Hallo, hier kommt auch schon das zweite Kapitel. Oder besser gesagt, das erste richtige Kapitel.
Viel Spaß beim Lesen!
5-6 Wochen später
Sie rannte so schnell sie konnte.
Dem Mond gelang es nur schwer, sein Licht durch die Baumkronen hindurch bis zum Boden zu werfen, obwohl in ein paar Nächten Vollmond sein würde. Soweit das Auge reichte, waren Bäume zu sehen. Es war mucksmäuschenstill, als würden alle Tiere des Waldes gespannt die Luft anhalten und abwarten, was da wohl passierte. Nichts regte sich, rein gar nichts, bis auf die junge Frau, die heftig keuchend durch die Dunkelheit lief.
Sie sah kaum etwas, immer nur wenige Schritte vor sich und auch nicht sonderlich deutlich, immer wieder taumelte sie, wenn sich ihr ein unerwarteter Ast in den Weg legte oder eine plötzliche Senke im Boden auftat. Zweimal war sie bereits gestürzt und die Knie ihrer hellen Jeans waren mit brauner Erde befleckt, ebenso wie ihre Hände. Ihr dunkelbraunes Haar wehte hinter ihr her, ein paar kleinere Ästchen hingen darin, und immer wieder warf sie hektische Blicke hinter sich.
Ihr Herz raste und ihre Lunge brannte, doch sie konnte nicht stehen bleiben, wenn es sein musste, würde sie die ganze Nacht weiterlaufen. Sie wollte weg, einfach nur weg! In ihrem Kopf drehten sich immer noch die Ereignisse der letzten Viertelstunde im Kreis. Wie konnte das alles passieren? Wie war sie da nur hineingeraten? Und warum erwiesen sich all diese Absurditäten nicht einfach als böser Albtraum?
Doch jetzt hatte sie keine Zeit zum Denken. Den Blick konzentriert nach vorne gerichtet hastete sie weiter, sie musste von hier weg. Sie musste Menschen finden, normale Menschen, die ihr helfen würden. Doch wo genau war dieser Wald überhaupt? Gab es hier überhaupt noch andere Menschen?
Dann hörte sie es. Ein lautes Knacken. Es klang näher, er holte auf.
Ihre Angst steigerte sich noch und zwang ihre Beine zu noch schnelleren Schritten. Schweiß stand ihr auf der Stirn und rann ihr in die Augen. Keuchend hetzte sie weiter, hangelte sich zwischen den dicht stehenden Bäumen hindurch und rannte, rannte, rannte.
„Ryanna! Ryanna bitte bleib stehen! Ich… ich kann es dir erklären. Bitte!"
Seine Stimme klang abgehackt, auch er hastete immer weiter, ihr nach.
Sie biss die Zähne zusammen. Es war seine Stimme, sie klang so flehend, so besorgt, so… entschuldigend. Sie hatte geglaubt, ihn zu kennen, und doch war er so ganz anders.
Wie konnte jemand mit so einer Stimme nur so… abnorm sein?
„Verschwinde du Monster! Lass mich in Frieden!"
„Ich tu dir doch nichts, Ryanna, das könnte ich nicht, niemals. Bleib doch bitte stehen, du wirst dich verlaufen." Eine kurze abgehackte Pause und wieder ein knackender Ast. „Ryanna, bitte, ich… AAAAHHHHH!"
Mit einem Mal zerriss ein markerschütternder Schrei die Stille des Waldes. Es klang soviel Schmerz, Überraschung und Qual aus diesem einen Laut, dass der Wald selbst die Luft anzuhalten schien. Nicht mal mehr das leise Rascheln der Blätter war zu hören.
Ryannas Schritte wurden kürzer und schließlich hielt sie ganz an, lehnte sich an einen Baumstamm und schnappte keuchend nach Luft. Erst jetzt bemerkte sie, dass diese Aprilnacht trotz der letzten milden Tage doch recht kühl war und sie fror in ihrem orangen T-Shirt.
Doch ihre Gänsehaut rührte nicht nur von der Kälte, der Schrei war ihr durch Mark und Bein gegangen. Das war nicht gespielt gewesen, um sie zu täuschen. Sowas konnte niemand spielen. Dieser Schrei war echt und damit auch der Schmerz, der ihn verursacht haben musste.
