Als ich mit meinem Auto auf dem Hof unseres Hauses parkte, atmete ich auf. Dieser Schultag war nichts weiteres als verwirrend gewesen. Mike Newton, mit dem ich bis zum Schulabschluss in Geschichte zusammen sitzen musste, hatte mich völlig erschöpft. Er hatte keine Sekunde Gnade gezeigt und quetschte mich über alles mögliche aus. Wo wohnte ich, wo kam ich her, wieso war ich jetzt in Forks...
Ich musste zugeben, dass ich einen gewaltigen Drang hatte ihm eine zu verpassen, aber ich hatte es auf meine Aggressionen geschoben. Ich war völlig unausgelastet. Ich sollte joggen oder schwimmen gehen. Etwas aufregendes.
Ich zog meinen Autoschlüssel ab und öffnete unsere Haustür als schon der Geruch von Hamburgern, Hot-Dogs und Speck. Alles war ein Magen und in diesem Fall besonders meiner brauchte.
Ich stellte meine Tasche in die Ecke, hängte meine Schlüssel auf und ging wie durch Zauberhand in die Küche. Was ich da allerdings sah, ließ mich überrascht die Luft anhalten. Ein Mann mit schwarzem langem Haar, einem Holzfällerhemd und Jeans saß mit einem Rollstuhl an unserem Tisch und unterhielt sich mit meiner Tante. Der Mann war allerdings nicht der Grund warum mir beinahe die Kinnlade herunterklappte. Der Kerl mit dem Namen Jacob Black stand an der Kücheninsel angelehnt und blickte mich sofort an als ich in den Küchenbereich kam. Er schien lockerer denn je und hatte keinen merkwürdigen starrenden Gesichtsausdruck, der mir einen Schauer versetzte. Viel mehr sah er mich jetzt schmunzelnd an und wartete wohl, dass ich gleich in Ohnmacht fallen würde.
Kein Wunder. So doof wie ich wohl guckte.
Was machten die bitteschön in meinem Haus?
»Oh, Paige du bist ja schon zurück.«, trällerte meine Tante und kam zu mir rüber um mir einen Kuss auf die Wange zu geben.
Etwas perplex sah ich zur ihr. Was war hier los?
»Ehm, Tante Meg... Sollte ich was wissen?«, fragte ich und nickte unauffällig zu den beiden Männern.
»Ach natürlich. Paige, das sind Billy und Jacob Black aus dem Quileute-Reservat. Ich habe sie kennengelernt als ich mir das Haus angesehen habe. Sie wohnen nicht weit entfernt und als ich sie eingeladen habe zum Grillen zu kommen, haben sie mir angeboten zu helfen. Nett nicht wahr?«, lächelte meine überaus glückliche Tante.
Vielleicht hatte sie ja irgendetwas geschluckt, aber ich wusste, dass mit ihnen nicht alles stimmte.
»Ich hole kurz die Salatschüsseln.«, sagte Meg und verschwand bereits um die Ecke.
Ich kannte diese Stimmlage nur zu gut.
Das letzte Mal als sie diese Stimme verwendete, bekam ein armer 15jähriger Junge einen gebrochene Nase, weil er meinte ein Mädchen küssen zu müssen, die es garantiert nicht wollte.
Ich drehte mich zu Jacob Black um und musterte ihn. Er sah genauso wie heute morgen aus. Nur das er mich jetzt nicht anglotzte als wäre ich ein Alien.
Jacob sah mich etwas amüsiert an. Ich fand diese Situation ganz und gar nicht komisch. Besonders wenn ich dieses merkwürdige, aber dennoch bekannte Gefühl spürte. Als ich Jacob eingehender musterte, wurde es mir klar. Er war nicht... menschlich.
Das Gefühl was ich fühlte. Es war nicht ganz dasselbe was ich fühlte, wenn sich ein Vampir näherte, aber es war vergleichbar. Als würdest du auf einen grünen und einen roten Apfel sehen. Du weißt sie sind gleich, aber dennoch grundverschieden.
Ich blickte zu seinem Vater. Bei ihm spürte ich nichts. Er war vollkommen menschlich. Es war nur sein Sohn... wusste er was ich war? Waren sie deswegen hier? Wollte er mich töten? Zumindest wäre es nicht das erste Mal, dass ein übernatürliches Wesen versuchen würde mich zu töten.
»Ich gehe Meg helfen.«, sagte Billy und rollte mit einem kleinen Schmunzeln ebenfalls aus der Küche.
