Maßgeschneidert

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Maßnahme

Die Anzeige des Funkweckers war nicht mehr die neuste. Sie unterschlug den filigranen Querbalken, der die Acht als Acht auszeichnete, und degradierte sie zu einer Null, verfälschte die Uhrzeit, die für Lauren ohnehin nicht von großer Bedeutung war. Seit Stunden lag sie in ihrem Bett, wälzte sich von einer Seite auf die andere, ohne auch nur einmal ein Auge zuzutun. Ihr fehlte nicht nur die körperliche Auslastung, die ein anstrengender Arbeitstag mit sich gebracht hätte, in ihrem Kopf veranstalteten zudem die unterschiedlichsten Gedanken eine zermürbende Hetzjagd. Vielleicht lag es an dem Umschlag mit dem vielen Geld, den sie zur Sicherheit unter ihrem Kopfkissen deponiert hatte, dass sie nicht schlafen konnte.

Als die leuchtend roten Ziffern ihres Weckers schließlich den kuriosen Sprung von 4:40 auf 4:49 vollendeten, schlug sie stöhnend das schweißfeuchte Laken zurück, das ihr als Decke diente, und schwang die Beine über die Bettkante. Sie gewährte den Dämonen der Nacht, die sich in ihr Schlafzimmer gestohlen haben mochten, noch einen letzten Augenblick in den Schatten, bevor sie die kleine Lampe auf ihrem Nachttisch anknipste und die kleine Parzelle, in der sie zur Nachtruhe zu kommen gedachte, mit sterilem Flackern ausleuchtete.

Seufzend strich sie sich mit beiden Händen über das Gesicht, während sich irgendwo in einem anderen Teil der Stadt ein erlösendes Gewitter mit dem Paukenschlag seines Donners ankündigte. Einige Minuten blieb Lauren auf ihrer Bettkante sitzen und versuchte sich an den Kopfschmerz zu gewöhnen, der hinter ihren Schläfen pochte und sie dafür strafte, dass sie nicht geschlafen hatte. Die Geschehnisse des Vorabends hatten sie unerbittlich wach gehalten, wieder und wieder hatte sich seine melodische und doch schnarrende Stimme in ihren Kopf geschlichen; wann immer sie es gewagt hatte, die Lider zu schließen, war der Anblick seiner entstellten Mundpartie beängstigend deutlich auf den Schatten ihrer Netzhaut erschienen.

Sie schob das Daunenkissen beiseite und zog den Umschlag darunter hervor, legte ihn auf ihren Schoß und überlegte, ob es vielleicht klüger war, die Polizei zu verständigen und die Unsumme beschlagnahmen zu lassen. Dafür hätte sie aber das Geld nicht anrühren sollen, hätte nicht die Banderolen entfernen sollen. Sie hatte Fingerabdrücke daran hinterlassen und man würde ihr unterstellen können, einen Teil des Geldes unterschlagen zu haben. Hinzukam, dass der Fremde nichts anderes getan hatte, als eine Bestellung aufzugeben und das war noch lange nicht illegal, selbst wenn er ihr weder Namen noch Kontaktdaten genannt hatte. Dennoch hätte sie sich erheblich sicherer gefühlt, wenn sie Polizeischutz genossen hätte, wenn er wieder zurückkehrte. Ohne konkreten Grund würde man ihr aber keine Streife stellen, dafür herrschte bekanntlich zu großer Personalmangel in den Reihen der Ordnungshüter.

Wer war so verrückt, so viel Bargeld in Gotham mit sich herumzuschleppen? Was für ein Mann fürchtete sich nicht davor, ausgeraubt und fertig gemacht zu werden? Entweder jemand, der zu naiv war, um die Gefahren dieser Stadt richtig einschätzen zu können, oder aber jemand, der es an Verschlagenheit und Gewaltbereitschaft mit jedem Abschaum Gothams aufnehmen konnte.

Eine Gänsehaut, die nicht auf das Empfinden von Kälte beruhte, breitete sich epidemisch auf ihren Armen und Beinen aus. Lauren warf den Umschlag auf das zerwühlte Laken, so als hätte der bloße Kontakt mit ihm ihr Unbehagen ausgelöst. Mit den Händen rieb sie über ihre Arme, wie um sich aufzuwärmen, erhob sich gleichzeitig und stakte richtungslos durch den kleinen Raum. Irgendwo in einer Wohnung über ihr fiel etwas Schweres polternd zu Boden, infolgedessen jemand laut und unfein fluchte. Lauren beschloss, zu duschen, sich anzuziehen und im Anschluss ihre Bank aufzusuchen, um das Geld einzuzahlen. Selbst wenn der Fremde doch nicht zurückkam, um sie Maß nehmen zu lassen, erfüllte es Lauren mit gehöriger Nervosität, so viel Geld bar mit sich zu führen. Grundlegend gefiel es ihr überhaupt nicht, das fremde Geld in ihrem Besitz zu wissen, konnte sie sich schließlich nicht erklären, woher es stammte. Auch wenn sie jeden einzelnen Schein bitter nötig hatte, war der Gedanke, es zu behalten, von ihrem nagenden schlechten Gewissen begleitet.