Eine eisige Hand schien sich um ihr Herz zu klammern und langsam zuzudrücken.
Was war ihm passiert?
Plötzlich bemerkte sie, wie still es um sie herum war und die Dunkelheit zwischen den Bäumen schien auf einmal viel dunkler und undurchdringlicher als gerade eben noch. Nervös rieb sie ihre dreckigen Hände an ihrer Jeans.
Wieso hörte sie nichts mehr von ihm?
Ängstlich schlang sie ihre Arme um ihren Oberkörper und biss sich auf die Lippe, bis ihr wieder alles einfiel und sie sich über ihre Furcht ärgerte. Schnaubend stieß sie sich vom Baum ab. Es war sicher nichts passiert, was er nicht auch selbst lösen konnte! Er musste doch sicher nur einmal mit diesem Holzding wedeln.
Das war ihre Chance! Jetzt konnte sie fliehen, er würde sie nie wieder finden.
Doch ihre Beine wollten sich keinen Millimeter bewegen. Wieder wandte sich ihr Kopf in die Richtung, aus der sein Schrei gekommen war.
Und wenn er nun doch nichts tun konnte?
Was solltest du dann schon ausrichten können? fragte diese gehässige Stimme in ihr zurück.
Ihr Magen krampfte sich zusammen und ihre Hände begannen zu zittern. Verdammt, was sollte sie jetzt tun?
Unsicher stand sie immer noch auf demselben Fleck wie zuvor und starrten in die dunkle Nacht. Schließlich fand sie ihre Stimme wieder, sie bebte vor Angst, vor Ungewissheit… vor Sorge.
„Remus?"
Nichts tat sich.
„Remus? Ist… ist alles in Ordnung?"
Wieder keine Antwort. Aber sie hörte ganz leise eine Art Rasseln. Wo kam das her? Und was war das für ein Geräusch?
Unruhig verlagerte sie ihr Gewicht von einem Bein aufs andere. An Weglaufen dachte sie schon lange nicht mehr, doch war sie immer noch unentschlossen. Einmal tief durchatmend machte sie einen Schritt nach vorn und bald bewegten sich ihre Beine schneller und ihr Blick huschte durch die Dunkelheit. Die gehässige Stimme hatte sie ausgeblendet, sie war jetzt nicht wichtig, nicht jetzt. Im Moment zählte Remus und ob es ihm gut ging. Weglaufen konnte sie auch später noch.
Vorsichtig lief sie den Weg zurück, den sie gekommen war und hielt die Augen offen, irgendwo hier musste er sein.
„Remus? Sag doch was? Wo bist du?"
Langsam stieg ihre Sorge immer mehr. Wieso antwortete er nicht?
„Remus?"
Ein leises Stöhnen erklang, dicht gefolgt von einem schwachen „Hier.".
Als sie das hörte, rann es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Sie hatte ihn schon mal erlebt, als er richtig fertig war, doch noch nie hatte sich seine Stimme so dünn, so gepresst und so voller Schmerz angehört.
Hektisch eilte sie in die Richtung weiter, aus der seine Stimme gekommen war, über eine kleine Anhöhe und um eine dicht stehende Baumgruppe herum…
„Remus! Gott sei Dank, was…" Als sie genauer sah, was das spärliche Mondlicht ihr preisgab, stockte ihr der Atem, sie konnte nur noch die Hände vor den Mund schlagen und entsetzt die Augen aufreißen. „Oh mein Gott, oh mein Gott. Remus…" hauchte sie, während sie sich schnell an seiner Seite zu Boden sinken ließ.
Er lag auf dem Rücken, trug immer noch die dunkelblaue Jeans und das simple weiße T-Shirt, welche sie so sexy an ihm fand; beides war jetzt mit Erde beschmiert, ebenso wie seine Unterarme. Sein Gesicht war angespannt, sein Mund schmerzverzerrt, seine Augen zusammengekniffen. Und ein Stück weiter unten war auch der Grund dafür sichtbar: sein linker Fuß – nur mit Socken bekleidet, er hatte sich nicht mal mehr Schuhe übergestreift, um ihr nachzulaufen – steckte in der eisernen Umklammerung einer alten Tierfalle, die für Wölfe, Füchse und auch Bären verwendet wurde. Unbarmherzig hatten sich die metallenen Zacken durch die Jeans hindurch in sein Fleisch gegraben, von der Kraft einer äußerst starken Feder hineingepresst.
