so, erst mal danke an meine beiden ersten reviewerinnen, enessa und marina... bussi tut mir leid dass es nen bissl länger gedauert hat... ich war auf schüleraustausch in italien... ausrede such ;-)

Kapitel 2: Wieder zurück

Legolas bahnte sich den Weg durch die Menge in Richtung des Buffets. Dabei war er anscheinend so sehr in ein Gespräch vertieft, dass er sie gar nicht bemerkte. Das alleine wäre ihr vielleicht noch ganz recht gewesen, da sie so noch etwas Zeit hatte, sich zu sammeln. Doch war ihr einen eisigen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagte, das war die Person, mit der er sich unterhielt. Es war eine junge Frau, ihr Alter hätte Rowenna in ihrer Welt auf zwanzig geschätzt, doch hier waren die Relationen natürlich komplett verschoben. Sie hatte langes, dunkelbraunes Haar, das ihr in sanften Wellen über die Schultern fiel und grüne Augen. Ihr Kleid war eindeutig von Elbenhand gemacht, was die kunstvollen Verzierungen und raffinierten Schnürungen verrieten, dich diese Frau selbst war keine Elbe. Es bestand kein Zweifel.

Diese Frau war Rowenna selbst.

Ihre Gedanken begannen in ihrem Kopf herumzuschwirren und sie musste sich am Tisch abstützen, da sie Angst hatte, das Gleichgewicht zu verlieren. Träumte sie? Schnell hintereinander schloss sie die Augen einige Male und öffnete sie wieder. Nein, es bestand kein Zweifel: Das war sie! Aber ich stehe doch hier! Wie kann ich gleichzeitig dort sein?

Doch egal, was es war, es musste mit Magie zu tun haben, das war ihr sofort klar. Steht mir denn keine Schonfrist zu? Muss ich sofort wieder mit solchen Dingen konfrontiert werden? Wenigstens musste sie nun nicht mehr über ein Gespräch mit Legolas nachdenken sondern darüber, wie sie möglichst unauffällig von hier verschwand. Denn wenn er sie erst einmal sah, würde es nur eine große Verwirrung geben, und zuerst wollte sie selbst versuchen, die Lösung zu diesem Rätsel zu finden. Wie sie hoffte unauffällig drehte sie sich weg und ging mit gemäßigten Schritten am Tisch entlang, weg von Legolas. Glücklicherweise verstellte ihr dabei niemand den Weg, und so schaffte sie es gut, sich einige Meter Vorsprung zu verschaffen. Sie hoffte nur, dass niemand beide Ausgaben von ihr gesehen hatte. Sie erreichte die Tür zur Eingangshalle und schlüpfte schnell hindurch. Vorsichtshalber bog die in einen Gang ein, der wie sie wusste mit einigen Umwegen schließlich zur Bibliothek führen würde. Doch sie ging nicht bis zu seinem Ende, sondern blieb schon nach der ersten Biegnung stehen. Erst jetzt bemerkte sie, wie schnell ihr Atem ging. Sie lehnte sich gegen die Wand und schloss die Augen, bemüht, das Gesehene zu verarbeiten. Doch allzu viel zeit gönnte sie sich nicht; wenn sie wissen wollte, was hier vorging, würde sie etwas unternehmen müssen. Alleine in einem Gang herumstehen half ihr da sicherlich nicht weiter.

Es war wohl an der Zeit, etwas von ihrem Erlernten anzuwenden. Sie erinnerte sich daran, wie sie schon früher einmal bei einem ähnlichen Fest ihr Äußeres verändert hatte. Damals hatte sie plötzlich Elbenohren gehabt, ohne zu wissen warum. Mittlerweile wusste sie, dass sie ihre Kräfte einfach noch nicht genug beherrscht hatte und ihr Erscheinungsbild unterbewusst verändert hatte. Doch jetzt konnte sie das auch bewusst - zumindest sollte sie das. Natürlich kann ich das. Es sollte doch wirklich kein Problem sein, auszusehen wie... Ja, wie irgendjemand, nur nicht wie ich selber. Sie rief sich das Bild einer jungen Frau vor Augen und konzentrierte sich darauf. Falls es diese Frau in Wirklichkeit gab, so war das Zufall; sie dachte zumindest an niemand Bestimmten. Sie erinnerte sich, bei ihrem kurzen Aufenthalt eben im Saal hauptsächlich Elben gesehen zu haben, also fügte sie noch ein paar Elbenohren hinzu.

Sie wusste selbst nicht, wie eine solche Veränderung ablief. Veränderte sie sich langsam, indem sich ihr Körper nach und nach neu formte? Oder geschah das alles plötzlich, von einer Sekunde auf die andere? Konnte man sie in ihrem eigentlichen Körper sehen, einmal blinzeln und dann jemand völlig anderen vor Augen haben? Sie dachte noch einen Augenblick darüber nach, entschied dann aber, dass es für den Moment egal war. Vielleicht würde sie sihc später noch einmal damit befassten.

Sie blickte an sich herab und stellte zufrieden fest, dass ihr ehemals rotes Kleid nun grün war, und als sie eine Haarsträne nach vorne zog, so schimmertie diese in einem hellen Blondton. Nur als sie sich über die Ohren fuhr, spürte sie die altgewohnte Rundung statt der Spitze. Natürlich, es verändert sich ja nur das, was man sieht - etwas, das nicht da ist, wird auch nicht erscheinen. Meine Haare haben nur ihre Farbe geändert, und mein Kleid... Sie fuhr mit dem Finger über eine Reihe Zierknöpfe, die vorher nicht dagewesen war, ertastete aber nur ein paar Bänder, die sie dafür nicht sehen konnte. So praktisch diese Verwandlung also auch sein mochte, sie hatte doch gewiss einige Schwachstellen. Sie würde stark darauf achten müssen, dass niemand den Schwindel bemerkte, indem er ihr zum Beispiel mit einem lose gewordenen Band helfen wollte. Sie stellte sich vor, wie jemand nach einem Band greifen und es wieder zubinden wollte, es aber nicht fassen konnte, weil es gar nicht wirklich da war. Sie musste zwar grinsen, doch wusste sie auch genau, dass ein solcher Zwischenfall eine verheerende Wirkung haben konnte.

Schluss jetzt mit dem Grübeln - auf geht's! Entschlossen hob sie ihr Kleid ein wenig an und marschierte zurück zum Festsaal. Dieser hatte sich während ihrer Abwesenheit noch weiter gefüllt, und besonders auf der Tanzfläche war nun viel mehr Betrieb. Das bedeutete für Rowenna zum einen, dass sie in der menge nicht auffallen würde, aber zum anderen auch, dass es für sie schwieriger war, Legolas wiederzufinden. Und vor allem mich selbst, dachte sie ironisch.