Der Mann hatte behauptet, in der Unterhaltungsbranche tätig zu sein, trug aber Kleidung, die nicht auf herausragenden Wohlstand schließen ließ, der wiederum seinen Barbesitz von zweitausend Dollars auch nur im Entferntesten erklärt hätte. Wo auch immer er so viel Geld herhatte, um ihr eine Anzahlung zu finanzieren, die das Überleben ihres Ladens für mehrere Monate gesichert hätte – in ihrer Vorstellung wehrte sich etwas vehement dagegen, dass es ein ehrenhaft verdienter Betrag war. Und wenn er – auf welche Weise auch immer – zu diesem Reichtum gekommen war, warum gab er so viel Geld für nur eine neue Garnitur aus? Sonderlich eitel war er ihr nicht vorgekommen mit dem ungewaschenen, krausen Haar, das stellenweise verfilzt wirkte, weil es lange nicht mehr gekämmt worden war, und dem von Narbengewebe zerfurchten Gesicht. „Du siehst Gespenster", schalt sie sich selbst leise und machte sich dann kopfschüttelnd daran, ihr Tagwerk zu verrichten.

Sie musste zur Ruhe kommen, diese zittrige Paranoia abstreifen, die ihr klares Denken vernebelte. Wenn sie das Geld erst einmal eingezahlt hatte, so war sie sich sicher, würde sie sich umgehend besser fühlen.

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Vier Stunden später und in der Gesellschaft eines Potts frisch gebrühten Kaffees saß Lauren an ihrem Schreibtisch und blätterte die Seiten des Katalogs durch, über den sie über Jahre ihre Schneidermaterialien bezog. Groß und klobig lag er aufgeschlagen vor ihr, eine Seite dünner als die Epithelien einer feinen Blüte. Viele Stellen hatte sie mit Lesezeichen versehen, weil sie diverse Stoffe und Muster für passend erachtet hatte. Es war abstrus, dem seltsamen Fremden eine Kollektion zu unterbreiten, aber andererseits war das ihr Job, und je professioneller sie sich dieser Aufgabe stellte, desto weniger Probleme würde sie bekommen. Noch nie hatte sie aus persönlichen Gründen davor zurückgeschreckt, ihre Arbeit zu machen und dieser Fremde, so eigentümlich er sich auch aufführte, würde daran nichts ändern.

Die kleine Stärkung in Form eines Bagels und ausreichend flüssigen Koffeins hatte ihre Unsicherheit zwischenzeitlich verblassen lassen, wenngleich sie nicht leugnen konnte, das jeder an der Glastür vorüberhuschende Schatten und jeder einem leichten Windstoß verschuldete Glockenklang über der Eingangstür ihr Herz in doppelter Geschwindigkeit schlagen ließ. Der heutige Tag – ein Freitag – war einer der besseren. Im Laufe des Tages suchten sie gut ein Dutzend Kunden auf, um entweder Kleidungsstücke ändern zu lassen, sich über Anfertigungskosten zu informieren, oder aber das ein oder andere Stück zu erwerben. Es war nicht viel, das über die Ladentheke ging, aber immerhin besser als gar nichts. Den gesamten Tag verbrachte sie mit der düsteren Vorahnung, ihren unheimlichen Besucher wiederzusehen, doch er kreuzte nicht auf. Dass er nicht während der Öffnungszeiten vorbeikam, wunderte sie nicht sonderlich, aber dass er letztlich gar nicht auftauchte, beunruhigte sie. Auch samstags ließ er sich nicht blicken, am Sonntag war ihr Laden geschlossen und auch am Montag ereignete sich nichts, das aus dem Rahmen gefallen wäre.

Fast schon erlaubte sich Lauren in den üblichen Trott zurückzukehren, dachte immer weniger an den eigenartigen Kunden, bis sie am Dienstagabend an ihrem Schreibtisch saß, ihre Nähmaschine ratternd eine eingerissene Naht korrigieren ließ und leise vor sich hinsummte. Es war bereits dunkel, nach neun Uhr abends, der Laden war längst geschlossen und diesmal hatte sie auch darauf geachtet, ihn wirklich zuzuschließen.

Es war ein leises, dennoch penetrantes Klopfen, kaum mehr als ein metallisches Klicken, das sie aufgrund seiner Beharrlichkeit von ihrer Arbeit ablenkte. Als sie den Kopf hob, hielt sie erschrocken den Atem an. Vor der Tür zeichnete sich die große und schlanke Silhouette des Fremden ab, die sie nur an dem wirr abstehenden Haarschopf als solche ausmachen konnte. Er schlug mit einem kleinen handlichen Gegenstand gegen die Scheibe ihrer Tür, eine der Straßenlaternen ummalte sein künstliches Grinsen mit gespenstisch kühlem Licht. Er sah aus wie eine Figur aus einem alptraumhaften Gemälde. Und doch stand Lauren auf und schritt auf die Tür zu, verharrte einige Sekunden vor der verschlossenen Barriere aus durchsichtigem Glas und sah ihn an. Die rechte Hand hielt er noch erhoben und zur Faust geballt, das schwarze Leder seiner Handschuhe spannte um seine Fingerknöchel. Seine Augen wirkten dunkler als bei seinem letzten Besuch, es sah fast aus, als umrandeten schmale Linien schwarzen Kajals seine Lider. Er löste seine Faust auf, spreizte einen Finger nach dem anderen ab und winkte ihr damit zu. Es war eine verstörende und beängstigende Geste, aber dennoch wanderte Laurens Hand wie automatisch zu dem Türknauf, umfasste ihn und löste das Schloss. Je schneller sie diese Angelegenheit hinter sich brachte, desto besser.

Die Glocken schlugen hell und aufgeregt aneinander, als sie die Tür öffnete und beiseite trat, um ihm Einlass zu gewähren. „Guten Abend, Missyyy", raunte er ihr gedehnt zu, während er über die Schwelle trat. Draußen vor der Tür rauschte der Regen, der in dünnen Bindfäden vom Himmel fiel, aber keine Erfrischung mit sich brachte. Die drückende Schwüle lungerte standhaft in den Gassen der Stadt und machte keine Anstalten, ihre Posten aufzugeben.

