Weißer Adler

2. Hoffen und Bangen

Als ich auf dem Trainingsplatz ankam, dachte ich bereits, ich hätte zu lange für meine Entscheidung gebraucht. Keine Spur von Altaїr.

Erst, als er sich bewegte, sah ich ihn. Er löste sich von der hellen Felswand, die zwei Seiten des Platzes begrenzte und an der er gelehnt hatte. Unsichtbar für jeden, bis eine Bewegung seine Anwesenheit offenbarte. Gemessenen Schrittes kam er auf mich zu. Gerade so, als überlegte er sich doch noch, sein Angebot zurückzuziehen.

Der beinahe volle Mond erleuchtete den Platz soweit, dass sogar Einzelheiten zu erkennen waren. Das Licht reichte jedoch nicht aus, um Altaїrs Gesicht preis zu geben, das er wieder unter seiner Kapuze verborgen hielt. Nicht einmal, als er vor mir stand, konnte ich es erkennen. Doch ich spürte seinen prüfenden Blick und hatte das Gefühl darunter immer kleiner zu werden. Trotzdem versuchte ich mein Bestes, um entschlossen auszusehen.

„Also habt Ihr Euch entschieden..." stellte er letztendlich fest. Ich nickte nur. Ich glaubte, meine Stimme würde meine Entschlossenheit Lügen strafen, wenn ich versuchen würde zu antworten. Doch es schien Altaїr zu genügen. Er hielt sich auch nicht weiter mit unnötigen Worten auf, sondern fing geradewegs an, mich herumzuscheuchen. Anscheinend hatte er mich oft genug beobachtet, um meine Übungen zu kennen und dies nutzte er nun aus.

Während meiner Trainingspause hatte ich einiges der wiedererlangten Beweglichkeit eingebüßt. Im Laufe der folgenden Wochen kehrte sie, zu meiner Zufriedenheit, allmählich wieder zurück. Anfangs schienen Altaїr die einfachen Abläufe meiner Übungen auch zu genügen. Dann stellte er eigene Anforderungen.

Er lief mit mir um die Wette und spottete bissig, zu meiner Überraschung jedoch nie wirklich bösartig, wenn ich zu langsam war oder eine Grimassen zog, weil mein Knie schmerzend protestierte. Meine Wut, die aus diesen verbalen Angriffen entstand, nutzte er bei den folgenden Zweikämpfen mit dem Schwert oder den bloßen Fäusten. Auch wenn er mir jedes Mal vorhielt, dass ich meinen Zorn zügeln sollte, um vernünftig kämpfen zu können.

An den Tagen, die auf das meist nächtliche Training folgten, konnte ich mich meistens kaum bewegen, ohne jeden einzelnen Knochen zu spüren. Dann war ich ehrlich froh, wenn der Meister Altaїr wieder auf eine Mission schickte und ich mich in Ruhe auf meine einfachen Übungen beschränken konnte.

Altaїrs Training war hart und er machte nur wenige Zugeständnisse an meine Behinderung. Von Anfang an trieb er mich gnadenlos an meine körperlichen Grenzen. Und so sehr mich seine spitzen Bemerkungen auch ärgerten, sie spornten mich an, auch wenn ich ständig unterlag. Nicht, dass ich überhaupt jemals eine Chance gegen ihn gehabt hätte. Die hätte ich wohl nicht einmal besessen, wenn mein Bein voll beweglich gewesen wäre.

Wenn Altaїr nicht meine einzige Hoffnung gewesen wäre, doch ein Assassine zu werden, hätte ich ihm wohl schon nach den ersten Tagen den Rücken zugedreht und wäre gegangen. Es waren nicht nur die körperlichen Anstrengungen, sondern auch der ständige Kampf gegen seine Sticheleien. Doch leider war er eben diese einzige Hoffnung und daran klammerte ich mich mit aller Kraft fest.

Nach einiger Zeit wagte ich es sogar, meinen Unmut über manche seiner Äußerungen zu zeigen. Am Anfang war ich dazu schlichtweg zu feige gewesen. Doch ich lernte bald, dass er die Grenzen respektierte, die ich ihm damit setzte. Zumindest die meisten. Auch war er bei weitem nicht mehr so ruppig, wie zu Beginn des Trainings. Ich hatte das Gefühl, dass ich mir mit meiner vehementen Weigerung aufzugeben, ein Stück Respekt von ihm verdient hatte.