Auf Anhieb sah sie kein Anzeichen der beiden gesuchten Personen. Sie versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen, doch sie war zu klein um besonders viel sehen zu können. Also blieb ihr nichts andere übrig, als sich auf gut Glück durch die tanzenden Paare zu schieben und beide Augen offen zu halten. Das war es dann auch, was sie tat, wobei sie sich nah am Buffet vorbeischob, in der Hoffnung, dort hätten sie sich vielleicht etwas länger aufgehalten. Doch dort hatte sie kein Glück, wie sie enttäuscht feststellte. Dann kam ihr eine Idee. Was war mit dem kleinen Balkon, der sich dort an der Wand befand? Wie kommt man noch gleich dort hoch? Sie versuchte sich zu erinnern, und schließlich fiel es ihr wieder ein. Der Aufstieg musste sich irgendwo in dem Gang befinden, in dem sie eben gestanden hatte. Gerade wollte sie sich wieder zur Tür durchkämpfen, als sie erneut eine Stimme hinter sich hörte, die sie zusammenzucken ließ. Diesmal war es weder Legolas noch sie selbst, sondern eine tiefe, schimpfende Stimme. Die Stimme eines Zwerges, der sich wieder einmal durch alle, die größer waren - wozu sich hier fast jeder zählen konnte - ständig benachteiligt fühlte.

"Gimli", entfuhr es Rowenna, als sie sich umdrehte. Doch sie hatte zu leise gesprochen, als dass sie jemand gehört hätte. Tatsächlich machte sich der Zwerg gerade nur wenige Meter von ihr entfernt über das Buffet her, wobei er wahrscheinlich nur die vorderen Speisen überhaupt sah.

Was tut er hier? Ist er mir nicht heute Mittag noch begegnet und hat gesagt, er sei auf dem Rückweg? Was soll das alles?

Falls das noch nicht der Fall gewesen sein sollte, so war sie jetzt vollkommen verwirrt. Sie hielt automatisch inne, was zur Folge hatte, dass sie sich anschließend wieder neu orientieren musste. Dabei entdeckte sie jedoch endlich Legolas und, nachdem sie etwas genauer hingesehen hatte, auch sich selbst. Wieder löste es ein seltsames Gefühl aus, immerhin sah sie sich sonst nur im Spiegel, und das war natürlich nicht zu vergleichen.

Leider befanden sich die beiden gerade auf der Tanzfläche, also blieb Rowenna nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben und abzuwarten, bis das Stück beendet war. Sie hoffte, dass sie nicht noch wesentlich länger tanzen würden. Für die Wartezeit sah sie sich nach noch einem Stück dieses leckeren Kuchens um, von dem sie eben gekostet hatte, doch anscheinend hatten auch andere entdeckt, wie gut er schmeckte. Die Platte, die eben noch voll von ihm gewesen war, war nun durch eine Schüssel mit kleinen runden Keksen ersetzt worden. Rowenna kapitulierte und nahm sich einige davon. Diese schmeckten zwar auch gut, waren aber kein Vergleich zu dem anderen Kuchen. Als der Tanz endete und sie mit einem kurzen Blick feststellte, dass die beiden von ihr Beobachteten die Tanzfläche verließen, nahm sie sich schnell noch eine Handvoll Kekse und folgte ihnen dann. Sie gab sich keine besonders große Mühe, sich unuffällig zu verhalten, da dies bei dem Gedränge zum einen ohnehin nicht möglich und außerdem auch nicht notwendig war.

Sie folgte den beiden aus dem Saal heraus durch die großen Glastüren in den Park. Noch war sie sicht nah genug, um von ihrem Gespräch mehr als bloße Fetzen aufzuschnappen. Doch sobald sie draußen waren, ging es besser und Rowenna konnte sich ihnen auch besser nähern. Einmal blickte Legolas in ihre Richtung und sie zuckte automatisch zusammen. Erst nach wenigen Sekunden fiel ihr ein, dass er sie ja gar nicht erkennen konnte, und ihr Herzschlag normalisierte sich ein wenig. Trotzdem hatte er sie für einen Moment auf eine seltsame Weise angesehen, dass sie fast schon dachte, er hätte sie trotzdem durchschaut. Ach was, das lag wahrscheinlich nur daran, dass du ihn ihn so angestarrt hast. Auch wenn er dich vielleicht nicht erkennen kann, solltest du trotzdem etwas vorsichtiger sein!, schalt sie sich selbst.

"... es muss hier irgendwo sein!", hörte sie gerade sich selbst sagen. Neugierig trat sie ein paar Schritte näher, bemühte sich aber, außer Sichweite der beiden zu bleiben.

"Aber wo denn? Ich sehe nichts, und so ein Schwert ist doch eigentlich nicht zu übersehen!"

"Nun, immerhin wissen wir ja gar nicht genau, wo wir suchen sollen. Aber ich bin mir sicher, dass es nicht allzu weit sein kann."

Rowenna konnte sich keinen Reim aus dieser Unterhaltung machen, aber das hatte sie auch nicht wirklich erwartet. Was für ein Schwert? Und wieso weiß keiner, wo es ist? Können sie nicht einfach fragen? Anscheinend musste es mit diesem Schwert etwas ganz besonderes auf sich haben. Sie spürte ein aufgeregtes Kribbeln im Bauch. Anscheinend bahnte sich hier mal wieder etwas an, und sie war direkt darin verwickelt. Obwohl ich gar nichts gemacht habe! Aber das war ja mal wieder klar...

Sie folgte den beiden Gestalten eilig, als sich diese in Richtung des Parkes bewegten. Dabei wurde es zwar immer einfacher, sie nicht zu verlieren und ihr gespräch zu belauschen, aber gleichzeitig musste sie auch stärker aufpassen, nicht gesehen zu werden. Denn an die exzellenten Augen der Elben erinnerte sie sich noch sehr gut. Also versuchte sie erst gar nicht, sich hinter einem Strauch oder ähnlichem zu verstecken, da dies vermutlich das Auffälligste gewesen wäre, das sie hätte tun können. Stattdessen setzte sie sich einfach auf eine Bank in der Nähe der beiden, nicht unbedingt auffällig, aber auch nicht allzu sehr auf Unauffälligkeit bedacht.

