Begegnung mit dem Feind
Hermine stolperte und spürte, wie sie ihr Gleichgewicht zu verlieren drohte. Sie versuchte Halt zu finden, doch selbst mit rudernden Armen fand sie nichts weiter vor als Luft, die ihren Sturz nicht in geringster Weise zu verhindern schien. Mit letzter Kraft schwang sie ihre Arme noch schützend vor ihr Gesicht, bevor ihre Ellbogen und Knie unsanft mit dem kalten Steinboden Bekanntschaft machten. Ein elektrisierender Schmerz drang durch ihren ganzen Körper, was ein gedämpftes Stöhnen ihrerseits zu Folge hatte. Für einen kurzen Augenblick lag sie still am Boden und ihre Umgebung schien gedämpfte Laute von sich zu geben. Alles war verschwommen.
Plötzlich war ein grelles Licht auf sie gerichtet und eine nun deutlich zu verstehende Stimme drang an ihr Ohr. Es war eine andere als zuvor. Ein Mann sprach zu ihr.
„Steh jetzt auf!" die Stimme klang unbarmherzig und kalt. Hermine schluckte und begann sich langsam aufzurichten. Sie hob vorsichtig ihren Kopf. Sie hatte Angst. Angst vor dem, was vor ihr lag. Angst vor dem, was sie gleich zu Gesicht bekommen würde. Doch sie blieb geblendet von einer grellen Lampe, die auf sie gerichtet war. Irgendjemand zog sie an ihrem Handgelenk und schleifte sie ein Stück vorwärts. Sodann wurde sie auf etwas niedergelassen. Sofort umklammerte Hermine den Stuhl mit ihren kalten Fingern. Ihre Hände verkrampften sich zusehends, als sie versuchte irgendetwas zu erkennen. Mittlerweile hatten die Personen, die noch in dem Raum waren begonnen zu sprechen. Doch Hermine konnte kein einziges Wort verstehen, es schien sich um eine andere Sprache zu halten. Sie glaubte etwas Französisches zu erkennen, doch es war noch eine Spur anders.
Endlich wurde sie adressiert. „Hermine Granger?" fragte die stechende Stimme von zuvor. Ein Schwall aus eiskalter Furcht überkam Hermine. Sollte sie antworten? Was sollte sie sagen? Ihr Mund öffnete sich merklich, doch kein einziger Laut drang daraus hervor. „Sprich!" der Mann wurde deutlich ungeduldig und Hermine sah sich gezwungen ein leises „Ja!?" von sich zu geben. Sie begann unweigerlich zu zittern. Eine dunkle Gestalt kam auf sie zu und begann erneut zu sprechen. In seiner Stimme waren merklich amüsierte Züge zu erkennen. „Weißt du wieso du hier bist, Kleine?"
Wieso ich hier bin? Woher zum Teufel, soll ich bitte wissen, wieso ich hier bin! Wo soll dieses «hier» auch bitte schön sein? Wut mischte sich langsam zu ihrer Furcht, die sie empfand, hinzu. Zähneknirschend verbiss sie sich allerdings eine jegliche freche Antwort. Sie wusste nicht, wozu ihr Gegenüber fähig war. „Nein" drang schließlich kleinlaut aus ihren Lungen hervor. Der dunkle Schatten lachte laut auf. „Tja ich würde sagen, das hast du deinem geliebten Vater zu verdanken." die anderen Personen im Raum stimmten in das frivole Lachen mit ein.
Meinem Vater zu verdanken? Wovon spricht dieser Mann? Was hat das alles hier zu bedeuten? Ob es ihm gut geht? …ist er überhaupt noch am Leben? Ein schmerzliches Gefühl breitete sich in ihr aus und erneut kamen die Bilder von vor nicht allzu langer Zeit zurück. All die Schüsse, das Blut. Die Schreie ihrer Freunde und Verwandten. Der Tod. Eine Träne machte sich den Weg über ihre untypisch farblosen Wangen frei. Hermine schloss für einen Moment ihre Augen, in der naiven Hoffnung, bei erneutem Öffnen sich wieder zuhause zu befinden.
Das Lachen verstummte und die ernste Stimme war zurückgekehrt. „Hier nimm das." Die Gestalt drückte ihr etwas Papierenes in die Hände. Es war eine Zeitung und Hermine konnte nur wage erahnen, dass sie von demselbigen Tage sein musste. „Und jetzt bitte Lächeln" Hermine hatte nicht die leiseste Ahnung, wieso sie in Gottes Namen bitte Lächeln sollte. Ein plötzlicher Blitz tauchte jedoch alles in glasklares Licht….sie war entführt worden.
