Kapitel 1 - Hexenkrug
„Luana, vier Met an Tisch acht! Die Männer dort sind sehr durstig." – eine hektische Stimme riss die junge Frau am Tresen aus ihren weit fortgewanderten Gedanken. Sie strich sich ihr rabenschwarzes Haar aus dem Gesicht und versuchte, zurück in die Realität zu finden. Es war ein lauer Sommerabend, hier im zentral gelegenen Pub der Winkelgasse. Bald würden die neuen Schuljahre beginnen, weshalb der Andrang im Londoner Einkaufsviertel für Hexen und Zauberer – samt deren Nachwuchs – noch größer war als sonst.
Im „Hexenkrug", der beliebtesten Schenke der Winkelgasse, traf sich nach erfolgreichem Beutezug durch die Geschäfte alles, was die Zauberwelt zu bieten hatte. Hier wurden Kontakte geknüpft, Neuigkeiten und Gerüchte ausgetauscht und sicher auch gelegentlich der eine oder andere edle oder böse Plan geschmiedet.
Zu keiner Jahreszeit hatten die Bediensteten des Hexenkrugs so viel zu tun, wie in den Wochen vor dem Schuljahresanfang. Insgeheim glaubte Luana, dass das vor allem an den zahlreichen Männern lag, die sich hierhin vor ihren Frauen und Töchtern retteten, die mindestens die Hälfte der Zauberumhänge bei „Madam Malkins Anzüge für alle Gelegenheiten", dem Kleidungsausstatter anprobieren wollten.
„Mein Kind, träumst du?" – eine ältere Frau mit langen roten Haaren baute sich vor Luana auf und sah sie streng an. In ihren beiden Händen hielt sie jeweils zwei Krüge, randvoll mit dem schmackhaften Getränk.
„Nein, nein, verzeih mir!" - hektisch nahm die Angesprochene ihr die Krüge ab und brachte sie zu dem Tisch, ganz hinten im großen Saal.
Die Männer waren schon gut bei Laune und johlten übermütig, als Luana ihnen die Krüge auf den Tisch stellte. „Von einer solch hübschen Maid wird man doch mit Freuden bedient. Da schmeckt das Bier gleich besser!", rief der eine und tatschte schwerfällig nach ihrer Hand. Angewidert wich sie einen Schritt zurück.
„Bitte nehmen Sie es nicht persönlich! Er hatte zu viel … von allem.", entschuldigte sich ein blonder Mann von adeliger Erscheinung, der dem Proleten gegenüber saß. Er reichte Luana einen Schein – „Für Ihre Dienste!".
Ungeachtet des großzügigen Lohnes überkam Luana das Bedürfnis, Abstand von dem Tisch zu gewinnen. Sie nickte freundlich und bedankte sich mit falschem Lächeln für die Aufmerksamkeit. Derlei Vorkommnisse waren nicht selten. Sie war sechzehn Jahre jung, groß und schlank und eine wahre Schönheit.
Tiefschwarze Haare, helle Haut und tiefrote Lippen hatten ihr das eine oder andere Mal den Spitznamen „Schneewittchen" eingebracht – manchmal anerkennend, manchmal spöttisch gemeint. Natürlich reizte ihr Äußeres die Männer, was sie jedoch wenig positives abgewinnen konnte.
Sie trat noch zwei Schritte von dem Tisch zurück und atmete tief ein, den Blick durch den Raum schweifen lassend, ob irgendjemand gerade die Hand in die Höhe reckte oder einfach nur erwartungsvoll dreischaute. Sie wollte schließlich am Ende des Abends zufriedene Gäste durch die Tür hinaus gehen sehen – das war nicht nur nötig, sondern existentiell für sie, denn ihre Arbeit hier sicherte ihr tägliches Überleben.
„So kann das nicht weitergehen! Irgendetwas muss ihn aufhalten. Es liegt doch jetzt schon alles in Schutt und Asche."