Sie griff nach seiner Hand, es tat ihr in der Seele weh, ihn so leiden zu sehen.
Seine Augen öffneten sich, es lag soviel Schmerz in ihnen und doch auch ein kleiner Funken Freude darüber, dass sie hier war, dass sie nicht einfach weitergelaufen war.
„Ryanna…"
„Remus… es tut mir so leid… ich wollte nicht… ich hätte zuerst… ich… kann ich irgendwas tun?" Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, stammelte unzusammenhängend, bis sie sich auf das hier und jetzt konzentrierte. Alles andere konnten sie auch später noch klären, jetzt im Moment war wichtig, dass er aus diesem Ding raus- und dann schnell zu einem Arzt kam.
Gab es hier in der Nähe einen Arzt?
Und wie sollte sie da hinkommen? Remus hatte weder Auto noch Fahrrad?
Sie konnte den Arzt nicht mal informieren, schließlich besaß Remus kein Telefon.
Panik stieg in ihr auf, doch als sie seine Stimme hörte, kämpfte sie diese mühsam zurück in ihre Schranken und besann sich auf seine Worte.
„Mein… Zauberstab… ich hab ihn verloren… er müsste irgendwo dort drüben liegen… kannst du ihn finden?"
Seine Worte – und seien sie auch noch so schwach und mühsam beherrscht – katapultierten sie in Windeseile zurück in die Wirklichkeit. Da war es wieder. Dieses ‚Zeug'.
Sie riss sich zusammen und nickte. Flink sprang sie auf und suchte dort, wo er hingedeutet hatte, den Boden ab. Tastete mit ihren Händen umher, doch da waren nur krumme und raue Äste, Erde, kleine Steinchen, ein paar Blätter und Nadeln, aber kein glattes Stück Holz wie jenes, das sie kurz zuvor in der Hütte gesehen hatte.
Einerseits irgendwie erleichtert, dass sie ihn nicht gefunden hatte, und dieses Ding aus einer anderen Welt nicht hatte anfassen und damit real werden lassen müssen, und andererseits besorgt, kehrte sie an seine Seite zurück. Hätte er sich mit diesem Ding befreien können? Vielleicht sogar heilen?
„Ich kann ihn nicht finden. Es ist zu dunkel und da liegt zuviel herum, ich…" Sie war unsicher und hatte Angst und deshalb geriet sie leicht ins Plappern.
„Schon gut." unterbrach Remus sie. Er griff nach ihrer Hand und drückte sie leicht. Seine Haut war ganz kalt und feucht. Und plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Er war genauso gerannt wie sie, er hatte geschwitzt und lag jetzt in diesen dünnen Klamotten auf dem kalten Boden herum.
Sie sah ihn an und er blickte ernst zurück. Seine Augen verschleiert vom Schmerz.
„Ryanna, du musst dieses Ding aufdrücken, damit ich meinen Fuß rausziehen kann, hörst du?"
Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Was sagte er da? Was verlangte er da von ihr?
„Das… das kann ich nicht…" stotterte sie.
„Natürlich kannst du das, Ryanna. Du bist stark… du schaffst das."
„Ich… vielleicht sollte ich Hilfe holen…"
„Hier gibt es niemanden… nur uns zwei."
Sie schluckte.
„Das Ding da ist fest im Boden verankert… ich krieg es nicht raus. Und es zerdrückt mir langsam das Bein." fügte er gepresst hinzu.
Ihre Hände zitterten, aber sie nickte. Sie würde es tun, was blieb ihr auch übrig sonst? Remus hier im Wald liegen zu lassen und völlig umsonst nach Hilfe suchen? Zulassen, dass ihm die Bärenfalle den Fuß abriss? Zusehen, wie er am Ende erfror oder verblutete?
