Kapitel 2: „Pure morning"
Als Gillian am nächsten Tag erwachte, weil ein Sonnenstrahl, der durch die großen Fenster fiel, sie an der Nase kitzelte, wusste sie im ersten Moment nicht, wo sie war.
Dann fiel ihr alles wieder ein.
Wie spät mochte es sein? Sie musste zugeben, sie hatte schon lange nicht mehr so weich und bequem geschlafen.
Gähnend streckte sie Arme und Beine von sich, und räkelte sich genüsslich wie eine Katze. Dann gab sie sich einen Ruck und schwang die Beine aus dem Bett. Barfuß tappte sie über den flauschigen Teppich auf der Suche nach ihren Klamotten. Sie fand ihr Kleid auf dem Badezimmerboden, wo sie es gestern hatte liegen lassen, und hob es auf, um hineinzuschlüpfen. Plötzlich schämte sie sich für das alte abgetragene Teil, auch wenn sie dieses Kleid sonst sehr gern getragen hatte, so kam es ihr doch in dieser prunkvollen Umgebung schäbig und unangemessen vor.
Sie steckte den Kopf aus der Tür und sah den langen Korridor hinab. Verdammt, sie konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, aus welcher Richtung sie gestern Abend gekommen war.
Wenn sie sich nicht hoffnungslos in den labyrinthartigen Gängen verirren wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als nach Mr Telton, wie sich der Fahrer vorgestellt hatte, zu klingeln.
Es war ein merkwürdiges Gefühl an der altmodischen Kordel zu ziehen, und auf das ferne Geräusch einer Schelle im Haus zu lauschen. Sie kam sich albern vor.
Eine Weile tat sich gar nichts, dann klopfte es an ihrer Zimmertür und Gillian öffnete dem Fahrer von gestern abend, ein wenig verlegen.
„Guten Morgen, Miss. Haben sie gut geschlafen?"
„Ja, sehr, danke."
„Nun, dann schlage ich vor, ich bringe sie zu ihrem Frühstück."
Der Fahrer führte Gillian durch das Haus, und sie versuchte sich den Weg einzuprägen.
Ein Blick aus einem der vielen Fenster half ihr kaum, sich zu orientieren, denn sie konnte kaum sagen, wo im Haus sie sich befand, und draußen breitete sich zu allen Seiten sonnen beschienener Rasen aus, der an Bäume grenzte.
Man führte sie hinunter in eine geräumige Küche, die wohl einst ganze Heerscharen von Bediensteten beherbergt hatte, die jedoch nun wohl schon lange nicht mehr in Benutzung war. Ein Frühstück war dort für sie vorbereitet worden, und alles unter Decken und Topflappen für sie warm gehalten worden.
Etwas peinlich berührt setzte Gillian sich und der Fahrer brachte eine Kanne dampfenden Kaffees von dem er sich ebenfalls eine Tasse einschenkte, und sich zu ihr setzte.
Gillian langte zu. Noch nie hatte jemand ein so perfektes Frühstück für sie gemacht, mit hartgekochtem Ei und warmen Croissants und echter Butter und einfach allem.
„Lassen Sie es sich schmecken, Miss", sagte der Fahrer.
Gillian wischte sich ein paar Krümel aus dem Mundwinkel und schluckte hinunter.
„Haben Sie das gemacht?"
„Gewiß. Ich kümmere mich um alles hier."
„Ganz allein?", fragte Gillian.
„Nun, es kommt eine Hilfe einmal die Woche. Das Haus ist riesig, verstehen Sie. Aber ausschließlich ich bin es, der sich um die Belange des Herrn kümmert."
Er pustete in seinen Kaffee, nahm noch einen Schluck, und sah dabei sehr selbstzufrieden aus.
Gillian fragte sich, wie viel er wusste. Wußte er, dass der Herr des Hauses ein Vampir war? Wahrscheinlich schon, nur so konnte er sich um die besonderen Ansprüche des Gavners kümmern. Nicht alle Vampire hielten sich Bedienstete, die eingeweiht waren. Manche jedoch hatten treuergebene Helfer. Solche Assistenten waren häufig Halbvampire, damit sie ihren Herrn und Meister besser versorgen konnten. War dieser Mann ein Halbvampir, so wie sie?
Aufmerksam betrachtete sie sein Gesicht. Nein, Gillian glaubte nicht, dass es sich bei Mr Telton um einen Halbvampir handelte. Er roch zu menschlich.
Gillian schluckte als ihr der Geruch seines warmen menschlichen Blutes überdeutlich bewusst wurde und stopfte sich schnell noch ein weiteres Stückchen Käse in den Mund, um sich abzulenken.
„Und was tue ich?", fragte Gillian kauend. Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie keinen blassen Schimmer hatte, was ihre Aufgaben im Haushalt des alten Vampirs sein würden. Bei Larten hatte sie gewusst, was zu tun war. Aber hier? Was erwartete der Gavner von ihr? Sie hatte plötzlich das Gefühl, überflüssig und nicht erwünscht zu sein, denn Mr Telton erfüllte alle anfallenden Arbeiten, und das ganz gewiß schon seit langer Zeit. Er brauchte ihre Hilfe nicht, im Gegenteil, sie war ihm nur im Weg und brachte ihm zusätzliche Arbeit.
„Zunächst einmal werden sie in die Stadt fahren, Miss".