Der Fremde ging schleichenden Schrittes durch den Laden, an der Theke vorbei und ließ Lauren an der Tür stehen, die sie daraufhin mit klopfendem Herzen schloss.

„Ich hab schon gedacht, Sie würden nicht mehr kommen", sagte sie, nicht weil sie sich darüber freute, dass er doch erschienen war, sondern um Konversation zu machen, die die angespannte Stille zwischen ihnen überbrückte. Seine Schritte hallten auf dem glatten Parkettboden wieder, als er sich in den hinteren Teil des Verkaufsraumes begab und seinen Blick forschend über die Regale gleiten ließ, als wäre er noch nie zuvor hier gewesen.

„Oh, ich...bedaure, dass du hast warten müssen, Schätzchen, ich bedaure es wirklich." Er drehte sich zu ihr um, während er sein Jackett richtete. Es war das gleiche graue Sakko, das er schon beim ersten Mal getragen hatte. „Aber du weißt ja, wie das ist...", er streckte die Arme aus und ließ sie klatschend wieder gegen seine Seiten fallen, „...manchmal hat man so viel zu tun, dass man nachher...", er griff nach einem einzelnen Kleiderbügel und versetzte ihm einen so kräftigen Stoß, dass er um die Metallstange zirkulierte, um wenig später schwungvoll zu Boden zu gehen, „...gar nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht."

Er stand inmitten des Raums und überließ es seinen auf ewig verzerrten Mundwinkeln, ein Lächeln zu zeichnen.

„Also...", wieder streckte er seine Arme aus, sodass er kurzzeitig einer Vogelscheuche ähnelte. Einer Vogelscheuche, die nicht nur Vögel in die Flucht zu schlagen verstand. „Warum...äh...schnappst du dir nicht dein hübsches Maßband und machst dich an die Arbeit, hm? Du musst wissen...ich bin ein vielbeschäftigter Mann und...habe noch einige Termine." Er leckte sich delikat die Lippen und verzog den Mund zu einer grimmigen Grimasse. Als sich Lauren immer noch nicht in Bewegung setzte, fügte er hinzu: „Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit." Er ließ die letzte Silbe schnalzend ausklingen, so als er hätte er etwas mit ihr ausgespuckt. Obwohl sein Tonfall nicht herrisch oder befehlend war, verschaffte er sich mit diesen wenigen Worten Überlegenheit und Autorität.

Lauren wagte es nicht, ihm zu widersprechen, obwohl sie für gewöhnlich nicht schüchtern war und sich noch weniger herumkommandieren ließ. Es war etwas an ihm, das sie spuren ließ, eine instinktive Ahnung davon, dass er ihr andernfalls Schwierigkeiten machen könnte und bestimmt nicht davor zurückschreckte, es auch zu tun. Geschwind trat sie auf ihn zu, holte ein Maßband aus einer der Schreibtischschubladen und begann es auseinander zu ziehen. Maß zu nehmen, verlangte von ihr ab, nah genug an ihn heranzutreten, dass sie sein verstörendes Parfum einatmete und seinen warmen, ruhigen Atem auf ihrer Haut spürte, als er den Kopf zu ihr hinabneigte. Am allerschlimmsten jedoch war die leise Bitte, die sie an ihn richtete: „Bitte entkleiden Sie sich." Sie war routiniert genug, nicht mehr in Verlegenheit zu geraten, wenn sich Wildfremde halbnackt in ihrer Nähstube zur Maßnahme präsentierten, aber in seinem Fall war es doch ein wenig befremdlich und beunruhigend. Wenn er im Gesicht schon diese schrecklichen Narben trug, wie würde dann erst sein übriger Körper aussehen?

Er schenkte ihr ein süffisantes Grinsen und hob die Braue zu einem nonchalanten Bogen. „Bis aufs letzte Hemd?", fragte er und zupfte neckisch an seinem Jackett, ehe er sich mit einer geschmeidigen Bewegung, die sie ihm so nicht zugetraut hätte, aus dem Kleidungsstück schälte. Sorgsam breitete er es auf einer Stuhllehne aus und Lauren bildete sich ein, ein leises Klimpern wahrzunehmen, als der Inhalt seiner Tasche gegen das robuste Holz schwang. Erst als sie sich dessen gewahr wurde, dass er sie mit schief gelegtem Kopf musterte, räusperte sie sich und merkte, wie das Blut in ihre Wangen schoss und diese zum Glühen brachte.

„Nein...äh...nur bis auf die Unterwäsche bitte."

Der Fremde erwiderte daraufhin nichts, sondern entledigte sich besonnen seiner Handschuhe, warf sie zu dem Jackett auf den Stuhl, knöpfte dann nach und nach das graublaue, leicht gestreifte Hemd auf, das er trug. Lauren wollte ihm nicht dabei zusehen, wie er sich vor ihr auszog, aber dennoch konnte sie den Blick nicht von ihm abwenden. Er schien es nicht als Beleidigung aufzufassen, sondern gab ihr mit dem ein oder anderen knappen, kehligen Glucksen zu verstehen, dass er diese Situation äußerst komisch fand. Zuletzt stieg er aus seiner grauen Hose und entblößte lange schlanke Beine, an deren Füßen er wirr und bunt karierte Strümpfe trug. Lauren schüttelte unterschwellig den Kopf. Es war besser, wenn sie keine Fragen stellte. Wenigstens hatte er ihr den Gefallen getan und eine Unterhose angezogen, die recht schlicht war im Vergleich zu seiner übrigen Aufmachung und seinen extravaganten Wünschen.

