Kapitel 1 – Ankunft in Bruchtal
Aragorn lag auf der Lauer – das Reh nicht aus den Augen lassend. Fast lautlos spannte er die Sehne des Bogens. Das Reh zuckte mit den Ohren und witterte scheu. Langsam, warte noch einen Augenblick, bis es sich in Sicherheit wiegt, rief er sich zur Ordnung. Bewegungslos verharrte er in seiner lauernden Position. Das Reh senkte den Kopf und begann erneut zu grasen. Dann schnellte Aragorns Pfeil davon und fand sein Ziel. Das Tier starb rasch. Es würde ihm und den Hobbits Nahrung für einige Tage auf ihrem Weg durch die Moore sein, denn vor ihnen lag noch ein weiter Weg, bis sie endlich Bruchtal erreichen würden.
Bruchtal – der Gedanke an das Heim seines Vaters ließ sein Herz schneller schlagen. Es war nun schon so lange her, seit er das letzte Mal dort eingekehrt war. Mehr als ein Jahr war er fort gewesen und er verspürte Sehnsucht nach dem letzten heimeligen Haus der Elben.
Was würde sich während seiner Abwesenheit verändert haben? Hatte der Schatten Saurons, der sich über ganz Arda auszubreiten schien, auch schon das Reich Elronds erreicht? Aragorns Hand glitt in die Tasche seines Mantels und er zog das Stück Stoff hervor, das er immer bei sich trug. Er wickelte es aus und ließ seine Finger über die Strähne roten Haares streichen, die ihn seit Jahren auf seinen Reisen begleitete. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.
Seine Sehnsucht galt nicht nur den Hallen seines Ziehvaters, sondern viel mehr denen, die sich darin bewegten. Er vermisste seine Ziehbrüder, die ihn mit ihren Späßen noch genauso neckten wie den jungen Mann, der er vor vielen Jahren gewesen war. Für sie verging die Zeit in einem anderen Rhythmus als ihn und für Elladan und Elrohir würde er immer der junge Estel bleiben, auch wenn er selbst alt und greis würde. Und er vermisste die junge Frau, deren Locke er wie einen Schatz hütete.
Mehr als zwanzig Jahre war es nun her, dass sie zu einem Teil seines Lebens geworden war und doch war ihm die Erinnerung an jene mondbeschienene Nacht in der er sie gefunden hatte noch so gegenwärtig als wäre es erst gestern gewesen...
Er war auf dem Heimweg nach Imladris, das Herz schwer vor Gram und Sorgen. Lange war es her, dass er Arwen hatte in den Westen gehen lassen und doch war ihm doch der Schmerz über ihren Verlust noch so präsent wie bei ihrem Abschied. Es mochten noch 50 Jahre vergehen, aber die Leere, die ihr Verlust in seinem Herzen hinterlassen hatte, würde sich nie ganz füllen lassen.
Ihn trennten nur noch wenige Wegstunden von Elronds Haus, aber trotzdem der Gedanke an ein weiches Bett und ein heißes Bad verlockend schien, hatte er keine Eile das letzte heimelige Haus östlich der See zu erreichen. Alles im Haus seines Vaters erinnerte ihn an Arwen. Lange starrte er in die ersterbenden Flammen des Lagerfeuers und nicht zum ersten Mal fragte er sich, wofür es sich noch zu leben lohnte, seitdem er sie hatte ziehen lassen.
Der Wein hatte seinen Geschmack verloren ohne sie, die Welt ihre Farben. Nichts erschien ihm mehr von Bedeutung. Seinen Ziehvater hatte Aragorns Entscheidung zufriedengestellt, auch wenn Elrond seit ihrem Fortgehen melancholischer denn je geworden war, aber mit Elronds Tochter hatte auch Aragorns Wille zu kämpfen diese Welt verlassen.
Ein wohlgezielter feindlicher Stoß hätte seinem Leiden ein Ende bereiten können, aber die Valar wollten ihm diesen Gefallen nicht erweisen. Stattdessen ließen sie ihn wieder und wieder siegreich ins Haus seines Vaters zurückkehren, wo ihn alles an seine Geliebte erinnerte. Und diese Erinnerungen trieben ihn jedes Mal aufs Neue in die Welt hinaus.
