Kapitel 1 – Bleistiftmienen und Bademäntel

Die nadelspitze Miene drückte sich in seinen Daumen und er zuckte leicht zurück. Die Miene splitterte nicht und bohrte sich schnurgerade in seine empfindliche Haut.

Perfekt, dachte er und hob den schmalen Körper, welcher die bleierne Miene umschloss vor seine Augen. Er blinzelte und wog ihn zwischen Daumen und Zeigefingern. Außerdem war der Stift gut ausbalanciert und passte in seine Finger, als wäre er eine Fortsetzung seiner Hand.

Da hatte sich der nervige Weg mit der U-Bahn und das dreimalige Umsteigen wohl doch gelohnt!

Auf Erics Gesicht erschien ein triumphierendes Grinsen, er griff nach einer Packung der Bleistifte, mit denen er in Zukunft die Skizzen entwerfen wollte, mit denen er seine Brötchen verdiente, und durchwühlte gleichzeitig mit der anderen Hand die Umhängetasche nach seinem Geldbeutel, was sich als gar kein so einfaches Unterfangen erwies, da sie heillos vollgestopft war mit Notizblöcken, Blättern, Stifteboxen und den kümmerlichen Resten von Radiergummis.

Endlich berührten seine Finger etwas Stoffähnliches und wollten danach greifen. Dabei warf er einen Blick aus dem schmierigen Schaufenster des Ladens hinaus. Gegenüber schmiegte sich ein schon halb verfallenes Gebäude, welches von einem Passanten auch einfach übersehen werden konnte, in die Häuserzeile.

Eric runzelte die Stirn und trat näher an das Schaufenster. Auffällig wenig Menschen schenkten dem Gebäude, an dem schon ein wenig windschief die Aufschrift „Reinig & Tunkunter" angebracht war, Beachtung. Genauer gesagt keiner.

Es schien beinahe so, als wolle das Gebäude gar nicht gefunden werden und so war es ein Sinnbild der Banalität, und passte sich perfekt den vielen anderen Häusern in Londons Straßen an. Eric schüttelte den Kopf. Es war beinahe wie Magie.

Das war doch Blödsinn!

Die Magie, die er besaß, lag einzig und allein in dem Glas in seinem Arbeitszimmer. Ansonsten hatte er in London auch nach jahrelanger Suche keinen Funken dessen entdeckt, an das er einst so selbstverständlich geglaubt und es mit offenen Armen empfangen hatte.

Er wollte sich schon wieder kopfschüttelnd seinen Stiften zuwenden, als plötzlich der flauschige Gürtel eines rosa Bademantels am Fenster vorbei flatterte. Eric riss den Kopf wieder hoch. Mit einem hellen Klirren fielen die Stifte, die er in der Hand hielt, zu Boden. Die erstaunten Augen des Künstlers machten drei Menschen aus, in helle Umhänge gekleidet, welche dem rosa Bademantel folgten. Einer hielt einen Zauberstab in der Hand und versprühte in gleichmäßigen Abstand feinen silbrigen Nebel. Er legte sich auf die Haut der Menschen und ergriff ihre Erinnerungen, radierte sie aus, wie es Eric mit einem seiner Radiergummis mit einer fehlerhaften Linie tat. Denn genau das waren sie. Fehlerhafte Linien in einer vollkommen nüchternen Wirklichkeit, in der alles nur durch Wissenschaft und Rationalität erklärt werden konnte. Eric hielt den Atem an und schüttelte den Zauber ab, wie einen Wassertropfen, der störend auf seiner Haut gelandet war.

Im nächsten Moment stürzte er aus dem Laden. Die alte Glocke wurde beinahe aus der Verankerung gerissen, als er auf die Straße stürmte und sich hektisch in beide Richtungen umsah.

Wo waren diese Zauberer! Wo war die Magie, die an ihm vorübergehuscht war, eines Schatttens gleich.

Eric atmete hektisch, und warf sich, von leisen Stimmen angelockt, herum.

