sich in Vampirgeschwindigkeit mit einer zweiten Person, die er offenbar gebeten hatte, Kleidung für mich zu besorgen.

Marcus klopfte an der Tür, als ich das Wasser abstellte, und reichte mir gleich darauf eine halb gefüllte Reisetasche durch den Türspalt.

Darin waren diverse Kleidungsstücke ordentlich zusammen gefaltet worden, dazu ein Karton mit Ferragamo-Schriftzug. Mehrere Sets teurer Spitzenunterwäsche, zwei Kleider, eine Anzughose, zwei unterschiedlich geschnittene Blusen, Halstücher, das meiste von italienischen Designern. Alice wäre entzückt gewesen.

Ich entschied mich für ein schlichtes schwarzes Seidenkleid. Trauerkleidung, ging es mir durch den Kopf, als ich die Kleidung betrachtete, die vor mir ausgebreitet lag.

Ich saß noch immer im Handtuch auf dem Rand der Badewanne, unfähig, mich zum Anziehen zu bewegen. Meine linke Hand – die Hand mit meinem Ehering – hatte sich schmerzhaft um einen Frotteezipfel geballt.

Die Tränen kehrten zurück. Ich presste die Faust an meine Brust, über mein Herz. Ich vermisse dich, Jake, mein Liebster.

Ich hörte die Menschenfrau zurückkehren. Marcus dankte ihr leise.

Keine Ahnung, wie lange ich schon hier drin war. Ich zog mich an. Einen durchsichtigen, schwarzen Gazeschal breitete ich über mein nasses Haar und kam mir mit dem dünnen Schleier wie eine der italienischen Witwen aus Emmets Mafia-Filmen vor.

Witwe. Ich war jetzt eine Witwe. Kein Ehemann. Allein. Jake, mein Jake.

Mit tiefen Atemzügen versuchte ich, die Tränen zu verdrängen. Noch länger hier im Bad zu bleiben, wäre unhöflich, sagte ich mir.

Ich hatte nicht gerade eine andere Wahl als die übertrieben hohen Ferragamo-Pumps zu tragen, da ich meine Chucks in Marcus' Gemächern zurückgelassen hatte. Barfuß zu laufen erschien mir irgendwie unpassend, wenn ich schon dieses schicke Kleid trug.

Dann fiel mir auf, dass Marcus keine Lederhalbschuhe wie alle anderen Vampire, die ich hier gesehen hatte, trug, sondern Pantoffeln. Noch etwas, das ihn mir sympathischer machte.

Ich musste unwillkürlich lächeln, als ich sah, dass er, in seinen Räumen angekommen, die Pantoffeln abstreifte und sich mit bloßen Füßen hinter seinen Schreibtisch setzte.

Ich ließ mich auf dem Sofa nieder, auf dem ich geschlafen hatte.

„Weiß deine Familie, dass du hier bist?", erkundigte er sich nach einer Weile.

„Nein.", sagte ich zuerst. Dann: „Vielleicht mein Vater oder Alice. Sie müssen geahnt haben, dass ich nicht vorhatte, meinen Ehemann zu überleben."

Marcus nickte. „Ich kenne das Gefühl." Fasst nahtlos fügte er hinzu: „Dennoch werden sie sich um dich sorgen. Du kannst gerne meinen Computer benutzen, wenn du möchtest."

„Du besitzt einen Computer?" Meine Frage war so spontan wie unhöflich. Ich hatte bisher keinen Computer bemerkt.

„Ich habe mich einige Jahrzehnte dagegen gewehrt, doch in den letzten Jahren habe ich gelernt, mit ihnen umzugehen.", antwortete Marcus mit einem Schulterzucken.

Ich fragte mich, in welchen zeitlichen Dimensionen er wohl sprach. Die ersten Computer – kaum mehr als Rechenmaschinen – waren in den 1940ern entwickelt worden und Laptops hatte es schon in den zwei Jahrzehnten vor meiner Geburt gegeben. Wann genau in den vergangenen drei Jahrhunderten hatte sich Marcus mit Computern angefreundet?

Marcus zog ein flaches Netbook aus einem der Fächer des Schreibtischs, das ich vom Sofa aus nicht hatte sehen können. Eines der superteuren Dinger, die von Telekommunikation bis hin zum Start eines Spaceshuttles alles konnten. Meine Familie besaß selbst einige davon.

Marcus trug den Laptop zu mir und schob mit seinem nackten Fuß einen Beistelltisch vor das Sofa, ehe er sich neben mich setzte. Das Netbook schaltete sich selbst an, als er es abstellt hatte und aufklappte.

„Du musst nicht, wenn du dich nicht bereit fühlst." Marcus erhob sich wieder, um mir Privatsphäre zu geben.

„Bitte bleib sitzen.", bat ich eilig. „Ich weiß nicht, ob ich es alleine kann."

