The best of me
2
Also war alles nur ein böser Traum gewesen. Ein alberner nichtssagender Traum, der die Welt nicht davon abhalten konnte, sich zu drehen.
So wie das Rad seines Spinnrades, das unermesslich arbeitete, war auch sein Kopf voller rotierender Gedanken. Er nahm die Einzelheiten ihres Apartments kaum wahr. Seine dunklen verschleierten Augen waren ausnahmslos auf ihr Gesicht geheftet. Er sah seine schöne Belle und beneidete sie um das sanfte Lächeln ihrer roten Lippen; ihr friedlicher Ausdruck war so uneins mit seinem. Sie redete nur selten von damals, als würde sie überhaupt nicht daran denken müssen, wie er sie erkauft hatte. Sie hatte ihn nicht verstoßen wie die meisten. Er war geboren worden um zu leiden, was sich schon seit einer Ewigkeit hinzuziehen schien ... Auf ewig und für immer. So wie sie sich entschlossen hatte, mit ihm zu gehen.
Die Worte klangen nicht nur wie eine sehr lange Zeit, es war tatsächlich so. Tief in sich drinnen wusste er, dass es falsch gewesen war, den Handel zu besiegeln. Er hasste sich dafür und es war nicht leicht, bei Verstand zu bleiben, nach allem was er getan hatte. Liebe ließ sich nicht kaufen. In Wahrheit hatte er auch nicht erwartet, dass sie ihn je lieben würde. Der verbitterte Mann, der er gewesen war, wollte nur etwas für sich haben, was er bis dahin noch nie besessen hatte: Gesellschaft, die ihm das triste Leben in seinem Schloss erleichtern sollte. Doch sein Plan scheiterte, als sie sich eines Tages versehentlich in einer Unterhaltung verfingen. Es wärmte ihm das Herz, mit wie fiel Güte sie ihn behandelte. Dieses kostbare Juwel, dieses Geschöpf der Reinheit hatte es geschafft, ihn aus seinem Schneckenhaus herauszulocken. Der Tag, an dem er herausgefunden hatte, dass sie sich um seine Aufmerksamkeit bemühte, war einer der verstörendsten in seinem miserablen Leben gewesen. Schon bald zeigte sie sich offenkundig interessiert an den kleinen Geschichten über sein Spinnrad und den Zauber des Vergessens, den er damit bewirken wollte, dann über sein früheres Leben. Die tapfere Belle hatte nicht aufgegeben, bis sie zu ihm durchgedrungen war. Die einsamen Stunden in seinem Schloss waren ihm unerträglich gewesen. Er hatte daran zugrunde gehen müssen. Trotzdem änderte sich etwas. Schleichend legte sich ihre Aura über ihn, und es wollte ihm nicht mehr gelingen, die Kontrolle über sich zurückzugewinnen: Das Biest in ihm wollte sie besitzen. Es hungerte nach ihrer reinen Seele und ihrem unberührten Körper. Zuweilen hatte er sich dabei ertappt, den lustvollen Gefühlen nachzugeben. Um sie sich für eine Weile vom Hals zu schaffen, erschuf er ihr die Bibliothek, eine Welt voller Glanz und Wunder in den leblosen grauen Mauern. Was für ein Dummkopf – jede kleine Geste des Entgegenkommens sorgte nur für neue Veränderungen. Zum ersten Mal war sie glücklich gewesen. Zum ersten Mal sein. Sie wurde zu einem blendenden Licht und es schmerzte ihn umso mehr, in ihrer Nähe zu sein. Er konnte nur dastehen und zusehen, wie es geschah. Für eine zerrissene Kreatur wie ihn, die mit nichts im Reinen war, begannen Höllenqualen. Seine Gewandtheit des Wortspiels entwickelte sich in ihrer Gegenwart zu reiner Verschwendung, da er sie nicht nutzte. Sein Gemütszustand verschlechterte sich zunehmend. Er wütete, fuhr sie an, drehte alles wie er es brauchte und gab ihr barsche Antworten, die sie nicht weiterbrachten. Für Belle begann die schwierigste Zeit, seit er sie zu sich genommen hatte – mehr noch als zuvor. In ihrer Verzweiflung ging sie mit gesenktem Blick ihrer täglichen Arbeit im Schloss nach und wunderte sich, was sie getan haben sollte, um ihn so zu verärgern. Die Lösung war einfach: Verständnis und Mitgefühl von einem anderen Menschen zu erhalten, war ihm fremd. Ihre Anwesenheit engte ihn zunehmend ein. Dabei war sie alles andere als aufdringlich. Sie war einfach nur da und irritierte ihn. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. Sie machte ihm Angst. Sie ging ihm so sehr unter die Haut, dass sich die goldenen Schuppen einrollen und von seinem Körper lösen wollten. Das Blut stieg ihm in den Kopf und brachte ihn fast zum Zerbersten. Er zog sich zurück, steckte sich selbst in den schützenden Käfig der Unnahbarkeit, wo niemand ihn erreichen konnte. Eigenartiger hätte ein Wesen nicht sein können. Dort, in dieser kleinen isolierten Welt seines Schlosses, ganz mit sich selbst beschäftigt, tolerierte er keine Veränderungen, nahm nichts mehr wahr als sich selbst. Ja, es frustrierte ihn, dass sie sich mit dem wenigen zufrieden zeigte, das er ihr zu bieten hatte. Sie hatte sich damit abgefunden, doch ganz im Gegensatz zu Belle, die sich nicht unterkriegen ließ, wurde er immer unglücklicher mit seiner Entscheidung. Er verstand jetzt, was er nicht hatte wahrhaben wollen: Belle hätte niemals mit ihm kommen dürfen …
Seine Finger fuhren eine Handbreit über der nassen Hose durch die Luft und nahmen das Malheur auf wie ein Schwamm. Jetzt konnte er endlich wieder frei atmen. Belle sollte ihn nicht so sehen, wenn sie aufwachte. Diese Peinlichkeit würde er sich nicht verzeihen. Er hatte schon zu viel Zeit damit verbracht, sich vor ihr wie ein Idiot aufzuführen. Sein anderes Ich, Rumpelstilzchen, hatte nun mal einen Hang zum Dramatischen. Er hörte scharf und klar sein längst verklungenes Echo, das feixend und gackernd über den gelungenen Handel triumphierte. Der großkotzige Auftritt, den er im Schloss ihres Vaters vor einer breiten Öffentlichkeit hingelegt hatte, war genau sein Ding gewesen. Gerissen von ihm, sie für den Preis eines Fingerschnippens zu sich zu holen, denn so und nicht anders hatte er ihr Königreich gerettet.
Lange Zeit saß er da und starrte ins Nichts, betäubt und zerfressen von seinem Wunsch, alles kontrollieren zu können. Er hatte Dinge gesehen, schreckliche Dinge. Was er brauchte, war ein Wunder.
Plötzlich fühlte er sich alt und leer. Er war des Kampfes müde. Er hatte so viel durchgemacht auf seinem Trip auf dem Weg durch die Hölle und wieder zurück. Bei ihr zu sein und wieder Abschied nehmen zu müssen war die reinste Qual. Sie war seine Schwäche und doch immer noch unberührt. Zweifellos würde sie jemanden finden, der ihr die Offenheit geben konnte, die sie verdiente. Und natürlich würde sie leiden, aber sie würde es überstehen. Er wünschte nur, er könnte ihr diese Schmerzen ersparen. Was er nicht tun würde. Es wären falsche sinnlose Lügen wie all die anderen. Er wusste, dass sie geweint hatte, als er mit dem Schiff davon gesegelt war, um Henry nach Storybrooke zurückzubringen. War die Wahrheit also so viel besser? Seine Bestimmung war gewesen, nicht mehr wiederzukommen. Er hatte es getan wie beabsichtigt und Pan vernichtet. Es hätte damals enden können, wenn sie ihn nicht zurückgeholt hätten.