„Mr. Williams, ich bitte Sie. Nun nehmen Sie doch Vernunft an. Sie sind kein Vogel, und das, was sie tragen ist nicht straßentauglich!"

Erics Herz schlug rascher.

„Doch, oh doch! Ich bin ein Flamingo, der zu seinen Artgenossen muss!", rief eine alte Stimme in einer etwas zu hohen Tonlage aus. Die Stimmen quollen aus einer engen Seitengasse und Eric schlich heran, drückte sich dann gegen den kühlen Backstein und warf einen Blick um die Ecke.

Da diskutierten wirklich und wahrhaftig drei magische Personen mit einem anscheinend etwas verwirrten Zauberer, der die Zipfel seines Bademantels in den Händen hielt und mit ihm flatternde Bewegungen vollführte. Dazu sprang und hüpfte er auf stummeligen behaarten Beinen hin und her, soweit dies in der beengten Gasse möglich war. Das konnte man recht genau erkennen, da der gute Herr außer seinem „Federkleid" recht spärlich bekleidet war.

„Nun kommen sie schon, Mr. Williams. Auf sie wartet ihr hübsches Zimmer!"

„Nein, ich muss zu meinen Artgenossen", flötete er und gab ein klapperndes Geräusch von sich. Die Magier machten mit dem verkannten Flamingo kurzen Prozess. Einer von ihnen zog seinen Zauberstab, richtete ihn auf ihn und gab ein leises „Stupor" von sich. Wohl dosiert flogen rote Funken auf den Mann zu. Im nächsten Moment klappte er zusammen.

Eric zog rasch den Kopf zurück und presste sich eng gegen die Wand. Er konnte das Blut in seinen Ohren rauschen hören, während die Magier den offensichtlich Ohnmächtigen in ihre Mitte nahmen.

„Lass ihn uns ins Mungo schaffen, Stephen. Mal schauen, was für ein Tier er als nächstes sein will", stöhnte er.

Mungo? St. Mungo?

Erics Körper schien in einen Ameisenhügel verwandelt worden zu sein.

Mungo? Rieds Arbeitsplatz? Von dem er ihm vor so langer Zeit erzählt hatte? Noch immer sah er in Gedanken das Grinsen, welches er auf den Lippen getragen hatte, als er von all den Kuriositäten, die sich Zauberer manchmal gewollt, manchmal ungewollt, beibrachten, erzählte.

Und sein Botaniker, mit den blonden Haaren und den himmelblauen Augen arbeitete dort als Pflanzenforscher. Eric wusste plötzlich nicht mehr, wie das Ein- und Ausatmen funktionierte, als die Meute von Zauberern an ihm vorbeischlenderte und auffällig unauffällig die kaum befahrene Straße überquerten. Eric schluckte hart.

Ried! Seine Gedanken kannten nur noch dieses eine Wort. Er war hier... in der Nähe... nur einen magischen Eulensprung von ihm entfernt! Dieser Gedanke meiselte sich unauslöschlich in seinen Geist, pulsierte mit jedem Atemzug in ihm.

Eric schulterte die Tasche und folgte den Zauberern selbstbewusst. Einer von ihnen blieb vor dem unauffälligen Kaufhaus stehen, in dessen Schaufenster eine Puppe einen Tweedanzug trug, der aussah als wäre er vom Ausverkauf aus dem letzten Jahrhundert übrig geblieben. Er beugte sich kurz zu etwas hinunter und schien mit dem etwas zu sprechen, dann trat er direkt ohne Furcht in das Schaufenster hinein. Eric holte tief Luft, ignorierte sein Herz, das wie ein wildgewordener Flummi in seiner Brust hin und her sprang.

„Hey! Wartet! Ich will auch noch rein!", rief er und joggte der Gruppe von Magier entgegen. Einfach den Anschein der Zugehörigkeit erwecken. Lächeln, ermahnte er seinen im Kreis rennenden, vor Panik schreienden Geist.

