Chapter 1

Die wenigen Meter bis zum Waldrand erwiesen sich – dank der schier mörderischen Kopfschmerzen, die ihm noch dazu eine eigenartige Übelkeit verursachten – als erstaunlich anstrengend. Diese kleine, überschaubare Ansammlung von Bäumen „Wald" zu nennen schien übertrieben, aber sie gewährten zumindest ein Mindestmaß an Schatten und Schutz. Seufzend ließ sich Horatio unter einem etwas größeren Exemplar Baum nieder, versuchte, sich an die Geschehnisse der letzten Nacht zu erinnern und möglichst nicht in Panik zu geraten, wenn er darüber nachdachte, warum zum Teufel er alleine hier war.

Langsam erinnerte er sich daran, dass sie gestern in einen schlimmen Sturm geraten waren. Einige Besatzungsmitglieder waren über Bord gespült worden, ein paar von ihnen konnten gerettet werden, andere blieben verschwunden. Solche Dinge geschahen, es kam zwangsweise immer wieder vor, wenn man auf See war. Doch dann war Miss Pellew über Bord gegangen und er war ihr ohne zu zögern in die stürmischen Fluten nachgesprungen, jedoch ohne sie zu finden.

Der Gedanke an die Tochter des Admirals verursachte ihm weitaus größere Kopfschmerzen als er ohnehin schon hatte. Er allein war für sie verantwortlich gewesen, er allein hatte dafür Sorge zu tragen, dass die junge Frau wohlbehalten in Nassau ankommen würde. Und er hatte sie verloren.

Horatio rieb sich verzweifelt über die Augen. An dem gestern nacht plötzlich mit Urgewalt einsetzenden Tropensturm, der ihn letztendlich hier an diese verlassene Küste angespült hatte, traf ihn natürlich keine Schuld – aber das war egal. Er hatte seine Pflicht nicht erfüllt, Miss Pellew war ihm abhanden gekommen. Es war auch irrelevant, dass die junge Frau während des Sturms nichts an Deck zu suchen gehabt und seine Warnungen und Befehle ignoriert hatte. Er war schuld, er hatte jämmerlich versagt.

Horatio konnte sich lange Zeit nicht aufraffen, aufzustehen um die Gegend zu erkunden und hing fürs erste seinen trüben Gedanken nach. Eigentlich könnte er sich gleich wieder ins Meer stürzen, dachte er niedergeschlagen. Lieber wäre er tot, als dass er seinem Admiral gegenübertreten und ihm die Nachricht vom Verlust und möglicherweise Tod seiner einzigen Tochter überbringen würde. Diese Schande, das Wissen um seine Unfähigkeit, die junge Frau zu beschützen, würde er nicht ertragen.

Horatio seufzte tief, als er an die vergangenen Tage dachte. Er hatte von seinem Admiral, Sir Edward Pellew, Vater der jungen Dame, den Auftrag bekommen, sie mit einem Prisenschiff, das sie im karibischen Meer aufgebracht hatten, nach Nassau zu bringen. Dort würde sie auf die Indefatigable treffen, um mit ihr nach England zurückzukehren. Die Fahrt nach Nassau war normalerweise in wenigen Tagen zu bewältigen, und da das Prisenschiff relativ klein war, auch mit reduzierter Mannschaft gut manövrierbar. Alles in allem nicht das geringste Problem.

Wenn man einmal davon absah, dass Frauen an Bord eines Schiffes nahezu immer für Unruhe sorgten. Miss Elizabeth Pellew war keine Ausnahme. Vor nicht ganz einer Woche an Bord gekommen, hatte ihre Anwesenheit vom ersten Moment an das gewohnte Leben der Männer auf den Kopf gestellt. Jung, hübsch und aufgeschlossen wie sie war, erregte sie selbstverständlich sofort die Aufmerksamkeit der Seeleute, die an solche reizenden Anblicke an Bord eines Schiffes nicht unbedingt gewohnt waren.

Selbstverständlich war auch Lieutenant Hornblower durchaus empfänglich für die weiblichen Reize ihres Gastes – er war schließlich weder ein Heiliger noch ein Mönch im Zölibat. Doch in erster Linie war er pflichtbewusst und darüberhinaus ein Gentleman, und so stand völlig außer Zweifel, dass Miss Pellew etwas an Bord zu befürchten hatte. Sie stand unter seinem persönlichen Schutz.

