„Willst Du hier Wurzeln schlagen oder was?"

Ich zuckte zurück, die Karte des Rumtreibers noch in der Hand. Ohne, dass ich es bemerkt hatte, war Draco hinter dem Slytherinvorhang hervor getreten, der nicht wie erwartet da nur zur Deko herum hing, sondern einen Geheimgang verbarg.
Meine Hand, die den Zauberstab hielt, zitterte wie verrückt und mein Herz schien Purzelbäume zu schlagen. Draco stand im Eingang des Tunnels, die Haare noch feucht vom Duschen, und fixierte mich, wie er es schon heute Vormittag getan hatte.

„Also?", fragte er.
„W-w-was?", erwiderte ich perplex.
„Ich hab Dich gefragt, ob Du hier Wurzeln schlagen willst, Potter.", antwortete er und grinste überheblich. „Scheinbar hat Dein Hirn beim letzten Quidditch-Spiel ein wenig gelitten was?"
Ich schluckte und schüttelte den Kopf.
„Was willst Du von mir? Es ist schon kurz vor zehn."
Plötzlich hörte Draco auf zu Grinsen und flüsterte: „Nicht hier."

Damit trat er in die Dunkelheit des Geheimgangs zurück. Ich strich mir die Haare aus der Stirn und dachte noch, wie dumm es doch ist, Draco Malfoy einfach so in einen stockdunklen Tunnel zu folgen. Im gleichen Moment jedoch setzten sich meine Füße wie von allein in Bewegung und ich folgte ihm.

Der Tunnel war unbeleuchtet und das Einzige, was ich erkennen konnte, war die Zauberstabspitze von Draco, an der eine kleine Lumos-Flamme leuchtete. Wir gingen eine Zeit lang schweigend hintereinander her, bis wir plötzlich nach einer Biegung vor einer dunklen Eichentür standen. Draco tippte mit dem Zauberstab gegen die Tür und zischte ‚öffne mir'. Parsel. Slytherin. War ja irgendwie klar.

Ich trat nach ihm in den Raum und bemerkte mit einem Schaudern, dass sich die Tür von allein wieder hinter uns schloss.

„Also?", fragte ich und war froh, dass meine Stimme gefasst klang und nicht zitterte wie meine Hände. Von wegen, Felix Felicis machte einen ruhiger. „Was willst Du von mir?"
„Sag mal, Potter…", begann Draco und drehte sich zu mir herum. „Auf wen stehst Du?"
Ich starrte ihn perplex an und begann, zu lachen.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst oder? Du zitierst mich kurz vor Ausgangssperre hierher, nur um mich zu fragen, auf wen ich stehe? Als ob ich Dir das sagen würde!"

Gut so Harry! Als ob Du diesem Eisprinzen Dein Herz ausschütten würdest und ihm gestehen könntest, dass er es ist, dem Dein Herz gehört.

Draco sah mich missmutig an. Er schien es nicht gewohnt zu sein, dass man ihm nicht sagte, was er wissen wollte. Ich zuckte nur mit den Achseln und drehte mich zur Tür.
„Ich geh dann mal wieder, wenn Du nichts dagegen hast."
Doch natürlich – wie sollte es anders sein – ging die Tür nicht einen Zentimeter auf.

„Die ist magisch verschlossen.", sagte Draco, nun wieder grinsend, und ließ sich in einen waldgrünen Sessel fallen. „Die geht nur auf, wenn ich es sage."
Jaja, ist klar, Eisprinz. Sie würde aufgehen, wenn ich es ihr auf Parsel befehlen würde. Einen Moment war ich versucht, es sogar zu tun, doch dann schien es mir, als würde Felix mir raten, es doch zu lassen, mein Geheimnis noch eine Weile für mich zu behalten und Draco noch eine Weile zu nerven.

Also zuckte ich mit den Achseln, setzte mich Draco gegenüber auf ein ebenso grünes Sofa und begann, ihn zu fixieren.

„Und, was willst Du jetzt machen?", fragte ich. „Mich hier festhalten, bis ich es Dir verraten habe?"
„Verlockende Idee…", zischte Draco. „Aber nein. Ich dachte, wenn Du schon mal hier bist, können wir uns ja ein wenig unterhalten."
„Und worüber?", erwiderte ich lachend. „Über Dumbledore? Oder über Zaubertränke? Oder vielleicht über Quidditch?"
„Quidditch wäre vernünftig, wenn man beachtet, dass wir uns damit ab morgen eh beschäftigen müssen. Aber nein, ich dachte eher daran, dass wir mal wissen, woran wir hier eigentlich sind. So gesehen kenne ich Dich gar nicht."

Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf.

„Bist Du wirklich Malfoy? Oder bist Du jemand anders, der eins von den blonden Haaren da in ein Glas Vielsafttrank gepackt hat?"

„Haha, sehr witzig. Ich meine es ernst, Potter… äh… also okay, Harry. Siehst du?"
Ich horchte in mich hinein. Das Felix Felicis in mir schien beruhigt zu summen, weshalb ich es abermals darauf ankommen ließ und ihm nicht, wie geplant, einen Fluch auf den Hals jagte.

„Von mir aus… Draco. Was willst Du wissen? Wie ich heiße, weißt Du, wie alt ich bin ebenfalls. Meine Hobbies sind Quidditch und mit Ron und meinen Leuten chillen, gelegentlich auch noch eine Runde Kartenspielen. Meine Lieblingsfarben sind rot und grün. Mein Lieblingsverein sind die Holyhead Harpies und meine Lieblingsband die Muggelband Mando Diao. Lesen tue ich eher selten. Sonst noch Fragen?"

Zunächst sagte Draco überhaupt nichts, er schien etwas fassungslos aufgrund meines Redeschwalls zu sein. Dann jedoch sah er auf den Boden, schluckte und sah mich wieder an: „Ich hätte da noch zwei Fragen. Erstens: Hast Du eine Freundin? Und zweitens: Hast Du wirklich ein Drachentattoo auf der Hüfte?"

„Bitte?", erwiderte ich. Langsam wurde der Abend hier echt seltsam.

Draco jedoch fixierte mich nur schweigend. Also seufzte ich und antwortete bewusst einsilbig: „Nein und ja."
„In dieser Reihenfolge?"
„Das sage ich Dir nicht."
„Also gut. Ich werde es schon noch rausfinden.", grinste Draco und sah sehr selbstzufrieden aus.

Ich lachte und bemerkte gleichzeitig, dass sich die Stimmung zwischen uns etwas entspannte. Ob es an Felix lag oder daran, dass Draco sich wirklich bemühte, wusste ich nicht. Vermutlich eine Mischung aus beidem.

„Also", sagte ich übermütig und legte die Beine auf die Sofakante. „Jetzt bist Du dran. Informationen bitte."

Draco strich sich eine platinblonde Haarsträhne aus der Stirn und begann, zu erzählen: „Ich mag Quidditch und zeichne gerne, wenn ich allein bin und meine Ruhe habe. Mein Lieblingsverein sind die Appleby Arrows, eine Lieblingsband habe ich nicht. Ich lese gerne Thriller, vor allem mit Vampiren. Meine Lieblingsfarbe ist silber. Ich bin im Moment single und habe ein Tattoo, allerdings nicht auf dem linken Unterarm, wie viele glauben, sondern auf der rechten Schulter. Und übrigens bin ich schon 18, im Gegensatz zu Dir."

Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu lachen. Draco und Zeichnen. Irgendwie ließ ihn das sogar ein wenig umgänglich erscheinen.
„Was für ein Motiv?", fragte ich. „Also das Tattoo."
„Na rate mal.", erwiderte er.
„Vermutlich eine Schlange?", meinte ich und lächelte.
„Vermutlich.", echote Draco und grinste ebenfalls. „Also gut, Harry. Du weißt ja jetzt, wie man hier herkommt. Wollen wir uns morgen um 9 Uhr hier wieder treffen und langsam mal planen, wie wir mit den Kindern fertig werden? Wir sind ja eh schon im Verzug."
Ich nickte zustimmend. „Ist in Ordnung."

Ich stand auf und wartete an der Tür. Draco löschte die entzündeten Kerzen und trat neben mich. ‚Öffne mir', zischte er wieder und die Tür klickte.
„Woher kannst Du Parsel?", fragte ich ohne weiter nachzudenken.
„Mein Vater hat es mir bei gebracht. Aber woher weißt du, dass das Parsel war?", erwiderte er und sah mich an.
„Berufsgeheimnis.", antwortete ich und grinste.
„Ist klar. Na gut, ich will es mal dabei belassen."
„Gut so. Sag mal… Draco?"
„Ja?"
Ich sah ihn im Halbdunkel der Lumos-Flamme an: „Warum bist Du heute so… nett?"
„Berufsgeheimnis.", sagte er und grinste.