„In die Stadt?". Sie wollte nicht in die Stadt zurück, sie war doch der Stadt gerade erst entkommen.
„Ja. Zum einkaufen." Er griff in die Seitentasche seines tadellosen Anzugs und holte einen Briefumschlag hervor und schob ihn ihr über den Tisch herüber.
Gillian runzelte die Stirn und sah in den Umschlag. Er enthielt eine goldene Kreditkarte.
„Was…"
„Der Herr wünscht, dass sie sich neu einkleiden. Er lässt ausrichten, dass es keinen Grund gibt, sich zurückzuhalten. Miss benötige eine komplette Neuausstattung."
Gillian machte große Augen und befühlte die kleine goldene Plastikkarte in ihrer Hand.
„Aber das kann ich nicht…"
„Es ist sein ausdrücklicher Wunsch, Miss", sagte Mr Telton und erhob sich. „Wenn sie dann so weit sind, können wir los."
Er nahm einen Autoschlüssel aus einer langen Reihe von Schlüsseln von einem Haken an der Wand und Gillian folgte ihm wie in Trance aus dem Haus und zum Wagen.
Mr Telton fuhr sie in dem schwarzen Mercedes mit den abgetönten Scheiben den ganzen weiten Weg zurück in die Stadt und in das nobelste Einkaufsviertel.
Sie gingen von Geschäft zu Geschäft, in Läden, die Gillian alleine sich niemals getraut hätte, zu betreten. Sie konnte nicht umhin, sich zu fühlen, wie Julia Roberts in dem Film „Pretty Woman", als sie ein elegantes Abendkleid nach dem nächsten anprobierte, und Mr Telton ohne mit der Wimper zu zucken jedes Mal der Verkäuferin die kleine goldene Karte überreichte.
Bei jedem Kleid fragte sie sich, ob das das Kleid sei, in dem sie zum Vampir werden würde, und sie kam nicht umhin, sich vorzukommen, wie eine Braut auf der Suche nach DEM Brautkleid.
Doch der anfängliche Enthusiasmus verflog, denn mit jedem Traum in Satin, das Mr Telton ihr hinhielt, begann sie sich unzulänglicher und minderwertiger zu fühlen. Sie PASSTE einfach nicht in diese Klamotten, und die schwindelerregend hochhackigen Schuhe, die die Verkäuferinnen dazu legten, machten ihr Angst.
Sollte sie nur noch in so etwas herumlaufen?
„Ich glaube, ich habe genug Abendkleider", sagte sie daher zu Mr Telton. Die Aufmachungen hatten angefangen, sich zu ähneln, und nicht eines davon, war ihr ausgefallen oder einmalig genug erschienen um DAS Kleid zu sein.
Mr Telton betrachtete sie aufmerksam, stimmte dann aber zu Gillians Erleichterung zu.
„Zeit, ihre Haare machen zu lassen."
Oh nein, wieso dass denn? Gillian mochte ihre lange schwarze Mähne. Zugegeben, sie hatte sie seit Ewigkeiten nicht mehr schneiden lassen…aber wollte sie wirklich eine andere Frisur?
Sie wagte es nicht, zu widersprechen und wurde von Mr Telton in einen vornehmen Salon geführt, wo sich eine Schar aufgeregt schnatternder und viel zu stark geschminkter Tussis über sie hermachte und ihr die Haare schnitten, aufsteckten, Hände und Füße manikürten und etwas fieses veranstalteten, dass sich „Gesichtspeeling" nannte.
Nach dieser Prozedur und nachdem eine Schicht „leichtes Abendmakeup" aufgelegt worden war, blickte Gillian in den Spiegel und erkannte sich nicht wieder.
Mr Telton schien zufrieden und bestand darauf, dass sie gleich eines der neuen Kleider anbehielt. Gillian konnte nur noch durchsetzen, dass er ihr altes Kleid in einer Tüte mitnahm, und nicht dort zurückließ; zweifellos im Müll.
Gillian war erschöpft und hundemüde, doch Mr Telton war noch lange nicht fertig.
Als sie erwähnte, dass es genug für heute sei, zählte er eine lange Liste auf, was sie noch bräuchten: Von Unterwäsche über Handtaschen und Schmuck bis zu Parfum und Hautpflegeprodukten.
Willenlos stolperte Gillian auf ihren neuen hohen Schuhen hinter ihm her.
Als Mr Telton, beladen mit Tüten und Paketen, dann irgendwann den Rückweg Richtung Parkplatz einschlug, war Gillian unendlich erleichtert.
Auf der Fahrt zurück, saß sie zwischen ihrer Beute, und konnte sich nicht darüber freuen.
Sie sah wie die Sonne sich dem Horizont näherte, und ihr Herz begann zu pochen.
Würde Gavner Purl mit ihr zufrieden sein?
Verstohlen betrachtete sie sich im Rückspiegel, als der Fahrer gerade nicht hinsah.
Sie sah aus wie eine Lady.
Aber würde sie sich auch wie eine benehmen können?
Gillian war sich schmerzlich ihrer niederen Herkunft und ihrer mangelnden Kenntnis in Etiketten bewusst.
Hoffentlich werde ich mich nicht blamieren…, dachte Gillian und der schwarze Wagen trug sie durch die Dämmerung zurück zum Haus ihres neuen Vampirmeisters.
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