Doch genau in dem Moment kam ein anderer der Gäste an ihr vorbei, sah sie alleine auf der Bank sitzen und setzte sich spontan zu ihr. An seinen runden Ohren konnte sie erkennen, dass es sich um einen Menschen handeln musste; außerdem verrieten ihr seine Gesichtszüge, die sie im schwacken Licht erkennen konnte, dass er vielleicht zwanzig oder dreißig Jahre alt sein musste. Hier kann man das wenigstens noch erkennen, nicht so wie bei den Elben. Zuerst beachtete sie ihren Sitznachbarn gar nicht, so sehr war sie darin vertieft, jedes Wort aufzuschnappen, das dort wenige Meter von ihr entfernt gesprochen wurde. Doch mehr, als dass sie auf der Suche nach einem Schwert waren, konnte sie nicht verstehen. Hinzu kam, dass nun der junge Mann neben ihr nun ein ausgesprochenes Redebedürfnis zu entwickeln begann.

Nachdem sie ihn anfangs noch mit stoischer Ruhe ignorierte, hätte sie ihn nach wenigen Minuten - oder waren es nur Sekunden? - am liebsten mit einem einfachen Zauber ruhig gestellt. "Jaja", murmelte sie und drehte sich ein Stück von ihm weg, als er eine Weile lang nichts mehr gesagt hatte. "Ich habe das Gefühl, Ihr hört mir gar nicht richtig zu!", vernahm sie es kurz drauf. "Jaja", murmelte sie wieder und konzentrierte ihren Blick auf die beiden Gestalten, die sich nun mit einem Mal viel zu schnell von ihr weg bewegten. Anscheinend hatten sie etwas entdeckt, denn sie liefen zielstrebig auf etwas zu, dass sie nicht sehen konnte. Entschlossen stand sie nun auf und folgte ihnen. Dabei hielt sie zwar ihr Kleid mit beiden Händen hoch, um schneller laufen zu können und nicht so viel Krach zu machen, kam sich aber trotzdem unendlich laut vor. Außerdem sah sie in der Dunkelheit gar nichts von dem, was dort nur wenige Meter weiter geschah, und wie schon öfter wünschte sie sich die scharfen Augen der Elben, mit denen sie bestimmt alles klar und deutlich hätte erkennen können.

Dann trat die zweite Ausgabe ihrer selbst einen Schritt zur Seite, als wolle sie sie Anteil an der Situation haben lassen. Etwas blitzte im fahlen Mondlicht auf, und sie konnte es erst mit dem zweiten Blick erkennen. Es war blanker Stahl, geschmiedet von geübten Händen und nun in Form einer, in Besitz der richitgen Person, tödlichen Waffe. Rowenna sah die lange, glänzende Schneide und einen kunstvollen, am oberen und unteren Rand mit Steinen besetzten Griff. Das Schwert war, auf die Entfernung geschätzt, vielleicht einen Meter lang, kam ihr aber ungeheuer riesig vor, da es so fehl am Platz wirkte. Bei ihren Bemühungen, den Gegenstand genauer zu erkennen, hatte sie ganz vergessen, weiter auf das Gesprochene zu achten. Und auch, als sie sich jetzt wieder darauf zu konzentrieren versuchte, gelang es ihr nicht recht. Zu sehr waren ihre Augen immer noch auf das Schwert fixiert, es war wie ein Bann, der sich über sie legte. Sie spürte die Besonderheit dieses Stückes Metall, und sie spürte auch ihre eigene Verknüpfung mit ihm. Natürlich hatte sie etwas mit ihm zu tun, schließlich sah sie sich selbst dort stehen und es in der Hand halten. Doch darüber hinaus war noch etwas, das sie wieder an die vielen Dinge denken ließ, die sie sich vor zwanzig Jahren nicht hatte erklären können.

Ihre Gedanken schweiften zu dem Ort hoch oben bei den Wolken, zu dem sie die geheimnisvolle Treppe geführt hatte. An die Stimmen, die ihr ihre Bestimmung eingeflüstert hatten, und an die verschiedenen Gefühle von Pflicht, Zugehörigkeit und sogar Macht, die sie empfunden hatte, ohne einen Grund dafür zu haben. Vielleicht wurde dies nun hier weitergeführt, vielleicht bekam sie nun einige Antworten auf die Fragen, die noch immer in ihr brodelten und sie in manchen Nächten nicht schlafen ließen. Aber vielleicht sehe ich hier auch einfach nur Verknüpfungen, wo keine sind. Ich sollte erst einmal abwarten und mir dann ein Bild machen, wenn ich etwas mehr weiß.

Den Preis dafür, ihre Gedanken zu weit abschweifen zu lassen, bezahlte sie sofort: Plötzlich waren die beiden Gestalten verschwunden. "Mist", murmelte sie, ärgerlich über sich selbst, leise vor sich hin. Sie schalt sich für ihre Dummheit, doch das änderte auch nichts an der Situation. Verloren blickte sie sich noch einige Male suchend um und ging einige Schritte in jede Richtung, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Nichts. Und was nun? Das hast du ja mal wieder ganz toll hinbekommen. In Ermangelung einer Alternative entschloss sie sich, zurück zum Fest zu gehen. Erst jetzt nahm sie wieder die Klänge der Musik wahr, die hier zwar nur leise, aber dennoch gut hörbar waren. Anscheinend hatte sie sie in ihrer Anspannung völlig ausgeblendet. Je näher sie sich der Tür des Festsaales näherte, desto mehr Menschen und Elben begegnete sie, die mit Gläsern in der Hand herumstanden und sich unterhielten. Im Saal wurde nun mehr getanzt, was vermutlich an der vortgeschritteneren Stunde lag. Zuerst versuchte Rowenna noch, die aus den Augen verlorenen wiederzufinden, gab es aber rasch wieder auf. Zum einen hätte sie sie in diesem Durcheinander bestimmt nicht gefunden, und zum anderen hatten sie jetzt bestimmt etwas anderes zu tun, als zu tanzen.

Als ein ihr unbekannter Elb sie genau dazu aufforderte, lehnte sie höflich ab. Sie musste Körperkontakte möglichst vermeiden, um ihre schwache Tarnung nicht auffliegen zu lassen. Außerdem stand ihr gerade nicht der Sinn danach. Ihre Gedanken kreisten nach wie vor um das Schwert, doch sie wusste nicht, was sie tun sollte. Unentschlossen stand sie inmitten der Gesellschaft und fühlte sich so fehl am Platz, dass sie schließlich zur Tür hinausging. Auch im Gang hallte die Musik noch recht weit, und auch als sie schon ein gutes Stück in eine unbestimmte Richtung gegangen war, konnte sie sie noch hören. Erst nach einer Weile fiel ihr selbst auf, wonach sie suchte, als sie so scheinbar ziellos umherlief. Ihre Gedanken kehrten zu der Treppe zurück. Sie wusste nicht mehr, wo sie ihr damals erschienen war, also ließ sie ihre Füße einfach selbst den Weg suchen.

