Irgendwie hatte es Harry dann schließlich doch geschafft seine UTZ Kurse zu wählen. Hermines Brief hatte ihm nicht geholfen. Auch Rons Brief war keine große Hilfe gewesen. Viele Kurse wählte er sich nach ihrem Thema aus, so belegte er einen Kurs Kräuterkunde mit vier Wochenstunden, zwei Kurse Zauberkunst mit je vier Wochenstunden, zwei Kurse Zaubertränke mit einmal vier und einmal zwei Wochenstunden, einen Kurs Verteidigung mit sechs Wochenstunden, einen Kurs Pflege magischer Geschöpfe mit zwei Wochenstunden, einen Kurs Astronomie mit zwei Wochenstunden, zwei Kurse Verwandlung mit je zwei bzw. sechs Stunden pro Woche und letztendlich noch einen fakultativen Kurs in Geschichte der Magie, in dem er keine Prüfung abzulegen brauchte. Er schickte seine Kurswahl am Freitagmorgen mit Hedwig nach Hogwarts. Er fühlte sich ziemlich unsicher, ob er die richtige Wahl getroffen hatte. Er fragte sich, wie viele Stunden er im neuen Schuljahr noch zusammen mit Ron und Hermine im Unterricht sitzen würde. Andererseits wurde ihm auch bewusst, dass er die vorletzte Ferienwoche hinter sich gebracht hatte. Nächste Woche würden ihn die Weasleys irgendwie abholen kommen.
Am Samstagmorgen sah Harry hinunter zur Straße und blinzelte. Da kam ein Mann den Ligusterweg entlang gehumpelt, der ihm sehr bekannt vorkam. Er war in einen alten Umhang gehüllt, der ziemlich schmuddelig aussah und hatte halblange braune, verfilzte Haare, die mit einigen grauen Strähnen durchzogen waren. Doch was machte er hier? Noch dazu für alle, zum Beispiel den superspießigen Muggelnachbarn gut zu sehen. Der Mann kam jetzt direkt zur Hausnummer 4. Harry zog den Kopf vom Fenster zurück und ergriff seinen Zauberstab. An der Tür läutete es. Er konnte hören, wie Tante Petunia die Küchentür aufschlug und durch den Korridor entlang lief. Harry öffnete leise seine Zimmertür und schlich auf Zehenspitzen zum oberen Treppenrand, den Zauberstab noch immer fest in der Hand. Tante Petunia öffnete die Tür und schrie leise auf. Der Mann schob sie sofort beiseite und betrat den Flur. Mit einem Arm hielt er Tante Petunia fest, mit dem anderen schloss er die Eingangstür hinter sich. Als er sich überzeugt hatte, dass Tante Petunia sich seinem Griff nicht entwinden konnte, legte sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht. Tante Petunia wimmerte leise. Es schien ihr vor Entsetzen die Sprache verschlagen zu haben. Mundungus Fletcher sollte öfters zu Besuch kommen, dachte Harry, blieb jedoch mit erhobenem Zauberstab stehen.
„Will zu Harry Potter", knurrte der Zauberer.
Tante Petunia schielte die Treppe hoch. Mundungus' Blick folgte ihrem. Wieder grinste er.
„Komm pack deine Sachen, Jungchen. Wir fahren nach London. Der Fahrende Ritter kommt in'ner halben Stunde."
Harry trat zögernd vor. Den Zauberstab sichtbar vor sich erhoben, sah er den Mann zweifelnd an.
„Woher weiß ich, dass du der echte Mundungus bist?", fragte er leise.
„Frag mich doch mal was", antwortete der Zauberer gleichgültig.
„Mit was hat dich Mrs. Figg beworfen, nachdem das mit den Dementoren passiert ist?", fragte Harry.
Mundungus grinste noch breiter.
„Die gute alte Figgi? Mit ihrem blöden Katzenfutter hat sie mich beworfen und mich beschworen, Albus Bescheid zu sagen. Reicht dir das, Jungchen? Uns rennt die Zeit davon. Wir können nicht hier vor dem Haus einsteigen, da der Bus nicht hier her kommen kann.", sagte er.
„Wieso nicht?", fragte Harry.
„Sind zu viele Schutzzauber in der Straße."