Sie fragte sich nun, wieso sie nicht früher daran gedacht hatte. Es schien ihr als wäre sie aus einem finsteren Albtraum aufgewacht. Doch das Erwachen war keineswegs ein glückliches. Sie fühlte sich einer unbekannten Macht hilflos ausgeliefert.
Die Zeitung wurde ihr wieder entrissen und jemand packte sie an beiden Handgelenken und zog sie hoch. Erneut wurde sie zur Tür geschleift. Der Mann, der sie erbarmungslos festhielt, öffnete die Tür und übergab Hermine wieder der Frau mit den eiskalt blauen Augen von zuvor. Sie wurde von dieser zurück in ihre Zelle geführt. Wortlos. Schließlich wurde sie wieder in die Zelle gestoßen. Plötzlich aufkeimender Mut durchströmte sie „Was hat das hier zu bedeuten? Wo bin ich hier und …wieso?" stieß sie mit aller Kraft in der Stimme, die ihr Körper noch herzugeben vermochte hervor. Das Gesicht der in der Tür stehenden Frau verformte sich. Hermine glaubte Bedauern darin erkennen zu können, doch sogleich wurde auch schon die Tür geschlossen und erneut umgab sie lähmende Dunkelheit.
Was ist das hier nur? Und wieso will mir niemand sagen, was los ist? Tränen kullerten über ihre Backen und eine eisige Kälte begann sich in ihr auszubreiten. Sie ging durch den kleinen Raum zu dem Heuhaufen und kauerte sich in die Ecke. Ihre Arme umschlungen fest ihren fragilen Körper. In dieser Position verharrte sie als dann mehrere Stunden, die sie als solche allerdings kaum wahrnehmen konnte. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren und wenn sie jemand fragen würde ob es nun draußen hell oder dunkel war…würde sie diese Frage bei bestem Willen nicht beantworten können.
Hermine war eingeschlummert und träumte von längst vergangenen Tagen, als plötzlich die Tür zu ihrer Zelle unter einem schweren Ächzen aufgestoßen wurde. Hermine schrak auf und stieß mit ihrem Kopf gegen die harte Wand hinter ihr. Während sie unter Stöhnen die schmerzende Stelle rieb, wurde die Tür auch schon wieder verschlossen und das helle Licht, dass von der Tür in die kleine Zelle geflossen war, wurde wieder von gähnender Dunkelheit ersetzt. Hermines Blick wanderte fragend zur Tür und entdeckte im schwach schimmernden Licht, das von einer kleinen fensterähnlichen Öffnung stammte, etwas auf dem Boden. Hermine kroch auf allen Vieren hinüber um zu sehen, was in ihrer Zelle abgestellt worden war. Mit Erleichterung stellte sie fest, dass es Essen war. Ihr Magen bedankte sich mit einem lauten Grummeln. Es war nicht viel, nur einige Scheiben Brot und Schinken. Hungrig aß sie alles bis auf den letzten Brösel auf um dann ein wenig zufriedener zu ihrer Ecke zurückzukehren.
Mit befriedigtem Magen kauerte sie sich wieder zusammen und versank in ihre Gedanken. Ihr Vater hatte es tatsächlich geschafft, dass ihr Geburtstag Hermine noch lange, lange Zeit in Erinnerung bleiben wird…sofern es eine solche Zeit geben würde. Hermine begann sich damit auseinander zu setzen, was alles passieren könnte. Würde sie dies hier überleben? Schon oft genug hatte sie von Entführungen in den Zeitungen gelesen. Und nicht selten hatten diese den Tod des Opfers zu Folge. Doch Hermine wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Sie vertraute darauf, dass sie jemand vermisste. Dass sie jemand suchen und finden würde, um alsdann in Sicherheit gebracht zu werden. Geborgenheit. Sie vermisste ihr warmes, weiches Bett. Sie hatte es immer als selbstverständlich angesehen und nie im Leben hätte sie daran gedacht, dass sie einmal ohne all den Komfort, den ihr Vater Zeit ihres Lebens geboten hatte, auskommen musste.
So in Gedanken versunken, schlief sie irgendwann an die Wand gelehnt ein…