Und was ist, wenn ich sie nicht finde? Oder wenn sie sich mir nicht zeigen will? Soll ich bis zum Morgengrauen hier herum laufen?

Sie wusste gar nicht, was sie wirklich erwartete. Dachte sie wirklich, nach der nächsten Biegung würde sie den schmalen Aufgang sehen, der für alle anderen unsichtbar bleiben würde? Erwartete sie, sich plötzlich wieder über den Wolken und umgeben von nebel wiederzufinden, auf einem Steinboden, der nicht kalt war und mit Stimmen, die nur in ihrem Kopf sprachen? Warum suchte sie danach? Hatte es ihr letztes Mal Antworten gegeben? Oder doch eher nur weitere Fragen aufgeworfen?

Irgendwann blieb sie unvermittelt stehen. Sie befand sich mitten im Gang, nirgendwo war eine Unregelmäßigkeit zu erkennen und auch eine Treppe war nicht in der Nähe, weder klein noch groß. Trotzdem ließ sie irgendetwas anhalten. Was soll das, das ist albern. Das ganze hier ist überhaupt albern. Bis jetzt hast du nie etwas in der Art gefunden, wenn du danach gesucht hast. Und du wirst es auch dieses mal nicht finden. Eine Welle der Resignation erfasste sie. Dazu kam nun noch ihre Unentschlossenheit. Sie wusste nicht, wie spät es war, wie lange sie hier schon so orientierungslos durch die Gänge gelaufen war. Das Vernünftigste war es wohl, zu ihrem Zimmer zurückzukehren und schlafen zu gehen. Morgen würde sie sich immer noch mit alldem auseinandersetzen können. Doch die Idee gefiel ihr nicht. Sie hatte so viele Jahre lang nichts getan, und nun widerstrebte es ihr, irgendeine Frage offen zu lassen. Auch wenn sie wusste, dass sie heute nichts mehr erreichen würde -

"Kann ich Euch... - Rowenna?"

Sie zuckte zusammen, als sie hinter sich eine Stimme hörte. Sie war zu sehr in Gedanken versunken gewesen, um auf Geräusche zu achten, und so waren ihr die sich nähernden Schritte einfach entgangen. Nun lief ihr ein Schauer über den Rücken, denn sie kannte die Stimme gut. Während sie sich langsam umdrehte stellte sie auch fest, wo sie sich befand: Dieser Gang führte zu den königlichen Gemächern.

"Legolas." Mehr wusste sie nicht zu sagen. Er stand ihr nun gegenüber, war vielleicht zwei Meter von ihr entfernt. Ihr Blick glitt über sein Gesicht. Er hatte sich nicht verändert, kein bisschen. Natürlich hatte er das nicht, er war ein Elb. Elben veränderten sich nicht in nur zwanzig Jahren. Trotzdem passte er nicht mehr recht in den Rahmen, den sie sich von ihm in der Zeit zurechtgeschnitzt hatte, als sie voneinender getrennt waren. Obwohl sie wusste, das alles genauso war wie damals, kam er ihr doch so fremd vor, als wären sie sich gerade zum ersten Mal begegnet. Seine strahlend blauen Augen blickten sie unverwandt an und gab kein bisschen nach, als sie den Blick erwiderte. Als sie zum letzten Mal seinen Blick so intensiv auf sich gespürt hatte, hatte es sie verrückt gemacht. Sie hatte sich an ihn pressen, seine Lippen auf ihren spüren und ihre Hände unter seine Tunika schieben wollen. Jetzt fröstelte sie. Sein Blick hielt sie gefangen, doch sie fühlte sich nicht wohl darin, wollte sich herauswinden.

Immer noch sagte keiner etwas. Rowenna wünschte sich, ihre Tarnung aufrecht erhalten zu haben, doch nun war es dafür zu spät. Eine lose gewordene Strähne verursachte einen unangenehmen Juckreiz an ihrer Wange, doch sie strich sie nicht zurück. Das Schweigen wurde unerträglich, es lag auf ihren Schultern wie eine zentnerschwere Last. Sie wollte etwas sagen, doch wusste nicht was.

Schließlich war er es, der die Stille durchbrach. "Ich wusste nicht, dass du wieder da bist."

"Ich bin auch erst vor wenigen Stunden angekommen."

Wieder Stille. Irgendwo schlug ein Fenster zu. Vermutlich wurde es einfach nur geschlossen, doch in Rowenna Ohren war das Geräusch unheimlich laut, so laut, dass sie vor Schreck zusammenzuckte. Sie fühlte sich so unwohl, so fehl am Platz. Vermutlich war es ein riesiger Fehler gewesen, zurück zu kommen. Vielleicht war der Fehler aber auch, überhaupt wegzugehen. Nein, sie hatte die Zeit gebraucht. Unbewusst straffte sie die Schultern. Auch wenn sie rückblickend nicht ohne einen Abschied hätte gehen dürfen, sie hatte doch richtig entschieden. Ich habe mir nichts vorzuwerfen.

"Lass uns morgen reden", meinte sie, nur um aus dieser Situation fliehen zu können. "Ich bin müde." Im Gegensatz zu ihren Worten war sie sogar hellwach, viel zu viel Adrenalin wurde schon seit Stunden durch ihre Adern gepumpt. Und sie war sich auch bewusst, dass er das sehen musste. Soger für Menschenaugen war deutlich erkennbar, dass ihr Blick klar und ihr Körper energiegeladen war.

Er musterte sie von oben bis unten und sah ihr dann wieder ins Gesicht, wobei sein Blick ihr keinerlei Emotion verriet. "Gut", sagte er schließlich, und er sagte dies so völlig wertfrei, als hätte er bloß eben eine Suppe bestellt. Rowenna wartete auf eine weitere Reaktion, nicht so sehr auf eine Regung seines Gesichtes, denn sie wusste dass sie diese nicht sehen würde. Aber er konnte doch nicht einfach hier weiter vor ihr stehen, sein Gesicht trotz der Regungslosigkeit ein einziger Vorwurf und sein Körper angespannt und versteift.