Nein, das konnte sie nicht.
Vorsichtig rutschte sie zu seinem verletzten Bein hinüber und nahm den Mechanismus der Falle unter die Lupe. Sie musste die zwei gezähnten Hälften auseinanderdrücken, dann würde Remus sich befreien können. Ganz langsam und behutsam fasste sie nach einer der Hälften, doch kaum kam sie auch nur in die Nähe seines Beines, da zuckte Remus auch schon zusammen und stöhnte schmerzhaft auf.
„Schon… gut… mach einfach… weiter…" keuchte er.
Anfangs etwas zittrig und jedes Mal selber innerlich zusammenzuckend, wenn sie ihn stöhnen hörte oder spürte, wie sich vor Schmerz sein ganzer Körper zusammenkrampfte, griff sie nach den zwei Hälften und zog sie mit aller Kraft aus Remus' geschundenem Bein hervor. Ihre Muskeln bebten vor Anstrengung und sie musste umgreifen, um genug Kraft aufwenden zu können. Vorsichtig schob sie ihre Hände an dem Metall entlang, bis sie jetzt von innen dagegendrücken konnte.
„Jetzt… schnell…" diesmal war sie es, die keuchte.
Sein Bein bewegte sich ganz leicht, dann sackte es wieder zurück in seine Ausgangsposition. Ein Seitenblick sagte ihr, dass er zitterte und ihm glänzende Schweißperlen auf der Stirn standen.
„Remus?" Ihre Stimme klang nur halb so besorgt, wie sie sich fühlte.
„Einen Moment… ich…" Mehr brachte er nicht zustande.
Sie sah ihm an, dass er starke Schmerzen hatte. Es musste höllisch sein, dieses verletzte Bein mit den zerrissenen Muskeln und Sehnen anzuheben und auch noch zu bewegen. Da bemerkte sie, dass sich seine Jeans knapp über dem Knöchel, an der Stelle der Verletzung, ziemlich schnell dunkler färbte.
Verdammt.
Wieder spürte sie das Zittern in ihren Muskeln, sie musste das Metall anderes fassen. Doch kaum bewegte sie ihre Hand, rutschte sie am vom Blut feuchten Eisen ab und ehe sie etwas tun konnte, schnappte die Falle erneut zu und zerquetschte Remus' Bein an derselben Stelle noch einmal.
Der Schmerzensschrei, der diesmal folgte, war sogar noch schlimmer als der vorherige, er klang soviel gequälter, seine Stimme war heiser und er verklang in einem erschöpften Röcheln. Doch noch bevor der Schrei die Nacht zerriss, hörte sie das unmissverständliche Knirschen brechender Knochen.
Erschrocken sprang sie zurück und drückte sich die Hände auf den Mund um nicht zu schreien. Stolpernd eilte sie zu ihm und fiel neben seinem Kopf zu Boden.
„Es tut mir so leid, ich… das wollte ich nicht, wirklich… es war so rutschig, es ist mir ausgekommen… oh mein Gott, sag doch was… Remus?"
Aber seine Augenlider blieben geschlossen. Hier im Mondlicht sah er furchtbar blass aus und als sie eine Hand hob, um ihm über die Stirn zu streicheln, bemerkte sie, dass diese kalt und feucht war. Sein Atem ging oberflächlich und keuchend, sein Gesicht war zu einer Maske des Schmerzes verzerrt. Seine Hände krampften sich immer wieder zu Fäusten zusammen.
„Remus? Bitte sag doch was… Remus!"
Ihre Hände schienen inzwischen ein Eigenleben entwickelt zu haben. Unablässig strichen sie ihm übers Haar, streichelten sein Gesicht und hinterließen dabei braune Streifen von der Erde gemischt mit dunklem Blut, das an ihren Händen klebte, drückten seine Hände und rüttelten ihn leicht an den Schultern.
Ihre Brust schnürte sich zu, als sie ihn so sah. Und sie war daran schuld. Sie hatte nicht aufgepasst.
Er wird sterben, das wurde ihr mir einem Mal überdeutlich klar.
„Nein… nein…" stammelte sie ungehalten und sank auf seinen Brustkorb hinab, hielt sich an ihm fest. „Geh nicht, Remus. Bitte. Ich… ich liebe dich doch."
