Gefunden

Ich hatte einen komischen Traum letzte Nacht. Es fühlte sich an, als ob meine Welt innerhalb eines Wimpernschlages in Trümmern lag.

Natürlich habe ich schon so einiges erlebt. So vieles überlebt. Doch dieses Gefühl, was ich nun habe, frisst mich von innen heraus auf und fühlt sich so grausam wie noch nie zuvor an.

Mein bisheriges Leben kann man mit „normal" beschreiben. Charakterisiert durch einen durchschnittlichen Verlauf. Für meine Arbeit als Sklavin erhielt ich Essen und Unterkunft, aber eingeschlossen waren ebenso eine raue Behandlung und sogar Schläge, Misshandlungen und Behelligungen durch meinen Meister und seine Lakaien. Dennoch will ich es mal so ausdrücken: Man lernt, sich über die Jahre hinweg zu arrangieren. Man passt sich ganz einfach den sich täglich ändernden Umständen im Leben einer Sklavin in Jerusalem an.

Ich habe einen Weg gefunden, mit diesen Umständen irgendwie zurechtzukommen.

Selbst wenn ich mich an meine Mutter nur vage erinnern kann, so weiß ich doch, was sie immer zu sagen pflegte: „Wenn du eine helfende Hand benötigst, schau zuerst am Ende deines eigenen Armes nach!"

Und ich hielt mich an ihren Ratschlag.

Nichts anderes als meine eigene Einbildungskraft half mir über die Zeit hinweg. Über solche schlechte Zeiten, in denen ich mich neben meinem Meister übergeben hätte können, so sehr waren meine Gefühle und Sinne von ihm abgestoßen.

Alles fing an als ich meine erste unfreiwillige Kindesabtreibung hatte.

Ich kann mich nur noch schemenhaft an ein schmutziges Bett in einem schummrig beleuchteten Raum erinnern. Einige Menschen stehen um mich herum, reden und reden unaufhörlich, aber ich kann kein einziges Wort verstehen. Nur ein einziger, kraftloser Laut erreicht meine Ohren und plötzlich wird der Raum unglaublich hell.

Ich schwöre, dass ein Engel über mich wachte. Er führte mich zu einem glänzenden, einladenden Tor von feinstem Metall, feingliedrig geformt mit verschlungenen Details und überhangen mit Efeu. Und ich kannte nur noch Erleichterung und eine nie dagewesene Gemütsruhe.

Mit der Zeit wurde ich sehr geübt und tüchtig darin, diesen Ort von innerer Gelassenheit zu besuchen und tat dies, wann immer es nötig erschien. Was ziemlich häufig war. Es war ja so trostreich.

Vielleicht habe ich deshalb noch nicht meinen Verstand verloren. Oder habe deshalb noch nicht meinen Körper dem Allmächtigen geopfert und meinen Geist für immer in Frieden leben lassen.

Ich weiß nicht, was letzte Nacht über mich kam. Warum einfach alles aus den Fugen geriet.

So bin ich nun unschlüssig und weiß nicht, was ich machen soll. Hat Gott mich verlassen, damit ich mich um mich selbst kümmern muss?

Doch warum nur gerade jetzt?

Die Frage hallt unnachgiebig durch meine Gedanken. Unwirkliche Schallwellen verursachen einen beständigen Schmerz in meinem Kopf. Ich wage es nicht, meine Augen zu öffnen, aus Angst, was ich mit ihnen erblicken könnte.

In meinem halb bewusstlosen Zustand habe ich nicht mitbekommen, wo die Wachen mich hingebracht haben und was sie mit mir getan haben. Ich weiß, dass dieser Ort dunkel, stickig und muffig, der Boden, auf dem ich liege, schwer verwest und ekelhaft klebrig ist. Ich kann nicht alle unterschiedlichen Gerüche der Flüssigkeiten unterscheiden, die rücksichtslos in den hölzernen Grund eingedrungen, sich vertieft und ihn ungerührt zerstört haben.

Ich versuche mich zu bewegen, doch das bringt eine Pein in meinen Rücken und Oberschenkel, so intensiv, wie ich es noch nie erlebt habe, selbst nach all den Jahren des Missbrauchs. Ich weiß dieser Schmerz ist etwas Wirkliches und hat wohl unglücklicherweise nachweisliche Existenz. So bewege ich mich erstmal gar nicht. Gedankenverloren unterliege ich dem Schmerz und mein Zeitgefühl schwindet mit meinem Willen weiterzuleben.