„Kann's jetzt...äh...losgehen?", fragte er mit einem fast kindlich-naiven Gesichtsausdruck und Lauren nickte abwesend, musste sich zwingen, ihm in die Augen zu sehen. Sein Oberkörper war hager, die Brust eingesunken wie bei einem halbstarken Teenager. Kein Haar zierte die flache Ebene seines Brustbeins. Ein bisschen zu deutlich sichtbar traten seine Rippenbögen unter der blassen, etwas teigig wirkenden Haut hervor. Verblassende Hämatome und zahllose keilförmige Narben bedeckten seinen Körper wie eine groteske Form des Körperschmucks. Lauren schluckte schwer, als sie ihn so sah. In der Unterhaltungsbranche prügelte man sich für gewöhnlich nicht oder bearbeitete sich mit dem Messer.

„Stehen Sie bitte locker und gerade da", wies sie ihn an, als sie das Maßband auseinander zog und sich ihm zögerlich näherte. „Locker bin ich, sehr locker sogar", griente er sie an und fügte mit lakonisch hinzu: „Im Gegensatz zu dir, mein Schatz." Lauren überging diese Anmerkung und trat an ihn heran.

Sie setzte das Band an sein Handgelenk an, fühlte das kraftvolle, rhythmische Klopfen seines Pulses durch das feine Geflecht seiner Adern und war bemüht, sich ihr Unbehagen nicht anmerken zu lassen, als sie ihn leise bat, das Band festzuhalten, woraufhin ihre Finger kurzzeitig in Kontakt mit den seinen kamen, deren Spitzen von einer kreideartig weißen Substanz überzogen waren. Sie spannte das Band, drückte es an die Wölbung seiner Schulter und las die Inchanzahl ab, wiederholte diese Prozedur dann mit dem anderen Arm. Sie vermied es, zu ihm aufzuschauen, aber spürte seinen Blick unentwegt auf ihr ruhen. Lauren selbst atmete nur flach oder hielt manchmal sogar den Atem an, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das Herz hämmerte ihr so heftig gegen den Brustkorb, dass sie meinte, er könnte es hören. Erst als er leise zu lachen begann, nein, vielmehr kicherte wie ein aufgeweckter kleiner Junge, fand sie den Mut, ihn anzusehen.

Seine Augen blickten dunkel und beunruhigend ausdruckslos auf sie hinab, das warme Licht der Schreibtischlampe gab einen verstörenden Ausblick auf seine zerfurchten Mundwinkel frei, entsetzliche Narben, von denen sie keine Vorstellung hatte, wie sie entstanden waren.

„Warum denn so angespannt, hm?" Er hatte die Arme bis eben noch ausgestreckt gehalten, doch plötzlich zog er sie zurück und schloss seine Hände um Laurens Schultern. Die junge Frau zuckte heftig zusammen, sicher, dass er Schreckliches mit ihr tun würde. Und sie war auch noch dumm genug gewesen, diesem Unhold die Tür zu öffnen. Aber er tat nichts, ließ einfach seine langen, recht zierlichen Finger auf ihrer Schulter ruhen und musterte sie mit unverhohlener Neugierde: „Bist du nervös?" Seine rechte Hand löste sich von ihrer Schulter und ging dazu über, ihr langes braunes Haar zu streicheln, eine intime Geste, die sie nicht einmal all ihren Liebschaften gestattet hatte.

Lauren erstarrte, versuchte, sich ihm zu entziehen, aber scheiterte kläglich daran. Etwas an seiner Art lullte sie ein, machte sie trunken wie ein inhaliertes Halluzinogen. Als seine Hand auf ihren Hals glitt und kurz darauf über ihre Wange strich, schnappte sie hektisch und überdeutlich nach Luft, was seine Mundwinkel amüsiert zucken ließ, das wuchernde, aber dennoch geschmeidige Narbengewebe zog sich zu groben Wellen zusammen wie der Körper einer Raupe.

„Ein...ein wenig", erwiderte sie die größte Untertreibung, die je über ihre Lippen gekommen war.

„Aber wieso?", fragte er mit einem gestellten Ausdruck kindlicher Naivität. Die Brauen hatte er karikierend in die Höhe gezogen, sodass sie seine Augen in hohen, geschwungenen Bögen umrahmten. In Kombination mit seinem eingemeißelten Grinsen bot sein Gesicht einen maskenhaften Anblick und vermittelte ihr das ungute Gefühl, dass genau diese Maske verhinderte, dass sie sehen konnte, wer er wirklich war. Es kostete sie Überwindung, aber Lauren legte ihre Hand auf die seine und schob sie langsam von ihrem Gesicht. Es gelang ihr nur, weil er es zuließ, das wusste sie mit beängstigender Gewissheit.

„Weil ich...meine Arbeit machen möchte und es mich irritiert, wenn Sie...wenn Sie..."

„Wenn ich...?", äffte er ihren zittrigen Tonfall nach, ohne aber eine Spur von Spott oder Hohn im Blick zu tragen. Er schien wahrlich ein Meister der Maskerade zu sein; nicht nur was das Verhüllen seiner Gedanken oder Gefühle, sondern ebenso sein gesamtes Gebaren anbelangte. Es war, als spielte er eine Partie Poker gegen sie und machte es ihr unmöglich, in seine Karten zu spähen.