Die Worte hallten in ihrem Kopf nach. ‚Ich liebe dich doch'. Und auf einmal wurde ihr bewusst, dass sie es auch so meinte. Dieser Mann bedeutete ihr soviel. Es lag nicht nur daran, dass er sie gerettet hatte, dass er für sie gesorgt und sie bei sich aufgenommen hatte. Nein, sie liebte es, wenn er kurz nach dem Aufstehen noch so verschlafen dreinsah. Sie liebte die Geduld, mit der er an alle Dinge ranging, die er anpackte. Sie liebte das Glitzern in seinen Augen, wenn er mit diesem seltsamen Hund spielte, der ihm soviel bedeutete. Sie liebte sein Lächeln, die vorwitzige Haarsträhne, die ihm immer in die Augen fiel und wie er sie berührte, so zärtlich und einfühlsam.
Sie liebte ihn.
Egal, was da sonst noch war!
Er sagte, er sei ein Zauberer. Er hatte es sogar bewiesen und sie damit schrecklich geängstigt. Aber was änderte das schon. Er war trotzdem noch derselbe, immer noch Remus, der Mann, der sich in ihr Herz geschlichen hatte.
Es war ihr egal, was er war.
Hauptsache lebendig.
Was sie in die Realität zurückbrachte. Sie brauchte Hilfe, doch woher? Hier gab es niemanden. Es war aussichtslos und doch tat sie das, was wohl alle Menschen in ihrer Lage getan hätten, egal wie sinnlos es auch war. Sie schrie um Hilfe.
Schrill und drängend scholl ihre Stimme in die Dunkelheit hinaus, doch nichts tat sich.
Klar, er hatte gesagt, hier gab es niemanden sonst, nur sie und ihn. Und warum sollte er lügen?
'Er hat dich auch bisher belogen. Oder hat er dir gesagt, was er ist? Wer er ist?' Da war sie wieder, die gehässige Stimme.
'Er ist Remus! Einfach nur Remus. Mehr zählt nicht!' gab sie der Stimme patzig zurück.
Ein Blick zeigte ihr, dass es Remus schlechter ging. Er atmete jetzt hektischer und warf den Kopf hin und her, um das Metall der Falle herum bildete sich langsam eine Blutlache.
„HIIIIILFE! IST HIER JEMAND? HÖRT MICH JEMAND? HIIIILFE! BITTE!"
Ein leises Rascheln, das Knacken von kleinen Ästen und schnellen Schritten. Ihre Augen weiteten sich und ihr Herz schlug augenblicklich schneller.
„HIERHER. HIER SIND WIR! HIER DRÜBEN!"
Die Geräusche kamen näher und sie bemerkte, dass die Schritte seltsam klangen.
Im nächsten Augenblick schienen sie zwei glänzenden Augen aus der Dunkelheit heraus anzuspringen. Erschrocken schrie sie auf, bis sie Tatze erkannte, den großen, zottigen, schwarzen Streuner, der Remus besuchte, wenn es ihm passte und wieder verschwand, wenn er es für richtig hielt.
Erleichtert atmete Ryanna auf. „Tatze, hast du mich erschreckt. Ein Glück, dass du da bist. Tatze, lauf sofort los, hörst du? Hol Hilfe! Sofort, Remus ist…"
Weiter kam sie nicht. Im nächsten Augenblick veränderte sich die Gestalt des Hundes rasend schnell. Mit einem Aufschrei sprang sie zurück. Der Hundekörper wurde länger, die Gliedmaßen dicker und das Fell wurde zu Kleidung, bis schließlich ein großer, schlanker Mann in schwarzen Jeans und schwarzem Shirt vor ihr am Boden kniete. Sein schulterlanges, kohlrabenschwarzes Haar fiel ihm wirr ins Gesicht, als er sich über Remus beugte.
Sanft legte er seine Hand auf dessen Stirn. „Moony, hey, hörst du mich? Moony?" Doch er reagierte nicht. Sein Blick glitt an Remus entlang, bis er die Bärenfalle sah, dann wandte er sich Ryanna zu, doch sein Blick war nicht halb so furchteinflößend, wie sie gedacht hatte. Seine dunklen Augen sahen sie fragend an, voller Sorge und etwas, das sie nicht deuten konnte.