„Danke!" Er nickte ihnen zu, dann stieg auch er durch das Schaufenster, als hätte er niemals etwas anderes getan. Er liess den Bewohnern der anderern Welt überhaupt keine Gelegenheit zu zweifeln, dass er ebenfalls in das magische Reich gehörte.

Er glitt zur Seite, die rechte Hand fest um den Gurt seiner Tasche geklammert. Für einen Augenblick gestattete ihm sein Hirn die Wunder, die seine Augen sahen, zu bestaunen. Er befand sich mitten in einem großen Wartesaal, was aber auch schon das einzige war, was den ruhigen klinisch sauberen Warteräumen in modernen Krankenhäusern glich. Eine Kakophonie von menschlichen und tierischen Lauten flirrte durch die Luft. Wo er auch hinsah, wurden seine Augen den ungewöhnlichsten Erscheinungen gewahr. Nur ein Stückchen rechts von ihm kam ein Mann angerannt, der von schier taußenden kleinen blauroten Bläschen übersehen war. Gleich vier Medimagier hechteten hinter ihm her. „Notfall!", schrien sie. „Eine Blaue Hornissange hat ihn vergiftet!".

Die Menge wich wie eine einzige große Masse an Knetgummi beiseite.

„Muss wohl schlimm sein", murmelte Eric zu sich selbst. Er konnte seine Augen erst von dem kreischenden Mann abwenden, als dieser von einem Gang verschluckt wurde. Im nächsten Augenblick musste er einem durch die Luft schwebenden Kind ausweichen, welches das Schwebeabenteuer wohl unglaublich lustig zu finden schien. Witziger als seine Eltern auf jeden Fall, die den Flug des Kindes mit warmer Luft, die ihren Zauberstäben entwich, zu lenken versuchten (was ihnen mit unterdurchschnittlichem Erfolg gelang). Eric packte für die Dauer eines Herzschlages das Verlangen, diesen Raum mit all seinen Merwürdigkeiten auf Papier zu bannen, doch dann schüttelte er den Kopf und sah sich um.

Ried!

Am Anderen Ende des Saals machte er einen großen Empfangstresen aus, an dem eine alte Hexe saß und scheinbar die magischen Krankheiten und Verletzungen einzelnen Abteilungen zuwies.

Sie würde am ehesten wissen wo Ried war. Also strebte er durch den überfüllten Raum, sprang über eine Maus, welche einen Luftballon mit der Aufschrift „Vorsicht, schiefgegangener Verwandlungszauber" an ihrem Schwanz trug, und trat in die Reihe der wartenden Hexen und Zauberer. Die Reihe schrumpelte schnell in sich zusammen und nachdem der Zauberer, der einen merkwürdig deformierten Kopf aufwies in die Abteilung für fehlgeschlagene Zauber geschickt worden war, trat Eric vor.

„Ich würde gern zu Richard Turner!", gab er Auskunft.

Die kleine Hexe musterte ihn und er behielt seine, wie er hoffte, selbstbewusste Maske. Doch unter den bebrillten Augen der Hexe, schien seine Tarnung zu zerfallen. Er hatte schon Angst, sie würde im nächsten Moment von ihrem Stuhl hochschießen und „Muggelalarm!", rufen, oder so etwas in der Art.

Doch die Hexe deutete mit ihrem Zauberstab nur gelangweilt eine Treppe hinauf.

„3. Stock – Vegiftungen", sagte sie mit montoner Stimme und schob ihn zur Seite. „Der nächste!"

Erics Herz schien für einen Moment auszusetzen, dann wandte er sich um und stolperte in die ihm gewiesene Richtung.

Ried! Er war hier! Er arbeitete noch immer hier! Oh verdammt noch mal, er würde ihn wieder sehen! Hastig steuerte er auf die Treppe zu und sprang sie zwei Stufen auf einmal nehmend nach oben, bevor er die Informationen überhaupt verarbeiten konnte.

Dabei stolperte er gegen einen älteren Herrn in einer Art Anzug mit Umhang. Der Zauberer prallte zurück.