Harry nickte und ging zurück in sein Zimmer als Tante Petunia gerade ihre Sprache wieder fand.
„Was bilden Sie sich eigentlich ein, hier so einfach ins Haus zu platzen. Wenn Sie nun einer der Nachbarn gesehen hat? Na warten Sie, mein Mann kommt in wenigen Minuten zurück von der Arbeit und dann werden wir die Polizei rufen!", schimpfte sie. Harry wusste, dass dies gelogen war. Onkel Vernon war auf einer Weiterbildung über Akkuladegeräte für Bohrmaschinen und kam wahrscheinlich nicht vor morgen Abend zurück.
„Mach mir lieber mal 'ne Tasse Tee, Petunia!", antwortete Mundungus ruhig, als wäre nichts passiert.
Tante Petunia starrte ihn fassungslos an.
„Eine Tasse Tee?", schrie sie.
„Wenn du noch lauter schreist, bekommen wirklich alle Nachbarn was mit!", erwiderte der Zauberer. „Ich tu' dir schon nichts!"
Tante Petunia schüttelte wütend seinen Arm ab und ging nach einem zornigen Blick auf Harry in die Küche und schaltete den Wasserkocher an.
Harry eilte zurück in sein Zimmer und begann seine Sachen zusammen zu suchen. Hedwig war nicht da, aber sie würde ihn schon finden. Das hatte schon mehrfach geklappt, dachte er. Als er zehn Minuten später seinen Koffer, Hedwigs Käfig und seinen Besen im Flur abgestellt hatte und die Küche betrat, bot sich ihm ein merkwürdiger Anblick. Tante Petunia stand am Waschbecken während Mundungus am Tisch saß und genüsslich eine Tasse Tee schlürfte.
„Ich bin dann soweit", machte Harry sich bemerkbar.
„Du bist aber leise hier rein geschlichen", sagte Mundungus überrascht.
Harry warf Tante Petunia einen prüfenden Blick zu. Bei den Dursleys war es immer besser, möglichst unauffällig zu sein, wollte man ein ruhiges Leben führen.
In diesem Moment klatschte eine Eule gegen die geschlossene Küchenfensterscheibe. Harry eilte auf das Fenster zu und öffnete es rasch. Die Eule schwirrte herein und warf Mundungus einen Brief auf den Schoß. Dieser hob die Augenbrauen als er zu lesen begann.
„Mmh", meinte er. „Wir sollen unbedingt auf Minerva warten."
„McGonagall?", fragte Harry ungläubig. Mundungus nickte.
„Wieso? Was hat das zu bedeuten?", bohrte Harry weiter.
Mundungus sah ihn mit ernstem Blick an und meinte: „Keine Ahnung."
Tante Petunia schnaubte leise. Harry verkniff sich ein Lächeln. Allein der Gedanke, dass sie noch mehr Zauberer in ihrem Haus aufnehmen sollte, schien in ihr größten Widerwillen zu wecken.
Wenige Minuten später miaute eine Katze an der Hintertür.
„Das ist sie", sagte Mundungus. Harry sah Tante Petunia irritiert durch das Fenster schielen. Als Harry die Tür zum Garten öffnete, erblickte er tatsächlich eine grau getigerte Katze, die ihn forschend an sah. Er ließ sie herein. Kaum hatte Harry die Tür geschlossen, als er Tante Petunia wieder leise aufschreien hörte. Als er sich umdrehte, sah er gerade noch wie sich Professor McGonagall ein wenig streckte und prüfend von Mundungus zu Tante Petunia sah.
„Wie ich sehe, Mr. Flechter, haben Sie sich bereits hier häuslich eingerichtet", meinte sie spitz nach einem Blick auf die leere Teetasse vor ihm.
„Ähm, Minerva", räusperte er sich.
„Für Sie noch immer, Professor McGonagall, Mr. Flechter", antwortete die Lehrerin gereizt.
Mundungus räusperte sich ein weiteres Mal.
„Ähm, ja, nun gut, Professor McGonagall, was sollen wir jetzt tun? Um zum Magnolienweg zu laufen, ist es zu spät", fragte er mit unterwürfiger Stimme.
„Was tun Sie hier?", fragte Tante Petunia jetzt an McGonagall gewandt.