„Was ist passiert?" Er sprach leise, aber eindringlich; drängend, aber nicht unfreundlich.
Einen kurzen Augenblick konnte sie ihn nur anstarren. Gerade eben war er noch ein Hund gewesen, der Hund, der Remus die letzten Wochen immer wieder besucht hatte, und jetzt war er ein Mensch. Wie war das möglich? Wusste Remus davon?
'Natürlich weiß er es. Er ist doch genauso abnormal, oder? Wahrscheinlich ist dieser Hund auch ein Zauberer.'
Sie schüttelte kurz den Kopf. Solche Gedanken hatten jetzt nichts in ihrem Kopf zu suchen. Es galt Remus zu helfen und egal, wo dieser Mann herkam und was er war, er schien sich Sorgen zu machen und wenn er ein Zauberer war, dann konnte er sicher auch mehr für Remus tun als sie. Also riss sie sich am Riemen und begann erst stockend, dann immer schneller knapp zu erzählen.
„Er.. er hat mir alles erzählt… das war so unheimlich… da bin ich… nun ja, weggelaufen… er ist mir nach, dann hab ich plötzlich seinen Schrei gehört. Ich bin zurückgelaufen und da lag er am Boden mit dem Fuß in der Bärenfalle. Er hat seinen Zauberstab verloren und ich konnte ihn nicht finden. Ich hab versucht, die Falle aufzudrücken, damit er seinen Fuß rausziehen kann, aber er hat es vor Schmerz nicht geschafft, ihn zu bewegen und dann… dann…" Ihre Stimme zitterte. „Es war so glitschig, ich bin abgerutscht und… und die Falle hat noch mal zugeschnappt." Jetzt liefen ihr Tränen über die Wangen. „Es ist alles meine Schuld."
„Hey, nichts ist deine Schuld Ryanna. Er wusste, worauf er sich einließ und das hier ist ein Unfall. Du hast versucht ihm zu helfen. Niemand macht dir einen Vorwurf."
Es irritierte sie, dass er so vertraulich mit ihr sprach, sie kannte ihn doch überhaupt nicht. Aber sie kannte den Hund! Und der Hund kannte sie!
Sie schob diesen Gedanken beiseite. Seine Worte halfen, sie waren frei von jedem Vorwurf, wie er gesagt hatte. Dennoch unsicher blickte sie auf. Er kniete neben Remus und hielt jetzt einen dünnen Holzstab in der Hand, ein Zauberstab. Also war er tatsächlich auch einer von ihnen.
Sie trat näher an ihn heran und ließ sich ebenfalls neben Remus zu Boden sinken. Zittrig nahm sie dessen Hand in die ihre, wollte ihm zeigen, dass sie da war.
Der seltsame Mann berührte mit dem Zauberstab das kühle Metall und sprach seltsam klingende Worte, die sie nicht verstand. Wie von unsichtbaren Händen aufgedrückt, öffneten sich die zwei Metallhälften – was Remus ein gequältes Stöhnen entrang – und gaben sein Bein frei.
Augenblicklich sprudelte das Blut aus der inzwischen ziemlich großen und sehr tiefen Wunde hervor.
„Scheiße!" fluchte der Mann und riss sich sein Shirt über den Kopf.
Er war ziemlich dünn, wie sie jetzt sah.
Und sie sah auch, dass er blass wurde, als er den Stoff fest um die Wunde wickelte, immer darauf bedacht, das Bein nur vorsichtig anzuheben und Remus möglichst wenig Schmerzen zuzufügen. Was allerdings nicht funktionierte. Und irgendwas schien ihn zu beunruhigen.
„Liegen hier in der Nähe irgendwo zwei größere Äste?"
Beunruhigt wandte sie sich um und ließ ihren Blick über den Waldboden schweifen. Sie sah nicht besonders viel in diesem schlechten Licht, aber sie entdeckte ein paar dickere Äste und griff sich zwei davon, die nicht allzu lang waren.
„Hier. Gehen die?"