„Passen Sie doch auf! Haben Sie keine Augen im Kopf, bei Merlins Barte!" Der Magier klopfte sich den imaginären Staub von der Brust, während Eric über seine Schultern hinweg nur „Tschuldigung" rief und um den nächsten Treppenwinkel verschwand.

Wieder kam er in einen kleinen Aufenthaltsraum, der im dritten Stock des Krankenhauses lag. Zwischen all den bunt gefärbten skurrilen Bläschen, Pusteln und Körperteilen konnte sein hochgewachsener Freund doch eigentlich gar nicht zu übersehen sein!? Er sah sich ein wenig außer Atem um, doch er erblickte nur karierte Warzen und neongrüne Flecken. Ein wenig desorientiert ging er ein Stück den Gang hinab.

„Und stell dir vor, diese Frau hat wirklich nicht begriffen, dass sie keine Pflanze vergiftet hat, sondern von einem Zauber umgehauen wurde. Aber das will sie nicht wahrhaben, und sich folglich auch nicht auf der entsprechenden Station behandeln lassen, David"

Das Lachen, das auf diese Worte ertönte, fuhr Eric durch Mark und Bein.

„Stattdessen kreucht sie hier durch die Gänge und belästigt jeden mit ihren Problemen."

Für einen Augenblick erstarrte Eric mitten im Gang zwischen mehr oder minder gesunden Hexen und Zauberern. Ein weißer Umhang bauschte sich vor seinen Augen. Der hochgewachsene Magier, welcher in dem Umhang steckte, sprach mit einem anderen Zauberer.

„Ich seh mal, was sich machen lässt", schnaubte der andere, den medizinischen Ernst gerade noch so bewahrend, und bog in einen anderen Gang ab. Der andere Mann steuerte auf eine Tür zu.

Endlich fand Eric die Stimme, nach der er schon seit einer geschlagenen Minute suchte, und die Muskeln in seinen Beinen, wieder.

„Ried!", rief er laut aus und lief auf den Mann zu, der bei seinem Ruf stehen geblieben war. Wut und Freude kämpften um die Vorherrschaft. Doch die Wut überwog.

„Ried! Verdammt nochmal! Wehe du rührst dich vom Fleck!" Seine Stimme, die ihn gerade rief, kochte vor Zorn über.

Langsam drehte er sich um, und in seiner Miene zeigte sich eine Art der Fassungslosigkeit, die größer kaum sein könnte. Eric blieb wie angewurzelt stehen, als er in die blauen, vor Überraschung weit aufgerissenen Augen blickte. Für einen Moment drohte er darin zu versinken und fühlte sich vom Fleck weg wieder zurück versetzt an den Strand, voller Sonnenschein, ihr Lachen klang in seinen Ohren so klar und unverfälscht. Sommerregen, der den Strand Tropfen um Tropfen dunkel färbte. Küsse, die nach Salz und Sommer schmeckten.

„Du verdammter Scheißkerl!", rief Eric aus, und ballte die Hände zu Fäusten. Der ganze Betrieb um sie herum war zum Erliegen gekommen. Die Hexen und Zauberer, welche den Gang bevölkerten, richteten ihre Aufmerksamkeit plötzlich einzig und allein auf die beiden jungen Männer.

„Eric..." Rieds Worte waren tonlos.

„Du verdammter, verlogener Mistkerl!", fauchte Eric, überwand die letzten Schritte und stürzte sich impulsiv in die Arme des vollkommen perplexen Mannes. Er spürte die Wärme, fühlte das aufgeregt schlagende Herz in der Brust des anderen als Echo auf sein eigenes. Schlang die Arme fest um ihn. Der Freund sollte ihm nicht noch mal entkommen!

„Eric...", hörte er nur die vertraute Stimme an seinem Ohr, dann das lang vermisste vertraute Gefühl von Rieds Armen um seinen Körper. Erleichterung und grenzenloses Glück überflutete seinen Geist. Ried war real. Dieser verdammte, blonde Zauberer stand leibhaftig vor ihm! Und es ging ihm gut!

Plötzlich kribbelte es in seinem Magen und die Welt verschwamm.

