2. Kapitel - Besuch

Es war hellichster Tag und die herbstliche Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel. Ihre Strahlung war nicht mehr sehr intensiv, aber immer noch intensiv genug, um viele junge Leute nach draußen zu locken - in die Parks, die Cafés oder einfach nur auf die eigene Terrasse. Außerdem war sie immer noch stark genug, um einen Stammesvampir innerhalb weniger Minuten in ein geröstetes Häufchen Asche zu verwandeln, dass dann in alle Winde zerstreut werden würde. Lucan Thorne, der durch die Gänge des unterirdischen Hauptquartiers des Ordens in Boston schritt und angestrengt nachdachte, malte sich einen schöneren Tod für sich selbst aus. Wenn er einmal sterben würde, dann wenigstens in einem ordentlich Kampf mit Dragos, dem Mistkerl, der vor einiger Zeit den letzten überlebenden Alten aus seiner Überwinterungskammer befreit hatte und seit dem sämtliche Stammesgefährtinnen zu ihm brachte, damit er sich durch sie fortpflanzen konnte. Dieser Vampirabschaum baute sich eine Armee aus Gen-Eins-Kriegern auf, mit denen er wohl gedachte, die Weltherrschaft an sich zu reißen.

Er war dem Orden nun schon zum dritten Male entwicht, zuletzt vor wenigen Wochen. Dragos hatte seinen Standort verlegt und niemand konnte sagen, wohin. Kade und Brock hatten von ihrer letzten Patrouille heiße Informationen über Seattle mit nach Hause gebracht. Gideon, das technische Genie des Ordens, war gerade dabei, sich in die Daten des Hafens in Seattle einzuhacken. Lucan wollte, dass er herausfand, was er nur konnte. Jeder Hinweis konnte nützlich sein, wenn er auch noch so klein war. Im Moment allerdings gab es nichts zu tun, auch nicht für den Anführer des Ordens. Denn selbst wenn Gideon etwas finden würde, dann säßen sie trotzdem alle gut zweihundert Meter unter der Erde fest, bis die Sonne endlich untergegangen war.

Lucan hatte nicht einmal ansatzweise darauf geachtet, wohin ihn seine Füße da trugen. Plötzlich stand er vor der Flügeltür der Krankenstation und starrte gedankenverloren hinein auf das sterile weiße Bett, in dem Chase aufrecht saß und sich selbst leise aus dem Gesetzbuch des Dunklen Hafens aus Boston vorlas. Es war das letzte Stück Vergangenheit, das ihn an sein voriges Leben erinnerte. Chase hatte vor wenigen Tagen eine ernsthafte Schussverletzung erlitten und war schwer blutend von Kade und Hunter angeschleppt worden. Lucan war froh, dass er sich rasch zu erholen schien. Anscheinend hatte er zuvor genügend Blut zu sich genommen, sodass seine Wunden schneller heilten als normalerweise. Savannah, Gideons Gefährtin, hatte ihm außerdem einige Salben und Tinkturen mit wohltuenden Kräutern gegeben, die die Wundheilung noch beschleunigten.

Lucan rang mit sich selbst. Sollte er hinein gehen und nach Harvard sehen, sich erkundigen wie es ihm ging? Wann hatte ihn das letzte Mal jemand besucht? Sicher war Dante erst kürzlich bei ihm gewesen, er ließ es sich einfach nicht nehmen, seinen neuen Freund im Guten aufzuziehen, wo er nur konnte. Allerdings war der dunkelhaarige Italiener in letzter Zeit unheimlich beschäftigt mit Tess. Sie nahm ihn immer intensiver in Beschlag, was ja auch ihr gutes Recht war. Sie war mittlerweile immerhin schon im sechsten Monat schwanger und bald begann die heiße Phase.

Andererseits…Gabrielle wartete in ihrer Privatwohnung auf seine Rückkehr und Lucan konnte es kaum erwarten, ihren warmen, grazilen Körper an sich zu drücken und sie mit Küssen zu überhäufen. Oh ja, das wollte er tun. Er hatte diesen Entschluss schon innerlich gefasst, seine Fänge fuhren sich fast automatisch aus, wenn er nur an die vergangene Nacht mit seiner atemberaubenden Gefährtin dachte.