Ein Schrei in der Ferne ließ ihn zusammenfahren. Mit einem Satz kam der Waldläufer auf die Beine. Rasch löschte er das Feuer und umfasste den Griff seiner Waffe fest. Aber es blieb bei diesem einen Schrei. Trotzdem war es mit seiner Ruhe vorbei. Er musste wissen, was geschehen war.
Vorsichtig pirschte er sich in die Richtung vor, in der er den Ursprung des Geräusches vermutete. Ein leises Stöhnen im Unterholz ließ ihn zusammenfahren und ein kalter Klumpen bildete sich in seinem Magen. Als er sich in die Richtung drehte, aus der das Stöhnen gekommen war, bot sich ihm ein Bild des Grauens.
Der Überfall musste die Familie überraschend getroffen haben. Ein junger Mann lag neben dem Lagerfeuer, die Hand an seinem Jagdmesser, sein Hemd rot von seinem eigenen Blut. Mehrere schwarzgefiederte Pfeile in seinem Rücken ließen keinen Zweifel daran, wer die Leute getötet hatte und in dem Dunedain flammte heißer Zorn auf. Die verfluchten Orks wagten sich scheinbar dichter an die Grenzen zum Reich seines Vaters als zuvor.
Nicht weit entfernt von dem toten Mann lag die Leiche einer jungen Frau. Man musste sie beim Versuch zu fliehen erschlagen haben. Ihre weit aufgerissenen Augen starrten ihn vorwurfsvoll an. Aragorn wandte sich rasch ab.
Wieder zerriss ein leises Stöhnen die gespenstische Stille. Der Waldläufer spitzte die Ohren und sah sich suchend um. Sollte jemand diesen Überfall überlebt haben? Vorsichtig suchte er mit seinen Blicken den Waldboden ab. Auf den ersten Blick war in der Nähe des Lagers nichts zu entdecken, aber das Geräusch schien von weiter her zu kommen.
Langsam entfernte sich Aragorn einige Schritte, als sein Blick auf eine kleine, reglose Gestalt fiel. Es war ein schwer verletztes Kind, das abseits des Lagers mit dem Tod rang. Sein Kleid war zerrissen, am Rücken klaffte eine tiefe Wunde und es verlor viel Blut.
Aragorn dachte nicht lange nach. Er verband notdürftig die großflächige Wunde, hob das Kind vorsichtig in den Arm und begann zu rennen, als wäre Sauron persönlich hinter ihm her. Wie er es geschafft hatte mit dem Mädchen im Arm innerhalb weniger Stunden Bruchtal zu erreichen, konnte er selbst später nicht sagen. Herr Elrond erschien mit wirrem Haar auf dem Hof, als sein Ziehsohn vor Tau und Tag mit dem verletzten Kind im Arm die Hallen des Elbenfürsten erreichte.
Elrond musste sie nicht näher untersuchen, um festzustellen, dass es schlecht um das Mädchen stand. Sie hatte viel Blut verloren, ihr Atem kam flach und stoßweise, an der Schulter prangte ein frisches Brandmal.
„Sie ist sehr jung, Estel – vielleicht vier Jahre, vielleicht jünger und sie ist schwach. Ich kann ihre Seele kaum noch spüren. Ich denke nicht, dass ich etwas für sie tun kann, außer ihren Schmerz ein wenig zu lindern..." Aragorn schenkte ihm einen flehentlichen Blick und der Halbelb seufzte leise. Natürlich tat er, was in seiner Machst stand, aber er hatte keine große Hoffnung, dass das Mädchen den nächsten Morgen sehen würde. Er sollte sich jedoch täuschen.
Auch wenn das Kind lange um sein Leben kämpfte, es steckte mehr Stärke in dem kleinen Körper, als Elrond vermutet hätte. Langsam aber sicher kam das Mädchen wieder zu Kräften. Ihre Wunden verheilten und nach und nach gewöhnte sie sich an die fremde Umgebung. Aragorn wich seinem Schützling nicht von der Seite.
Er wachte an ihrem Bett, trocknete ihre Tränen, wenn sie weinend aus einem bösen Traum erwachte und zeigte ihr die Wunder Bruchtals, als sie kräftig genug war, um ihr Krankenzimmer zu verlassen.