Ich wartete bis er außerhalb der Hörreichweite war bevor ich bedrohlich auf Black zuging. Sofort nahm er eine wesentlich angespanntere Haltung an und blickte etwas verwirrt in meine Augen.
»Ich weiß nicht was du willst, aber ich warne dich nur einmal. Tust du meiner Familie etwas wird es dir leidtun und du würdest dir wünschen deinen übernatürlichen Arsch nicht in dieses Haus gesteckt zu haben.«, drohte ich.
Jacob schien perplex und schluckte schwer, ehe er vorsichtig seine Hände auf meine Schulter ablegte. Dumme Idee.
Als er gerade etwas sagen wollte, nahm ich seinen Arm und drehte ihn um. Er keuchte auf als ich ihn gegen die Kücheninsel mit verdrehten Arm drückte. Sein Rücken war an meine Brust. Ich hasste es, wenn man mich anfasste, aber was mich etwas stutzig machte war, dass er sich nicht wirklich wehrte.
»Paige, Du verstehst das alles ganz falsch.«, versuchte er mich zu beruhigen, aber ich zog nur seinen Arm nach oben wodurch er anfing zu keuchen.
»Kein übernatürliches Wesen ist bis jetzt zu Besuch gekommen und hat nicht versucht mir oder meiner Familie zu schaden. Also sag mir: Was bist du? Und versuch es gar nicht zu leugnen. Du bist kein verdammter Vampir. Ein Punkt für dich auf jede-«
Plötzlich bewegte sich Jacob mit einer rasanten Bewegung und statt ihn hatte er mich in der Mangel. Obwohl er mich allerdings sehr fest hielt, schon fast so, dass ich mich nicht sehr viel bewegen konnte, war er vorsichtig als würde er mir nicht wehtun wollen.
»Was tust du da?«, rief plötzlich Diana als sie in einer unglaublichen Geschwindigkeit ihre Tasche fallen ließ und mich von Jacob riss.
Jacobs Gesicht veränderte sich sofort in ein verachtendes und wütendes Gesicht als er auf Diana los ging. Er war bestimmt ein Kopf größer als sie und trotzdem konnte man nicht erahnen wer von ihnen gewinnen würde.
»Was will ein Vampir in diesem Haus?«, fragte daraufhin Jacob. Er sah aus als würde er sie jeden Moment in Stücke reißen.
»Ich wusste ich hab diesen ekelhaften Vampirgeruch bemerkt. Du stinkst wirklich heftig!«
»Sagt derjenige der riecht wie ein Hund der seit Jahren keine Badewanne gesehen hat. Das ist mein Haus und wage es nicht nochmal Paige so anzufassen.«, knurrte sie. Wirklich? Jacob roch nach Hund?
Sie würden sicherlich jeden Moment aufeinander losgehen, aber in diesem Moment kamen Tante Meg und Billy Black um die Ecke.
Tante Meg sah ziemlich verwirrt aus, während Billy Black genauso angespannt mit einem Mal aussah wie Jacob zuvor.
»Was ist hier los?«, fragte Meg und stellte die Teller auf die Tresen.
Ohne etwas zu sagen rannte Jacob aus der Hintertür in unseren Garten und dann in den Wald.
Tante Meg sah zu Diana und mir. Ihr Blick zeigte nichts gutes.
»Was habt ihr wieder getan? Können wir nicht einmal ganz normal Besuch haben?«
Ich sah sie etwas entschuldigend an bevor ich mir zu Billy Black drehte.
»Wann wurde ihr Sohn gebissen, hm? War es am Vollmond als er allein durch den Wald ging.«, fragte ich und ging sicher auf ihn zu. Tante Meg holte schockiert Luft.
Es war mehr als offensichtlich. Diana roch Hund an ihm, die Reaktion Jacobs auf sie und das komische Gefühl in seiner Nähe. Er war ein Werwolf.
»Er wurde niemals von irgendetwas gebissen. Ich weiß nicht wovon du redest.«
Ich sah ihn ernst an. Hielten mich die Leute für völlig bekloppt?
»Ach ja? Und wie soll er bitte zum Werwolf geworden sein. Die Kinder des Mondes geben ihre Krankheit nur über einen Biss weiter. Nicht über Gene! Zu dem haben sich Werwölfe nicht unter Kontrolle. Wenn ihr Sohn sich nicht unter Kontrolle hat, muss ich wohl oder übel eingreifen.«
»Paige, es reicht!«, schrie Tante Meg schon förmlich und stellte sich zwischen mir und Billy Black.