Dass Miss Betsy, wie sie von aller Welt gerufen wurde, ihm während dieser paar Tage gehörig auf der Nase herumgetanzt, die Ordnung an Bord durcheinander und ihn mehr als einmal an den Rand der Verzweiflung gebracht hatte, verdrängte er im Augenblick. Mit Freuden hätte er jetzt ihren ausgeprägten Sinn für Schabernack, ihre Impertinenz ertragen, hätte sie nicht dafür getadelt, wenn sie ihm vor versammelter Mannschaft Widerworte gab oder auch nur eine einzige Bemerkung darüber gemacht, wenn sie wieder einmal versuchte, in die Takelage zu klettern. Wenn er im Gegenzug nur gewusst hätte, wo sie war, ob sie sich vielleicht doch hatte retten können. Wenn er nur die Gewissheit hätte, dass sie in Sicherheit war! Verdammt!

Horatio schloss müde die Augen und lehnte sich an den Baumstamm. Eigentlich hätte er sich schon längst aufmachen sollen, um seine Umgebung zu erkunden, doch er hatte einfach keine Energie dazu. Er konnte an nichts anderes denken als an die Schande, die er über sich selbst gebracht hatte. Wie sollte er Admiral Pellew bloß jemals gegenübertreten? Wie sollte er es fertigbringen, ihm zu sagen, dass Miss Betsy, sein Augenstern, seine einzige, über alles geliebte Tochter, nicht mehr war? Dass er, Horatio Hornblower, jämmerlich versagt, seine Pflicht nicht erfüllt hatte? Es war schier unerträglich.

Miss Betsy. Horatios Gedanken wanderten zurück an Bord des kleinen Prisenschiffs. Sie hatten Zuckerrohr geladen, welches sie in Nassau veräußern wollten, bevor alle mit der Indefatigable nach England heimreisen würden. Nach Hause... nach so vielen Monaten auf See... Miss Betsy hatte sie alle in Atem gehalten, keine Frage. Wie ein frischer Wind war sie über sie gekommen. Gewiss, sie war meist anstrengend und forderte es immer wieder heraus, dass er streng mit ihr sein musste, doch mit ihrem fröhlichen Wesen und weiblichem Charme verstand sie es schnell, alle um den kleinen Finger zu wickeln. Ihn eingeschlossen, auch wenn er das niemals zugegeben hätte und immer den gestrengen Captain ihr gegenüber herauskehrte. Er konnte sich schlecht vor seiner Mannschaft zum Narren halten lassen!

Horatio seufzte, als er an die ganzen Missetaten dachte, die Miss Betsy im Verlauf nur weniger Tage angestellt hatte. Ihre erste „Amtshandlung" war gewesen, den dicken, grauen Schiffskater höchst offiziell auf den Namen „Horry" zu taufen – sehr zum Amüsement der Männer. Keiner von ihnen hätte in Horatios Beisein eine Bemerkung dazu gemacht oder gar darüber gelacht, doch Horatio entging natürlich nicht das amüsierte Schmunzeln, wenn sie glaubten, er bemerke es nicht. Er hasste diese „Verniedlichung" seines Namens aus tiefstem Herzen und verbat sich vehement dessen Verwendung für den alten Rattenfänger. Miss Betsy spielte die Zerknirschte und versprach ihm alles, doch das Kind war natürlich bereits in den Brunnen gefallen und der Kater behielt seinen Namen – wenn auch „inoffiziell".

Horatio hatte sich nach besten Kräften bemüht, ihre Impertinenz, ihre Possen und spontanen Einfälle so weit es ging zu ignorieren oder zumindest zu tolerieren, doch es war nahezu ein Ding der Unmöglichkeit und zehrte immer wieder an seinen Nerven. Weitgehend harmlos, wenn auch manchmal etwas anstrengend war es, wenn sie ihn zu allem und jedem Löcher in den Bauch fragte, doch insgeheim fand er ihr aufrichtiges Interesse an der Seefahrt eher liebenswert und bemühte sich sogar ernsthaft, ihr zufriedenstellend Auskunft zu geben.