Laietha – so war ihr Name, wie sie von dem Kind erfuhren – schloss ihn in ihr Herz. Als Monat um Monat ins Land ging, ohne dass sie eine Spur von ihrer Familie fanden, hörte sie auf nach ihnen zu fragen. Die Zuneigung, die sie Aragorn entgegenbrachte, war bedingungslos und auch Aragorn bemerkte, dass er sich seltener in seiner Trauer um Arwen verlor und begann, die Welt wieder mit neuem Lebensmut zu sehen. Selbst seinen Vater sah er nun öfter wieder lächeln, wenn er das Kind in der Sprache der Elben unterwies oder sie beim Spielen in Bruchtals Gärten begleitete.
Auch die Rückkehr ins Haus seines Vaters war nun für ihn mit Freude verbunden, denn jedes Mal wurde er bereits ungeduldig von Laietha erwartet.
Und daran hatte sich bis heute nichts geändert. Er hob seinen Blick zum Himmel und betrachtete den fast vollen Mond. Nicht mehr lang und er würde sie endlich wieder in die Arme schließen können. Nach der Sommersonnenwende war er im vergangenen Jahr aufgebrochen und nun färbte der Oktober bereits die Wälder. Diesmal war er sehr lange fort gewesen. Würde sie sich seitdem sehr verändert haben?
Er schmunzelte ein wenig in sich hinein. Seine elbischen Brüder konnten einen die Zeit vergessen lassen, denn seit er als Knabe in Bruchtal aufgewachsen war, hatten sie sich nicht verändert. Auch das Gesicht Elronds war nicht um eine Spur älter geworden, seit seine Mutter Zuflucht in dessen Heim gefunden hatte. Aber bei Laietha war es anders.
Er hatte gesehen, wie aus dem kleinen Mädchen eine junge Frau geworden war. Bis auf die Narbe an ihrer Schulter hatte bald nichts mehr an ihr schweres Schicksal erinnert. Sie war ein fröhliches Kind gewesen, das viel lachte und noch mehr Fragen stellte.
Da Aragorn Elronds Söhne „Brüder" nannte, hatte sie es ihm gleich getan und wo ihre Brüder hingingen, war auch Laietha nicht weit gewesen. Ihre Brüder hatten sie alles über das Leben in der Wildnis gelehrt, ihr Vater sie in der Kunst des Heilens unterwiesen und in ihr war der Wunsch erwacht, ihren Brüdern im Umgang mit der Waffe nachzueifern.
Jedes Mal wenn Aragorn heimgekommen war, hatte sie ihn mit Ungeduld erwartet, um ihm vorzuführen, was sie in seiner Abwesenheit gelernt hatte. Ein leises Lächeln stahl sich beim Gedanken daran in seine Mundwinkel.
Warte nur, Schwesterchen, nicht mehr lang und wir werden uns wiedersehen, dachte er bei sich und schulterte das erlegte Wild. Mit etwas Glück würden sie in 20 Tagen das Haus seines Vaters erreicht haben. Aragorn konnte es kaum noch erwarten.
Sie hatte seine Ankunft schon erspäht, als Aragorn und die Halblinge das Tor des letzten heimeligen Hauses passierten. Seit Glorfindel vor zwei Tagen den verletzten Halbling nach Imladris gebracht hatte, war kaum ein Augenblick vergangen, an dem Laietha nicht nach ihrem Bruder Ausschau gehalten hatte. Vom Fenster ihrer Gemächer aus konnte sie den Hof gut überblicken. Sie hatte seine Ankunft so sehr herbeigesehnt und als sie ihn schließlich durch das Tor treten sah, eilte sie hinaus in den Hof, wo ihr Vater und Mithrandir ihn bereits erwarteten.
Binnen weniger Herzschläge war sie die Treppen ins Erdgeschoss hinabgestürmt und in den Hof gestürzt. Er lebte und war unversehrt, zumindest soweit sie es auf den ersten Blick erkennen konnte. Ein Stein fiel ihr vom Herzen. Sie hatte so um die Sicherheit ihres Bruders gefürchtet. Und nun stand er gesund vor ihr. Die junge Frau dankte den Valar, die ihre schützende Hand auch dieses Mal über ihn gehalten hatten.
Aragorn sah müde aus – müder als Laietha ihn jemals in den letzten Jahren gesehen hatte. Das vertraute Gesicht war schmaler und härter geworden, seit er vor mehr als einem Jahr aus dem Haus ihres Vaters aufgebrochen war. Trotz seiner Erschöpfung stahl sich ein warmes Lächeln auf sein Gesicht, als er seine Schwester erblickte. Für einen Moment schienen die Mühen und Sorgen, die auf seinen Schultern lasteten vergessen zu sein, aber als er seinem Vater kurz von seiner Reise berichtete, trat der sorgenvolle Schatten erneut auf seine Züge.