Aber dann wurden seine Pläne jäh durchkreuzt durch tiefes Gemurmel und schnelle, polternde Schritte, die auf ihn zukamen. Sie näherten sich aus Richtung Trainingsanlage. Keinen Moment später tauchte Tegans lohfarbene Mähne neben Dantes dunklem Schopf auf. Lucan konnte bei Gott nicht sagen, welcher der beiden beunruhigter aussah - oder gefährlicher. Beide waren sie noch immer - oder schon wieder, das war manchmal schwer zu sagen - bis an die Zähne bewaffnet und strahlten die Bedrohung einer ganzen Armee aus. Lucan glaubte einen kurzen Augenblick schon daran, mit Tess wäre es wirklich soweit, als Tegan, sein ältester Vertrauter, versuchte, ihm die Angelegenheit einigermaßen schmackhaft zu machen.

"Gideon hat was auf dem Schirm - und das ist bei Gott nichts Angenehmes", raunte er ihm im Vorbeigehen zu und Lucan folgte ihnen, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Wenn Tegan etwas als "nicht angenehm" bezeichnete, dann musste er beinahe von dem Schlimmsten ausgehen.

Im Labor trafen sie auf die anderen Krieger und ihre Gefährtinnen. Niko, Kade und Brock standen dicht hinter Gideon um die Konsole aus einer Reihe von Computern und tuschelten leise miteinander. Rio stand mit Dylan, Renata und Elise leicht abseits, führte aber scheinbar dieselbe angespannte Unterhaltung. Hunter lehnte am anderen Ende des Raumes, wie immer distanziert und abseits von jeglichem Empfindungen - wenn nicht gerade Mira in der Nähe war. Aber sie, Tess und Savannah waren nicht hier.

"Ah, Jungs, endlich seid ihr auch da!", rief Gideon den drei Neuankömmlingen zu. Lucan konnte ihn gar nicht sehen, da die anderen Krieger ihm die Sicht auf ihn versperrten.

"Was ist los?", fragte Lucan aufgebracht und machte sich Platz, in dem er Niko und die anderen mit sanfter Gewalt zur Seite drängte. Tegan nahm den Platz neben ihm ein und hielt sofort zischelnd den Atem an. "Das sieht aber übel aus", sagte er mitfühlend.

Er hatte dasselbe gesehen, was Lucan gerade auf dem Bildschirm der Überwachungskamera sah. Ein kleines Häufchen Elend - eine zierliche Silhouette mit langen, verfilzten Haaren schob sich langsam auf die Tore des Hauptquartiers zu. Es war eine junge Frau in zerfetzten Kleidern und mit einem schmutzigen Gesicht. Sie weinte und schien gleichzeitig etwas zu sagen. Jede ihrer Bewegungen schien sie unheimlich Kraft zu kosten. Und sie blutete. Ein unschönes Rinnsal sickerte aus einer riesigen Wunde an ihrem Oberarm. Am Kopf trug sie eine Platzwunde, sie hatte Schürfwunden an Gesicht, Hals und Knien. Sie konnte sich wirklich froh schätzen, dass es Tag war und nicht mitten in der Nacht. Dann hätte sie wahrscheinlich ein gutes Dutzend Rogues im Nacken gehabt. Immer und immer wieder schien sie ein Wort zu sagen, wie ein Mantra, das es wahrscheinlich auch war. Lucan verstand zwar etwas vom Gedankenlesen, aber Lippenlesen war ihm zu hoch. Alle sahen ihr gebannt dabei zu, wie sie sich unaufhaltsam den Toren des Anwesens näherte, unter dem das Hauptquartier verborgen lag. Jeder wusste, dass sie, würde sie jetzt auch nur die Hand ausstreckte, einen Stromschlag bekam, der ihr den Rest Leben schon nehmen würde.

Aber es geschah nicht.

