Eine Geschichte von Hogwarts

Godric, Graf von Gryffindor

Wie todlangweilig diese Empfänge waren! Der junge Erbe und zukünftige Graf von Gryffindor seufzte noch einmal, als er sah, wie die Gäste zu einer respektvollen Verbeugung den Rücken krümmten, wenn sie an seinem Vater vorbeikamen. Und wie sie ihn kritisierten, sobald sie sich von ihm entfernt hatten...

Godric war ein großer, impulsiver Junge, der im folgenden Sommer vierzehn Jahre alt werden sollte. Zur großen Verzweiflung seines Vaters jedoch, war ihm nichts lieber, als im Hof des Schlosses mit Schwertern zu trainieren, und er war für die Versuche des Hausherren unempfänglich, ihm beizubringen, wie er sich um seinen zukünftigen Grundbesitz kümmern sollte. Und obwohl er es nicht besonders mochte, wenn er Stunden lang im Schloss eingesperrt sitzen und dort lernen musste, wie er das Land verwalten sollte, mochte der mutmaßliche Erbe noch weniger, wenn er rechts von seinem Vater sitzen musste, um die heuchlerischen Grüße zahlreicher Adligen entgegenzunehmen, die dem Grafen ihren Gruß entboten.

Zwar verdiente Emrys Gryffindor den Respekt, den er imponierte. Dieser große Mann mit Feuerhaar, wie sein Sohn, bemühte sich ständig darum, mit seinen Nachbarn in Frieden zu bleiben. Als er kaum älter war als Godric nun war, hatte er die Adligen der Umgebung hart bekämpft, damit sie anerkannten, dass sein Wert auf dem Feld ihn zu einem äußerst gefährlichen Gegner machte, den man lieber nicht herausfordern sollte. Doch jetzt wurde Emrys alt und wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. Und das wussten auch seine Nachbarn, die hinter seinem Rücken Komplotte schmiedeten, wie sie seinen Grundbesitz erobern und sich teilen könnten, wenn der Greis sterben würde.

Godric aber hatte keine Lust, Nachfolger seines Vaters zu werden, und immer wieder ging er aus dem Schloss hinaus, um auf den Straßen zu reiten oder in den Wirtshäusern zu trinken. Manchmal jedoch konnte er dem Protokoll nicht ausweichen, und an diesem Abend musste er wieder neben seinem Vater sitzen.

Als das Festessen schließlich zu einem Ende kam und die Tänze anfingen, zeigte Emrys seinem Sohn, dass er endlich aufstehen durfte, da er selber mit anderen Landesfürsten wichtige Dinge besprechen musste.

'Er weiß nicht, was er will', dachte Godric ironisch. 'Er sagt, er will mir beibringen, wie man das Land verwaltet, doch wenn er selbst wichtige Angelegenheiten regeln muss, wünscht er nicht, dass ich ihn begleite.'

Godric gehorchte und ging zu den Gästen. Er blickte wertschätzend zu den Tänzerinnen, die sich zu einer traditionellen Musik bewegten, dann wandte er den Blick von den Festlichkeiten ab und beobachtete die Leute, die ihn umgaben. Da standen Leute aus der ganzen Gegend. Er erkannte Gräfinnen und Herzoginnen, deren Gatten mit seinem Vater in einem kleineren Raum in der Nähe des Empfangssaal sprachen.

Er sah auch, wie die Diener eilig den Bitten der Gäste nachgingen, sobald Letztere mit den Fingern schnippten. Er fragte sich, was sie denken würden, wenn sie wüssten, dass manche unter ihnen nicht menschlich waren.

„Welch eine schöne Gesellschaft, nicht wahr?", flüsterte eine kalte Stimme in seinem Rücken. „Wie schade, dass sie führen und sich dabei die Stelle jener widerrechtlich aneignen, die ihre Meister sein sollten."

Godric drehte sich um und sah einen gleichaltrigen jungen Mann mit langem, rabenschwarzem Haar und tief schwarzen Augen.

„Wer seid Ihr? Und was meint Ihr damit?"

„Ich heiße Salazar, mein Vater ist Graf von Slytherin."

„Godric, Graf von Gryffindor."

„Ich dachte, der Graf war gerade dabei, mit meinem Vater zu sprechen?", antwortete Salazar mit einem spöttischen Lächeln.

„Ja, nun, zukünftiger Graf...", erwiderte Godric, dessen Gesicht den Eindruck machte, als wollte er einen Wettbewerb mit seinem Haar halten.

„Das stimmt jedoch, dass der Graf sehr alt wird. Es ist höchstwahrscheinlich, dass er das Jahresende nicht überlebt. Daher seht Ihr Euch schon, wie Ihr an seiner Stelle sitzt, nicht wahr?"

Godrics Blick wurde finster.

„Das möchte mein Vater gerne, aber ich habe keine Lust darauf, ihm nachzufolgen. Ich ertrage diese ganze Heuchelei nicht und will nicht für ein Land kämpfen, das mir nichts nutzt."