Sie hasste es, sich wegen ihm so unwohl zu fühlen. Abgesehen von aller Aufregung und allem Zweifel hatte sie sich doch auch auf ein Wiedersehen gefreut und es sich bestimmt anders vorgestellt als dieses eisige Schweigen. Sei nicht albern. Was hast du erwartet? Dass er dir um den Hals fällt und so tut als wäre nichts geschehen? Nein, das hatte sie bestimmt nicht erwartet. Aber in jedem Fall hatte sie sich keine Situation wie diese ausgemalt.

Als sie spürte, wie sich hinter ihren Augen Tränen sammelten, presste sie noch ein 'Gute Nacht' vervor und ging dann an ihm vorbei in die Richtung, aus der sie beide gekommen waren. Weg von den königlichen gemächern, weg von ihm. Sie hasste sich selbst dafür, als ihr Blick immer mehr verschwamm und sie blinzeln musste, um nicht halb blind durch die Gänge stolpern zu müssen. Dadurch entließ sie zwei Tränen, die sich ihren sicheren Weg abwärts suchten, an ihren Wangen hinunter, eine feuchte Spur hinterlassend. Sie fühlte sich dumm und kindisch. Warum weinte sie? Nur, weil nicht alles so verlaufen war, wie sie es sich gewünscht hatte? Das ist wirklich albern. Hör auf, dich wie ein trotziges kleines Kind zu verhalten und beruhige dich. Doch die Tränen stoppten nicht in ihren Bahnen. Stattdessen kamen immer mehr dazu, sorgten dafür, dass ihre Augen rot wurden und tropften schließlich an ihrem Kinn hinunter auf das Kleid. Währenddessen blieb Rowenna keine Sekunde lang stehen. Sie konnte nicht anhalten, musste weiterlaufen, als würde sie etwas einholen und verschlingen, wenn sie nur einen Moment innehielt.

Also lief sie weiter. Die Luft um sie herum schien sie am Atmen zu hindern, schien immer dicker zu werden und ihre Atemwege zu vergiften. Raus. Ich muss raus hier.

Endlich wusste sie wieder, wo sie war. Es gab einfach zu viele Gänge, als dass sie sich überall zurecht finden konnte. Doch sie erinnerte sich an die Bilder und Wandteppiche, an denen sie nun vorbeikam. Nur noch diese Treppe, den Gang entlang und die nächste Treppe. Sie erinnerte sich an die kleine Tür, die zu dem Hinterhof führte, wo die Jungen zum Kampf ausgebildet wurden. Als sie sie erreichte, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus. Die Luft draußen war willkommen kalt und klar. Dazu wehte ein mäßiger Wind, der sie aber in keinster Weise frösteln ließ. Ihr Training hatte sie gegen die Kälte größtenteils abgehärtet. Der Wind ließ ihre Tränen trocknen, und nach kurzer Zeit kamen auch keine neuen mehr hinzu. Ihr Atem beruhigte sich und ging schließlich wieder normal.

Warum reagiere ich so? Sie setzte sich auf eine der schlichten Holzbänke, lehnte sich an die Wand und zog die Füße an sich. Von fern konnte sie noch Musik hören, also war das fest noch nicht abgeschlossen. Der Saal musste sich auf der entgegengesetzten Seite des Palastes befinden, weshalb sie hier völlig ungestört war. Einerseits tat ihr die Stille gut, doch andererseits ließ sie ihr viel zu viel Luft zum Nachdenken. Nun strömten alle Bilder des Tages mit verstärkter Kraft erneut auf sie ein. Es schien schon so lange her, dass sie Donvan zum letzten Mal gesehen hatte. Sie dachte darüber nach, dass sie jetzt in ihrem Bett in der abgelegenen Hütte im Wald liegen könnte und fragte sich, ob sie sich das wünschte. Wäre sie besser dort geblieben, war sie vielleicht noch nicht bereit?

Unsinn. Es war an der Zeit. Vielleicht hätte ich mich sogar früher auf den Weg machen sollen. Immerhin scheint das, was hier vorgeht, schon weiter fortgeschritten sein. Aber warum wusste Legolas nicht, dass ich wieder da bin? Ich habe ihn doch eben mit eigenen Augen gesehen... Mit mir! Also warum war er so erstaunt mich zu sehen?

Sie hatte die Augen geschlossen und war so in Gedanken versunken, dass sie die Schritte neben sich nicht hörte. Erst ein leises Räuspern ließ sie aufschrecken. Vorsichtig öffnete sie erst nur ein Auge und kniff es dann hastig wieder zu. Nein, lass mich in Ruhe. Geh weg. Doch natürlich brachten weder das Augenschließen noch ihre Gedanken etwas. Schon merkte sie, dass er sich neben ihr auf der Bank niederließ.

"Was ist los?"

Ja, was ist los? Ich bin eine blöde Kuh, das ist los!

Sie gab keine Antwort. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie das Gefühl gehabt hatte, Legolas alles anvertrauen zu können. Doch jetzt fühlte sie ihn eher als eine Art Bedrohung, so albern das auch war. Ihrer Meinung nach saß er zu nah bei ihr, obwohl sich ihre Körper noch nicht einmal ansatzweise berührten. Sie hatte alleine sein wollen und er hatte sich dazugedrängt - also störte er. Außerdem sollte er nicht sehen, dass sie geweint hatte. Zwar waren die Tränen mittlerweile getrocknet, doch ihre Augen waren noch verquollen und rot. Also blieb sie einfach sitzen, unbeweglich und stumm. Hoffend, das alles möge einfach vorbei gehen, wenn sie nur lange genug dasaß und wartete. Das tat es aber nicht.

"Warum sprichst du nicht mit mir? Findest du nicht ich habe ein Recht darauf zu erfahren, was mit dir los ist? Immerhin bist du einfach verschwunden, ohne ein Wort zu sagen! Du hast dich nicht einmal verabschiedet. Meinst du, wir hätten uns keine Sorgen gemacht damals?"

Rowenna wollte etwas erwidern, wollte sich reflexartig verteidigen, doch wieder blieb sie still. Sie wusste, dass ihre Stimme zittern würde, wenn sie auch nur ein Wort sagte. Trotzdem - sie konnte das Gesagte auch nicht einfach so stehen lassen. Schwieg sie weiter und Legolas ginge irgendwann weg - dann würde sie sich morgen damit auseinandersetzen müssen und es würde die Dinge nicht gerade verbessern.

"Es tut mir leid", war schließlich das Einzige, was sie herausbrachte. Zu ihrer eigenen Verwunderung klang ihre Stimme sogar recht stetig, wenn auch ein wenig hölzern.

"Was tut dir leid?"

"Dass ich einfach so weggegangen bin. Das hätte ich nicht tum dürfen."