„Ich...! Du…! Wieso?!" Eric lief in Rieds Wohnung auf und ab. Der Magier war mit ihm direkt von seinem Arbeitsplatz hierher appariert und Eric kämpfte noch immer gegen das schwummrige Gefühl in seinem Magen. Dieses half nicht gerade, seine widerstreitenden aber sehr starken Emotionen irgendwie in geregelte Bahnen zu lenken. Eric wollte den grossen Blondschopf anschreien, ihn schlagen, ihn umarmen und küssen und fühlte sich wegen mindestens zwei seiner Wünsche schuldig! So rasch, wie die Gefühle wechselten, die durch seinen Körper tobten, purzelten auch Wörter aus seinem Mund, doch diese liessen sich einfach nicht zu verständlichen Sätzen zusammenbauen.

„Die Hochzeit! Du!", schnaufte Eric, „Was…?! Das war unfair! Du bist verschwunden! Verdammter Mistkerl! Was sollte ich tun?! Das Glas! Der Regen! Du! Weg!"

Ried liess die Schimpftirade des Künstlers über sich ergehen, hielt aber einen Sicherheitsabstand, um sich nicht einen Hieb von Erics wild herumfuchtelnden Händen einzufangen. Er verstand den Freund, liess ihn gewähren. Er hatte allen Grund dazu, ihn anzuschreien. Doch auch Rieds Gefühle liefen Amok. Eric war hier, bei ihm. Ried konnte sich keinen Reim darauf machen, wie das geschehen war. Er freute sich, wollte den Schwarzhaarigen in seine Arme schliessen, doch sein wild wummerndes Herz war gefangen in einem engen Stahlkäfig. Erics Auftauchen war nicht unbemerkt geblieben. Was würde nun geschehen?

„Du…du… du hattest kein Recht! Verschwinden! Auftauchen!" Eric liess seinen Gefühlen freien Lauf. Es half. Schreien half. Auch wenn seine Tirade wenig Sinn gab. Doch seine Gedanken verliefen allmählich in geordneten Bahnen.

„Und dann die Zeitungen! Meldungen! Da war was faul! Leugne es nicht! Und du warst weg! Dann tauchst du auf, stellst dieses verdammte Glas auf den Geschenketisch und bist verschwunden! Das war nicht fair! Ich wollte dich sehen, wissen ob es dir gut geht!" Eric sackte auf dem gemütlichen Sofa zusammen, stützte die Ellbogen auf die Knie und vergrub das Gesicht in den feinen Händen. „Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht."

Die Wut war verraucht, alle Kraft aus Erics Körper gewichen. Schnell überwand Ried die kurze Distanz und setzte sich neben Eric, streckte die Hand aus, stockte. Als er über den schwarzen Haarschopf strich, waren seine Bewegungen vorsichtig, unbeholfen. Was sollte er tun, wie sollte er sich verhalten?

Vorsichtig zog er Eric an seine Brust, bereit, bei der geringsten Gegenwehr von ihm ab zu lassen. Doch Eric wehrte sich nicht, im Gegenteil. Erschöpft liess er sich gegen Ried fallen, schmiegte sich an ihn.

„Wieso?", murmelte er.

Was sollte Ried darauf antworten? Jedes Mal, wenn er sich das Wiedersehen mit seinem Freund ausgemalt hatte, hatte er einen sorgfältigen Bogen geschlagen um dieses eine Wort. Wieso.

Doch Eric würde ihn nicht so leicht vom Haken lassen. Er richtete sich auf und schaute ihm fordernd in die Augen.

„Ich…", begann Ried, brach aber ab, da seine Kehle staubtrocken war. Er schluckte. „Ich hatte keine Wahl. Meine Welt war nicht mehr sicher für dich."

„Aber jetzt ist sie es wieder", bestand Eric. „Verdammt nochmal, Ried, versuch gar nicht erst, mich anzulügen. Ich sehe es in deinen Augen. Was auch immer passiert ist, es ist vorbei, sonst hättest du mir nicht diese Erinnerung geschickt."