Die Stimme des Netbooks erkundigte sich, ob ich Büro-, Telekommunikations- oder Unterhaltungsprogramme wünschte.

Ich berührte die mittlere Option auf dem Bildschirm. Anstelle der Webcam oder des Audiotelefons wählte ich nur das Internet.

Einige Emails hatten sich in den letzten Tagen angehäuft.

Antworten meiner Kinder. Meiner und Jakes Kinder.

Antworten auf die Nachricht über den Tod ihres Vaters.

Ich weinte, noch ehe ich die Emails öffnete.

Ich weinte noch heftiger, als ich las, bis die Worte vor meinen Augen verschwammen.

Irgendwann bemerkte ich, dass Marcus mich festhielt und mir mit einer Hand über den Rücken strich.

Der Bildschirm war schwarz.

Draußen vor dem Fenster leuchtete schon das Abendrot.

„Benötigst du menschliche Nahrung oder Blut?", erkundigte sich Marcus, als ich mich von ihm löste und mich aufrichtete.

„Nur etwas zu trinken, bitte." Meine Stimme klang kratzig. „Kein Blut."

Ich wollte nicht darüber nachdenken, wie sich dutzende Vampire um mich herum ernährten.

Marcus rief das menschliche Personal an. Die Frau von gestern brachte ein Tablett mit gekühltem Wasser, Limonaden und Säften, ein Glas und eine kleine Schale mit Eiswürfeln und Zitronenschnitzen. In das Glas war das Wappen der Volturi eingeschliffen, ebenso war es auf den Griff des Eiswürfelgreifers geprägt. Was für ein Drang zur Selbstdarstellung.

Ich stürzte zwei Gläser Cola hinunter. Koffein war vielleicht nicht das Beste für meine Nerven, aber mir war es egal. Das Glas beschlug, als ich es in den Fingern hielt, und ich betrachtete die winzigen Tropfen, die auf meine Finger sickerten. Lauter kleine Tränen.

„Ich muss für eine Weile weg, aber ich bin bald zurück." Marcus' Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Bitte nimm dir, was du brauchst, oder ruf das Personal, wenn du sonst einen Wunsch hast."

Ich nickte.

Marcus schlüpfte in die Pantoffeln neben seinem Schreibtisch und ging.

Ich nahm den Computer und schaltete ihn wieder ein.

Außer den Beileidsbekundungen meiner Kinder gab es noch die der Denalis und einiger Nomaden. Ich las die Nachrichten meiner Eltern und meiner Familie.

Sie machten sich Sorgen, teilten mir mit, dass sie mich liebten, egal, was ich tun würde. Ich vermutete, dass Alice ihnen gesagt hatte, wo ich war.

Ich begann, eine Antwort an Bella zu tippen:

Mom, Dad,

mir geht es gut. Ich bin nicht in Gefahr. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft habe, wieder nach Hause zu kommen. Ich habe nicht vor, mir etwas –

Nein, ich hatte nicht vor, mir etwas anzutun, oder mich umbringen zu lassen, was das anging.

Nicht mehr, begriff ich.

Es war seltsam, aber es fühlte sich nicht an, als würde ich damit Jake verraten, weil ich das Versprechen brach, dass ich ihm gegeben hatte, ihn nach seinem Tod wiederzusehen. Jake war von Anfang an dagegen gewesen, dass ich ihm ihn den Tod folgen würde. Aber irgendwann, während er unaufhaltsam älter wurde, hatte er aufgehört, es mir ausreden zu wollen. Jake wusste, wie stur ich sein konnte. „Wir sehen uns oder wir sehen uns nicht, wenn die Zeit gekommen ist, Liebste.", waren seine Worte.

Ich würde ihn wieder sehen, irgendwann. Aber nicht heute und nicht in nächster Zeit, wurde mir klar.

Ich fuhr mit dem Handrücken über meine Augen und dachte an Jake. Ich wusste, dass er sich freuen würde, wenn ich keine Dummheit mehr beging.

„Ich liebe dich, Jake.", flüsterte ich. „Du musst nur noch ein bisschen länger auf mich warten."

Ich schniefte und als meine Hände nicht mehr zitterten, begann ich die Mail an meine Eltern von Neuem.

Mom, Dad,

mir geht es gut. Ich bin nicht in Gefahr. Ich werde wohl einige Zeit hier bleiben. Momentan habe ich nicht die Kraft, nach Hause zu kommen. Sorgt euch nicht um mich.

Ich liebe euch alle.

N.

Dann schickte ich die Mitteilung ab.

Ich lag auf dem Sofa und sah auf dem Computer eine Nachrichtensendung an, als Marcus zurückkehrte.

Er nickte mir kurz zu und setzte sich dann an seinen Schreibtisch, streifte die Pantoffeln von den Füßen.

Er bewegte sich nicht, sondern starrte mit halb geöffneten Augen ins Nichts. Seine Pupillen glänzten in einem helleren Rot als zuvor.