Elrond legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm und schenkte seinem Ziehsohn ein schmales Lächeln. „Für einen ausführlichen Bericht wird später Zeit sein, Estel. Ruh dich aus und komm heute Abend in meine Gemächer. Dann werden wir alles besprechen."
Aragorn neigte sein Haupt, als sein Vater sich entfernte und bevor er sich versehen konnte, hatte sich die junge Frau, die ungeduldig die formelle Begrüßung abgewartet hatte, in seine Arme geworfen. Auch er drückte sie fest gegen seine Brust und genoss ihren vertrauten Geruch und ihre herzliche Umarmung. „Meine Güte, du bist entsetzlich mager geworden! Komm, geh dich ausruhen, ich werde dafür sorgen, dass du etwas zu Essen bekommst." Aragorn lachte, als er den vorwurfsvollen Ton in ihrer Stimme bemerkte. Ja, dachte er bei sich, du bist nun wirklich wieder zu Hause.
Ein Lächeln schlich sich auf Aragorns Gesicht, als er sein Gemach betrat. Alles war so, wie er es verlassen hatte. So viel war im letzten Jahr geschehen, aber hier, im Hause seines Vaters, schien die Zeit stillzustehen.
Auf dem Tisch vor dem Kamin lag noch immer das Buch, in dem er zuletzt gelesen hatte – die Stelle sorgfältig mit einem Lesezeichen markiert. Das Bett war frisch bezogen und auf dem Tisch stand ein Strauß wilder Blumen – wie immer hatte man ihn erwartet. Auf dem Bett lagen ordentlich zusammengelegt ein sauberes Hemd und Beinlinge aus weichem Leder. „Danke Lai", schmunzelte er und legte seine zerschlissene Reisekleidung ab.
Auch wenn Glorfindel nicht einige Tage vor ihnen eingetroffen wäre – Aragorn wusste, dass seine Schwester immer dafür sorgte, dass alles für seine Heimkehr bereit war. Es spielte keine Rolle ob er Tage, Wochen oder gar Monate fort war – so wie es in den letzten Jahren immer öfter vorgekommen war. Bei seiner Heimkehr würde er alles vorfinden, was er brauchte um sich wohl zu fühlen.
Er füllte die Waschschüssel mit Wasser und wusch sich gründlich, bevor er die saubere Kleidung anlegte. Ja, es tat gut wieder hier zu sein und er hoffte, dass es ihm diesmal vergönnt sein würde, länger zu verweilen, auch wenn er es selbst nicht glauben konnte. Die Welt war im Umbruch und er vermochte nicht zu sagen, welche Rolle ihm in diesem Spiel zufallen würde.
Aus Asche wird Feuer geschlagen,
Aus Schatten geht Licht hervor;
Heil wird geborstenes Schwert,
Und König, der die Krone verlor.
Die Worte, die Gandalf benutzt hatte, um ihn den Hobbits zu beschreiben, schwirrten in seinem Kopf umher. Aragorn schüttelte sich leicht. Nein, jetzt war nicht der rechte Zeitpunkt, um sich über diese Dinge den Kopf zu zerbrechen, sagte er sich rasch. Er war müde, er war erschöpft. Er würde sich ausruhen, die Gesellschaft seiner Schwester genießen, seinem Vater Bericht erstatten über die Vorkommnisse der letzten Monate. Die Zeit war noch nicht reif für andere Dinge. Ein Klopfen an seiner Tür riss ihn aus seinen Gedanken.
Eine Elbin trat ein und brachte ihm einen dampfenden Teller Suppe, Brot und Wein – Laietha hatte Wort gehalten. Es wundert mich, dass sie nicht selbst kommt, um zu sehen, ob ich wirklich alles aufesse, dachte er schmunzelnd bei sich. Er beschloss die Fürsorge seiner Familie zu genießen, solange es ihm vergönnt war.
Trotzdem so viele Dinge im Haus seines Vaters gleich geblieben waren, fiel ihm etliches auf, das sich seit seinem letzten Abschied verändert hatte. Laietha saß wie selbstverständlich neben Elrond und Gandalf, als Aragorn am Abend von der Suche und Gefangennahme Gollums in den Totensümpfen berichtete, von der Begegnung mit den Nazgul an der Wetterspitze erzählte und seine Beobachtungen mit diesem kleinen, aber auserwählten Kreis teilte.