„Wenn Sie mir so viel Bargeld in die Hand drücken, mir nicht Ihren Namen nennen und...und mich anfassen", äußerte sie ihr Missfallen verdrießlich. Es war ihr Laden, ihr Territorium, und doch fühlte sich Lauren ganz eindeutig unterlegen.

„Du hast mich nie danach gefragt", stellte er leise über ihr fest, ohne die Hand von ihr zu nehmen, schenkte ihr ein nonchalantes Lächeln, das seine Augen nicht erreichte und eine eingebrannte Lüge war.

„Wie bitte...?", krächzte sie heiser, war wie benommen von diesem eigenartig hypnotischen Einfluss, den er auf sie hatte. Sie wusste, dass er gefährlich war, aber dennoch konnte sie sich ihm nicht entziehen. Im Gegenteil. Auf verrückte Weise weckte er ihre Neugierde, mehr von ihm zu erfahren, um sich einen Sinn hinter seinem aparten Auftreten und Handeln zusammenzureimen.

„Du hast mich nicht nach meinem Namen gefragt, Schätzchen, also...hab ich ihn dir nicht gesagt." Er zwinkerte ihr schelmisch zu, wiegte seinen Kopf von einer Seite zur anderen und fuhr sich mit dieser unbewusst anmutenden Geste hastig über die zerrütteten Untiefen seines Mundes. Sein Atem blies ihr warm und schal entgegen, stank nicht, aber roch auch nicht angenehm, eher wie abgestandener Wein, der noch nicht ganz zu Essig gegoren war.

„Wie heißen Sie denn?", fragte sie, ihre Stimme kaum lauter als ein Lufthauch, der nicht einmal kraftvoll genug war, ein Windspiel in Bewegung zu versetzen.

„Namen, Namen, Namen...was hast du nur davon, wenn du meinen Namen kennst? Meinst du wirklich, mich dadurch zu kennen, Zuckerpüppchen?", lenkte er ab. Er sagte es in seinem verschlagenen Singsang, durch einen Schleier aufgesetzter Unbeschwertheit hindurch, wie sie einem Animateur zueigen war. Trotzdem hörte Lauren einen leicht gereizten Unterton heraus oder bildete ihn sich zumindest ein.

„Nein, ich...nein...es ist nur...", es fiel ihr nicht leicht, in ganzen Sätzen zu sprechen, wenn er sie so taxierte und die unerwartete Wärme seiner Hand auf ihrer bloßen Schulter ruhte, „...wenn ich Bestellungen aufgebe, dann auf einen bestimmten Namen."

Er legte den Kopf zur Seite, das fettige blonde Haar klebte in der Hitze des Spätsommers regelrecht an seinem Nacken, kräuselte sich im Zuge der hohen Luftfeuchtigkeit noch stärker am Ansatz. „Weißt du, Schätzchen..."

„Lauren", warf sie wagemutig ein, doch er überging sie mit einem abermaligen nachdrücklichen „Schätzchen", ehe er fortfuhr: „Ich bin Künstler und wie es sich für Künstler gehört, arbeiten sie unter einem Künstlernamen, leuchtet dir das ein?" Sie nickte, als seine Finger gönnerhaft ihre Wange tätschelten. Dass sie aus seinem Mund von seiner wahren Identität erfuhr, konnte sie also vergessen. Er lehnte sich leicht zurück, produzierte ein durch Mark und Bein gehendes, schnalzendes Geräusch mit seinen Lippen und fuhr in einem Tonfall fort, der Lauren das Gefühl gab, flüssigen Stickstoff durch ihre Adern fließen zu haben.

„Ich bin noch nicht lange in...Gotham..." Verachtung und Kälte schwang in seiner Stimme mit, als er den Namen der Stadt artikulierte; er schien diesem Ort nicht wohl gesonnen zu sein, „...daher bezweifle ich, dass du schon von mir gehört hast...aber du wirst von mir hören, Schätzchen, das...verspreche ich dir. Und wenn es soweit ist, wirst du dich erinnern und wissen, wer diesen Anzug in Auftrag gegeben hat." Seine Worte waren nicht nur so daher gesagt, sie entsprachen purem Ernst. Ernst und einer Spur Wahnsinn, der Laurens Herz sinken ließ. Seine Finger erkundeten ihr Profil, erreichten die kantige Linie ihres Kinns und griffen es kurzzeitig fest genug, um Lauren zusammenzucken zu lassen.

„Bitte...ich...stelle keine Fragen mehr...ich...lassen Sie mich nur meine Arbeit machen", flüsterte sie mit rauer Stimme. Seine Berührungen irritierten sie, das Echo seiner gesäuselten Worte klang verstörend in ihrem Kopf nach.

„Aber sicher, Engelchen, sicher doch...nur zu", er ließ seinen Blick forsch über sie gleiten und senkte dann beide Arme. Lauren war in diesem Moment, als würde eine unsagbar schwere Bürde von ihren Schultern genommen. Der Impuls, kehrtzumachen und davonzulaufen war stark, aber nicht übermächtig. Er duellierte mit ihrer gefährlichen Neugierde und ihrer Professionalität. Lauren hatte sich schon immer schwer damit getan, sich die Gleichgültigkeit anzutrainieren, die man zum Überleben in Gotham brauchte. Zu oft hinterfragte sie geschäftliche Schritte, grübelte alles in Grund und Boden, aber diesmal zwang sie sich dazu, sich nicht zu fragen, wer dieser wunderliche Mann eigentlich war, woher er kam und woher das Geld stammte, dass er in nicht unbeachtlichen Mengen zu besitzen schien. Lauren zwang sich dazu, einzig und allein ans Geschäft zu denken, an das Überleben ihres kleinen Ladens, das mit einer Finanzspritze in solchen Größenordnungen zumindest vorübergehend gesichert wäre.