Einen Meter vor den Toren sackte sie einfach zusammen, fiel auf die Knie und bewegte sich nicht mehr. "Ach, verdammt, was hat das zu bedeuten?", fragte Dante stutzig. Lucan sah, dass er sich unschlüssig am Kopf kratzte. Er wusste, dass es wahrscheinlich nur eine einzige Möglichkeit gab, herauszufinden, was die Frau hierher verschlagen hatte. Keiner der Ordenkrieger konnte es riskieren, nach draußen an die Oberfläche zu gehen, also würde er wohl oder übel zwei oder drei Stammesgefährtinnen nach oben schicken müssen. Ihm gefiel die Idee genauso wenig wie Tegan, der ihn finster anstarrte.

Elise sah flüchtig zu ihrem Gefährten hinüber, der ihren Blick sofort auffing. Sie verstand Tegans gequälten Gesichtsausdruck sofort. "Ich gehe", sagte sie entschieden. Sie konnte nicht zulassen, dass dieses arme Ding dort oben vor den Toren liegen blieb und direkt dort vor ihren Augen starb. "Elise, du musst nicht-", wollte Tegan einwenden, aber Elise schnitt ihm das Wort ab. "Doch, ich gehe. Es ist meine freie Entscheidung", entgegnete sie unbeirrt. "Es könnte eine Falle sein", wandte Lucan bedenklich ein, "Lakaien könnten sie hergebracht haben, um die Frauen nach draußen zu locken…" Aber Dylan und Renata schlossen sich Elise an. "Sie geht nicht allein", sagte Renata lächelnd und schnallte demonstrativ ihren Gürtel mit den Kampfdolchen, der um ihre Hüfte lag, enger. Niko hob grinsend eine Augenbraue. "Man könnte meinen, wir wären ganz schön ängstlich geworden, jetzt, wo wir hier so viele Stammesgefährtinnen haben. Letzte Woche haben wir sie geradewegs in Dragos' Lager geschickt und jetzt haben wir Angst, sie direkt vor die Haustür zu lassen? Man könnte doch glatt meinen, es wäre hellichster Tag und jeder Rogue weit und breit wird geschmort, wenn er sich ihnen nähert", redete er kichernd vor sich her.

"Und habt ihr was gemerkt?", fragte Brock nun ebenso spitzfindig, "Seit Tegan den guten Marek einen Kopf kürzer gemacht hat, haben wir keinerlei Lakaien mehr in Boston. Höchstens die Rückstände von Dragos. Aber ich glaube, der hat im Moment Wichtigeres zu tun, als vor unserem Hauptquartier zu lauern und Klingelstreich zu spielen." Die beiden Gen-Ein-Vampire schenkten ihm einen viel sagenden Blick, der den jungen Krieger zum Schweigen brachte. Aber als Tegan Elise wieder ansah, lag ein sanftes Lächeln in seinem Blick, seine Erklärung, dass er einverstanden war.

"Lasst uns gehen, Mädels", sagte Dylan gut gelaunt und hauchte Rio einen kurzen Kuss auf die Wange.

Innerhalb weniger Sekunden beförderte der Aufzug die drei Frauen ans Tageslicht. Sie traten hinaus in den beachtlichen Fuhrpark des Ordens, doch nun war nicht die Zeit, um teure Karossen und schnelle Geschosse zu bewundern. Elise ging an der Spitze der kleinen Gruppe. In ihrem Kopf stellte sich ein leises Summen ein. Es war nichts Ungewöhnliches. Es passierte nahezu immer wenn sie das Hauptquartier verließ und sich der Stadt näherte - und somit den Menschen und ihren schrecklichen Gedanken. Ihre Gabe war so stark, dass sie das Gewirr aus unausgesprochenen Stimmen selbst hier hören konnte, gut einen Kilometer außerhalb von Boston. Aber sie war erträglich, kaum noch zu vergleichen mit den Qualen die sie noch vor einem Jahr beherrscht hatten, jedes Mal, wenn sie einen Fuß vor die Haustür gesetzt hatte. Und sogar rund um die Uhr in der Bruchbude von Unterkunft, in der sie die Monate nach ihrer Flucht aus dem Dunklen Hafen verbracht hatte. Elise schämte sich ein wenig, jetzt, wo sie daran zurückdachte. Doch noch immer schmerzten sie die Motive, die sie damals geleitet hatten. Ihre persönliche Vendetta…