Früher wäre es undenkbar gewesen, dass Elrond seiner Ziehtochter gestattet hätte, an solchen Gesprächen teilzunehmen, aber es rief Aragorn ins Gedächtnis zurück, dass die Zeit in Imladris nur scheinbar stillstand. Auch im vertrauten Gesicht seiner Schwester spiegelte sich der Wandel der Zeiten wider.
Laietha war ernster geworden seit seinem letzten Aufbruch. Eine seltsame Melancholie spiegelte sich auf ihren Zügen, die solange er denken konnte immer von Heiterkeit erfüllt gewesen waren. Sie lauschte aufmerksam seinem Bericht, die Stirn in Falten gezogen. Wie oft hatte Elrond auch ihr inzwischen erlaubt an Besprechungen dieser Art teilzunehmen, fragte sich Aragorn im Stillen, als er seinen Bericht beendete.
Auch Gandalf erzählte knapp von seinen Nachforschungen in Minas Tirith, vom Verrat Sarumans und seiner wundersamen Flucht aus dem Orthanc. Das Antlitz seines Vaters blieb angesichts dieser Nachrichten unlesbar, aber in den Augen seiner Schwester konnte Aragorn viel zu viel Verständnis für die Bedeutsamkeit dieser Kunde ausmachen.
Zu seiner Verwunderung ergriff schließlich auch Laietha das Wort. Er hatte erwartet, dass sie bei dieser Besprechung nur eine stille Zuhörerin sein würde. Es überraschte ihn zu hören, dass sie selbst erst wenige Tage vor ihm wieder ins Haus ihres Vaters zurückgekehrt war.
„Nicht nur der Verrat Sarumans ist eine Bedrängnis, die den Weg in den Süden nun gefährlicher denn je macht. Edhen und ich haben die Grenzen zum Nebelgebirge abgeritten", eröffnete sie ihre Ausführungen. Es hatte mehrere Scharmützel mit Orks bei der Grenzsicherung gegeben und auch die wilden Wölfe in dieser Gegend waren zahlreicher geworden. Jetzt erst bemerkte Aragorn den frischen Verband an ihrem Handgelenk.
„Die Kämpfe waren erfolgreich, aber auch wir haben einige Opfer zu beklagen. Enros, Anarion, Henorin..." Die Namen klangen zu vertraut in Aragorns Ohren und auch er senkte betroffen den Kopf, als seine Schwester die Liste der Gefallenen bekannt gab. „Die Berge um Imladris sind nicht mehr sicher. Saurons Schatten ist lang geworden", schloss sie ihren Bericht.
Nein, die Bedrohung durch den Feind machte nicht Halt vor dem letzten heimeligen Haus. Wie dicht war der Krieg schon an Imladris herangetreten, fragte sich Aragorn voller Sorge. Er tauschte einen Blick mit seiner Schwester und begann zu erahnen, dass sich mehr in den Hallen seines Vaters verändert hatte, als das Auge erblicken konnte. Er würde Laietha später dazu befragen.
Betroffenes Schweigen hatte sich über den Raum gelegt bis sich Gandalf schließlich räusperte. „Wenn Ihr meinen Rat annehmen wollt, Elrond, sollten wir, sobald es Frodo besser geht, eine Versammlung einberufen, in der das Schicksal des Halblings besprochen wird. Dies ist eine Angelegenheit, die uns alle betrifft."
Sein Ziehvater nickte zustimmend. „Imladris ist nicht mehr die sichere Zuflucht, die es einst war. Wir können weder Saurons noch Sarumans Truppen hier standhalten, sollten sie uns angreifen. Ja, es muss besprochen werden, was nun geschehen soll. Sobald Frodo wieder bei Kräften ist, werde ich einen Rat einberufen. Bis dahin sollten wir uns erholen." Sein Blick wanderte bei den letzten Worten zu seinen Ziehkindern. „Für heute haben wir genug besprochen. Geht euch ausruhen." Damit löste er die Versammlung auf.
Sie saßen an diesem Abend lange in Aragorns Gemächern beisammen ohne zu sprechen. Laietha hatte es sich in einem der bequemen Sessel gemütlich gemacht. Sie hatte die Schuhe ausgezogen und sich im Schneidersitz niedergelassen. Dieser Anblick war Aragorn angenehm vertraut. Nur der melancholische Ausdruck auf ihrem Gesicht blieb ihm fremd. Nachdenklich nippte sie an ihrem Weinkelch.