Er nickte nur und legte die Äste als Schiene neben Remus' Bein. Wieder hob er den Zauberstab und sprach Worte, die sie nicht verstand, und schon wickelte sich eine Schnur fest um Bein und Stöcke und stabilisierte damit den gebrochenen Fuß.
„Los komm, wir müssen zurück zur Hütte."
Er steckte den Zauberstab ein, dann zog er ihn doch noch mal raus und sagte etwas, das sich anhörte, wie ‚Accio Remus' Zauberstab'. Etwas raschelte, etwas flog durch die Luft an ihr vorbei, dann hielte er zwei Zauberstäbe in der Hand und steckte beide weg. Er warf noch mal einen Blick auf die Umgebung und schien einen Entschluss zu fassen. Schließlich griff er unter Remus' Schultern und Kniekehlen und hob ihn vorsichtig hoch. Dennoch stöhnte dieser vor Schmerz und sein Kopf sackte zur Seite, bis er an der Brust des Mannes liegenblieb.
Im nächsten Moment eilte der auch schon davon, so schnell es seine Last und deren Verletzung zuließ, und sie lief ihm hinterher, zurück zur Hütte.
Aber was will er da? Diese Verletzung muss sich ein Arzt anschauen!
Ist er vielleicht Arzt?
Nein, das glaubte sie nicht.
Oder gab es vielleicht doch eine Möglichkeit von der Hütte aus mit anderen Menschen zu kommunizieren und einen Arzt zu rufen?
Aber der würde doch viel zu lange brauchen, bis er hier war. Remus hatte schon viel Blut verloren und er verlor immer noch mehr davon.
Als sie über eine hellere Lichtung kamen, sah sie, wie Blut aus dem notdürftigen Verband zu Boden tropfte.
War die Hütte wirklich so weit weg?
War sie so weit gelaufen?
Sie hatte es gar nicht bemerkt.
Dann endlich entdeckte sie ein kleines, flackerndes Licht in der Dunkelheit und je näher sie kamen, desto deutlicher war es als Fenster erkennbar. Sie waren hier. Sie hatten es geschafft.
Vorerst.
Die Haustür stand immer noch sperrangelweit auf.
Der Mann lief mit Remus ins Haus und legte ihn auf die große, gemütliche Couch vor dem großen Kamin, in dem immer noch ein Feuer brannte, als wäre nie etwas geschehen. Ein Überbleibsel der scheinbar normalen Welt, die sie erst vor kurzem fluchtartig verlassen hatte. Es kam ihr vor als läge das alles schon Jahre zurück.
Sobald Remus lag und der Typ sich Remus' Bein zuwandte, verschwand sie in der Küche. Der notdürftige T-Shirt-Verband hatte bereits geglänzt, so vollgesogen mit Blut war er. Er würde sicher etwas Frisches zum Verbinden brauchen. Zielsicher griff sie nach der Schublade mit den Geschirrtüchern und packte eine ganze Handvoll. Als sie zurückkam, hatte er gerade die Schiene wieder abgenommen.
„Ryanna, kannst du mir bitte Tücher holen?" fragte er ohne seinen Blick von all dem Blut abzuwenden, das bereits die hellbraune Couch befleckte.
„Hier." Sie streckte ihm die Tücher hin und er griff perplex danach.
„Danke."
„Kann ich dir helfen?"
„Ich glaube nicht, da… doch, natürlich. Komm hierher."
Schnell eilte sie um die Couch herum ans Fußende und erschrak, als sie Remus das erste Mal im Licht des Feuerscheins erblickte. Sein Gesicht war leichenblass, glänzte vor Schweiß und starrte vor Dreck und verwischtem Blut, seine Wangen waren eingefallen und seine Augen rollten hektisch unter seinen geschlossenen Lidern umher. Seine Hände und die Brustseite seines weißen Shirts waren voller Dreck, ebenso die Knie seiner Jeans. Seine Brust hob und senkte sich rasch und flach, sein Atem ging keuchend.
Da spürte sie plötzlich eine Berührung an ihrem Unterarm. Es war der Mann, seine Hand lag beruhigend und warm auf ihrem Arm und seine schwarzen Augen sahen ihr direkt in ihre braunen.