Die Sonne flutete ihre Augen und sie brauchte tatsächlich einen kurzen Moment, um sich zurechtzufinden. Dylan neben ihr hob kurz die Hand vors Gesicht und auch Renata blinzelte stark. "Da lang", sagte Nikos Gefährtin dann. Mit entschlossenen Schritten ging sie den anderen beiden nun voraus. Elise und Dylan holten sie aber rasch wieder ein, während die Tore und auch die Frau dahinter unaufhaltsam näher kamen. Jetzt, wo sie in Hörweite waren, glaubte Elise ihre zarte Stimme zu hören, die vor Erschöpfung kaum noch mehr als ein klägliches, heiseres Jammern war. "Wo kommst du nur her, Süße?", flüsterte Dylan finster, in ihrem Journalistentonfall, der ihr geblieben war. Elise sah, wie sich die Frau vor den Toren selbst umarmte und sich beruhigend hin und her wogte.

Elise, Dylan und Renata blieben vor den dunklen Gitterstäben stehen. Aus der Nähe wirkte das arme Ding noch verletzter als bloß vom Videobildschirm aus. Ihr Kopf hing ihr schlaf auf den Schultern, sie zitterte, ihre Verletzungen schienen äußerst frisch zu sein, so als seien sie noch keine fünf Minuten alt. Sie war verfallen in einen Zustand vollkommener Apathie. Sie bemerkte den bohrenden und mitfühlenden Blick der drei Stammesgefährtinnen nicht. "Los, beeilen wir uns", sagte Elise. Sie konnte das Elend dieser Person nicht länger ertragen. Selbst wenn es eine Falle gewesen wäre, hätte sie es nicht gekonnt. Dylan tippte hastig ihren Sicherheitscode in das Eingabefeld ein, dass in einen Pfosten aus robustem Sandstein eingelassen war. Das Gerät piepte bestätigend, ein kleines Lämpchen leuchtete grün auf.

Die Tore fuhren in beinah anmutiger Geschmeidigkeit zur Seite. Doch Elise wagte es nicht zu atmen. Den anderen beiden ging es ähnlich. Eine Sekunde verstrich. Und noch eine. Aber dann war der Bann gebrochen. Elise machte einen Schritt auf die zierliche Gestalt zu und ließ sich neben ihr auf die Knie sinken. Somit waren sie auf Augenhöhe. Renata bewegte sich ebenfalls, doch sie kniete sich nicht. Sie begann eine kurze Patrouille und sah sich aufmerksam mit den Augen eines Adlers um. "Hallo", sagte Elise freundlich. "Können Sie sprechen?" Die Frau hielt ihre Bewegungen ruckartig an. Dylan kam nun dazu. Elise sah wie die Gestalt vorsichtig den Kopf hob und prompt begegnete sie einem meerblauen, matten Blick. Ihr Gesicht war ebenfalls zerkratzt, aber von jugendlicher Schönheit. "Lieber Gott, sie ist ja noch nicht einmal erwachsen!", sprach Dylan in diesem Moment Elises eigene Gedanken aus.

"Wie ist dein Name?", versuchte Elise es nun. Sie sprach so sanft und gutmütig wie sie nur konnte. Das Mädchen mit den verfilzten braunen Haaren antwortete nicht, hielt ihrem Blick allerdings mit penetranter Sturheit stand. "Ich bin Elise und das ist Dylan. Wir sind hier, um dir zu helfen. Aber dafür müsstest du uns auch ein wenig helfen, indem du uns sagst, wie du heißt, ja?" Dunkle Wimpern fielen. Sie blinzelte ein weiteres Mal, doch noch immer sagte sie nichts. "Du kannst doch sprechen, oder?", fragte Dylan plötzlich peinlich berührt. Sofort schoss ihr die Schamesröte ins Gesicht. Elise hatte sich soeben dasselbe gefragt.

Das Mädchen nickte. Ein gutes Zeichen, das ihr einen leisen Seufzer der Erleichterung entlockte. "Wie heißt du?", fragte Elise in ihrer beharrlichen Geduld ein weiteres Mal. Aber die andere blieb stumm. "Kleiner Dickkopf, was?", sagte Dylan grinsend. "Vielleicht willst du uns lieber sagen, was mit dir passiert ist, hm? Was hältst du davon?" Elise rechnete schon damit, dass sie wieder stumm blieb, doch nun endlich sagte das Mädchen etwas.