„Das ist doch unsere Pflicht, über geringere Leute zu herrschen", murmelte Salazar zur Antwort.

„Die geringeren Leute? Die Tatsache, dass unsere Diener nicht in einer adligen Familie geboren wurden, soll uns nicht dazu führen, sie für geringer als uns zu halten."

„Ich rede nicht vom so genannten Adel. Sie halten sich für Adlige, weil sie ein Schwert besitzen und es für sich sprechen lassen. Jene, die es wirklich wert sind zu herrschen, sind jene, die die Kraft besitzen. Jene, die wie wir beide dazu auserwählt wurden, über jene zu herrschen, die als einzige Macht ihr Schwert haben."

„Ich fürchte, ich verstehe Eure Schlussfolgerung nicht, Salazar", erwiderte Godric mit gerunzelter Stirn.

„Ihr seid ein Zauberer, genauso wie ich", flüsterte Salazar mit rascher und lebhafter Stimme. „Wir allein sind es wert, über jene zu herrschen, die die Kraft nicht besitzen."

„Ich glaube nicht, dass Zauberer es mehr wert sind zu herrschen als Muggel. Jene, die die Macht verdienen, sind jene, die gut zu ihren Dienern zu sein wissen. Wenn Muggel dazu fähig sind, dann sind sie genau so wert wie Zauberer, sich Adlige zu nennen."

Salazar setzte ein hämisches Lächeln auf.

„Ein Muggelliebhaber, wie ich sehe."

„Eher jemand, der die magische Kraft nicht für eine hält, die es mehr verdient zu siegen als die Kraft des Schwertes."

„Das werden wir sehen", erwiderte Salazar.

Und hierauf zog er seinen Lederhandschuh und verpasste Godric eine Ohrfeige. Der Lärm ließ sich mehrere anwesende Gäste sich umdrehen und bald stoppten alle Gespräche, von Ungläubigkeit ersetzt: Während ihre Väter im Schloss miteinander sprachen, würden beide Erben duellieren.

„Rigomer!", rief Godric.

„Mein Lord?", fragte der Diener, als er ankam.

„Lasst mein Pferd und das von Lord Slytherin satteln! Wir reiten zur Kampfstätte. Und bereitet zwei Rüstungen."

Dann drehte er sich zu Salazar um:

„Ich wurde beleidigt, daher soll ich die Waffen und Bedingungen des Kampfes wählen. Wir werden mit dem Schwert kämpfen, bis der Tod unser Duell beendet oder einer von uns um Gnade fleht."

Das Geflüster um sie herum war erschrocken. Dieses Duell würde bestimmt schreckliche Folgen haben und jene, die beide jungen Männer kannten, wussten, dass keiner die Gnade seines Gegners annehmen würde. Der junge Gryffindor hatte also gerade einen Kampf bis zum Tode angesagt.

Beide jungen Leute schenkten jedoch den Gesprächen keine Aufmerksamkeit und gingen zur Tür. Nachdem er sich vor seinem Meister verbeugt hatte, war der Hauself hinausgegangen, um die Pferde und die Rüstungen vorzubereiten, und sie trafen ihn im Stall. Die Pferde waren bereits gesattelt und zwei weitere Hauselfen halfen ihnen, die Rüstungen anzuziehen und auf ihr Paradepferd zu steigen. Die beiden Erben waren aber kaum anderthalb Meile geritten, als sich die Pferde plötzlich aufbäumten.

Vor ihnen, mit Fackeln und Dolche in den Händen, hatten sich Straßenräuber gerade erhoben und bedrohten sie. Als er bemerkte, dass sie sich nicht bewegten, hob einer der Räuber seinen Dolch und stach ihn in die Brust von Salazars Pferd. Das Tier starb sofort, stürzte zusammen und ließ seinen Reiter mitfallen. Als er dies sah, sprang Godric von seinem eigenen Pferd herunter und stürzte sich, das Schwert in der Hand, zum Räuber, der ihm am nächsten stand. Der Mann wurde vom plötzlichen Angriff überrascht, hatte keine Zeit, sich zu wehren, und starb auf der Stelle.

Inzwischen hatte Salazar die Zeit gehabt, seinen Zauberstab zu finden, der zum Glück nicht gebrochen war, als er vom Pferd gefallen war. Er hob ihn und flüsterte:

„Expelliar...!"

Doch ein Fußtritt vom Räuber traf seine Hand und ließ den Zauberstab wegfliegen. Ein paar Meter weiter musste sich Godric mit einem weiteren Mann herumschlagen, der bald unter den Schwertschlägen des Jugendlichen fiel. Jener, der Salazars Pferd getötet hatte, griff dann den jungen Zauberer an, der keine Zeit gehabt hatte, die Hand an sein Schwert zu legen, und daher schutzlos war.