Ja, sie schien ihm anders als er sie in Erinnerung hatte. Trauriger und doch schöner als zuvor. Laietha hatte schon immer ein ansehnliches Gesicht gehabt und ihr feuerrotes Haar ließ sie unter den dunkelhaarigen Elben Imladris' hervorstechen. Sie war kleiner als die Elbenfrauen und die Übungen an der Waffe hatten sie muskulöser als die Elbinnen werden lassen, aber dies war für Aragorn nichts Neues.
Was sich verändert hatte war ihre Körperhaltung, ihr Gang. Es war ihm schon aufgefallen, als sie ihm entgegengelaufen war. Sie bewegte sich mit festeren Schritten, ging aufrechter und hatte die mädchenhafte Anmut gegen eine Aura der Stärke getauscht.
Wie lange war es her, seit er sie das letzte Mal bewusst angesehen hatte? Er war häufig und lange fort gewesen in den letzten acht Jahren. Sie hatten sich oftmals nur wenige Tage gesehen, wenn ihn der Weg heim in das Haus seines Vaters führte. Ihr Gesicht war ihm so vertraut wie die Sonne oder der Mond, aber als er sie nun genauer betrachtete fiel ihm auf, dass ihm nicht mehr das Mädchen gegenüber saß, dessen Gesicht er geschworen hätte selbst in einer sternenlosen Nacht zeichnen zu können.
„Es hat sich viel verändert in den letzten Jahren, Dunai."
Dunai – ihn so zu nennen war ihr allein vorbehalten. Seit sie ein Kind war rief sie ihn mit diesem Namen – Dúnedain hatte sie nicht aussprechen können. Der Name war ihm vertraut, aber auch in ihrer Stimme fand er die Veränderung, die er bereits in ihren Zügen erspäht hatte. Sie war dunkler geworden, voll von den schweren Gedanken, die das Herz der jungen Frau zu erfüllen schienen. Ja, es hatte sich einiges verändert. „Berichte mir", bat er deshalb.
Laietha nahm einen Schluck Wein und starrte gedankenverloren in das Feuer des Kamins. Er kannte sie zu lange, um nicht zu bemerken, dass sie um Fassung bemüht war. Die Stimme seiner Schwester bebte leicht, als sie schließlich das Wort ergriff.
„Vater hat Recht – Imladris ist nicht mehr die sichere Zuflucht, die es einmal war. Sie verlassen uns, Dunai – einer nach dem anderen. Anarions Frau und Henorins Schwester werden sich dem nächsten Zug anschließen. Elberen ist fort und Oloriwen mit ihrer Familie. Sie sind im Frühling ausgezogen und mit ihnen so viele andere. Es wird einsam hier in Imladris."
Laietha klang niedergeschlagen und auch Aragorns Herz wurde schwer bei dem Gedanken, dass so viele ihrer Freunde Mittelerde verließen um in den Westen zu gehen – genau wie einst Arwen...
Er verdrängte den Gedanken an seine Geliebte. Noch immer saß der Schmerz über ihren Verlust zu tief für ihn. Eine tröstende Hand legte sich auf seine und als er ihrem Blick begegnete, sah er ein aufmunterndes Lächeln auf ihren Lippen. „Ich bin froh, dass du wieder hier bist, Dunai. Du warst lange fort. Ich habe mir Sorgen gemacht."
Er ergriff ihre schmale Hand und drückte sie fest. Ein Lächeln trat auf sein Gesicht. „Ja, auch ich bin froh, hier zu sein." Wenn sie sich auch äußerlich verändert hatte, die liebevolle Wärme, die von Laietha ausging war gleich geblieben. Er wusste, dass er sich hier vollends fallen lassen konnte, keinen Gedanken vor ihr verbergen musste.
Niemandem, nicht einmal seinen Ziehbrüdern brachte er so viel Vertrauen wie der jungen Frau entgegen. Ihre Gegenwart tat ihm wohl. Aragorn hatte sich auf seinen Reisen in den letzten Jahren oft einsam gefühlt, aber hier in Bruchtal ließ die Gegenwart seiner Schwester diese Einsamkeit wie flüchtige Schatten erscheinen.
„Wenn du das nächste Mal aufbrichst, werden Elladan, Elrohir und ich dich begleiten. Vater hat es versprochen. Du wirst nicht allein reisen müssen."