"Du hast Recht, das hättest du nicht tun dürfen. Aber nun ist es so und lässt sich doch nicht mehr ändern. Also sollten wir uns nicht über Dinge ärgern, die wir falsch gemacht haben. Es waren ja auch nur zwanzig Jahre."

Nur zwanzig Jahre. Natürlich, für ihn ist das nicht viel. Für mich ist es mein halbes Leben. Und es kommt mir noch viel länger vor, es kommt mir fast so vor, als wäre es ein komplett anderes Leben. Vielleicht fällt es mir deshalb so schwer, wieder hier anzuknüpfen. Es ist, als würde ich von einem Leben in ein anderes springen, in eines, das gar nicht wirklich meins ist. Vielleicht habe ich mich doch mehr verändert als ich gedacht habe.

Der Gedanke kam ihr zum ersten Mal. Nicht Legolas hatte sich verändert, sondern sie. Elben veränderten sich nicht in zwanzig Jahren, zumindest nicht grundlegend. Menschen schon. Falls ich mich überhaupt noch als Menschen zählen kann. Wäre ich wirklich einer, sähe ich jetzt schön ganz anders aus. Nicht zum ersten mal überlegte sie, wie ihr Leben verlaufen wäre, wäre sie niemals in Mittelerde gelandet. Wenn ich diese verfluchten Kräfte nicht hätte. Denn manchmal empfand sie sie so, als einen Fluch. Sie machten ihr Leben komplizierter, da sie sie ständig vor Entscheidungen stellten.

Rowenna war so in ihren Gedanken versunken, dass sie gar nichts mehr erwiderte. Legolas musterte ihr Gesicht, und seinen scharfen Augen engingen nicht die Schatten, die zeitweilig ihren Blick trübten und ein leichtes Stirnrunzeln verursachten. "Wie geht es dir?", fragte er nach einer Weile. Es war offensichtlich, dass er damit nicht ihren Gesundheitszustand meinte. Trotzdem war sie zuerst versucht, einfach 'Gut' zu sagen, halb, um einer langen Erklärung zu entgehen, und halb, um ihn zu beruhigen. Doch dann entschied sie sich doch anders. Die Einsamkeit hatte sie verlernen lassen, sich andern gegenüber zu öffnen, das merkte sie jetzt nur zu deutlich.

"Ich weiß nicht", sagte sie schließlich, ihre Stimme leise und vorsichtig, als hätte sie Angst zu versagen. Zum ersten Mal hob Rowenna den Kopf und blickte Legolas direkt an. Er ignorierte die Tränenspuren, erwiderte ihren Blick und wartete einfach ab. Die Musik, die die ganze Zeit noch leise herübergeweht war, brach ab, doch keiner der beiden registrierte es wissentlich.

"Warum bist du gegangen?", setzte Legolas von neuem an, als klar wurde, dass sie von sich aus nichts sagen würde.

"Ich musste. Ich konnte nicht mehr hier bleiben... Ich konnte es einfach nicht..."

"Warum?"

"Das war nicht mehr mein Leben... das war nicht mehr ich. Verstehst du... Ich wurde aus allem herausgerissen, was ich kannte. Ich habe alle Verwandten und Freunde verloren und wurde hierher verbannt, ohne dass mir eine Wahl blieb. Ich habe mich in dieser kurzen Zeit mehr verändert als gut für mich war und musste erst mal damit klar kommen. Und dafür musste ich alleine sein."

"Du warst die ganzen zwanzig Jahre alleine? Ich meine, natürlich sind zwanzig Jahre nicht besonders viel - für mich. Aber du bist ein Mensch, für dich muss es eine Ewigkeit gewesen sein."

"Es war eine Ewigkeit." Sie stockte einen Moment, bevor sie es aussprach. "Ein ganzes Leben."

Und dieses Leben ist nun vorbei. Ich bin zurückgekehrt in ein anderes, und einen Rückweg gibt es nicht. Ihr wurde klar, dass das stimmte. Schon nach einem Tag würde sie nie mehr in die Einsamkeit zurückkehren können. Was sie nicht wusste war, ob das gut oder schlecht war. Denn trotz allem war es auch ein großer Schritt für sie, wieder hier zu sein. Aber ich sollte mich auch nicht allzu sehr daran gewöhnen. Denn es ist ja nur eine Übergangslösung - irgendwann werde ich mir ein eigenes Leben aufbauen müssen.

Sie starrte vor sich in die Dunkelheit. Vielleicht hatte sie verlernt, ihre Gedanken auszusprechen, denn als sie alleine war, war das nie nötig gewesen.

"Warum bist du zurück gekommen?"

Was ist das für eine Frage? Zuerst wusste sie nicht, was sie antworten sollte, weil ihr die Frage so banal und unsinnig vorkam. Doch dann wurde ihr klar, dass es nicht selbstverständlich war, dass sie den Weg zurück gewählt hatte. Sie hätte sich auch einfach einen anderen Ort zum Leben suchen können, fern von hier. Hätte neue Bekanntschaften schließen können, ihrem Leben einen neuen Sinn geben. Doch sie war zu dem Ort zurück gekehrt, an dem für sie diese Reise begonnen hatte - die ja wirklich nicht immer angenehm gewesen war. Erst langsam verstand sie, wie tief diese Frage wirklich ging und wie wenig sie dazu sagen konnte.

"Ich weiß es nicht. Hier ist der einzige Ort, zu dem ich gehen konnte."

"Das stimmt nicht. Das ist der einzige Ort, den du kennst. Aber du hättest überall hingehen können."

Überall, überall. Nein, nicht überall. Nur hierhin.

Sie brauchte einige Sekunden um zu registrieren, dass das wieder diese Stimme in ihrem Kopf war, die das sagte.

Du musstest genau hierhin kommen, und das weißt du. Es gibt keine andere Möglichkeit.

Rowenna erwachte erst am späten Vormittag, als sich die Sonne schon unerbittlich ihrem höchsten Stand näherte. Die Sonnenstrahlen, die sie durch das Fenster trafen, blendeten sie, und so hielt sie die Augen geschlossen.

Nachdem sie einige Minuten wach gelegen hatte, schlug sie die Bettdecke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. Sie dachte an den letzten Tag und hätte sich am liebsten direkt wieder hingelegt. Da waren einfach zu viele Fragen, zu viele Dinge, die auch nach stundenlangem Überlegen nicht zusammenpassten. Sie hatte sich nicht mehr lange mit Legolas unterhalten, sondern sich relativ früh mit der Entschuldigung, von der langen Reise müde zu sein, zurückgezogen. Sie war sich noch unschlüssig, ob sie ihm überhaupt erzählen sollte, dass sie ihn mit ihrem Doppelgänger gesehen hatte. Ob es wohl auch ein Doppelgänger von ihm war? Das wäre logisch, denn immerhin wirkte er doch sehr erstaunt, mich zu sehen.