Seine sachliche Überlegung erfuhr einen kleinen Dämpfer, als ihm einfiel, dass auch der Tod seine hellen und dunklen Seiten hatte. Niemand wusste das so gut wie er. Er kannte die schmale Grenze zwischen der im Schlaf hemmungslos aufblühenden Fantasie und den schockierenden Wahrheiten, die nur die praktische Wirklichkeit hervorbringen konnte. Er hatte sie oft übertreten und war so stark mit beidem verwachsen, dass er manchmal nicht genau wusste, auf welcher Seite er gerade stand. Der Weg zurück von einer zur anderen war schwer. Dafür hatte er seine Magie. Sie gehörte zu ihm wie die Luft zum Atmen, wie das Pulsieren seines durch die Feigheit vergifteten Bluts. Er stand dazu, allzeit bereit, es wieder zu tun. Aber war es das Risiko wert, sie erneut zu verlieren? Er wusste keine Antwort darauf. Er wollte bei ihr sein. Wenn er eins gelernt hatte, dann, dass nichts schlimmer war, als die zu verlieren, die er liebte: Bae und Belle. Er musste sich entscheiden und schob den Gedanken fort. Das, was geschehen war, war geschehen. Es war ihm keine Hilfe, den Dunklen emporkommen zu lassen, wenn er sich wirklich ändern wollte. Und ändern musste er viel. Was für ein Dummkopf er doch gewesen war! Er hatte (ob willentlich oder nicht, darüber war er uneins nach all der Zeit), um sich selbst einen Gefallen zu tun, nicht nur ihr ganzes noch vor ihr liegendes Leben zerstört sondern die reinste Seele in Ketten gelegt, der er je begegnet war. So und nicht anders war es gekommen. Das goldene Biest hatte sie in einen Käfig gesteckt, aus dem es kein Entrinnen gab. Nicht damals, nicht heute. Denn egal wie viel Zeit verstrichen war, das Biest war immer noch da. Es lag betäubt neben ihr und erinnerte sich an alles. Er konnte es sich aufbäumen fühlen wie damals, als er sie im Verborgenen beobachtet hatte. Wie die Magie in seinen Knochen, die nicht zuließ, dass er sich das Herz herausriss, um es eigenhändig zu zerquetschen. Für die Rettung seines kläglichen Rests Menschlichkeit. Für die süßen sündigen Gedanken seines kränklichen Verstandes, die sich nach ihrem unberührten Körper verzehrt hatten und bis heute danach lechzten.
Sein.
Für immer.
Er hatte nichts dergleichen getan und würde es auch nicht tun. Das Monster schlief und ruhte sich aus, um bei Kräften zu sein, wenn er sie brauchte.
Immer war die längste Zeit und sie standen irgendwo, vielleicht in der Mitte, am Anfang, am Schluss. Es war egal. Er konnte nicht verhindern, dass er Mist baute. Aber er hatte ihr entsagt. Was nicht hieß, dass er sich deswegen vergeben hatte.
Seine Brust zog sich zusammen. Ob sie es wusste? Wie er sich in ihren Augen verloren hatte? Wie sehr er sie begehrt hatte und wie viel Selbsthass dafür in ihm steckte? Ihr erster Kuss, vor so langer Zeit. Sie hatte ihn geliebt, das Unmögliche wahr gemacht. Ergeben in sein Schicksal ließ er sie gehen. Es war einfacher sie zu verstoßen als darauf zu warten, dass sie seiner überdrüssig wurde. So hätte er wenigstens glauben können, dass sie ihr Versprechen gebrochen und ihn verlassen hatte. Aber seine selbstbezogene Seite wählte den schwierigen Weg, den Weg der Verzweiflung. Es war sein Fluch, kein fortwährendes Glück zu haben. Alles lag in Scherben und ihm fehlte die Kraft, sie aufzusammeln. Selbst jetzt waren seine Augen glasig und mit Tränen gefüllt, doch er weinte nicht. Er rang nach Fassung. Nicht weil sie damals fortgegangen war, sondern weil sie wiedergekommen war. Sie sah immer Gutes in ihm. Es machte ihn krank – nicht nur bildlich gesprochen. Wie seltsam sein Leben auch gewesen war, es war nichts im Vergleich dazu gewesen. Alles war nur noch grausamer geworden, als sie bei ihm eingezogen war … ein Fluch, den er nicht loswurde. Es genügte ihm nicht, alles zu haben, er würde sich