"Kade", hauchte sie so leise, dass es die anderen beiden kaum verstanden. "Kade", sagte sie dann noch einmal lauter. Und noch einmal. "Kade?", fragte Elise alarmiert. Hatte der Krieger ihr das etwa angetan? "Hat er dir wehgetan?", wollte Dylan wissen. Das Mädchen schüttelte den Kopf. Oder vielleicht bildete sich Elise das auch nur ein, denn im nächsten Moment erzitterte ihr ganzer Körper. Sie schaukelte erneut vor und zurück und murmelte immer wieder vor sich her: "Kade…Kade…Kade…"

Elise wusste nicht, was sie davon halten sollte. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und berührte die Wange des Mädchens. "Sprich doch mit uns. Wir können dir helfen. Du kannst uns vertrauen…" "KADE!", brüllte das Mädchen nun. Im nächsten Moment war sie auf den Beinen und stampfte trotzig wie ein Kind auf dem Boden auf. "KADE! KADE!", schrie sie mit schriller Stimme. Sie weinte wieder, schrie den Himmel an, trat so hart auf den Beton, dass Elise hoffte, sie würde sich nicht die Füße blutig treten - denn um Gottes Willen - Barfuss war sie auch noch!

"KADE!", brüllte sie unaufhaltsam weiter, während Elise und Dylan hilflos zu ihr hochblickten, nicht sicher, was zu tun war. Da schritt Renata ein. Sie packte das Mädchen von hinten, auch wenn sie verletzt war und sich heftig wehrte. "Sie steht wahrscheinlich unter Schock, ganz egal, was mit ihr passiert ist. Wir müssen sie reinbringen und ihre Wunden versorgen. Reden können wir später noch mit ihr." Unsanft brachte Nikos Gefährtin das Mädchen vorwärts Richtung Anwesen. Die anderen beiden folgten betreten, doch noch immer ertönte das wilde Geschrei. Elise schloss die Tore wieder. Sie hatte ein verdammt ungutes Gefühl bei dieser Angelegenheit.

Im Aufzug warteten Tegan und Rio, um den Frauen das Mädchen abzunehmen. Jetzt wehrte sie sich nur noch umso heftiger, als sie die beiden großen Männer erblickte. "Vampire!", kreischte sie nun, nur um einen Moment später wieder "KADE!" zu brüllen. "Was zum…?" Selbst Tegan blieben die Worte im Mund stecken. Das Mädchen trat und schlug um sich und einige ihrer schlimmeren Wunden bluteten erneut. Es dauerte nur einen kurzen Moment, da sah Elise die Spitzen von Rios und Tegans Fangzähnen glitzern, ihre Augen verwandelten sich in leuchtendes Bernstein. Sie konnte es ihnen nicht einmal vergönnen, sie waren trotz allem - mit einer Gefährtin verbunden oder nicht - Vampire, die auf frisches Blut reagierten.

"KADE!", schrie sie wieder, doch was genug war, war genug. Tegan kam einen Schritt auf sie zu und legt ihr kurz die Handfläche auf die Augen. Sofort wurde ihr Körper schlaff und sie drohte, auf den Boden zu fallen. Der Gen-Eins Krieger fing sie behutsam auf und nahm sie auf den Arm wie eine Braut. Elise war nicht entgangen, dass er sein Gesicht schmerzhaft verzerrt hatte, als er sie berührt hatte. Sie sah ihren Gefährten fragend an. "Falls ihr es noch nicht wisst. Sie ist eine Stammesgefährtin", sagte er bedeutungsschwer. Sein Kiefer war verspannt, sein Gesicht grimmig. Elise küsste ihn liebevoll auf die Wange und stellte sich dann auf der Fahrt nach unten neben ihn.