Der Dolchstoß durchbohrte das Kettenhemd und stach in die Brust des Zauberers, wobei er das Herz bloß um ein paar Zentimeter verfehlte. Verzweifelt riss Salazar den Dolch aus seiner Brust und ergriff sein Schwert mit beiden Händen. Der Straßenräuber hauchte wenige Momente später seine Seele aus, von seinem letzten Mittäter gefolgt.

Godric wischte sein Schwert im Gras ab, drehte sich zu Salazar um und erblickte seine Wunde. Sofort suchte er in seinem Umhang nach einem Fläschchen. Mit vorsichtigen Bewegungen half er Salazar seine Rüstung auseinander zu nehmen und die Kleidung auszuziehen, die die Wunde bedeckten, reinigte sie und goss den Balsam darauf.

Ein paar Minuten später fragte Salazar, der sich inzwischen wieder besser fühlte:

„Warum? Du hättest mich sterben lassen können. Unser Duell sollte ja ein Kampf bis zum Tode sein."

„Ich weiß nicht, ob ich trotz dem, was ich gesagt habe, dazu fähig gewesen wäre, dich zu töten. Ich weiß aber, dass ich dich nicht von der Hand dieser Straßenräuber sterben lassen konnte", fuhr Godric mit fester Stimme fort, ehe er hinzufügte: „Hier ist dein Zauberstab."

„Danke. Schließlich hattest du Recht. Hätte ich bloß meinen Zauberstab dabei gehabt, so hätte ich diesen Hinterhalt nie überleben können."

Godric lächelte.

„Das Duell wird also zwecklos?"

„Ja, kehren wir zum Schloss zurück."

Beide jungen Leute lächelten einander zu. Als sie das Schloss endlich erreichten, war die Feier schon längst vorbei, sowie das Gespräch zwischen Godrics Vater und seiner Nachbarn. Und der Empfang vom jungen Erbe war besonders hitzig.

„Wie wagst du es, vor mir zu erscheinen, nachdem du den Erben einer der größten Zaubererfamilien unserer Gegend duellieren wolltest?", wetterte Emrys.

„Er hatte mich beleidigt, Vater", erwiderte Godric selbstsicher. „Ich durfte die Ehre der Familie nicht beschmutzt werden lassen, Erbe oder nicht."

„Du verdienst es nicht mehr, über die Ehre der Familie zu reden. Aldebaric und ich haben darüber gesprochen und beschlossen, dass wir Salazar unseren gemeinsamen Erbe nennen würden. Du bist es nicht mehr wert, mein Sohn genannt zu werden. Ich leugne und enterbe dich."

Godric erblich wegen des Schocks. Er hatte zwar keine Lust, seinem Vater nachzufolgen, doch es war etwas anderes, enterbt zu werden. Seine Überraschung wurde jedoch nur größer, als Salazar mit kalter Stimme sprach:

„Soll ich verstehen, Sir, dass Ihr nicht mehr wollt, dass Euch Godric nachfolgt?"

„Das stimmt. Godric hat sich als unreif und der Bürde eines Grafen unwürdig erwiesen, die ihm gebühren sollte."

„In diesem Fall fürchte ich, Sir, dass Ihr in einer anderen Familie nach einem suchen müsst, der es annehmen wird, Euren Sohn zu ersetzen. Wenn Ihr ihn von diesem Schloss vertreibt, werde ich ihn begleiten und schwöre Euch auf das, was mir am Teuersten ist, und auf den Namen meiner Vorahnen, dass ich nicht versuchen werde, hierher zurückzukehren. Da Ihr Euren Sohn enterbt, werdet mein Vater und Ihr nach einem neuen Erbe suchen müssen."

Und hierauf wandte sich Salazar ab und winkte Godric, ihm zu folgen, was der junge Mann tat, ohne nachzudenken, so betäubt war er von den letzteren Ereignissen. Als beide die Tore des Schlosses erreichten, fragte Godric seinen Gefährten:

„Warum hast du das getan? Du sagtest doch, die Zauberer müssten über die Muggel herrschen. Hättest du den Vorschlag meines Vaters angenommen, so hättest du dazu gelangen können."

„Das stimmt. Du hast mir aber soeben bewiesen, dass es nicht genügt, Zauberkräfte zu besitzen, wenn man über die anderen herrschen will. Und wärst du nicht da gewesen, wäre ich nun tot. Du hast dein Leben aufs Spiel gesetzt, um mich zu retten. Meine Dankbarkeit werde ich dir nie genug zeigen können."

„Die hast du mir gerade reichlich gezeigt. Bist du wirklich sicher, dass du es schaffen kannst zu leben, ohne über ein Land zu herrschen?"

„Wenn du es kannst, warum wäre ich nicht dazu fähig?"

Beide Freunde lächelten einander zu und gingen zusammen durch die Tore, die sie zur Freiheit brachten. Zu ihrem Schicksal.