trotzdem immer unvollkommen fühlen. War es nicht eine Ironie, dass sie ihm bei ihrem Sturz von der Leiter zufällig in die Arme gefallen war? Er hatte sie aufgefangen und sie sah in ihm ihren selbstlosen Retter. Es war ein Schock für ihn gewesen, ein Moment absoluten Versagens, weil er die Nähe zu ihr zugelassen und damit unbeabsichtigt ein fleischliches Verlangen nach ihr ausgelöst hatte. Aber Gefühle waren ein Zeichen von Schwäche. Er konnte ihnen nicht trauen. Niemand wollte ihn jemals anfassen oder ihn freiwillig berühren. Sie war seine Gefangene gewesen und hatte alles geduldig ertragen. Die emotionale Kälte eines Irren, die Demütigung in seiner Willkür zu sein, die gehässigen Bemerkungen seiner schnippischen Zunge und, als Krönung seiner Feigheit, die schreckliche Einsamkeit. Feige, weil er sie nicht zu ihrer Familie zurückgeschickt hatte. Feige, weil eine böse Macht Besitz von ihm ergriffen hatte. Er musste sich fragen, wie viel von dem Mann hinter dem Monster übriggeblieben war. Als hätte er nicht gehört, wie oft sie sich nachts in ihrem Verlies in den Schlaf geweint hatte. Er erinnerte sich daran, weil es ihn gestört hatte. Ihre Welt war ergraut, doch damals hatte es ihn nicht gekümmert. Er hatte ihr befohlen, sich um den Haushalt zu kümmern und alles sauber zu halten. Darüber hinaus hatte er ihr kaum Beachtung geschenkt und sie wie einen Hund behandelt. Er hatte sie gar nicht oft genug herabwürdigen und mit seinem falschen Kichern aus einer dunklen Ecke heraus erschrecken können. Belle war immer wieder bereit gewesen, sich aufzurichten und ihm zu vergeben. Sie hatte nicht gewusst, dass die gemeinsame in seinem Schloss verbrachte Zeit eine Offenbarung für ihn gewesen war. Am Rande der Schikane, um ihr seine Macht zu demonstrieren … Musste er sie deshalb jedes Mal, wenn er geglaubt hatte, er hätte sie für sich gewonnen, wieder verlieren?
„Belle. Belle, wach auf, es gibt etwas, das ich dir sagen muss." Wenn er seine Fehler wiedergutmachen wollte, musste er sich beweisen. Seine Zunge klebte ihm am Gaumen, entsprechend schwer war seine Stimme, als er sie weckte.
Er fand sich in einer flüchtigen Umarmung wieder. Für den Moment war sie real. Sie war hier bei ihm in Storybrooke und hieß ihn willkommen.
Seine Lippen bebten als er versuchte sie anzusprechen, während das Biest in ihm heuchlerisch über sie wisperte, sodass er nicht wusste, was er sagen sollte. Du brauchst sie nicht ...
Ich werde sie heiraten.
„Belle, wir müssen uns unterhalten."
„Zuerst küsst du mich, dann können wir reden."
Es war eins, ihr zu widerstehen, wenn sie enttäuscht von ihm war, aber wenn sie ihn schelmisch lockte, war es schier unmöglich.
„Nein, Belle. Nein."
Genau das war sein Problem, denn sie akzeptierte kein einfaches Nein von ihm. Als wüsste sie nicht, was sie ihm antat! Ihre Augen waren so anziehend und verspielt. So unschuldig. Sie würde nie den Widerwillen und den Ekel verspüren, den die anderen bei seinem Anblick empfanden. Sie strahlte selbst dann vor Demut und Dankbarkeit, wenn er in seiner Unvollkommenheit Fehler machte, die unverzeihlich waren. Fehler, wie sie zu heiraten.
Was für eine süßliche Melancholie. Belle hatte lange versucht, sein Wesen zu entziffern – und sei es nur drum gewesen, ihre Neugier zu befriedigen. Was kümmerte es ihn noch? Dies war noch nicht das Ende, denn seine Liebe zu ihr war bereit, Grenzen zu sprengen. Sie war tief und echt, die stärkste erdenkliche Emotion von allem. Doch konnte sie auch der Dunkelheit seiner Magie trotzen, die den Kern seines Herzens vergiftet hatte? Was wäre, wenn er nicht beides haben konnte? Wenn er nicht fähig war, ein Gleichgewicht herzustellen, das eine haltbare Illusion vom Glück zu erzeugen vermochte, was nutze ihm dann seine Magie?