Nach einiger Zeit, in der ich innerlich ständig von Bewusstlosigkeit hin zu klaren Gedanken gescheucht werde, prallt alles auf mich nieder, was mich hörbar seufzen lässt. Ich erinnere mich plötzlich. Der Tod meines Meisters, die überwältigende Angst vor dem fremden Mann mit der blutigen Klinge, die Wachen, die kommen, um mich zu holen, während ich in der Ecke des Schlafzimmers hocke umhüllt und erstarrt durch erschöpfenden Terror.

Wenn all das geschehen ist, der Mann real war, dann…

Ein knacksendes Geräusch und anschließende schlürfende Schritte rütteln mich aus meinen Gedanken und in die Realität. Ich wehre mich immer noch dagegen, meine Augen zu öffnen, während ich fühlen kann, wie jemand mich auf wackelige Füße hievt.

Im Gegensatz zu gestern, als ich sogar noch einen Funken Courage hatte zu kämpfen oder mich wenigstens zu verteidigen, bin ich heute einfach nur noch ein Häufchen Elend.

Durch und durch saft- und kraftlos durch Hunger und Schmerzen verliere ich wieder das Bewusstsein und meine Gedanken treiben zu ruhelosem Seelenleiden.


POV-Wechsel

Ich will ehrlich sein. Zwei Nächte zuvor habe ich nicht einen zweiten Gedanken an sie verloren. Für mich war nur eine Art von Konsequenzen wichtig: Der Tod meines Zieles.

So sehr vertieft in meinen Auftrag Talal, den Sklavenhändler von Jerusalem, zu töten, war ich froh, dass mir die Möglichkeit geboten wurde, ihn in seinen höchst privaten Quartieren ungesehen zu ermorden. Ich bevorzuge es sehr, in Verborgenheit zu arbeiten. Ohne Publikum.

Natürlich war mein Plan sehr gut vorbereitet: Talals zu Hause finden, was sich im reichen Bezirk von Jerusalem befand, erkunden und ausforschen des Gebietes und wo er lebt, dabei seine Gefolgsleute vermeiden und die meisten seiner Wachen, Talal auf seinen Weg zu Gott schicken. Sehr einfach.

Aber er machte es mir nicht ganz so leicht. Zuerst konnte ich ihn in dem riesigen Haus nicht finden. Dann hatte ich seine Spur, doch verlor sie gleich mehrere Male. In genau dieser Nacht nahm er eine andere Route zu einem anderen Flügel als sonst, in dem aufmerksame Wachen ständig meinen Weg zu ihm blockierten und meinen Fortschritt erheblich verlangsamten.

Glücklicherweise hängt mein Erfolg nicht von unbewachten Hausfluren ab, um einen bestimmten Raum im Hause zu erreichen. Mir genügt ein einfacher Balkon.

Als ich es dann endlich unbemerkt zu seinem Raum geschafft hatte, wurde ich belohnt. Talals sexueller Appetit würde mir die perfekte Ablenkung von meiner Arbeit aufbieten und ihn heute Nacht sein liebes Leben kosten.

Der Rest war - wie immer - ziemlich einfach. Außer sie.

Diese Frau war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort! Und es kümmerte mich einen Dreck.

Ich hätte anders reagieren sollen, hätte möglicherweise warten sollen, bis er fertig mit ihr war und Talal und ich allein waren, hätte…

Aber da ich froh war, dass sie ohnmächtig wurde, was sie zusätzlich von ihrem Versuch zur Tür zu kommen und Teufel und Wachen auf mich loszulassen, hinderte, verdrängte ich egoistisch den Gedanken, dass sie womöglich für den Tod ihres Meisters verantwortlich gemacht werden würde.

So ließ ich sie einfach auf dem Bett liegen und verschwand.

In diesem Moment vergaß ich einen simplen Fakt: Majd Addin war ein irrer Folterer.

Das allein ist zwar nichts Ungewöhnliches in diesen Zeiten. Wegen Menschen wie ihn bin ich für meinen Meister ständig unterwegs, kann ich mich vor Aufträgen nicht retten.

Aber mein Wissen darüber, wie es Majd Addin liebt und darin aufgeht, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, sie leiden zu lassen, hätte mir Einhalt gebieten lassen müssen.

