Kapitel 2

Wo war ich? Ach ja, meine Einstellung bei Kerima und, dass ich zum Studium zugelassen wurde und es mir auch endlich leisten konnte.
Es ist schon seltsam, wenn man als graue Maus, die keinerlei Erfahrungen hat und dann auch noch vom Land kommt in einer großen Modefirma arbeitet. Ich wurde ständig von allen seltsam angestarrt, selbst von den Azubis, die viel jünger waren als ich. Als wär' ich ein abstoßendes Insekt das niemand näher betrachten wollte. Wenn ich zum Cateringbereich lief, merkte ich, wie man hinter mir anfing zu tuscheln. Solch ein Verhalten tut weh und ich glaub deswegen hielt ich auch so lange an der Vorstellung fest ich würde David Seidel lieben. Es war einfach leichter zu ertragen, wenn ich mich in meine Tagträume flüchten konnte, in denen er mich erhörte und ich wunderschön war. Dass das Leben aber keine Traumwelt ist wurde mir immer wieder bewusst, wenn er mich für seine intriganten Spielchen gegen Richard von Brahmberg, seinen Schwager in Spe und in seinen Augen ein unglaublicher Fiesling, benutzte. Seltsamerweise war Herr von Brahmberg zu mir nie so verletzend, wie zu David, obwohl sich doch sonst jeder über mich lustig machte. Wenn ich heute an meine ersten Wochen bei Kerima zurückdenke war Richard komischerweise wirklich der Einzige, der mich als Assistentin zu schätzen wusste und nicht über mich lästerte. David benutzte mich aber nicht nur für seine Intrigen gegen seinen Fast-Schwager. Er benutzte mich auch als Alibi, wenn er mal wieder mit einem dieser Kleiderständer verschwand und seine Verlobte nichts davon wissen sollte. Natürlich deckte, ich verliebtes Dummchen ihn.
Zum Glück fing die Uni erst 6 Wochen nach meiner Einstellung bei Kerima an und so hatte ich Zeit mich auf den Job als Davids Assistentin einzustellen.
Ich freute mich riesig auf mein Studium. BWL wollte ich schon immer studieren, da ich schon immer ein besonderes Verhältnis zu Zahlen hatte. Je näher der Studienbeginn kam desto aufgeregter wurde ich. Ich konnte nachts schon gar nicht mehr richtig schlafen. Meine Eltern machten sich unglaubliche Sorgen, ob ich der Doppelbelastung von Studium und Arbeit standhalten würde. Doch ich hatte es mir in den Kopf gesetzt und fest vor es durchzuziehen.
Der erste Unitag war aufregend. Bei der Einführungsveranstaltung für uns Erstsemester bekam ich zum ersten Mal das Gefühl, wie es sein würde mitten in Berlin studieren zu dürfen, dort wo Touristen ihre Sightseeing-Touren machten. Dieses Gefühl war so überwältigend, dass ich mich nach den ersten Veranstaltungen in den Innenhof des Hauptgebäudes setzte, in meiner Hand einen Kaffee, um erstmal zur Ruhe zu kommen, was mir übrigens nicht wirklich gelang.
Nun saß ich dort und beobachtete die anderen Studenten. Einige saßen in Gruppen zusammen, genossen die letzten warmen Sonnenstrahlen des Herbstes oder aßen ihr Mittagessen, welches sie sich grad' aus der angrenzenden Mensa geholt hatten. Andere saßen allein mit einem Buch oder Lernunterlagen auf der Wiese. Dieses Bild meines ersten Unitages werde ich wohl ewig vor Augen haben, denn damit begann eine Zeit in meinem Leben, die ich nie vergessen werde. Ich möchte es auch gar nicht, denn sie hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin und auf den ich in gewisser Weise stolz sein kann.
Während ich also im Innenhof saß und meinen Kaffee genoss, kam eine Studentin an mir vorbei und drückte mir einen Flyer in die Hand. Mein erster Impuls war es dieses Stück Papier in den nächsten Papierkorb zu werfen. Doch bevor ich es wegwarf schaute ich mir diesen Flyer dann doch an...die Neugier war einfach zu groß. Darauf war von der Party zum Semesterbeginn die Rede, die am kommenden Freitag stattfinden sollte. Ich überlegte, ob ich dort hingehen sollte, entschied mich dann aber zu Jürgen zu fahren und die Sache mit ihm zu besprechen. Ich war eben immer noch das unsichere kleine Mädchen, welches manchmal einfach nicht wusste, was es tun sollte.
Jürgen hatte sich inzwischen seinen eigenen kleinen Traum erfüllt. Er war Besitzer eines kleinen Kiosks, der sich in der Nähe des Alexanderplatzes befand. Das hieß für mich, dass ich nur zwei S-Bahn-Stationen von meinen Lieblingsschokoriegeln entfernt war.
Seltsamerweise ließ mich dieses Gefühl, welches ich schon die ganze Zeit in der Uni gespürt hatte auch auf dem Weg zur S-Bahn nicht los. Es war als würde mich etwas Großes erwarten. Selbst in der S-Bahn war ich noch immer eigenartig euphorisch...dieses Gefühl war irgendwie nicht greifbar, ich begriff nicht weshalb ich mich so fühlte...war es wirklich nur der erste Unitag?
Als ich in die S-Bahn einstieg fiel mir ein junger Mann auf, er saß mir gegenüber und war in irgendein Magazin vertieft, das ich nicht kannte. Er war ungefähr in meinem Alter, hatte dunkle Locken und in dem Moment, in dem er kurz seinen Kopf hob und in meine Richtung guckte versank ich in seinen Augen. Sie waren von einem dunklen Schokoladenbraun und unglaublich faszinierend. Es wäre bestimmt peinlich geworden, wenn er mitbekommen hätte wie ich ihn anstarrte...oder hatte er es etwa schon längst? Ich wusste es nicht...vielleicht hatte er auch nur auf die Stationsanzeige geguckt. Er stieg bei der nächsten Station aus und ich fühlte mich auf einmal als hätte ich etwas verloren. Als hätte ich eben erst etwas gefunden, was mir nun wieder genommen wurde...dieses seltsame Gefühl, das ich nun schon den ganzen Tag hatte und, welches sich einfach nicht beschreiben ließ war stärker als je zuvor. Ich spürte es körperlich, dass er sich entfernte und es machte mich traurig.
Gott Lisa, dachte ich bei mir was ist nur los mit dir!?...Ich hatte wohl in letzter Zeit einfach mal wieder zu viele Liebesromane gelesen. Anders konnte ich mir dieses Gefühl einfach nicht erklären.
Als ich am S-Bahnhof Alexanderplatz ausstieg wusste ich, dass mich momentan nur mein Lieblingschokoriegel und mein bester Freund von diesem merkwürdigen Gefühl ablenken würde, dass mich einfach nicht losließ. Später würde ich mir einfach Mamas Lieblingskrimi vorknöpfen.