Schon wieder versank sie in ihren Grübeleien. Ihr wurde bewusst, wie sorgenlos ihr Leben in der letzten Zeit gewesen war. Zwar hatte sie sich auch Herausforungen gestellt, doch wenn sie diese nicht hatte meistern können, so hatte das keine weiteren Auswirkungen gehabt als vielleicht Enttäuschung und schlechte Laune. Warum habe eigentlich immer ich diese Verantwortung? Denn ich bin es doch jetzt wieder, die sich um alles kümmern muss. Ist das der Preis, den ich für Gaben zahlen muss, die ich gar nich wollte? Warum konnte ich nicht einen Tag später kommen? Dann wäre alles vielleicht ganz anders geworden, ich hätte nichts gesehen und alles lebten glücklich bis an ihr Ende. Sie wusste, dass dem nicht so war, denn dann wäre bestimmt später etwas anderes passiert. Und dann wären die Puzzlestücke vielleicht noch kleiner gewesen, wobei sie schon hier nichts Einheitliches erkennen konnte.

Sie wusch sich mit dem Wasser, das im Bad für sie bereitstand, und zog sich dann an. Sie suchte sich ein Kleid aus, dass vorne zu schnüren war, sodass sie dabei keine Hilfe benötigte. Wieder einmal wunderte sie sich darüber, dass sie einen ganzen Kleiderschrank voll mit Kleidern vorfand, die alle genau ihre Größe hatten. Hier scheint wirklich jemand zu viel Geld zu haben. Aber mich soll's nicht stören...

Ihr Magen gab ein widerwilliges Knurren von sich. Kein Wunder, das Letzte, was sie gegessen hatte, war der Kuchen gestern abend gewesen. Also machte sie sich auf den Weg die Treppen hinunter zur Küche. Irgendwie komisch, dass ich mich auf diesem Weg nie verlaufe. Lange Umwege ließ ihr Bauch aber auch nicht mehr zu, denn mittlerweile meldete er sich in regelmäßigen Abständen und mit zunehmender Lautstärke. In der Küche war wie immer reger Betrieb, doch Rowenna sah kein ihr bekanntes Gesicht. Anscheinend war also Nûemyn wieder einmal für die Zimmer eingeteilt worden, so wie meistens. Sie ließ sich ein Stück Brot und Käse geben und trat dann hinaus ins Freie. Zuerst war sie versucht gewesen, sich in den gemütlichen Nebenraum der Küche zu setzen, in dem sie sich früher oft aufgehalten hatte, doch dann entschied sie sich doch lieber für ein Plätzchen in der Sonne.

Die gleiche Idee hatten wohl auch schon andere gehabt, denn überall im Park herrschte recht viel Betrieb. Natürlich war es trotzdem ruhig und entspannt, doch Rowenna wollte niemandem begegnen. Also schlug sie den Weg ein, der um den Palast herumführte und gelangte so zum Hinterhof. Dort probten sich gerade zwei Jungen im Kampf mit alten, schon halb verfallenen Holzschwertern, bei denen wohl die größte Gefahr darin bestand, sich einen Splitter in die Hand zu schlagen. Beobachtet und kommentiert wurden sie von einem älteren Elben, der jeden ihrer Schläge genau verfolgte und gelegentlich Verbesserungen und Kommentare abgab. Es schien sich um einen erprobten Kämpfer zu handeln, denn als er nach einer Weile selbst ein Schwert in die Hand nahm um einen Schlag zu zeigen wirkte jede seiner Bewegungen flüssig und elegant. Wobei Elben eigentlich immer elegant wirken, egal was sie tun. Sogar die jungen Schüler bewegten sich leicht und schienen nie Probleme mit dem Gleichgewicht oder der Haltung zu haben.

Rowenna setzte sich auf eine der Bänke und lehnte sich an die Wand. Dabei schien ihr die Sonne genau ins Gesicht und sie musste blinzeln, um noch etwas erkennen zu können. Sie hielt sich die Hand vor die Augen, um das Geschehen weiter verfolgen zu können, denn es bot ihr die gewünschte Ablenkung. Als der ältere Elb gerade wieder etwas erklärte und einen der Jungen für einen schlechten Zug rügte, ließ Rowenna ihren Blick schweifen. Auf der Bank neben ihrer lagen noch andere Waffen, mit denen wohl noch geübt werden sollte. Fast alle waren aus Holz, doch darumter lag auch ein eisernes Schwert, vermutlich das des erfahrenen Kämpfers. Rowenna hatte noch nie ein solches Schwert in der Hand gehalten und fragte sich, wie schwer es wohl war. Sicherlich war einiges an Muskelkraft notwendig, um es in der Luft zu halten und gegen einen Feind zu schmettern... Sie spürte den Wunsch, es selber einmal in die Hand zu nehmen und seine griffigkeit zu erproben. Vielleicht sollte sie auch versuchen, den Umgang mit dem Schwert zu erlernen... Sie dachte eine Weile über diese Idee nach, verwarf sie dann aber schließlich wieder. Sie hatte zurzeit wirklich genug andere Probleme, und verteidigen konnte sie sich auch mit ihren anderen Kräften.

Das Schwert erinnerte sie wieder an den vergangenen Abend und sofort versank sie wieder in Grübeleien. Auch als die beiden jungen Elben den Kampf wieder aufnahmen, verfolgte sie ihre Bewegungen nicht mehr sondern starrte nur mit leerem Blick vor sich hin.

Es dauerte nur wenige Minuten bis sie frustriert feststellte, dass sie auf diese Weise zu keinem Ergebnis kommen würde. Sie brauchte wohl oder übel Hilfe von anderen, denn nur mit diesem Wissen konnte sie nichts anfangen. Doch wer war in diesem Fall der richtige Ansprechpartner? Ihr erster Gedanke war natürlich Legolas, immerhin war er gestern auch dabei gewesen... Aber ich auch. Und weiß ich deshalb mehr? Sicher war es ebensowenig wirklich er wie es wirklich ich es war.