Über ein Jahr lang kämpften wir zusammen, und manchmal auch gegeneinander, gegen meine Schwäche. In dieser Zeit lernte ich Altaїr besser kennen, als jeder andere in Masyaf. Höchstens Al Mualim mochte ihn besser kennen. Doch damit begannen meine Probleme.

Früher hatte ich Altaїr angebetet und hätte alles dafür getan, um seine Beachtung zu finden. Nun hatte ich seine Aufmerksamkeit und sogar einen gewissen Respekt, doch die Verehrung, die ich verschwunden geglaubt hatte, kehrte in ganz anderer Form zurück. Langsam. Unmerklich. Selbst für mich.

In mehr oder minder regelmäßigen Abständen wurde Altaїr von Al Mualim auf Missionen geschickt, doch er war selten länger als einen Monat weg. Während ich dann allein trainierte, ertappte ich mich immer öfter, dass ich seine Anwesenheit vermisste. Selbst seine bissigen Bemerkungen fehlten mir.

Irgendwann wurde mir klar, dass ich mir nichts mehr vormachen konnte. Keines der Mädchen im Dorf konnte bei mir das auslösen, was der bloße Gedanke an Altaїr vollbrachte. Allein das Kribbeln in meinem Bauch und die Sehnsucht in seiner Nähe zu sein waren Beweis genug. Ich liebte diesen Mann! Zu meiner Bestürzung nicht nur platonisch.

Ich hoffte, dass es niemand bemerken würde. Vor allem nicht er. Doch mit jeder Begegnung zwischen uns wurde es schwerer, mich zu verstellen. Oh, wie oft habe ich mir gewünscht, ihm einfach sagen zu können, was ich fühlte. Aber das konnte ich nicht. Es war einfach nur falsch. Auch das kleine bisschen Respekt, das ich mir verdient hatte, wäre sicher auf immer verloren.

Das Training entwickelte sich zu einer innerlichen Zerreißprobe. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich mich verraten würde. Schon lange war ich unaufmerksam und abgelenkt. Ich machte Fehler, die mir nur in den ersten Wochen unterlaufen waren. Schon mehr als einmal hatte mich Altaїr deshalb angeraunzt, doch in dieser einen heißen Sommernacht schien das Maß voll zu sein.

Schon den ganzen Tag war es drückend heiß gewesen. Selbst jetzt, als die Sonne bereits vor Stunden untergegangen war, flimmerte die Luft über den hellen Felsen. Altaїr schien äußerlich unbeeindruckt, doch mir lief der Schweiß in Bächen hinunter. Dazu kam meine innere Anspannung. Gerade heute, wo meine so schon spärliche Selbstbeherrschung unter der Hitze noch mehr schrumpfte, kam er mir immer wieder zu nah. Zumindest wenn ich weiter den Schein wahren wollte.

Wir übten einen Konterangriff, den ich etwas abwandeln musste, damit mir mein Bein nicht im Weg war. Altaїr attackierte mich mit dem Schwert und ich konterte mit meiner Waffe. Jedenfalls sollte ich das. Doch es gelang mir nicht einmal seinen Angriff erfolgreich abzuwehren. Glücklicherweise nutzten wir nur die hölzernen Übungsschwerter, so dass wir uns nicht ernsthaft verletzen konnten. Doch auch ein Schlag mit diesen tat höllisch weh. Vor allem, wenn soviel Kraft dahinter steckte, wie bei Altaїr.

Ich weiß nicht, wie oft er mich angriff und ich beim Kontern versagte. Jedes Mal versuchte ich, mich nicht ablenken zu lassen. Vergebens. Sobald er so nahe war, dass sich die hölzernen Klingen berührten, wischten seine Präsenz und Kraft sämtliche Vorsätze fort. Allein sein wundervoller Geruch, den ich so problemlos wahrnehmen konnte, ließ meine Gedanken vollkommen andere Richtungen einschlagen.

Schließlich wurde es ihm zu bunt. Er ließ seine Waffe fallen und packte mich derb an den Schultern. „Verdammt, Karim! Was ist nur los mit Euch?" Es schien, als wäre er kurz davor, mich zu schütteln, wie einen unartigen Köter. „Wofür sollte ich weiter dieses Theater mitspielen, wenn Ihr Euch nicht einmal Mühe gebt, Euch anständig zu konzentrieren?"