Ried schlug die Augen nieder. Er konnte es nicht ertragen, in die grünen Augen des Freundes zu blicken. In die Augen, die ihn in seinen Träumen verfolgten. Doch nie hatten sie ihn so angeschaut. Vorwurfsvoll, verletzt.

„Wieso bist du nicht bei meiner Hochzeit geblieben?", fragte Eric, „Ich wollte wissen, wie es dir geht."

„Ich hatte keine Einladung", murmelte Ried die schwächste Entschuldigung der Welt.

Doch gerade weil diese Antwort einfach nur haarsträubend war, zauberte sie Eric ein mildes Lächeln aufs Gesicht.

„Du bist ein Schwachkopf", sagte Eric, doch in seiner Stimme lag nur noch ein Hauch von Bitterkeit.

„Wie hast du mich gefunden?", fragte Ried nachdem sie eine Weile geschwiegen haben.

„Wer suchet, der findet", antwortete Eric schlicht.

Ried schüttelte traurig den Kopf. „Das war dumm von dir", sagte er kraftlos.

„Wieso?", fragte Eric sofort bestürzt. „Willst du mich etwa nicht sehen?"

„Doch!", rief Reid und wäre beinahe entsetzt aufgesprungen, „Aber es geht nicht. Du bist verheiratet, du darfst nicht…"

„Ich darf was nicht?", fragte Eric, als der Freund nicht fortfuhr.

Ried hob den Blick und schaute Eric freudlos an. „Du darfst nichts von uns wissen."

„Und niemand darf von dir wissen", fügte Ried tonlos an, „Aber jetzt ist es zu spät."

„Was ist zu spät?", fragte Eric fordernd, „Ried, erzähl mir, was los ist!"

„Ich habe es dir doch schon mal erklärt, ein Muggel darf nichts von der Existenz der Magie wissen!", Ried fuhr sich hilflos durch das Haar, „Du darfst nichts von deren Existenz wissen! Deshalb musstest du verborgen bleiben vor dem Ministerium."

Ried erhob sich und ging auf und ab.

„Aber jetzt. Eric, du bist so normal! Dein Auftauchen im Mungo, das war, als würdest du einen waschechten Drachen auf den Trafalgar-Square stellen!"

„Ist das schlecht?", fragte Eric, dem nichts Besseres zu sagen einfiel, als ob ein Drache auf dem Trafalgar Square der normalste Anblick der Welt wäre.

Ried begann, hilflos zu lachen. „Ja!", rief er und warf die Arme in die Luft, „Irgendwer wird dem Ministerium stecken, dass du von der Magie weisst und wenn du nicht nachweisen kannst, dass du in einer Liebesbeziehung mit einer magischen Person bist, dann werden sie dir einen Vergessenszauber aufhalsen!"

„Aber… wir", sagte Eric und deutete auf Ried und sich selber, als bräuchten seine Worte Verdeutlichung.

„Wir sind nichts", sagte Ried und bemerkte erst, wie hart die Worte klangen, als sie draussen waren, „Zumindest in den Augen des Ministeriums. Sie werden nur sehen, dass du mit Sophie verheiratet bist. Sie werden deine Erinnerungen auslöschen wollen."

„Das funktioniert doch aber bei mir nicht", widersprach Eric vehement. Er wollte seine Erinnerungen behalten, konnte gar nicht daran denken, wie es wäre, würde er gezwungen Ried zu vergessen.

„Ich habe doch gesagt, dass es mächtige, gefährliche Zauber gibt, die das Ministerium ohne Skrupel anwenden wird", entgegnete Ried erschöpft.

Erics Augen weiteten sich. Er erinnerte sich an die Gespräche in Cornwall. Wenn das Ministerium ihn sich vornahm, war das nichts Gutes, soviel wusste er.

„Was können wir denn tun?", wollte er wissen.

„Nichts", sagte Ried, ohne Hoffnung, „Die Rechtslage ist eindeutig. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand dem Ministerium von dir erzählt."