Luana vernahm jugendliche Stimmen, zwei Tische entfernt von dem unangenehm betrunkenen Zeitgenossen und seinen Freunden. Sie wandte ihren Blick und betrachtete die drei jungen Leute, die eifrig diskutierend um den Tisch saßen. Sie waren etwa im gleichen Alter, wie sie, vielleicht etwas jünger. Der Name und das Gesicht des dunkelhaarigen jungen Mannes, der den anderen beiden gegenüber saß, kam ihr irgendwie bekannt vor. Unwillkürlich konzentrierte sie sich auf die Worte, die am Nebentisch ausgetauscht wurden. „Man lauscht nicht, Lana!", schallte die Stimme ihrer Mutter warnend durch ihre Gedanken. Sie schüttelte den Kopf und wollte gerade zurück zum Tresen gehen, als die junge Frau des Dreiergespanns zu ihr blickte und winkte.
„Miss! Können wir noch etwas zu trinken bestellen?", fragte sie höflich, doch mit fester Stimme. Luana bewegte sich ein paar Schritte auf den Tisch zu, bemüht, den Blick von dem schwarzhaarigen Jungen abzuwenden, der ihr irgendwie so bekannt vorkam.
„Natürlich!"
„Ich nehme noch ein Butterbier. Ron, Harry, was wollt ihr?"
Harry. Von einer Sekunde zur anderen war Luana hellwach. „Sie sind Harry Potter, richtig?", fragte sie, mit Ehrfurcht in ihrer Stimme. Der Angesprochene verdrehte kurz die Augen, nickte dann aber ergeben.
„Verzeihen Sie mir. Sie werden das sicher oft gefragt.", entgegnete sie, etwas beschämt, „doch alle Welt redet von Ihnen. Sie sind IHM begegnet, richtig? Dem, dessen Namen man nicht nennt?!"
Harry seufzte und nickte erneut. „Ich wünschte, es wäre anders!", beantwortete er ihre Frage. Luana spürte, dass ihr Gegenüber sich nicht weiter über das Thema unterhalten wollte, erst Recht nicht mit einer Fremden. „Es stehen viele hinter Ihnen, Harry. Und hinter euch –", fuhr sie fort mit Blick zu seinen beiden Freunden, „- natürlich auch. Lasst mich nur das gesagt haben. Was darf ich euch bringen?"
Sie nahm die Bestellung des Trios auf und bahnte sich den Weg zurück zum Tresen, um die Getränke zu zapfen. Der Hexenkrug war nun brechend voll, am Tresen drängelten sich die Menschen, um zu bestellen oder wenigstens noch einen Platz auf einem der Barhocker zu ergattern. Luana seufzte. Das würde eine lange Nacht werden. Nachdem sie einigen Gästen am Tresen ein Getränk serviert hatte, machte sie sich mit der Bestellung von Harry Potter und seinen Freunden auf den Weg.
„Wir sollten die anderen weiter trainieren. Sie müssen bereit sein!"
Wortfetzen drangen durch das Stimmengewirr an Luanas Ohr, als sie sich fast bis zu dem Tisch vorgearbeitet hatte. Der rothaarige Junge gegenüber lachte bitter auf. „Lass das bloß nicht Professor Snape hören!"
Luana blieb stehen und erstarrte augenblicklich.
Professor Snape.
Lass das bloß nicht Professor Snape hören.
Snape. Snape. Snape.
Der Name pochte in ihren Ohren, wie ein Hammer auf Metall. Verzweifelt klammerte sie sich an die Krüge, als ihre Gedanken zu rasen begannen.
Das kann nicht sein! Er ist doch… das kann nicht sein. Bemüht, die Fassung wiederzuerlangen, schloss sie die Augen und umklammerte das Porzellan so fest, dass sie fürchtete, es würde jeden Moment zwischen ihren Fingern zerspringen.
„Miss? Alles in Ordnung, Miss?" – fragte eine junge Frauenstimme und berührte sie zaghaft am Arm. Luana versuchte, ihren Puls unter Kontrolle zu bringen und öffnete die Augen wieder. Sie zwang sich, die Krüge langsam und kontrolliert auf dem Tisch abzustellen. Ihr Blick traf den des jungen Mr. Potter, als sie sich selbst die Frage stellen hörte, die sie gar nicht stellen wollte – weil die Antwort zu schmerzvoll sein würde, die Enttäuschung zu groß, das Leid – so tief begraben – würde wieder herausbrechen und ihr Herz erneut in tausend Teile zerfetzen.
„Snape? Harry, Sprachen Sie gerade von Severus Snape?"