Diese sah Harrys Tante mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Ich bin her gekommen, um Mr. Potter abzuholen, was dachten Sie denn?"
Tante Petunia erwiderte McGonagalls Blick trotzig.
„Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?", fragte sie schließlich.
„Ich?", antwortete McGonagall und richtete sich stolz auf. „Ich bin Professor Minerva McGonagall, stellvertretende Schulleiterin von Hogwarts, Schule für Zauberei und Hexerei."
Harry schnappte nach Luft. So viele Wörter, die im Hause der Dursleys nicht benutzt werden durften in einem Satz. Aber weder Tante Petunia noch Professor McGonagall beachteten ihn.
„Und was haben Sie mit dem da", Tante Petunia wies abweisend auf Mundungus „zu tun?"
„Mr. Flechter", brauste McGonagall in diesem Moment auf „konnten Sie nicht wenigstens so tun, als ob Sie sich benehmen können? Hat er Ihnen etwas getan?", fragte sie Tante Petunia. Diese schien zu überlegen, schüttelte dann aber den Kopf, was auch so gut wie der Wahrheit entsprach, wie Harry fand.
„Wieso sollten wir auf Sie warten, Professor?", fragte Harry seine Lehrerin. McGonagall wandte sich wieder ihm zu.
„Wir haben den Verdacht, dass der Fahrende Ritter im Moment keine sichere Mitfahrgelegenheit ist, Potter", antwortete sie.
„Wieso?", bohrte Harry weiter.
„Professor Dumbledore überprüft das gerade."
Harry sah sie irritiert an. Er verstand nicht worauf sie hinaus wollte. Doch eine weitere Eule am Küchenfenster verhinderte, dass er weiter fragte. McGonagall holte die Eule auf ihrem Arm herein und nahm ihr den Brief vom Bein. Sie schrie kurz auf während sie den Inhalt las und zog die Augenbrauen wütend zusammen.
„Was'n los?", wollten Harry und Mundungus gleichzeitig wissen.
„Der Fahrende Ritter wurde tatsächlich in der Nähe von Manchester überfallen. Zur Zeit sind Auroren unterwegs, um die angegriffenen Mitreisenden zu verhören. Dumbledore schreibt, dass wir uns auf keinen Fall aus dem Haus weg bewegen und hier auf weitere Anweisungen warten sollen. Er meint, die Todesser könnten den Fahrer und den Schaffner unter den Imperiusfluch gesetzt haben oder selber fahren. Aber das weiß man erst genau, wenn die Eingreifzauberer vor Ort die Lage sondiert haben."
„Treten jetzt die Todesser wieder offen auf?", fragte Harry besorgt.
„Was sind Todesser?", fragte Tante Petunia.
McGonagall und Harry sahen sie prüfend an.
„Das sind die Gefolgsleute von Lord Voldemort", antwortete Harry.
Tante Petunia erschauerte. „Dieser Lord Voldemort hat auch noch Gefolgsleute?", fragte sie fassungslos.
Harry nickte mürrisch.
„Das ist der erste Angriff in dieser Größenordnung, seit Du weißt schon wer zurück ist", beantwortete Professor McGonagall Harrys Frage. „Bisher haben sie sich bis auf wenige Ausnahmen bedeckt gehalten."
„Tee?", fragte Tante Petunia in die plötzlich sich ausbreitende drückende Stille hinein. McGonagall und Mundungus nickten. Tante Petunia machte sich wieder am Wasserkocher zu schaffen, während sich Harry auf einen Küchenstuhl setzte.
„Du könntest schon mal ein zweites Teegeschirr aus dem Schrank holen. Schließlich sind es deine Gäste", zischte Tante Petunia ihm wütend zu.
Harry erhob sich wieder und stellte Professor McGonagall die schönste Teetasse aus Tante Petunias Schrank auf den Tisch.
„Danke, Harry", meinte die Lehrerin leise.
„Was machen wir jetzt?", fragte er sie, während sie vorsichtig an ihrem Tee nippte.
„Wir warten bis der Schulleiter einen anderen Weg gefunden hat, Sie von hier weg zu bringen", antwortete sie.
„Warum können wir nicht wieder einen Portschlüssel benutzen?", fragte Harry.