Dieser Gedanke klang verlockend und Aragorn konnte nicht verhindern, dass sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. „Er muss große Stücke auf dich halten, wenn du unter Edhens Kommando reiten darfst." Seine Schwester schürzte leicht die Lippen und in ihren Augen breitete sich ein stolzer Glanz aus.
„Um es genau zu sagen, bin ich nicht unter Edhen geritten. Vater hat mir die Befehlsgewalt übertragen. Edhen begleitete mich als mein Berater." Verblüfft und voller Stolz schüttelte Aragorn den Kopf. Edhen war einer der besten Männer seines Vaters. Schon, dass Elrond seine Tochter dem erfahrenen Hauptmann zugeteilt hatte zeigte, dass er ihr die beste Ausbildung zukommen lassen wollte. Aber wenn er Laietha seinen besten Mann als Berater zur Seite gestellt hatte, musste es bedeuten, dass der Elbenfürst die junge Frau für bereit hielt, ihr eigenes Kommando zu führen.
Allein der traurige Ausdruck, der über den Zügen seiner Schwester lag, wollte nicht zu dieser hohen Auszeichnung passen und Laietha bestätigte Aragorns Verdacht, als sie ihm verkündete, dass sich auch Edhen in einigen Monaten den Zügen in den Westen anschließen würde. Die Zeit der Elben in Mittelerde neigte sich ihrem Ende zu.
Aragorn erholte sich gut in den folgenden Tagen. Er genoss es, Zeit mit seiner Schwester zu verbringen, wieder in einem weichen Bett zu schlafen und die Gedanken bei einem guten Kelch Wein am Abend schweifen zu lassen. Am wohlsten aber tat es ihm, endlich wieder mit dem Gefühl wohlbehütet zu sein, schlafen zu können.
Kein Übel würde sich in diese Mauern stehlen, keine Nachtwachen mussten aufgestellt werden und sie mussten sich nicht furchtsam umsehen, ob ihnen nicht doch ein feindlicher Späher gefolgt wäre. Mochte der Schatten Saurons lang geworden sein, aber Elronds Haus war noch immer eine sichere Feste, auch wenn dies nicht mehr ewig so bleiben mochte.
Drei Tage nach seiner Ankunft in Imladris war auch Frodo endlich aus seiner Ohnmacht erwacht und die gute Nachricht von der Gesundung des Hobbits, erfüllte nicht nur das Herz seiner Freunde mit Erleichterung. Für den Abend wurde ein fröhliches Fest angesetzt, das sie bei Wein, Gesang und Tanz die Sorgen der vergangenen Wochen für eine Weile vergessen ließ.
Für Aragorn und Laietha gab es aber noch einen anderen Grund zur Freude. Ihre Brüder Elladan und Elrohir erreichten an diesem Abend das Haus ihres Vaters. Sie wollten zunächst zu niemandem als Elrond selbst sprechen, und so erahnten Aragorn und Laietha bereits, dass sie keine gute Kunde brachten und das Gefühl der Sicherheit, das Aragorn bis dahin umfangen hatte, begann zu schwinden.
Als sich die Geschwister schließlich am späten Abend in Elrohirs Gemach versammelten, bestätigten sich die düsteren Ahnungen, die Aragorn beschlichen hatten. Weit in den Osten hatte es die Elbenzwillinge verschlagen und sie hatten nicht nur Thranduils Sohn Legolas mitgebracht.
Schon länger ging das Gerücht um, dass dunkle Mächte in der Festung von Dol Guldur erneut zu erstarken begannen. Elrohir und Elladan brachten nun die Gewissheit. Die Armeen des Hexenmeisters sammelten sich in den Untiefen der Feste und gewiss würde es nicht mehr lange dauern, bis Thranduils Reich in Gefahr geriete. Wahrscheinlich, so vermutete Laietha, war dies der Grund, dass der Herr des Düsterwaldes seinen Sohn aussandte, um von Elrond Hilfe zu erbitten.
Niemand von ihnen musste es aussprechen, aber sie alle wussten, wenn der Düsterwald im Krieg versank, würde es gewiss auch nicht mehr lange dauern, bis sie selbst schlimmere Sorgen als einige Orks haben würden, die ihre Grenzen im Osten verletzten.