Über ihre Neigung, ohne Hut und ungeschützt vor Wind und Wetter auf einem Stoß aufgewickelter Taue an Deck zu sitzen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen (im übertragenen Sinne), konnte er jedoch nur missmutig die Stirn runzeln. Das war kein Benehmen für eine junge Dame, was würde der Admiral sagen, wenn er seine Tochter wiedersah – gebräunt wie eine Eingeborene!

Aber auch dagegen fand er kein Mittel. Miss Betsy lachte bloß über seine Befürchtungen, dass sie einer jungen, wohlerzogenen Dame wohl keine Ehre machen würde, wenn sie so weitermachte. Genauso schockierend war seine Entdeckung, dass sie sich von einigen Mitgliedern der Mannschaft die derbsten Flüche und Schimpfwörter in mehreren Sprachen hatte beibringen lassen, die sie später mit Vorliebe in seiner Gegenwart ausprobierte, nur um sich über seinen ungläubigen Gesichtsausdruck zu amüsieren.

Sein Mitleid ihr gegenüber hielt sich jedoch in engen Grenzen, als sie eines Tages unbedingt ausprobieren musste, wie Rum schmeckte und daraufhin für mehrere Stunden außer Gefecht gesetzt worden war. Die Ruhe während der Zeit ihrer Unpässlichkeit war wundervoll und sehr erholsam gewesen. Horatio hatte ernsthaft überlegt, ob er ihr nicht jeden Tag eine doppelte Ration zwangsverabreichen sollte, doch Miss Betsy war danach von Alkoholexzessen jeglicher Art gründlich kuriert gewesen.

Dass er eines nachts über sie gestolpert war, weil sie unbedingt die sternenklare Vollmondnacht an Deck genießen wollte und ihn dabei zu Tode erschreckt hatte, war bloß eine weitere Tollheit von ihr gewesen. Doch richtig böse war er nur einmal geworden, nämlich als sie versucht hatte, in die Takelage zu klettern, um Styles auf dem Ausguck zu besuchen. Entsetzt und vor lauter Angst, dass sie abstürzen und ins Meer fallen könnte völlig außer sich, war er ihr nachgestiegen – seine eigene Höhenangst in diesem Moment vergessend – und hatte sie unter einer Standpauke, die sich gewaschen hatte, aufs Deck zurückgeholt. Sie hatte immerhin den Anstand gehabt, seine Ängste nicht wie sonst mit einem unbekümmerten Lachen abzutun und hoch und heilig versprochen, Ausflüge solcher Art in Zukunft zu unterlassen.

Horatio sagte sich immer wieder, dass es nur noch wenige Tage waren bis Nassau – es war bald geschafft, und wenn Miss Betsy natürlich auch später auf der Indefatigable mit zurück nach England fahren würde – unter den strengen Augen ihres Vaters würde sie solch impertinentes Benehmen sicherlich nicht wagen. Das hoffte er zumindest. Es stand jedoch zu befürchten, dass der Admiral seiner wilden Tochter vieles durchgehen lassen würde.

Und jetzt war es müßig, darüber nachzudenken. Mit Freuden hätte Horatio ihr erlaubt, alle Katzen und von ihm aus noch dazu alle Ratten an Bord Horry zu taufen, er hätte geduldig alle ihre Fragen beantwortet, ohne ihr manchmal das Gefühl zu geben, eine Nervensäge zu sein, er hätte sie höchstpersönlich auf den Ausguck begleitet, egal wie hoch dieser war und ihr mit Vergnügen noch ein paar andere Flüche beigebracht. Wenn sie doch nur bloß wieder hier wäre. Wenn er den gestrigen Abend hätte ungeschehen machen können. Wenn...ja wenn... Aber all das lag nicht in seiner Macht.

Während Lieutenant Horatio Hornblower sich noch überlegte, ob er auf den Baum klettern und sich in die Tiefe stürzen oder lieber gleich im Meer ertränken sollte, kamen durch das kleine Wäldchen zögernd leise Schritte näher, die rasch schneller wurden, als die dazugehörigen Person den jungen Mann entdeckte, der dort unter dem Baum saß und seinen trüben Gedanken nachhing.