Sie griff nach einem Notizzettel und schrieb darauf die genommenen Maße nieder, ehe sie sich seiner Kragenweite, Schulterbreite und dem Brustumfang widmete, Oberkörperlänge vermaß und auch diese Daten notierte. Die ganze Zeit über tat er ihr den Gefallen und schwieg, bis sie Taillen- und Hüftumfang maß.

„Hast du...diesen Laden...ganz allein auf die Beine gestellt, Schätzchen?", fragte er mit dem Schatten eines süffisanten Grinsens auf seinen Lippen, als sie das Maßband an seinen Unterhosenbund drückte.

Sichtlich irritiert über diese Frage suchte Lauren einige Sekunden lang nach den richtigen Worten, ehe sie erklärte: „Nein."

„Nein?", hakte er nach, als wäre dieses einzelne Wort so kompliziert, dass es ambige Interpretationen zuließ.

„Nein", bestätigte sie ihm ein zweites Mal und zog das Maßband ein, griff wieder nach dem Bleistift und schmierte das genommene Maß in Inch nieder. Sie war es gewohnt, Smalltalk mit ihren Kunden zu führen, um ihnen die Zeit zu vertreiben, in der sie stillhalten mussten, allerdings hatte sie noch nie einen so außergewöhnlichen Gast in ihrer Schneiderstube begrüßt, weswegen es ihr unangenehm war, über belanglose Dinge mit ihm zu sprechen. Er schien ihr nicht der Typ für sinnloses Geschwätz zu sein; dafür wirkte er zu wachsam, behielt sie zu genau im Auge, als dass er sich nur die Zeit nicht zu lang werden lassen wollte.

„Hast du ihn dir gekauft?", hakte er nach, ohne dass sie wusste, worauf er mit dieser Fragerei hinauswollte. Sie ging langsam vor ihm in die Knie, obwohl ihr diese demütige Haltung mehr als unangenehm war.

„Nein. Ich habe den Laden für meine Mutter übernommen", sagte sie leise, verdrängte die Traurigkeit, die sie jetzt noch manchmal nach so langen Jahren überwältigte, und maß die äußere Länge seiner Beine. Sie wusste nicht, warum, aber sie hatte geglaubt, seine Haut würde sich kalt anfühlen; so kalt, wie das ewige Lächeln auf seinen Zügen anmutete. Aber zu ihrer Überraschung sprühte er vor lebendiger Wärme.

„Oh...", machte er, als interessierte ihn diese Neuigkeit brennend, „...und wieso führt sie diesen Laden nicht mehr?"

Lauren hielt inne, starrte auf das gelbe Maßband und die darauf verewigten schwarzen Ziffern, die kurzzeitig vor ihren Augen verschwammen. „Weil sie...weil sie gestorben ist", erklärte sie widerstrebend und leise, sah noch immer auf das Band, ohne die Zahl wirklich zu sehen, die die Länge seines linken Beines beschrieb.

Sie erwartete eine geheuchelte Mitleidsbekundung oder sein ausgesprochenes Mitgefühl, aber nichts dergleichen kam über seine Lippen. Lediglich die Frage: „Wie?"

Lauren meinte, sich verhört zu haben und starrte erschüttert zu ihm auf. „Was?"

„Ich fragte...", begann er und zeichnete mit der Zungenspitze die Linien seiner schrecklichen Narben nach, „...wie sie gestorben ist."

Ungläubig sah sie zu ihm auf. In seinen Augen lag keinerlei Beileid oder Mitgefühl, sein maskenhaft wächsernes Gesicht präsentierte sich ihr mit unbescholtener Gleichgültigkeit, so als wäre er sich der Geschmacklosigkeit seiner kühnen Frage nicht bewusst. Und als noch kurioser empfand sie es, dass sie sich antworten hörte: „Leukämie. Es ging recht schnell."

Den Blick heftete sie auf seine schmalen Fesseln, die von der doch eher gewöhnungsbedürftigen Farbgebung seiner Strümpfe umhüllt waren. Er verfügte zweifelsohne über einen fragwürdigen Geschmack. Jetzt rechnete Lauren mit einem mitfühlenden Kommentar, mit Trostworten, die ein Fremder unbeholfen aussprach, um das unangenehme Schweigen in solch einer Situation auszufüllen. Aber nicht dieser Fremde. Er schwieg kurzzeitig, musterte sie von oben herab und Lauren war sich nicht sicher, ob es nur seine stets zu einem Lächeln verformte Mundwinkel waren, oder ob er sie wirklich höhnisch wie ein Geier angrinste, sich an dem wieder an die Oberfläche beförderten Schmerz ergötzte. Lauren wandte den Blick ab und schüttelte unmerklich den Kopf. Wieso sollte er wegen so etwas lächeln, sich daran erfreuen? Es war absurd, ein Streich, den ihr ihre überreizten Sinne spielten, was wiederum ihrer Übermüdung verschuldet war.

„Keine schöne Art zu sterben", murmelte er über ihr, während sie gerade dabei war, die Innenseite seines Beins auszumessen.