Die Gewissheit, dass so viel Verderben in ihm steckte, war nicht neu. Er hatte einen Punkt erreicht, an dem er schon einmal gestanden hatte. Immer wieder war er seine Möglichkeiten durchgegangen, und wenn dieser Schmerz nicht gewesen wäre, hätte er sich ihr längst ergeben. Er hätte sich ihr ausgehändigt, frei von dem zerstörerischen Gedankengut des Versagens, mit dem er so tief verwurzelt war. Die Angst überschattete alles, und er wollte Belle nicht schon wieder enttäuschen. Je weiter sie sich voneinander entfernten, desto größer wurde sein Verlangen nach ihr. Ihre Liebe offenbarte eine grausame Wahrheit: Sie gehörten zusammen, waren jedoch dazu verdammt, sich immer wieder zu verlieren. Ihre Liebe würde nie einfach sein. Belle hatte eine Macht über ihn, zu stark um sie zu verstehen. Wie viel seine Magie auch zerstört hatte, er kam nicht los von ihr. Im Gegensatz zu Rumpelstilzchen war Mr Gold ein stolzer Mann, dessen Egoismus seine größte Schwäche verkörperte. Er hatte Angst davor, dass seine Fähigkeit zu lieben nicht ausreichte, um Belle zu halten. Das Wunder ihrer Güte und ihres ewigen Vertrauens war zu seinem Anker geworden. Sie war nicht die Frau, die sich leichtfertig in eine Sache stürzte. Sie kümmerte und sorgte sich. Sie war jemand, auf den man sich verlassen konnte. Sie ragte unter allen anderen heraus, ein unübertroffenes Beispiel an Güte und Warmherzigkeit. So wie damals, als sie zu ihm ins Schloss zurückgekommen war. Ein Gefühl hatte ihm vom Beginn an gesagt, das sie besonders war. Aber Gefühlen konnte man bekanntlich nicht trauen, er schon gleich zweimal nicht. Anstatt fortzugehen und ihn im Stich zu lassen hatte sie Wort gehalten: „Für immer." Sie hatte ihm neue Hoffnung gegeben. Ein Licht, das der Dunkelheit trotzte, der er sich untergeordnet hatte, um bei Bae sein zu können.
Trotz seiner aufopferungsvollen Bemühungen war es ihm nicht gelungen.
Inzwischen lag alles hinter ihnen. Bae hatte ihm scheinbar verziehen. Das Schicksal hatte sie kurz vereint und wieder voneinander getrennt, wie so oft ihn und Belle. Baes Tod war zum eigentlichen Auslöser für eine Veränderung in seinem Leben geworden. Der Grund, warum er überhaupt erst angefangen hatte, über eine Heirat nachzudenken. Er wollte seinen Sohn in Ehren halten und neu anfangen. Bae hätte es gewollt, und was Bae wollte, sollte er postum bekommen.
Für den Moment lag die Zukunft vor ihm. Er war ein Verlierer, und Belle brauchte Sicherheit, einen Bund, der ihre Liebe besiegelte. Nicht ohne Preis. Er würde nicht in der Lage sein, sich selbst aufzuhalten. Er war an den Dolch gebunden und nicht vorbereitet auf diese Herausforderung. Ein Mann mit seiner Macht, der machtlos vor seinen Gegnern stand. Nicht einmal in seinen kühnsten Träumen konnte er alles haben, eine Frau, ein Kind, eine Familie. Auf dem Namen Rumpelstilzchen lastete ein Fluch ... Belles Leben war in Gefahr. Die Frau des Dunklen wäre immer von Schatten umgeben. Er würde alles ruinieren wie zuvor, und wie auch sein Vater es schon getan hatte. Seine Bestimmung, dem Dolch zu dienen, war die einzig wahre in seinem Leben. Er war dafür gestorben und zurückgeholt worden. Aber die Liebe machte ihn blind.