»Wir wohnen hier kaum zwei Tage und du beschuldigst einen netten und freundlichen Jungen eine Bestie zu sein! Du hast doch mehr von deinem Vater als ich befürchtet hatte.«
Ein kleiner Stich durchfuhr mich, aber ich versuchte es zu vertuschen. Ein kleines Blinzeln ließ sich nicht unterdrücken. Ich hatte meinen Vater nie sehr gemocht. Er hatte mir nie etwas anderes gezeigt als die Jagd auf Vampire und andere übernatürliche Wesen. Er war skrupellos und rücksichtslos gewesen. Ich hasste ihn nicht... aber er war mir nie ein guter Vater gewesen.
Ich blickte wieder zu Jacobs Vater.
»Wenn ihr Sohn Probleme macht, werde ich ihn stoppen, wenn nicht... gibt es keine Probleme, verstanden?«
Ohne noch einmal etwas zu sagen, stampfte ich die Treppe nach oben in mein Zimmer und schloss die Tür zu. Ich wollte nichts mehr hören. Ich war nicht wie mein Vater... Ich wollte nicht wie mein Vater sein...
Ich lag auf meinem Bett. Meine Beine angewinkelt zu meiner Brust. Obwohl ich nicht mehr daran denken wollte, fanden Tante Megs Worte ihren Weg in meinen Kopf. War ich wirklich wie mein Vater? Hatte ich Jacob zu leicht verurteilt? Aber er war anscheinend ein Werwolf und mit Werwölfen hatte ich nie gute Erfahrungen gemacht.
Ich hörte wie die Gäste draußen auf der Terrasse saßen und sich miteinander unterhielten. Ein Paar lachten von ihnen, schienen so fröhlich... so normal.
Ich hatte mich über mein Leben nie wirklich beschwert. Ich kannte es immerhin nicht anders. Ich hatte nie das stinknormale Leben eines Teenagers kennengelernt. Ich hatte nicht einmal einen Freund gehabt. Etwas was man mir in meinem Alter vielleicht zutrauen könnte, aber zwischen den Dates und Schule waren halt ein paar Vampire und Werwölfe gekommen. Die Werwölfe hatte ich allerdings nur in meiner Zeit in Europa züchtigen müssen. Komischerweise waren keine in Colorado Springs jemals aufgetaucht.
Ich hörte nur leicht dem Programm im Fernseher zu. Es entspannte mich nebenbei etwas anderes zuhören als die Stille.
Ich hörte wie es sanft an der Tür klopfte. Ich rührte mich nicht. Mir war nicht danach zu reden. Es wäre auch besser so, wenn man ich jetzt in Ruhe ließ.
Obwohl ich es nicht wollte, öffnete sich die Tür und Tante Meg kam hinein.
»Paige?«, fragte sie und lugte ins Zimmer. Ich sah sie nicht an, sondern blickte weiterhin an die Wand.
Sie kam mit einem Tablett in mein Zimmer. Ich konnte die heiße Schokolade und warmen Plätzchen riechen. Mein Magen fing ungewollt an zu knurren, aber ich rührte mich nicht. Sie war zu weit gegangen... ein kleiner Teil in mir sagte aber auch, dass ich schuld hatte.
Tante Meg stellte das Tablett auf meinen Nachttisch und seufzte bevor sie mir über den Arm strich.
»Es tut mir leid was ich gesagt habe. Nur ich merke doch wie dich diese ganze Jäger-Sache auffrisst. Du kannst doch nicht dauernd mit dem Gefühl leben, dass du jedes übernatürliche Wesen umbringst, dass dir über den Weg läuft. Deine Schwester und deine beste Freundin sind beide solche Wesen und haben dir nichts böses getan. Kannst du es nicht... ruhiger angehen lassen?«
Ich blickte meine Tante an. Wie sollte ich es ihr erklären, dass diese abweisende Art einfach das war was ich kannte? Besonders wenn sich ein gefährliches Wesen so schön einlebte.
»Ich bin so, Tante Meg. So wurde es mir beigebracht. Ich will nicht noch einmal jemanden verlieren.«
Sie lächelte und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht.