Sie hielt inne, sah wieder zu ihm auf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in dieser Hinsicht überhaupt eine angenehme Art gibt", erwiderte sie leise und versuchte vergebens den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. Sechs Jahre lag es schon zurück und doch hatte sie es noch nicht verarbeitet, wurde tagein tagaus daran erinnert, wenn sie diesen Laden und somit das Andenken an ihre Mutter pflegte. Auf diese unsensible Art mit allem konfrontiert zu werden, traf sie heftiger, als sie sich je vorzustellen gewagt hätte. Sie erschrak ein wenig, als sie die unerwartet sanfte, menschliche Wärme seiner Hand an ihrem Hals spürte. Wie sie vor ihm auf dem harten Parkett kniete und zu ihm aufschaute, kam sie sich einmal mehr unterlegen vor.

„Es gibt Schlimmeres, als tot zu sein", hörte sie ihn über sich säuseln, tief, dunkel und auf eine Art, die sie bis ins Mark erschütterte. So wie er im Gesicht zugerichtet war, kaufte sie ihm sogar seine Worte ab. Dass er dabei über ihre Wange strich und grinste, war eine verstörende Erfahrung, gab ihr das Gefühl, dass sie ihrem eigenen Tod im Moment so nah wie nie zuvor war, hier in ihrer eigenen Schneiderstube, umringt von ebenso toten und seelenlosen Ankleidepuppen, die Laurens Kreationen zur Schau stellten.

„Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen", sagte sie leise, stockend und wie in Trance, das Band in ihren Händen war vollends in Vergessenheit geraten.

„Oh...sag das nicht, Schätzchen, nein, nein, sag das nicht", raunte er, flüsterte er fast nur, so als fürchtete er, ein laut gesprochenes Wort würde diesen sonderbaren Moment zerplatzen lassen wie eine dünne Seifenblase. Sie sah ihm in die Augen, in dieses unergründliche Dunkel, das sie zum ersten Mal als tiefstes Braun wahrnahm, und hörte nichts anderes als ihren eigenen Herzschlag in den Ohren. Es war ein surrealer Moment, so verdreht wie ein Gemälde von Dalí, fast schon ein magischer Augenblick, in dem sie die eigentliche Bürde ihres Alltags in den Hintergrund geraten ließ und sich auf diesen merkwürdigen Menschen vor sich konzentrierte. Ihn umgab eine verwirrende, ja, auch ängstigende Aura, ein gespenstisches Wesen, wie er umringt von goldgelben Schatten aufrecht stand, die schlaksige, aber dennoch nicht schwächlich wirkende Gestalt aus ihrer knienden Perspektive noch größer schien. Gepaart mit seinen verheißungsvoll gewisperten Worten, war Lauren einen erschreckend langen Moment so, als träumte sie das alles nur, als konstruierte ihr überreiztes Nervenkostüm ein beunruhigend real wirkendes Phantasma.

Etwas klimperte leise, fast lautlos, und doch genügte die schwache Erahnung eines Geräuschs, um Lauren aus ihren Gedanken zu reißen. Sie schaute verdutzt hinab und realisierte, dass es das Klicken des schmalen Metallclips gewesen war, der die Enden des Maßbandes zusammenhielt und auf den Boden geschlagen hatte.

Sie räusperte sich nervös und hob das Band auf, zog es auseinander und legte es in einem neuerlichen Versuch, die Innenbeinlänge auszumessen, an seinen Knöchel. Die Länge der Außenseite war ihr in diesem sonderbaren Moment schon wieder entfallen. Fast rechnete sie damit, dass er sie anzüglich betrachten oder einen unpassenden Kommentar abliefern würde, als sie ihn bat, die Beine leicht auseinander zu stellen, damit sie den karteikartengroßen Streifen Karton an seinen Schritt legen konnte, um somit die exakte Innenlänge zu messen. Aber im Gegensatz zu nicht wenigen anderen Kunden fügte er sich schweigend, seufzte nur ein wenig ungeduldig und schlug immer wieder mit der Hand gegen seinen schmalen Oberschenkel, um Lauren auf diese Weise zu signalisieren, dass er nicht die ganze Nacht Zeit hatte. Was auch immer ihn dazu bewegt hatte, nach den Umständen des Todes ihrer Mutter zu fragen, es schien ihm als wesentlich reizvollere Angriffsfläche gedient zu haben als diese doch recht intime, wenn auch flüchtige Berührung.

Für Lauren war es eine Erleichterung, wieder aufstehen zu können. Nicht nur, weil ihr die Knie schmerzten, sondern weil sie wieder einen gewissen Abstand zu dem Fremden einnehmen konnte. Gleichzeitig lernte sie wieder, gleichmäßig zu atmen, wofür ihr ihre Lungen Dank zollten. Sie trat an den niedrigen Schreibtisch heran und notierte die letzten Werte, schuf sich eine kurze Übersicht, wie viel Stoff sie ordern musste-

„War's das?"

Erschrocken wirbelte sie herum, als sie seine Stimme dicht an ihrem Ohr vernahm und seinen warmen Atem unangenehm kitzelnd über ihre Ohrmuschel streifen spürte. Sie hatte nicht bemerkt, dass er so nah an sie herangetreten war. Als sie sich zu ihm umwandte, musste sie den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Der Fremde hatte sich wieder angezogen, wenngleich das Hemd liederlich aus seiner Hose herausblitzte und das Jackett nur lässig um seine Schultern hing. Er begutachtete sie mit einer gewissen Neugierde, die nichts Gutes verhieß, die implizierte, dass er sie gut im Auge behielt und durchschaute, sollte sie auf den Gedanken kommen, irgendwelche Mätzchen zu veranstalten.