„Mach dir keine Sorgen, er wird schon wieder."
Sie nickte schwach, auch wenn sie ihm nicht ganz glauben konnte, obwohl er sich wirklich zuversichtlich anhörte.
„Ich bin übrigens Sirius." fügte er noch hinzu.
Dann wandte er sich wieder der Verletzung zu. Vorsichtig zog er sein mit Blut vollgesogenes Shirt zur Seite und sofort sprudelte neues Blut unter der zerrissenen Jeans hervor. Schnell packte er die Tücher und wickelte eins nach dem anderen fest um das Bein.
„Beug dich runter, halt die Tücher fest und drück so fest du kannst dagegen."
Zittrig platzierten sich ihre Hände auf die Tücher und drückten vorsichtig. Remus stöhnte.
Da legten sich Sirius' Hände über die ihren. Für einen Augenblick konnte sie nur auf diese schlanken, blutigen Hände mit den langen Fingern starren, bis sie den Druck spürte, den sie über ihre Hände auf die Wunde ausübten. Wieder stöhnte Remus auf. Sie musste sich auf die Unterlippe beißen, so sehr zerrte dieses Geräusch an ihrem Herzen und ihren Nerven.
„Hör nicht auf ihn. Drück so fest wie jetzt! Ich werde Hilfe holen."
Und sie drückte. Und sie fühlte, was Sirius vorhin hatte blass werden lassen. In Remus Bein gab es keinerlei Stabilität mehr, es fühlte sich fast so an, als hinge sein Fuß nur noch an ein paar Muskelfasern.
Sie starrte Remus an. Er sah so schwach aus, so elend. Er litt Schmerzen und alles nur, weil sie ihren Drang zum Fliehen nicht unter Kontrolle hatte. Sie konnte ihn nicht länger ansehen.
Instinktiv folgte ihr Blick der Bewegung im Zimmer. Sirius stand vor dem Kamin und suchte den Kaminsims ab. Es wirkte irgendwie grotesk, wie er da nur in Jeans bekleidet hektisch zwischen Fotos und Dekogegenständen herumwühlte. Schließlich hatte er gefunden, was er suchte, ein kleines unscheinbares Döschen. Er öffnete es, nahm etwas heraus und warf es ins Feuer. Augenblicklich wurde das Feuer grün und loderte höher im Kamin.
Sie zuckte nicht mal mehr erschrocken zusammen. Es war seltsam und erschreckte sie, doch in den letzten Minuten war soviel seltsames geschehen, was sie nie für möglich gehalten hätte. Es hatte ihr Leben bereits verändert, daran ließ sich jetzt nichts mehr ändern. Und wenn Sirius Remus damit helfen konnte, war es ihr egal, was er noch alles aus dem Ärmel zauberte, Hauptsache, es wäre ein Arzt dabei.
Er ließ sich auf die Knie sinken und sagte laut und deutlich ‚Hogwarts, Krankenstation'. Dann steckte er seinen Kopf in die Flammen.
Es kam ihr vor, als würde sie einen Kinofilm anschauen, nur dass alles viel näher war und die Leinwand fehlte, als würde das hier alles gar nicht ihr passieren, so unwirklich war mit einem Mal alles.
Da hörte sie Sirius' Stimme. Er rief nach jemandem, er schien mit jemandem zu reden, dann herrschte einen Moment Stille, ehe er schnell zu sprechen begann und schließlich seinen Kopf wieder aus den Flammen zurückzog. Außer ein paar Rußflecken auf Oberkörper und Wangen völlig unversehrt.
„Hilfe ist unterwegs." sagte er nur und strich Remus diese hartnäckige Haarsträhne aus der schweißnassen Stirn, als er sich wieder neben ihn gekniet hatte.
Jetzt konnten sie nur warten.
Warten.
Sie starrte auf ihre Hände, ließ ihren Blick höher wandern bis zu Remus' Gesicht und weiter über das ganze Wohnzimmer. Wie lange war es her, dass sie hierher gekommen war?
Ich würd mich freuen, wenn ihr mir eure Meinung schreiben würdet!
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lg
Bella
