Er ist Ihnen aufgefallen? James Bond/Casino Royale
"Ich glaube, Jess hat jemanden", sagte Hotch im Aufzug zu Rossi.
"Jemanden wofür?" fragte Dave unschuldig.
"Ich glaube, sie trifft jemanden", präzisierte Hotch seine Aussage, Dave war doch sonst nicht so begriffsstutzig.
"Aha", grinste Dave, "und was bringt Dich auf diese Idee?"
"Sie bekommt Anrufe."
"Na ja", antwortete Rossi, "die krieg ich auch."
Hotch warf ihm einen undefinierbaren Blick zu, "kriegst Du auch Rosen? Oder veränderst Deine Frisur? Sie trägt die Haare jetzt länger und rot sind sie auch."
Oh ja, dachte Rossi, dieses 'rot' sorgt bei mir für Gänsehaut. "Und das gefällt Dir nicht?" fragte er.
"Es ist nett, Dave" antwortete Hotch, Rossi stöhnte kaum hörbar, nett, war nicht gut, gar nicht gut. "Auf jeden Fall ist es keiner von denen, die ich ihr vorgestellt habe, da habe ich nachgefragt." Aaron hatte drei sehr respektable Anwaltskollegen ausgesucht, wie sich aber herausstellte, hatte Jess an allen etwas auszusetzen. Zu jung, zu alt, zu oft geschieden.
"Du hast nachgefragt? Großer Gott Aaron, das ist Jess Privatsache. Wie kommst Du überhaupt auf die Idee, ihr einen Mann zu verschaffen?"
"Es lenkt mich ab. Ausserdem tut Jess so viel für Jack und mich, sie kümmert sich kaum um sich selbst. Ich will nicht, daß sie irgendwann eine verbitterte alte Frau wird, die sich für einen komischen Kauz und seinen Sohn aufgeopfert hat." Es plingte und Aaron verlies den Aufzug entschlossenen Schrittes. Oh, Oh, dachte Rossi, schlimmer als ich dachte. So wie er Hotch einschätzte, und er kannte ihn gut, würde es nicht lange dauern und er würde erwarten, einen Blick auf den Unbekannten werfen zu können. Jess und er würden jemanden finden müssen, und das pronto, andererseits war sich Rossi gar nicht mehr sicher, ob er wollte, daß Jess jemanden fand.
"Ich hab Dir gesagt, daß das eine Schnapsidee ist, aber der geniale Profiler weis es natürlich besser!" empörte sich Jess vierzehn Tage später und versetzte Rossi einen leichten Klaps. "Aaron löchert mich seit Tagen, ich soll ihn doch zum Essen mitbringen, oder er will wissen, was er beruflich macht, mir fallen schon keine plausiblen Ausreden mehr ein, ich komme mir vor, wie einer Eurer UnSubs im Verhörraum."
"Was ist denn mit diesem Peter aus der Bibliothek?" fragte Dave.
"Mitte sechzig, Hornbrille, Kugelbauch. Niemals wird mir Aaron abkaufen, daß ich mit dem ins Bett gehe."
"Auch etwas ältere Männer haben ihren Charme, Jess", sagte Rossi gespielt vorwurfsvoll und Jess grinste, "ich hab nie gesagt, Du hättest keinen Charme, David." Im Gegenteil, dachte Jess, eigentlich war Daves Charme umwerfend, sie mochte ihn. Man konnte unbefangen mit ihm reden und Spass haben, zwangsläufig hatten sie sich in der letzten Zeit häufig gesehen, hauptsächlich um zu besprechen, wie Hotch dazu zu bringen war, seine dämliche Mission aufzugeben, oder, das eigentlich Ziel, Jess für Hotch interessant zu machen. Bislang ohne Erfolg.
Ohne Erfolg für Jess, für Dave bestand der zweifelhafte Erfolg darin, daß er sich verliebt hatte, in Jess, die eigentlich Aaron wollte...
JJ schlenderte mit drei Einkaufstüten bewaffnet durch die Mall. Frustkäufe, dachte sie erbittert. Sie hatte mit Will gestritten, mal wieder, wieder über das selbe Thema, den Job. Will machte ihr Vorwürfe, weil sie wieder zur BAU zurückgekehrt war, aber das war, was JJ wollte, nichts anderes. Sie hatte viel verpasst, die Geschichte mit Hotch und Quinn hatte sie sprachlos gemacht; und Emily und Morgan? JJ konnte sich nicht vorstellen, daß das auf Dauer funktionierte. Sie kam an einem kleinen Cafe vorbei und schaute zufällig hinein, war das Rossi? Rossi mit...Jess? Er hatte seine Hand auf ihre gelegt und war mit ihr in eine Unterhaltung vertieft. Also davon war bisher nicht die Rede gewesen, JJ grinste, Rossi war immer wieder für eine Überraschung gut.
Hotch traf JJ in der Teeküche, sie wirkte sehr nachdenklich. "Hübsche Schuhe, neu, oder?" fragte er beiläufig, einfach um etwas zu sagen.