„J-ja", kam es irgendwie aus ihrer staubtrockenen Kehle. Ihr war schwindlig und schlecht, je länger sie seinen Duft einatmete, der sie an viele Dinge erinnerte – und keines davon war sonderlich angenehmer Natur. Die Kante des Schreibtischs bohrte sich in ihren Rücken, als sie mit einem rückwärts gerichteten Schritt versuchte, ein wenig Abstand zu ihm zu gewinnen. Belustigt drehte er den Kopf und machte damit einem Hund alle Ehre. Trotz all der Komik in seinen entstellten Zügen war Lauren nicht nach Lachen zumute, es kam ihr vor, als stünde sie einem diabolischen Clown gegenüber, dem es nur an Schminke und der richtigen Aufmachung fehlte. Jener Aufmachung, für die sie sich zu schneidern bereit erklärt hatte. Ein Schaudern fuhr durch ihre Glieder, ließ sie trotz der noch immer im Zenit stehenden Temperaturen frösteln.

Obwohl ihr Instinkt sagte, dass es nicht richtig war, nahm sie seinen Auftrag an, schlug sich die Nächte seinetwegen um die Ohren, und weshalb? Nur um die Galgenfrist des unvermeidlichen Schicksals zu verlängern und den Laden noch nicht sofort auf den Abgrund zuzusteuern. Das Geld, über das er zweifelsohne verfügte, mochte schmutzig sein, vielleicht sogar Blut an sich kleben haben, aber es rettete Laurens Existenz, half ihr dabei, über die Runden zu kommen. Und was konnte ein Anzug schon für einen Schaden anrichten? Es war ja nicht so, dass sie einen unmoralischen Auftrag für ihn erfüllte. Mit diesen Gedanken beschwichtigte sie sich selbst, überzeugte sich mehr oder weniger erfolgreich davon, dass sie nichts Falsches tat, selbst wenn sie übliche Geschäftspraktiken für ihn umging.

„Das heißt...", entsann sie sich und betrachtete seine Hände, die wieder in den Handschuhen aus kühlem, synthetischem Leder steckten, „...ich muss Ihre Hände ausmessen." Fahrig griff sie nach dem Maßband und schlang es um sein Handgelenk, ehe sie die einzelnen Fingerglieder ausmaß. Er ließ es ohne jedweden Kommentar geschehen, wenngleich sie ihm ansah, dass er sich langweilte und Langeweile nicht zu den Empfindungen gehörte, denen er gern frönte.

„Ich gebe die Bestellung morgen in Auftrag", sagte sie, um die unheimliche Stille zwischen ihnen zu zerstören. Er schaute sie unentwegt an, so als sezierte, demontierte er sie mit seinen bloßen Blicken. Schließlich schürzte er die Lippen, entließ sie aus dieser widernatürlichen Haltung mit einem schmatzenden Geräusch und modellierte mit ihnen ein humorloses Grinsen.

„Sehr gut, sehr gut, wirklich sehr gut", pflichtete er ihr hektisch flüsternd bei und nickte unterstreichend, „wann wirst du mit allem fertig sein?"

Lauren hob perplex die Brauen und dachte nach, schüttelte abwesend den Kopf und murmelte: „Ich muss warten, bis die Stoffe da sind, jedes Stück maßgeschneidert anfertigen..."

Er begann ungeduldig mit dem rechten Bein zu zappeln wie jemand, der äußerst nervös war. In seinen Augen ruhte jedoch keinerlei Nervosität, sie wanderten nicht hektisch umher, sondern taxierten sie unabänderlich. „Danach habe ich nicht gefragt", erinnerte er sie unterkühlt, verzog den linken Mundwinkel so, dass die abstruse Linie seines keilförmigen, künstlichen Lächelns gebrochen wurde und seinen Mund zu einer jähzornigen Grimasse verzerrte.

Lauren schluckte, doch ihre Kehle blieb nach wie vor schmerzhaft trocken. Sie sah ihm an, dass ihm nicht der Sinn nach Geplauder stand. Er wollte Fakten, weil er es eilig hatte. In Gedanken überschlug sie den Aufwand, den sie mit einberechnen musste, um ihm diesen Anzug mit allem Drum und Dran zu schneidern, ehe sie zögerlich sagte: „Zwei Wochen. Ich werde zwei Wochen dafür brauchen."

Das missfiel ihm sichtlich. Die Augen, von denen Lauren geglaubt hatte, sie könnten nicht noch schwärzer und unheilvoller wirken, wurden von einem Schatten überzogen. Sein Mund lächelte nicht; selbst die Viertelkreise auf seinen Wangen konnten nicht darüber hinwegtäuschen. Dann durchfuhr ein schwaches Zucken sein Gesicht; es war, als verspürte er einen kurzen Stromschlag. Dann richtete er das Revers seines abgetragenen Jacketts, ließ den Blick über ihren Arbeitsplatz schweifen und sagte dann: „Du hast fünf Tage, Missy."

Es war ihm anzusehen, dass er keine Widerworte dulden würde und gleichsam sah sich Lauren außerstande, aufmüpfig zu reagieren. Mit großen Augen starrte sie ihn an, ihre Mundwinkel regten sich in dem erfolglosen Versuch, etwas zu erwidern, während er sich von ihr abwandte und sich schwingenden Schrittes zur Tür begab.

Während die klingenden Glöckchen noch vermittelten, dass der sonderbare Gast das Geschäft verlassen hatte, starrte Lauren noch immer in die abgedunkelte Nische des Verkaufsraums. Wie sollte sie eine Arbeit in fünf Tagen erledigen, für die sie allein und ohne jedwede Unterstützung im Verkauf vierzehn Tage benötigte?

Die Antwort war so simpel wie erschütternd: indem sie sich schleunigst dransetzte. Am besten schon gestern.

-tbc-