Prolog – Kakariko

Der Wind zerzauste seinen Pony, pfiff ihm um die Ohren und wehte durch die ungewöhnliche, helle Mähne seiner Fuchsstute Epona, als Link durch die Hylianische Steppe preschte. Neben ihm zogen die Mauern der Lon-Lon-Farm vorbei, einladend und Sicherheit versprechend. Nicht zu Unrecht, wenn man bedachte, welche Kreaturen diese Steppe ihren Lebensraum nannten. Das Ananas-Monster zum Beispiel, wie Link es wegen seiner Form nannte, oder diese Mini-Skelette, die ihn als kleiner Junge bei Nacht immer verfolgt hatten – auch wenn er das Gefühl hatte, die Biester jagten nur ihn.

Zum Glück waren das mehr oder weniger harmlose Geschöpfe im Gegensatz zu denen, die er bezwingen musste, als Ganondorf das Land in Dunkelheit tauchte. Wenn man einen großen Bogen um sie machte, ließen sie einen meistens auch in Ruhe. Und Ganondorf war da, wo er hingehörte: Gebannt in die Hölle und unfähig wieder zurückzukehren. Der Krater und die Ruinen, die er anstatt des Schlosses zurückließ, konnte Prinzessin Zelda mit Hilfe ihres Triforce-Fragments mit dem ehemaligem Schloss ersetzen. Ihren Vater bekam sie dadurch leider nicht wieder.

Direkt nach seinem Sieg war er zusammen mit Zelda in Kakariko untergekommen. Sie hatte sich etwas seltsam benommen und als sich ihre Wege schließlich trennten, meldete sie sich nicht mehr. Jetzt war sie mit einem Adeligen aus einem Nachbarland Hyrules verlobt und mitten in den Vorbereitungen für ihre Hochzeit. Dass er nicht eingeladen war, machte Link ein wenig traurig, aber er nahm es hin wie so Vieles zuvor auch.

Ein wenig einsam war es schon in seiner selbst gebauten Hütte in der Oase beim Wüstenkoloss und das Wetter war manchmal unerträglich. Aber Link war die Einsamkeit gewohnt, an die Temperaturen hatte er sich angepasst und sowieso war ihm dieser Ort lieber als jeder andere in Hyrule. Ins Kokiri-Dorf wollte er nicht zurück. Dort hatte er seine Kindheit verbracht, aber er war jetzt erwachsen und außerdem hatte er niemals so richtig ins Kokiri-Dorf gepasst. Salia wurde auch immer so traurig, wenn er sie besuchte.

Die Lon-Lon-Farm war ebenfalls ausgeschlossen, denn Talon wollte Malon und ihn bei jedem Besuch zu einer Hochzeit überreden, obwohl sie einen Freund in Kakariko hatte, der tierisch eifersüchtig auf Link war. In die Nähe der Zoras traute er sich nicht mehr, nachdem er beim letzten Mal auf Ruto getroffen war. Wie man jemandem gleichzeitig Vorwürfe und einen Heiratseintrag machen konnte, war ihm schleierhaft, aber Ruto hatte es geschafft. In Hyrule waren lauter hochnäsige Adelige und bei den Goronen bestand die Gefahr, dass Darunia ihm mit einer seiner Umarmungen irgendwann das Rückgrat brach.

Also lebte er in der Wüste, wo nur die Gerudos unter Naborus Führung lebten. Diese kam zwar hin und wieder für eine Trainingseinheit vorbei, ließ ihn aber sonst in Ruhe. Gestern war Naboru vorbei gekommen, um ihm zu sagen, dass Impa ihn sehen wollte. Die sieben Weisen hatten selbst jetzt eine gedankliche Verbindung zueinander, in die er leider nicht eingebunden war.

Er besuchte Impa sowieso jeden Monat und wenn ihn dann abseits dieser Termine rief, bedeutete das meist, dass sie eine besondere Mission für ihn hatte. Ansonsten bekam er kleinere Aufträge, besondere Materialien und Gegenstände und natürlich die wichtigsten Neuigkeiten aus Hyrule von ihr.

Link stoppte Epona an den Treppen, die nach Kakariko hinein führten, stieg ab und ließ sie ihres Weges gehen. Sie würde wiederkommen, wenn er sie rief, darauf konnte er sich hundertprozentig verlassen. Epona war in dieser Welt seine treuste Freundin und stand ihm loyal zur Seite, seit er sie damals beim Pferderennen gegen Basil gewonnen hatte.

Die Geräusche seiner Stiefel auf den steinernen Treppen ging bald im Hämmern der Bauarbeiter, dem Gackern der Hühner und den Stimmen der Marktschreier unter. Die zwei Wachen am Eingang grüßten Link freundlich, als er sie passierte. Das florierende Dörfchen sah wieder einmal ein wenig anders aus als beim letzten Mal, obwohl Link erst vor etwas weniger als zwei Wochen zu Besuch gewesen war. Nach dem Sieg über Ganondorf waren nur wenige Flüchtlinge in die Stadt Hyrule zurückgekehrt; auch nicht, als diese dank Zeldas Bemühungen und der Hilfe ihrer Nachbarländer wieder bewohnbar wurde.

Die heimelige und gemütliche Atmosphäre begann immer mehr Hylianer und auch Elfen aus anderen Ländern anzuziehen und so war Kakariko in einem ständigen Wachstumsprozess, um der wachsenden Einwohnerzahl gerecht zu werden. Im Moment bekam das Gasthaus eine dritte Etage und die Wege zum Marktplatz wurden gepflastert. Am Rande des Dorfes entstanden ständig neue Wohnhäuser und so lag Impas Haus, einst am Rande von Kakariko, beinahe schon im Zentrum.