Kopfschüttelnd sah Ried seinen Freund an. So lange hatte er sich nach ihm gesehnt und nun musste er ihn schon wieder weg schicken.

„Verschwinde", sagte er sanft, „Vergiss mich, nimm Sophie und verschwinde mit ihr, geht irgendwo hin, wo das Ministerium euch nichts kann."

„Nein!", rief Eric schockiert, „Ich habe dich doch nicht all die Zeit gesucht, nur um dich jetzt gleich wieder zu verlieren!"

„Es ist die einzige Möglichkeit", widersprach Ried.

„Nein! Ich bleibe, ich weigere mich, dich wieder zu verlieren!", Eric trat auf den Blondschopf zu, wollte ihn umarmen, doch Ried wich ihm mit traurigem Blick aus.

„Ich kann sowieso nicht einfach meine Sachen packen und abhauen", erklärte Eric, „Was soll ich denn Sophie sagen? ‚Sorry, aber da sind ein paar Magier hinter mir her'? Dann besorg dir bitte schon mal einen Besucherausweis für die Klapse!"

„Du musst…"

„Ich kann nicht", unterbracht Eric Ried, „Und ich will nicht. Ich werde nicht einfach abhauen und dich den Schlamassel alleine ausbaden lassen!"

„Wer sagt, dass ich in einem Schlamassel stecke?", fragte Ried beinahe trotzig.

„Aber das liegt doch auf der Hand", sagte Eric, „Du hast mir doch von der Magie erzählt! Das wird dem Ministerium sicher nicht sonderlich gefallen."

Ried blieb stumm und Eric griff ihn bei den Händen, blickte ihn flehentlich an.

„Bitte, Ried, lass uns gemeinsam nach einer Lösung suchen."

„Es gibt keine Lösung", beharrte Reid.

„Ich werde aber auf keinen Fall weg gehen."

Auf Rieds Gesicht schlich sich ein Lächeln.

„Du bist noch immer dieselbe kleine Nervensäge."

Eric grinste.

„Na gut, erst einmal Schadensbegrenzung", sagte Ried, „Ich gehe ins St. Mungo und versuche, dein Auftauchen zu erklären. Ich bezweifle, dass das viel bewirkten wird, aber einen Versuch ist es wert."

Ried drückte Erics Hände, die seine noch immer umfingen.

„Du kannst hier warten, wenn du willst."

„Gerne", entgegnete Eric lächelnd.

Als Ried verschwunden war, fiel Erics zuversichtliche Maske von ihm ab und er liess sich auf das Sofa fallen. Er hatte Ried gefunden! Und jetzt wollte das Ministerium ihm das schon wieder wegnehmen! Das durfte er nicht zulassen! Nur wie?!

Rastlos streifte er durch Rieds Wohnung.

„Hi, Paula", begrüsste Eric die Eule, als diese sich zu ihm gesellte und streichelte ihr rasch über das gefiederte Haupt.

„Was soll ich nur machen?"

In eben diesem Moment fiel sein Blick auf eine Zeitung, die auf dem Küchentisch lag. Nicht die sich bewegenden Bilder zogen seine Aufmerksamkeit auf sich, sondern eine eher schlicht gehaltene Anzeige. Doch sie enthielt genau die richtigen Worte. Eric kramte aus seiner Tasche hastig Papier und Stift und kritzelte hastig Sätze nieder. Er versuchte, alles so gut wie möglich zu erklären, doch letzten Endes konnte er nur hoffen, dass der Empfänger ihn verstand.

„Paula", rief er den Vogel, „Kannst du mir einen Gefallen tun?"

Die Eule schuhute und kam zu dem Muggel geflattert. Anscheinend war ihr eben so sehr daran gelegen, ihr Herrchen glücklich zu sehen, wie ihm selbst. Eric band ihr mit geschickten Fingern den Brief ans Bein.

„Bring das dahin", sagte er und deutete auf die Anzeige, „Und kein Wort zu Ried." Die Eule schaute ihn beinahe beleidigt an, dann flatterte sie durch das geöffnete Fenster davon.