Es war noch Zeit – das sagte er sich jedenfalls. Vielleicht würde er einen Weg finden, mit dem er Hades ausspielen konnte, um das Leben ihres gemeinsamen Kindes zu retten. Denn dass sie diesen Schritt wagen würden, stand außer Frage. Niemand durfte ihre Liebe anzweifeln. Niemand würde ihn je aufhalten können, solange noch ein Funken Leben in ihm steckte.
Der Durst nach mehr Macht, unendlicher Macht, stand auch jetzt Wache vor jeder Tür und jedem Tor. Kein Schlupfloch konnte ihm entgehen. Er musste nur die Hand danach ausstrecken und sie auffangen, um darin zu zergehen. Gierig, zerfressen. War er so geblendet, dass es ihm nicht möglich war, die Gefahr zu erkennen? Er badete in seinem Hunger nach Macht und sah nicht die Steine, die vor ihm auf dem Weg lagen. Er schob die dunklen Vorboten beiseite, um im Hier und Jetzt zu leben, um die Hochzeit mit seiner wunderschönen jungen Braut zu feiern. Ganz im Stillen, ohne Gefolge.
Als Belle von ihrem trotteligen Vater begleitet zu ihm kam, hatte er Tränen in den Augen. Sie strahlte heller als jede verzauberte Kerze und jeder am Himmel funkelnde Stern. Das Arrangement im Wald war perfekt, ein Stück Vollkommenheit in einer zerbrechlichen Welt, die jeden Moment zu explodieren drohte. Er hoffte, obwohl es kaum Hoffnung gab, dass sich alles zum Guten wenden würde. Sie würde ihn nicht aufgeben. Sie würde sich mit ihm an ihrer Seite zufrieden geben. Mit all seinen Fehlern und Ängsten. Alles, was vor ihnen lag, würden sie zusammen durchstehen. Er musste es nur akzeptieren.
Als er in jener Nacht von ihrem Körper Besitz ergriff, war sie bereit für ihn, als hätte sie ihr ganzes Leben nur auf diesen Moment gewartet. Ihre Augen waren voller Vertrauen, voller Liebe. Es war wie tiefe Magie, ein unumstrittenes Ja zu ihm und seiner im Dunkeln lauernden Natur. Er wusste, wie sehr sie ihn bewunderte – das hatte sie immer getan – und fragte nicht mehr nach dem Warum. Sie war da. Sie war alles, was jetzt zählte. Sein Licht, das ihn aus der Dunkelheit führte, hinweg über den Verlust Baes. Er hörte auf zu denken, als sie unter ihm lag, und sie teilten die wunderbarste Nacht. Erlöst zog er sie an sich und hielt sie in seinen Armen. Er konnte ihr Herz schlagen hören, doch sein eigenes schlug nicht minder stark. Zwar spürte er nicht wie die Sterblichen die übliche Erschöpfung nach dieser Liebesnacht, doch war ihm recht seltsam zumute. Die Liebe machte jeden schwach, sogar ein brutales Biest.
Er schlief nicht. Sogar jetzt, in den glühenden Wehen ihrer vollzogenen Liebe schwelgte er in der Wehmut seiner Angst. Belle, liebste Belle. War es das, worauf sie gewartet hatten? Wenn er gewusst hätte, dass es so unbeschreiblich werden würde, hätte er dann so lange gezögert? Jahr und Tag waren vergangen, freudlos, frei vom Glück. Jetzt hatte er sie und es hätte nicht besser sein können. Weder hier in Storybrooke noch in einem anderen Land. Er musste sie ansehen, ihre Schönheit in seinem Geist verankern. Ihre vom Schweiß bedeckte Haut glitzerte im Licht des Mondes, und er konnte sich nicht sattsehen daran. Sie war vollkommen. Die Illusion vom Glück gehörte ihm.
Nach einer Weile stand er auf. Trunken vor Liebe schlich er sich davon und ging in seinen Laden. Er musste seinen Kopf freimachen, die Augen offenhalten. Es gab viel zu tun: Storybrooke wirkte vielleicht wie eine verschlafene Kleinstadt, aber das war sie nicht. Nichts war hier sicher. Niemand konnte wissen, was der Morgen bringen würde.