Link spazierte durch Kakariko und betrat dann ohne zu klopfen Impas Haus. Sie hörte ihn sowieso immer. Die Sheikah stand an ihrem Schreibtisch und war über einige Karten und Pläne gebeugt, als er ihr Büro betrat. Mit aller Ruhe und Sorgfalt rollte sie die Pläne auf und legte sie beiseite, bevor sie sich an ihren Schreibtisch setzte und schmal lächelte.

„Herzlich Willkommen, Link. Ich habe dich schon erwartet.", begrüßte sie ihn. Link setzte sich ihr gegenüber auf einen der zwei Stühle.

„Du wolltest mich sehen?", kam er wie immer direkt zum Punkt. Weder Impa noch er hatten viel für belanglose Gespräche über.

„Ja. Ich brauche bei einer Sache deine Hilfe, Link.", sagte sie, während sie ihn eindringlich musterte.

„Worum geht es? Du weiß doch: Ich helfe immer, wenn ich kann." Er hatte ja nichts Besseres zu tun.

„Ich weiß." Die Sheikah lächelte erneut auf die für sie typische Art. „Deswegen komme ich mit dieser Bitte zu dir.

„Vor ein paar Tagen haben die Kokiri jemanden am Rande der Verlorenen Wälder entdeckt. Salia sagt mir, er wäre immun gegen den Fluch, der jeden Eindringling in einen Baum verwandelt. Wir wissen weder woher er kommt noch was mit ihm geschehen ist, aber er ist dadurch erblindet. Ich vermute einen Fluch, da er keine derartigen Verletzungen vorweist, aber er redet noch nicht darüber.

Link schwieg betroffen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie Blindheit sich anfühlte, aber schön war es ganz sicher nicht. Wenn man genau darüber nachdachte, gab es eine ganze Menge Dinge, die man ohne sein Augenlicht nicht mehr tun konnte. Bogenschießen zum Beispiel.

„Mein Problem ist nun, dass niemand hier genug Zeit hat, sich den ganzen Tag um ihn zu kümmern. Er braucht gerade in der Anfangszeit jemanden, der ihm hilft mit seinem Handicap umzugehen." In dem Moment schwante Link, wofür sie ihn brauchte.

„Aber ich kenne mich mit Blinden gar nicht aus!", protestierte er schwach. Er wusste allerdings, dass er verloren hatte, wenn Impa ihre Meinung nicht änderte.

„Das wird kein Problem sein. Du musst dich nur an ein paar einfache Regeln halten und der Rest wird sich von allein ergeben. Wenn er sich eingewöhnt hat, , kann ich ihm sicher ein kleines Häuschen und Arbeit in Kakariko besorgen." Link sah sie zweifelnd an, aber eigentlich war er schon längst überzeugt und Impa wusste das auch genau.

„Bitte, Link! Ich habe nicht genug Zeit, sonst würde ich es selbst machen.", bat sie ihn.

„Gut, ich mache es. Du weißt doch, ich kann dir einfach nichts abschlagen, Impa.", seufzte er.

„Du kannst Niemandem eine Bitte abschlagen, Held der Zeit, aber das ist eine deiner besten Eigenschaften.", antwortete die Sheikah leise.

„Und wo ist er jetzt?", fragte Link neugierig. Jetzt wo er zugesagt hatte, wollte er auch seinen neuen Schützling kennenlernen.

„Komm, ich werde dich zu ihm bringen. Er ist in einem der Gästezimmer." Sie deutete ihm an, ihr zu folgen.

Gemeinsam betraten sie den Anbau, der seit einiger Zeit fertiggestellt war und mehrere Gästezimmer plus ein Speisezimmer beinhaltete. Impas private Räumlichkeiten sowie ihr Büro waren weiterhin im alten Teil des Gebäudes untergebracht. Vor einer der Türen im ersten Stock hielt Impas und klopfte sachte an.

„Tulaen, ich habe einen Besucher für mitgebracht. Wir kommen jetzt rein.", sagte Impa leise und sanft.

„In Ordnung.", antwortete jemand ebenso leise von innen. Sie traten ein und Link sah sich suchend um.

Dort auf einem Stuhl am Fenster saß ein junger Mann. Er war etwas kleiner und schmächtiger als Link, vermutlich auch ein wenig jünger, wenn man die Jahre mitzählte, die er schlafend im Heiligen Reich verbracht hatte. Nackenlange, pechschwarze Haare fielen ihm ins Gesicht und wurden von schlanken Händen hinter seine Ohren gestrichen. Sie bildeten einen harten Kontrast zu seiner beinahe leichenblassen Haut. Das sah alles andere als gesund aus, aber er hatte auch Schlimmes hinter sich und anscheinend einige Blessuren davongetragen.

Link war allerdings sofort fasziniert von seinen Augen. Grau und pupillenlos waren sie und starrten unfokussiert auf einen unbestimmten Fleck an der Wand über Impa und ihm. Zusammen mit seinem herzförmigen Gesicht sah er etwas unheimlich aus, wie eine atmende, lebensgroße Puppe. Vermutlich hätte ein Lächeln ihn weit freundlicher aussehen, aber welchen Grund hatte dieser Junge schon zu lächeln?

„Das ist Tulaen. Tulaen, ich habe meinen guten Freund Link mitgebracht. Er wird sich von nun an um dich kümmern."

Fortsetzung folgt…