Doch die einzige andere Person, der sie vertraute, war Nûemyn, und sie bezweifelte stark, dass die Angestellte ihr weiterhelfen konnte. Immerhin verstand sie von Magie rein gar nichts. Legolas' Fachgebiet war vermutlich auch eher der Kampf, doch er hatte außerdem uneingeschränkten Zugriff auf die Bibliothek und kannte vielleicht jemanden, der ihr weiterhelfen konnte. Dennoch behagte ihr der Gedanke nicht, zu ihm zu gehen. Bei ihrem Gespräch in der letzten Nacht hatte sie festgestellt, wie groß die Kluft zwischen ihnen geworden war und auch wenn sie wusste, dass das an ihr lag, konnte sie nichts dagegen tun. Ihm konnte sie keine Schuld geben. Zwar war er zuerst ärgerlich gewesen, jedoch hatte er, als er ihre Unsicherheit bemerkt hatte, doch verständnisvoll reagiert. Es war vermutlich wirklich eine zu lange Zeit gewesen, in der sie nur sich selbst gehabt hatte und ihre Gedanken nicht hatte in Worte fassen müssen, um sie anderen begreiflich zu machen.

Aber irgendwann muss ich es doch wieder lernen. Ich habe schon einmal Vertrauen zu Legolas aufgebaut, also werde ich es auch wieder können. Ich brauche nur etwas Zeit - Zeit, die ich nicht habe. Aber ich weiß doch, dass ich ihm vertrauen kann. Zumindest wusste ihr Verstand das, auch wenn es in ihren Gefühlen anders aussah. Ein geräusch neben ihr riss sie aus ihren Gedanken. Die Jungen hatten ihre Holzschwerter abgelegt und griffen stattdessen zu Pfeilen und Bogen.

"Achtung, Lady", sagte einer von ihnen und deutete auf die Zielscheibe, dir nur wenige Meter von ihr entfernt an der Palastwand hing. "Wir sind noch nicht besonders gut. An Eurer Stelle würde ich mir einen anderen Ort zum rumsitzen suchen." Dann nahm er den Köcher mit den Pfeilen und folgte sienem Kameraden an eine Stelle, die vom Ziel vielleicht hundert Meter entfernt war. Kein Wunder, dass sie nicht richtig treffen, dachte Rowenna und stand auf. Vielleicht sollten sie einfach etwas näher anfangen...

Als sie zur Seite trat, flog schon der erste Pfeil an ihr vorbei und blieb im äußersten Ring der Scheibe stecken. Es folgtem in kurzen Abständen weitere Pfeile, die fast alle einen der drei äußeren Ringe erreichten. Nur wenige trafen knapp neben der Scheibe auf die Wand, wo sie abprallten und zu Boden fielen. Nach einer Weile, als alle Pfeile verschossen waren, kam der Schütze angelaufen und sammelte sie wieder auf. Nachdem er sie zum Ausgangspunkt zurückgebracht hatte, versuchte der andere sein Glück. Sein Ergebnis fiel ähnlich aus. Nachdem auch er die Pfeile zurückgeholt hatte, übte ihr Lehrer an beiden Kritik und zeigte ihnen noch einmal die genaue Haltung der Arme sowie die Stellung der Füße. Rowenna schlenderte langsam ein Stück und näherte sich den Übenden langsam. Dabei achtete sie jedoch immer darauf, der Schussbahn nicht allzu nahe zu kommen. Gespannt beobachtete sie schließlich von nahem, wie einer der jungen Elben einen Pfeil abschoss, der jedoch ein ordentliches Stück entfernt von der schwarzen Mitte landete. Sofort ließ sein Mentor eine Schimpftirade ab und korrigierte die Haltung seines Schülers. Der nächste Schuss wurde besser und er nickte zufrieden.

Wenige Meter weiter begann schon der Wald, und Rowenna setzte sich auf einen trocken aussehenden Baumstumpf in der Nähe. Sie erinnerte sich an einen Tag, der über zwanzig Jahre entfernt lag. Damals war ebenso herrliches Wetter gewesen wie heute und sie hatte Donvan bei seinen Schießübungen zugesehen. Natürlich hatte er sie eigentlich nicht nötig gehabt, und sein Pfeil hatte jedesmal den schwarzen Kern getroffen. Doch dann war er unfreundlich zu ihr gewesen und sie hatte es, noch reichlich unvertraut mit ihren neu erhaltenen Kräften, irgendwie geschafft, seine Pfeile jedes Mal in eine komplett andere Richtung zu lenken. Bei dieser Erinnerung musste sie unwillkürlich grinsen. Dieser Tag hätte eigentlich ein ernster sein sollen, immerhin hatte die Gefahr direkt vor ihnen gelegen. Trotzdem erinnerte sie sich noch genau an ihre gute Laune. Irgendwie war ihr alles nicht real vorgekommen, und das hatte ihr eine gewisse Stärke verliehen.

Also eigentlich kein so großer Unterschied zu heute... Auch jetzt kommt mir alles ein wenig vor wie ein Traum. Als würde ich gleich in unserer kleinen Waldhütte aufwachen und in einen weiteren von diesen einsamen Tagen hineinleben... Sie war froh, dass dem nicht so war. Sie bereute ihre Entscheidung nicht mehr, zurückkgekommen zu sein. Andere um sich zu haben, auch wenn sie sie gar nicht kannte, gab ihr neue Kraft. Einfach nicht alleine zu sein war etwas, bei dem sie sich fragte, wie sie es so lange in der Einsamkeit ausgehalten hatte, ohne verrückt zu werden. Vielleicht bin ich das ja. Vielleicht bin ich ja in diesen Jahren verrückt geworden und hate es nicht einmal gemerkt...

Sie spürte die Sonne auf ihrem Gesicht und schloss die Augen für einen Moment. Als sie sie wieder öffnete und sich umblickte, hatte alles einen unwirklichen Schimmer. Sie beobachtete einen kleinen Käfer, der ihr mühsam über ein Stöckchen krabbelte und dann im Gras verschwand. Einer der Elben schoss einen Pfeil ab und traf genau ins Schwarze. Rowenna beobachtete sein Gesicht, als er vor Freude lächelte. Dabei bemerkte sie selbt nicht, dass sie es gewesen war, die den Pfeil dorthin gelenkt hatte.

Zufrieden stand sie auf und ging zurück in Richtung des Palastes. Sie musste Legolas finden. Denn wenn ich nicht anfange, mich mit meinen Problemen zu beschäftigen, werden sie sich auch nicht schneller lösen. Plötzlich hatte sie gar kein schlechtes Gefühl mehr dabei, mit Legolas zu reden. Vielleicht war es genau diese Erinnerung gewesen, die ihr das richtige Gefühl gegeben hatte, um sich wieder in der Gesellschaft einfinden zu können.

Noch während sie sich auf den Weg machte, Legolas zu suchen, ließ sie drei weitere Pfeile ihr Ziel treffen.