Lucan kam gerade noch rechtzeitig aus dem Labor, um zu sehen, wie Tegan mit dem Mädchen auf dem Arm um eine Ecke Richtung Krankenstation davonrauschte. Der Anführer des Ordens blieb reglos stehen uns starrte ihnen wie benommen hinterher. "Was ist passiert?", fragte er Dylan und Elise, die wenige Meter hinter dem Gen Eins gingen. Lucan hatte zwar auf Gideons Überwachungsbildschirm grob nachvollziehen können, was draußen geschehen war, aber er hatte kein einziges Wort hören können, da sie draußen keine Mikrofone versteckt hatten. Vielleicht war das doch eine Investition wert, überlegte Lucan, verwarf den Gedanken allerdings sofort wieder. "Tegan hat sie in eine Trance versetzt", erzählte Elise mit besorgter Miene, "Sie schien sehr verwirrt zu sein…" Schon waren auch die beiden Frauen um die Ecke verschwunden, eine blasser als die andere.

Das Schlusslicht bildeten Rio und Renata, die tödliche Grimassen schnitten. "Komm mit in die Krankenstation, Lucan. Und - verdammt - schaff Kade da rein. Es gibt eine Menge Fragen, die er uns vielleicht beantworten kann!", kläffte Rio in seinem rollenden Akzent. Der Spanier schickte eine Menge gezischter Flüche in seiner Muttersprache hinterher, ehe auch er und Nikos Gefährtin um die Ecke bogen. Lucan stand noch einen Moment da, wie geschlagen. Es machte ihm nichts aus, dass ihm einer seiner Brüder eine solche Anweisung an den Kopf schleuderte, auch wenn normalerweise er es war, der hier die Befehle gab. Wenn es sich um eine derart pikante Angelegenheit handelte, war ihm das ganz egal. Er ging zurück ins Techniklabor, wo sich sofort alle Köpfe nach ihm umdrehten. Aber der Älteste von ihnen hatte nur Augen für den jungen Vampir aus Alaska, dessen schwarzer Schopf er zwischen seinen beiden Waffenbrüdern Niko und Brock erblickte.

"Kade, beweg deinen Arsch hierher. Du kommst mit mir", befahl Lucan mit angespanntem Kiefer und wartete nicht, bis sich der andere in Bewegung setzte. Er ging ihm voraus, aber Kade war innerhalb nur weniger Bruchteilen einer Sekunde an seiner Seite. Lucan hatte den typischen Luftzug gespürt, als er die Schnelligkeit der Vampire benutzt hatte, die für die beschränkten Sinne der Menschen nicht mehr wahrnehmbar waren. "Was gibt's, Lucan? Haben wir ernsthafte Schwierigkeiten?", fragte Kade angespannt. Lucan sah, dass seine Fangzähne ausgefahren waren und bernsteinfarbene Flecken in seinen Augen blitzten. "Ich hoffe, dass du gleich keine bekommst", murmelte Lucan ihm zu.

Und diese Hoffnung war wohl berechtigt. Lucan und Kade hatten keinerlei Chance, sich umzusehen, als sie die Krankenstation betraten, denn schon eine Sekunde, nachdem sie den Raum erreicht hatten, drehte sich Tegan vom Bett ab, in das er das Mädchen gelegt hatte und sprang den jungen Vampir in rasender Wut an. Ein Ausbruch, der selten geworden war für den Gen Eins. Seit er mit Elise zusammen war, galt er als Ruhepol des Hauptquartiers, aber das hier war wohl etwas, das ihn persönlich in Aufruhr versetzte. Lucan sah überrascht zu, wie er Kade gegen die nächste Wand schleuderte, was den armen Chase aus seinem leichten Dösschlaf aufschreckte. Er ließ das Gesetzbuch der Dunklen Häfen fallen, das er noch immer in der Hand gehalten hatte. Zuerst registrierte er - so wie immer noch, wenn sie in einem Zimmer waren - Elise, die erschrocken die Hand vor den Mund hob. Sofort erwachten seine Kriegerinstinkte, als er die feindseligen Grimassen von Lucan und Rio erblickte. Und dann war da noch Tegan, der sich nur wenige Meter entfernt auf einen völlig überfahrenen Kade warf.