"Das ist Dir aufgefallen? Warum bemerkt Will sowas nicht?" sagte JJ ärgerlich, Hotch erwähnte lieber nicht, daß am Schuh noch das Preisschild klebte, ein dreistelliges Preisschild, wenn er richtig gesehen hatte. Ihm war schon aufgefallen, daß JJ irgendwie abgelenkt und angefressen war, er hatte aber gehofft, daß Will nicht der Auslöser war. Dieser Job war ein echter Beziehungskiller und ganz offensichtlich hatte er ein neues Opfer gefunden.
"Willst Du drüber reden? Ich meine, ich bin jetzt sicher kein guter Eheberater, aber ich kann zuhören. Du weißt, wo Du mich findest." Hotch nahm seinen Kaffeebecher und ging zurück in sein Büro. Er saß schon eine Weile über seinen Papieren, als JJ an seinen Türstock klopfte. "Ja, JJ?" "Will ist gestern zurück nach New Orleans gefahren", sagte sie und setzte sich ihm gegenüber. "Wir haben gestritten, wie immer in letzter Zeit. Er kann nicht akzeptieren, wie wichtig mein Job für mich ist, ich glaube, er hätte mich gern als Hausmütterchen." JJ seufzte, "ich hab keine Ahnung, ob er wiederkommt."
"Willst Du, daß er wiederkommt?" fragte Hotch, JJ schwieg eine Weile, "für Henry? Ja, für mich? Nein." JJ war froh, es ausgesprochen zu haben.
"Und wie geht es Dir? Ich meine, ich habs natürlich gehört", sagte JJ.
Hotch lachte bitter, "da finde ich jemanden, den ich...," Hotch unterbrach sich, "den Du lieben könntest?" fragte JJ vorsichtig, irgendwie hatte sie das Gefühl, das Hotch reden wollte.
Aaron nickte nur, "und dann ist es jemand wie sie."
"Wie war sie?"
"Quinn? Warmherzig, liebevoll, großzügig. Sie hat eine jüngere Schwester, die sie ganz alleine großgezogen hat und dabei hat sie einen verdammt guten Job gemacht. Aber wenn sie Violet ist, dann ist sie hart, dominant, rücksichtslos. Sie hat einen gekauften Zeugen ausgepeitscht um ihn zum Reden zu bringen und das ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Tim Briggs hat gesagt, sie hat ihr altes Leben wieder aufgenommen, sie ist jetzt Teilhaberin im "Nocturne"."
"In diesem SM Club? Verdammt exklusives Etablissement."
Hotch zog fragend eine Augenbraue hoch.
"Will hatte dort kürzlich einen Einsatz", JJ kicherte, "nicht daß Du denkst, ich hätte da irgendwelche persönlichen Erfahrungen. Habt Ihr mal, ich meine...?" Jennifer wurde bewusst, welche Art von Unterhaltung sie da gerade mit Hotch führte.
Zu ihrer Überraschung grinste Hotch plötzlich, "die Handschellen zweckentfremdet? Ich fürchte, ich bin da eher konservativ", gab er zu.
"Hätte ich auch nicht anders erwartet", neckte sie Hotch ein wenig, er hat sich verändert, dachte JJ, früher hätte er dieses Geplänkel nicht mitgemacht.
"Dann hältst Du mich für einen Langweiler?" fragte er gespielt entrüstet, es tat gut, mal ein bisschen loszulassen.
"So einfach kann ich mir da kein Urteil bilden", stieg JJ in das Spielchen ein, "ich weiß ja nicht, wie Du tatsächlich bist. Allerdings glaube ich, Du stapelst tief." Sie lachte wieder, es war lange her, daß sie so unbeschwert herumgeblödelt hatte. Bei Will musste sie jedes Wort auf die Goldwaage legen, in letzter Zeit.
"Aha, in mir steckt also mehr, als es den Anschein hat, oder lasse ich einfach nicht alles raus?" fragte er.
JJ runzelte die Stirn, "ich denke beides. Du bist korrekt, diszipliniert, autoritär. Aber ich hab Dich auch schon mit Jack gesehen, da bist Du einfach nur ein Vater, der Spass mit seinem Kind hat. Und jetzt? Jetzt reden wir über Schlafzimmergewohnheiten, so ein Gespräch hätten wir vor meinem Weggang nicht geführt." Hotch wirkte plötzlich nachdenklich, "da hast Du wohl recht", gab er zu.
JJ war auf dem Weg nach Hause, ihre Gedanken kreisten aber immer noch um das Gespräch mit Hotch. Wie war er wohl wirklich? JJ hatte nie darüber nachgedacht, Hotch war immer... Hotch. Seine Beziehung mit Quinn zeigte aber, daß er auch noch andere Seiten hatte, Seiten, die ihr noch gar nicht aufgefallen waren. Er war ein attraktiver Mann, seine ruhige Zurückhaltung tat ihr Übriges, um gewisse Gefühle bei Frauen auszulösen. Mit Sicherheit war er kein Langweiler im Bett, dachte JJ, fürsorglich und zärtlich, nicht nur auf sich bedacht, Hotch hatte immer ein beschützendes Auge auf andere, das war bestimmt auch so, wenn er mit jemandem zusammen war. "Was zum Kuckuck mache ich da?" sagte JJ laut und war froh, daß sie alleine im Auto saß. "Ich will nicht wissen, wie Hotch im Bett ist." Oh Gott, dachte sie, hör Dir nur selber zu, Jennifer, überzeugend klingt anders.