»Du kannst mich nicht immer beschützen. Genauso wenig wie Beth. Sie muss ihre eigenen Fehler lernen und du... musst dir angewöhnen dich zu entschuldigen.«
Oh nein... ich wusste worauf das hinaus laufen würde.
»Nein. Auf keinen Fall, Meg!«
Sie stand auf mit einem enttäuschten Seufzen und verschränkte die Arme.
»Ich möchte, dass du dich morgen bei Jacob entschuldigst. Der Arme ist heute nicht einmal gekommen.«, bat sie mich und missbilligte mich mit ihren Blick. Ich rollte mit meinen Augen und nickte. Wenn ich es nicht tun würde, müsste ich mir noch länger anhören, was für ein furchtbares Benehmen ich doch hätte.
Sie ging mit einem zufriedenen Lächeln raus und wünschte mir noch einen guten Hunger bevor sie wieder hinaus ging. Ohne auf das Tablett wirklich zu gucken nahm ich die Tasse und trank einen Schluck vom Kakao. Wie immer schmeckte er einfach wunderbar. Tante Meg konnte alles einfach toll schmecken lassen und sie wusste, dass mich Schokolade aufmunterte.
Ich trat zum Fenster und sah auf die Terrasse. Es waren viele Leute aus dem Reservat dar, aber auch einige Leute aus Forks. Billy Black saß zusammen mit einer Frau ungefähr im gleichen Alter wie Meg zusammen am Tisch. Sie hatte lange schwarze Haare, rostbraune Haut und ein sehr hübsches Gesicht was leichte Traurigkeit widerspiegelte. Neben ihr saß ebenfalls eine junge Frau. Ich schätzte sich 20 ein. Sie hatte ebenfalls schwarze Haare, welche ihr allerdings zum Kinn reichten. Sie war mindestens genauso hübsch, wenn nicht schöner und hatte dieselbe wunderschöne rostbraune Haut, die die Indianer teilten. Sie hatte eine Ähnlichkeit zu der anderen Frau. Womöglich ihre Mutter. Sie sah genauso genervt aus wie ich mich fühlte. In diesem Moment sah sie hoch, mir genau in die Augen und ich hatte das Gefühl ihren Schmerz zu spüren. Als wüsste ich gerade was sie durchmachte. Ihr böser Blick verschwand und stattdessen legte sich ein neugieriger Schein auf ihr Gesicht. Billy Black folgte ihrem Blick.
Ich sollte mich vielleicht doch entschuldigen. Ich drehte mich um und zog mir meine Sneakers an bevor ich hinunter ging zur Terrasse. Mich bemerkte fast niemand, abgesehen von Billy Black, den zwei Frauen und Tante Meg. Ich fühlte mich als würde ich zum Gericht gezogen werden, aber ich versuchte das Gefühl zu ignorieren... so schlimm konnte es nicht sein, oder?
Ich ging hinüber zu Billy Black. Er schien sichtlich amüsiert von meiner Situation.
»Es tut mir sehr leid wie ich mich ihnen und Jacob benommen habe. Ich hoffe sie verzeihen mir.«, entschuldigte ich mich und unterdrückte den Drang meine Tante mit Blicken zu töten als ich ihr schadenfrohes Grinsen in meinem Nacken bemerkte.
Billy lächelte und reichte mir die Hand.
»Ich bin froh, dass die Stadt noch Jemanden hat der sie beschützt.«
Ich nahm seine Hand und lächelte kurz bevor ich zu den beiden Frauen blickte. Die junge Frau verbreitete genau das gleiche Gefühl wie es Jacob getan hatte. Sie war also auch ein Werwolf.
Wie viele gab es von denen denn hier?
»Paige, dass sind Sue und Leah Clearwater. Sie sind gute Freunde von Jacob und Billy.«, stellte uns Meg vor und Sue lächelte freundlich. Leah musterte mich nur, genauso wie ich sie.
»Kann ich mir gut vorstellen. Mögen du und Jake beide keine Kaltblüter?«, schmunzelte ich.
Leahs Augen sprühten leichte Provokation aus, aber schien überraschenderweise amüsiert.
»Ja tun wir. Du scheinst, aber beide Arten nicht sehr zu mögen.«, antworte sie keck.
»Kommt auf die Situation an. Manchmal sind sie so zahm wie ein Schaf.«
»Bis zu dem Moment wo sich das Schaf als den großen bösen Wolf herausstellt.«
Ich musste sagen, dass Leah Clearwater und ich noch gute Freundinnen werden würden.