Er würde praktisch jeden zur Hinrichtung zwingen, um nur ein weiteres Exempel statuieren zu können. Schließlich wurde sein beliebter Handelspartner Talal umgebracht.

Und da Majd Addin nicht in der Lage gewesen war, den wahren Mörder zu stellen, nahm er sich dafür einfach den erstbesten in seiner Reichweite.

Er nahm sie.

Als Saladins Regent von Jerusalem ist Majd Addin dafür zuständig, dass die Bewohner der Stadt sich an die Gesetze hielten. Seine Gesetze. Die berühmt berüchtigten öffentlichen Hinrichtungen sind bezeichnend für sein unberechenbares Wesen, das die Leben Anderer kontrolliert und nimmt, alles im Namen seines Gottes.

Abgesehen davon ist er einfach ein unbarmherziges, grausames Monster, überzeugt von seiner frommen Selbstgerechtigkeit.

Nun stehe ich hier, beobachte das Podium und die Menschen auf und um es herum aus sicherer Entfernung von einem der Dächer. Während Majd Addin seine faulen Doktrinen zum Publikum schreit, bleibt mir der schlechte Zustand der Frau nicht verborgen. Verzweiflung und Kraftlosigkeit rollen in Wellen von ihr ab. Ihr Kopf hängt schlaff herunter und ich nehme an, dass sie ohne die Stricke, mit denen sie an den Pfosten gebunden wurde, ohnehin nicht aufrecht stehen könnte. Zunächst habe ich sie gar nicht erkannt, so miserabel ist ihre Erscheinung.

Ihr einst makelloses Haar, was die Farbe von dunklem Holz hat, ist nun unordentlich und dreckig. Die zerlumpte und zerrissene Kleidung reicht gerade so, um die wichtigsten Stellen ihres Körpers zu bedecken, daher kann ich gut die vielen Schnitte und Flecken auf ihrer Haut ausmachen, eine starke Verfärbung auf ihrer rechten Gesichtshälfte sticht dabei besonders hervor. Sie hat definitiv drei harte Tage hinter sich.

Ich schüttele unbewusst meinen Kopf, um dieses bohrende Gefühl des schlechten Gewissens abzuwerfen. Großes Geschrei des Publikums reißt mich zusätzlich aus meinen Gedanken heraus. Majd Addin schreitet wild gestikulierend von links nach rechts, nicht wissend welche Gefahr ihn in einem unsichtbaren Schleier umhüllt.

Kräftig fluchend drücke ich mit Daumen und Zeigefinger an meine Nasenwurzel, um die nagenden Zweifel zu stoppen. Es gibt für sie einfach keine weitere Überlebenschance, wenn sie nicht hier und jetzt gerettet wird.

Ein letztes Mal überprüfe ich die Standorte der zwei Gefährten, die mir Malik zur Rettung unseres gefangen genommenen Bruders überlassen hat.

Als ich die zwei an ihrem jeweils zugewiesenen Posten entdecke, warte ich auf den perfekten Zeitpunkt, um meinen tödlichen Weg zu beschreiten.


Ich nähere mich Majd Addin in dem Moment, als ich mich endgültig entschieden habe. Gegen die Durchführung der eigentlich geplanten Mission und für ein mögliches Ende von uns allen. Doch ich muss das Risiko eingehen.

Gerade als seine Wachen mich erspähen, greift mich alles, was ein Messer oder Schwert hat, egal wie stumpf es sein mag, an.

Ich strecke jeden mit meinem Kurzschwert mühelos nieder, der zwischen mir und meinem Ziel ist. Mir ist, als ob die plötzliche und brutale Eruption von Blut niemals endet. Dabei höre ich nur dumpf die Schreie des flüchtenden Publikums um mich herum.

Ich attackiere und kontere ständig und genieße die Angst, die ich in den Augen meiner Feinde lesen kann.

Jetzt bin ich in einer anderen Welt, vergesse alles um mich herum, konzentriere mich auf meinen Gegner und dessen nächsten tödlichen Fehler, den ich gnadenlos ausnutze, um sein Leben zu beenden. Die Klugen geben auf, alle anderen schalte ich aus.

Die überlebenden Wachen sind nun zu verängstigt oder zu verletzt, um mich noch weiter anzugreifen, und auch ich nutze den Moment zum Durchatmen und Orientieren.

Ich bin eingekreist von noch etwa fünfzehn Wachen, die meisten halten sich blutende Arme oder andere Körperteile und betrachten mich misstrauisch und keuchend.