Er packte Kade beim Kragen. Sein Gesicht war gefährlich nahe und seine tödlichen Fänge schienen aus der Nähe die riesigsten zu sein, die Kade jemals gesehen hatte. Noch immer verstand er nicht, noch immer war er wehrlos, weil überrascht und noch immer fragte er sich, was um alles in der Welt er falsch gemacht haben musste, um einen Kerl wie Tegan dermaßen in Aufruhr zu versetzen. "Ich frage dich nur einmal", zischte er, nur noch Millimeter von seinem Gesicht entfernt, "also überleg dir gut, was du mir antwortest, Kumpel." Kade schluckte trocken. Sein Puls hämmerte durch seinen Körper, pochte hart gegen seine Schläfen, während er sich selbst in die Bestie verwandelte, die da über ihm lauerte. "Was hast du diesem Mädchen angetan?" Kade hielt den Atem an. Das konnte doch unmöglich eine ernst gemeinte Anschuldigung sein.

Die Frage hing schwer in der Luft wie eine Mauer aus Säure, die sie alle zu verbrennen schien. Lucan selbst stockte der Atem und er glaubte einen Moment lang, Tegan hätte den Verstand verloren, aber wenn er sich die Gesichter der anderen ansah, dann wusste er, dass seine Anschuldigung nicht unbegründet sein konnte. Kade schwieg, zu sehr hatten ihn diese Worte getroffen. "Ich…habe…gar nichts…getan", gab er zischelnd zurück und versuchte nun, sich von Tegans stählernen Griff zu befreien. Doch der störrische Gen Eins rückte keinen Zentimeter. "Vielleicht kann mir mal jemand erzählen, was überhaupt passiert ist", schlug er vor, bevor hier noch jemand im wahrsten Sinne des Wortes seinen Kopf verlor. Lucan sah einen nach dem anderen einladend an, aber Rio sah nicht so aus, als wäre er in Plauderlaune, Dylan und Renata senkten beschämt den Blick. Chase konnte nichts sagen, auch, wenn er mittlerweile aufgestanden war; er war der wirklich überraschte hier, weil er von alledem überhaupt gar nichts mitbekommen hatte.

Nur Elise fand den Mut, den sie brauchte, um dem Anführer des Ordens gegenüber in ihrem alt bekannten diplomatischen, aber sanften Plauderton Licht ins Dunkel zu bringen. "Als wir zu ihr gegangen sind, hat sie zuerst keinen Ton gesagt. Dann fing sie an, Kades Namen zu brüllen. Nichts anderes. Nur immer wieder Kade." Sie sah betrübt hinüber zu dem dunkelhaarigen Krieger, der noch immer gefangen war in dem Armen ihres Gefährten. "Und im Aufzug", fügte Rio hinzu, "hat sie auch nur seinen Namen geschrieen." Lucan nickte misstrauisch zu Tegan und Kade hinüber. Seltsam war die Sache schon.

"Also, Kade, was sagst du dazu?", fragte Tegan noch einmal, sein unnachgiebiger Griff brannte unablässig wie Feuer auf Kades Haut. Er wusste, dass der Krieger unverhüllten Einblick in sein Innerstes hatte, nur mit dieser bloßen Berührung. Warum also erkannte er nicht, dass er unschuldig war. "Tegan, bitte", flüsterte Kade nun, appellierte an die menschliche Seite des Gen Eins, nicht an das Raubtier, das darauf lauerte, ihm jeden Moment die Kehle durchzubeißen. Aber Tegans Miene veränderte sich kein Stück. "Du weißt, dass ich sie nicht angerührt habe. Gott, wie denn auch, ich war doch die ganze Zeit hier!"

"Bis auf letzte Nacht, da warst du auf Streife!", schoss Chase vom Bett aus gegen ihn. "Schnauze, Harvard", keifte Tegan, "Kade sagt die Wahrheit." Kade fühlte sich unglaublich erleichtert. Er wäre fast in die Knie gesagt, als Tegan endlich von ihm abließ und ihm entschuldigend seine Hand anbot. Kade schlug ein und riskierte einen Blick zum Mädchen hinüber. Er war sich in diesem Moment ziemlich sicher, dass er sie nicht kannte. "Was tun wir jetzt?", fragte er schwer atmend. "Wir werden warten, bis sie aufwacht und dann werden wir herausfinden, warum sie deinen Namen so gern hat", stellte Lucan fest und verließ den Raum in der Absicht, Savannah zu suchen und sie nach ihren heilenden Salben zu fragen.