„Wahrscheinlich wird Vater uns mit einigen Männern schicken, um Thranduils Grenzen zu verteidigen", mutmaßte Elladan und schenkte seiner Schwester ein zuversichtliches Lächeln. „Gewiss wirst du uns begleiten, Schwesterchen. Wie ich von Edhen gehört habe, bist du eine wirkliche Geißel der Orks geworden."
„Ja, eine Geißel der Orks – wenn ich keine Frau wäre, hätte er mich sicher schon vor Jahren mit euch ziehen lassen." Laiethas Stimme war voll von gekränktem Stolz, aber ihre Brüder begannen zu lachen und ihre fröhliche Stimmung steckte auch die junge Frau an, so dass ihr Groll bald vergessen war.
Der Rest des Abends wurde heiter, auch wenn Aragorn sich schon vor der Zeit verabschiedete, weil sein Vater für den nächsten Morgen einen Rat einberufen hatte, zu dem auch das Oberhaupt der Dúnedain geladen war.
Mitternacht war weit überschritten als Laietha sich schließlich auf den Weg in ihre Gemächer begab, ein wenig trunken von dem starken Wein, den Elrohir aus Thranduils Kellern mitgebracht hatte. Die Nachtluft war kalt und Laietha zog ihren Schal fester um die Schultern. Sie gähnte herzhaft und war in Gedanken bereits in ihrem warmen, weichen Bett. Ja, eine Mütze voll Schlaf würde ihr gut tun. Sie hatte Merry und Pippin für den nächsten Tag versprochen, ihnen einen Teil der Gärten zu zeigen und Merry hatte sie zu einem Pilzwettessen herausgefordert.
„Obacht!"
Laietha wurde aus ihren Gedanken gerissen, aber der Warnruf kam zu spät. Sie taumelte dem Mann, der gerade aus der Tür eines der Gästezimmers getreten war, direkt in die Arme. „Hoppla, Herrin, nicht so ungestüm", murmelte er mit einem leichten Lächeln auf den Lippen und nahm sein Gegenüber gründlich in Augenschein. Rasch stammelte die junge Frau eine Entschuldigung und trat einen Schritt zurück.
„Ihr seid keine Elbin." Seine tiefe Stimme klang sowohl überrascht, als auch amüsiert. Laietha sammelte sich einen Augenblick, bevor sie ihm ein schiefes Lächeln schenkte. „Und ihr habt eine bemerkenswert rasche Auffassungsgabe, Herr..."
Er war hochgewachsen und hatte wachsame grüne Augen, die in einem schönen, edlen Gesicht saßen. Er erweckte den Eindruck weit gereist zu sein. Um die Schultern trug er einen pelzbesetzten Reitmantel, aber trotzdem seine Kleidung reich verziert war, wies sie Spuren einer langen Wanderschaft auf. Eine silberne Kette mit einem weißen Edelstein konnte sie unter seinem Mantel erkennen – er war also allem Anschein nach kein einfacher Wanderer, der in den Hallen ihres Vaters Schutz gefunden hatte. Auf Laietha wirkte er müde und erschöpft. Wahrscheinlich war er eben erst eingetroffen.
Trotz seiner Mattigkeit stahl sich ein leichtes Lächeln in seine Mundwinkel und er verneigte sich artig vor ihr. „Boromir aus Minas Tirith, Herrin. Ich stehe zu Euren Diensten." Sieh an – er war trotz aller Strapazen die hinter ihm liegen mochten charmant und hatte Manieren. Ein schmales Lächeln trat auf Laiethas Lippen und sie neigte den Kopf. Sein Name kam ihr bekannt vor, aber woher wollte ihr zu dieser späten Stunde nicht einfallen.
„Willkommen in Bruchtal, mein Herr. Bei Tageslicht werdet ihr feststellen, dass sich nicht nur Elben im letzten heimeligen Haus östlich der See aufhalten. Menschen des Südens sind hier willkommen." Mit diesen Worten verneigte sie sich und huschte über den nächtlichen Flur davon. Noch bevor Boromir sie nach ihrem Namen fragen konnte, war die junge Frau verschwunden.
Erschöpft legte er seine Kleidung ab, ließ sich auf das weiche Bett fallen und schloss die Augen. Man hatte ihn für den nächsten Morgen zu einem Rat geladen und Boromir hoffte, dass sich seine lange Reise gelohnt haben würde. Es würde sich ja zeigen, ob Menschen des Südens in diesen Hallen wirklich so willkommen waren, wie das Mädchen hatte verlauten lassen.