„Portschlüssel herauf beschwören können nur Auroren ohne ausdrückliche Genehmigung der dafür zuständigen Stelle im Ministerium. Ende Juli war das möglich, da Tonks und Kingsley Shacklebolt im Grimmauld Platz waren und die Portschlüssel bereit zaubern konnten."
Harry nickte verstehend und goss sich ebenfalls eine Tasse Tee ein.
Es dauerte noch eine geschlagene Stunde, die sie in der Küche größernteils schweigend verbrachten, bis eine weitere Eule zum Küchenfenster herein gesegelt kam. Sie flog direkt auf Professor McGonagall zu und ließ ihren Brief vor ihr auf den Tisch fallen. Die Lehrerin hob ihn auf und entrollte das Pergament.
„Oh", sagte sie hoffnungsvoll. Dann wandte sie sich zu Harry.
„Sie sollten Ihr Gepäck holen, Mr. Potter."
Harry sah sie kurz an und erhob sich, um seinen Koffer, Hedwigs Käfig und den Feuerblitz aus dem Flur zu holen.
„Wie...", begann Harry an McGonagall gewandt, doch sie unterbrach ihn.
„Professor Dumbledore ist der Meinung, dass im Moment der sicherste Weg von hier weg zu kommen, eine kleine Flugreise ist. Er schickt uns Fawkes. Er müsste in wenigen Minuten hier auftauchen", sagte sie, und tatsächlich erfüllte sich in diesem Moment die Küche mit einer wunderschönen getragen Melodie und ein rotgoldner ziemlich großer Vogel erschien wie aus dem Nichts in der Küche. Der Phoenix landete auf dem Küchentisch. Tante Petunia eilte hastig auf das noch immer offenstehende Küchenfenster zu und schloss es energisch. Davon die Vorhänge ebenfalls zu zuziehen, hielt sie wohl nur die noch zeitige Uhrzeit ab.
„Was um Himmelswillen...", Tante Petunia schien außer sich vor Wut, doch Fawkes begann erneut leise zu trällern und Harrys Tante wurde eigentümlich ruhig und setzte sich wieder an den Tisch.
„Mundungus, Sie nehmen den Koffer, ich werde den Käfig halten und Sie, Potter nehmen den Besen in die Hand. Ich werde mich an Fawkes Beinen festhalten, Sie Potter halten sich an mir fest und Mundungus, Sie ... nein ...", sie überlegte eine Weile, dann zückte sie ihren Zauberstab und murmelte einige Worte, worauf hin Tante Petunia wieder zu schreien begann und Harry erstaunt sah, wie sich der Zauberer in eine Umhängetasche verwandelte und sein Schrankkoffer so weit schrumpfte, dass er ohne Mühe in der Tasche verstaut werden konnte.
„Potter, ziehen Sie sich die Tasche über den Kopf."
Sie drehte sich zu Tante Petunia um, die erstarrt am Tisch saß.
„Harry ist bei uns in Sicherheit. Er kommt nächste Sommerferien wieder her. Es wäre schön, wenn Sie ihn dann wieder am Bahnhof abholen kommen", sagte sie förmlich zu Tante Petunia, die mechanisch nickte.
„Gut, Potter, dann mal los."
Sie ergriff Fawkes Schwanzfedern und Harry hielt sich an ihrem Umhang fest. Er war schon einmal mit Fawkes geflogen. Als er aus der Kammer des Schreckens zurück kam. Da hatte der Vogel auch nicht nur ihn, sondern Ron, Ginny und Professor Lockhart getragen. Doch in dem Moment als er nach McGonagalls Umhang griff, wusste er, dass es diesmal ein anderer Flug werden würde. Er sah noch ein goldenes Licht, dass um sie beide herum aufleuchtete und dann verschwanden die klaren Umrisse der Küche. Er sah das Haus der Dursleys, den Ligusterweg, Little Whining von oben, eine Wald- und Wiesenlandschaft, wieder mehr Häuser und schließlich wieder Wände. Das alles sah er nur schemenhaft, alles in dieses goldene Licht getaucht. Als er wieder festen Boden unter seinen Füssen spürte, bemerkte er, dass er am Grimmauld Platz gelandet war, genauer in der Küche.