Während ich mich langsam umdrehe, versuche ich einen Blick auf Majd Addin zu erhaschen. Doch er ist nirgends zu sehen.

Immernoch rennen Menschen panisch über den Platz, was mir die ganze Sache weiter erschwert.

Ich murmele einen Fluch und bewege mich langsam Richtung Podium. Die verunsicherten Wachen lassen mich sogar gewähren. Es wäre nicht das erste Mal.

Die Frau hat sich seither nicht bewegt. ‚Wahrscheinlich ohnmächtig, wieder einmal', denke ich über sie kaltherzig und meine schlechte Laune gewinnt Oberhand über mich.

Plötzlich bin ich unentschlossen. Was wird Malik denken, wenn ich sie mit zum Büro bringe?

Mein Mangel an Entscheidungskraft lässt mich zögern. In diesem törichten Augenblick versäume ich die Tatsache, dass sich ein neuer Trupp Wachen nähert, zusammen mit Majd Addin am Ende wie er ihm aufgebracht und rasend Kommandos zuschreit.

Wieder wird aus einem Kampf ein Gemetzel, eins, was ich nun effektiver ausführe, weil ich dieses Mal Majd Addin nicht aus den Augen lasse.

Im Augenwinkel sehe ich die Frau neben mir. Mir ist die Richtung, die wir während des zweiten Kampfes genommen haben, gar nicht aufgefallen. Plötzlich kann ich ihr schmerzerfülltes Wimmern neben mir vernehmen und fühl mich augenblicklich gefangen.

Verloren in dem Wunsch sie zu befreien, übersehe ich so unüblich und stümperhaft mein Assassinationsziel, was fast zum Untergang von uns allen führt. Urplötzlich drängt sich Majd Addin schleunig zu ihr, positioniert sich hinter sie und wagt es tatsächlich, sie mit einem seiner goldenen Messer zu bedrohen. Ein böses Grinsen heftet sich auf sein Gesicht und ich kann all seine Boshaftigkeit mit einem Mal erkennen.

Er maßt sich an, sie als Geisel zu nehmen, nachdem ich fast jeden einzelnen seiner Männer mit geübter Leichtigkeit erschlagen habe? Fast knurre ich ihn deshalb verächtlich an.

Unbeeindruckt von diesem Schauspiel zwischen zwei sich behauptenden Männern stemmt sich die Frau plötzlich wild und mit neuer Kraft gegen ihre Fesseln und ich bekämpfe den zeitweiligen Drang sie zu stoppen, aus Angst, sie könnte sich durch die hitzigen Bewegungen an dem zweifellos scharfen Messer verletzen.

Als meine zwei Gefährten an meiner Flanke auftauchen, trifft sich mein Blick wieder mit dem eines nun etwas durcheinander dreinblickenden Majd Addin. Seine unruhigen Augen beobachten und überblicken die Situation, ständig wechselt seine Aufmerksamkeit von mir hin zu der immer noch wild umherrennenden Menschenmenge, deren Schreie weiterhin an all unseren Nerven zerren.

Ich gewinne wieder seine volle Aufmerksamkeit mit der einen, kehligen Warnung: „Ala Rislek."

Doch alle Beide betrachten mich mit einmal: ein Gesicht voller Unglaube, das andere voll Verärgerung.

Majd Addin zieht jetzt energisch und aggressiv mit seinem Arm an ihrem Nacken, zwingt sie zur Unterwerfung, quetscht ihr die Luft aus dem Körper, was sie verzweifelt würgen lässt. Als er wieder das Messer an ihrer Kehle ansetzen will, zerrt sie entsetzt an ihren Fesseln, und als Folge läuft ein kleiner Tropfen Blut ihren Hals herunter.

Aber sie hat noch nicht aufgegeben, nein, denn trotz ihrer eingeschränkten Lage hat er Probleme, sie zu kontrollieren.

„Du dreckige Hure, hör auf damit!", ächzt er wütend und spuckt unwillkürlich um sich.

Das ist der perfekte Moment für mich. Ich mache einen Schritt auf ihn zu in einer einzigen flinken Vorwärtsbewegung und trete ihn mit dem Fuß kraftvoll in seine Magenkuhle.

Eine Chance sich wieder aufzurappeln gebe ich ihm nicht, sondern ramme meine versteckte Klinge gnadenlos und mit aller Kraft in seine Kehle.