Ich sollte über diesen Ausbruch erschrocken sein, doch mein Körper sah das ganz anders. Diese plötzliche Berührung, so grob sie auch sein mochte, war der sprichwörtliche Tropfen, der das ebenso sprichwörtliche Fass zum Überlaufen brachte. Für wenige Sekunden verlor ich die Kontrolle über meine Mimik. Alles, was ich in den letzten Monaten noch verbergen konnte, war nun offen zu sehen. Und er sah es! Er erkannte, was ich fühlte! Bei Allah! Das hätte nie geschehen dürfen. Jetzt war alles aus!

Einen Moment lang, starrten wir uns gegenseitig erschrocken an. Dann gelang es mir ihn fortzustoßen. Was war nur los mit mir? Hätte ich nicht noch ein wenig mehr Disziplin aufbringen können? Nur für diesen einen Augenblick? Ich kehrte in meine Position zurück, auch wenn ich bei weitem noch nicht bereit war, einer neuen Attacke zu trotzen. Sollte diese kommen...

Wie konnte mich mein Körper nur so betrügen? Mochte mein Herz ihn doch lieben, doch begehren durfte ich ihn niemals! Es war falsch! Falsch! Doch so sehr ich mir auch das Gegenteil einreden wollte, ich war verloren. Jede seiner Bewegungen weckte in mir das Verlangen ihn zu berühren. Unsittlich zu berühren. Und ich wollte ebenso von ihm berührt werden.

Plötzlich stand er vor mir. Jetzt zuckte ich erschrocken zusammen. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich sein Näherkommen nicht bemerkt hatte. Altaїr zögerte nur einen winzigen Augenblick, dann packte er mich wieder mit seinem eisenharten Griff an den Schultern. Seine Lippen pressten sich auf die Meinen. Der Kuss war hart und fordernd. Unbarmherzig zwang er seine Zunge zwischen meine Lippen und eroberte meinen Mund. Widerstandslos ließ ich es zu. Meine Hände zuckten ein Stück nach oben, doch ich wagte es nicht, ihn auch zu berühren. Ohne, dass ich es verhindern konnte, stöhnte ich lustvoll auf. Wie lange hatte ich mir das schon gewünscht...

Gerade, als sich meine Gedanken vollständig in anderen Sphären auflösen wollten, gab Altaїr mich wieder frei. Mit einem undeutbaren Blick sah er mich an. Dann ließ er mich so plötzlich los, als hätte er in Feuer gefasst. Keinen Lidschlag später hatte er mir schon den Rücken zugekehrt und verließ den Platz eilig.

Ich wollte ihm hinterer rufen. Doch was? Eine Entschuldigung? Für was? Immerhin hatte er mich geküsst und nicht umgekehrt. Und doch trug ich die Schuld daran. Nur ein wenig mehr Selbstbeherrschung und es wäre nichts dergleichen geschehen. Und jetzt war es zu spät, etwas zu ändern. Altaїr würde nicht zurück kommen. Oder etwa doch? Weshalb der Kuss, wenn er nicht auch eine Winzigkeit von dem fühlte, was ich empfand? Aber wäre er dann weggelaufen?

Minuten später drehten sich meine Gedanken noch immer im Kreis. Ich fühlte mich regelrecht krank. Alles schien mir weh zu tun. Innerlich wie äußerlich. Und das lag nicht nur an den Schlägen, die ich während des Trainings hatte einstecken müssen. Ich versuchte mir einzureden, dass dies von der Tatsache hervorgerufen wurde, dass ich mir nun auch die letzte Chance, ein Assassine zu werden, ruiniert hatte. Doch das machte nur einen sehr geringen Teil meiner Verzweiflung aus.

Schon seltsam, wie sehr man hoffen kann. Selbst mit der Gewissheit, dass dieser Wunsch unsinnig ist und man sich damit nur selbst verletzt. Die kleine, fast unsichtbare Hoffnung, dass er nicht mit Abweisung reagieren könnte, sondern vielleicht sogar meine Gefühle erwiderte, war nun zerstört. Und das tat mehr weh, als alles andere.

Ich wartete noch eine Weile, doch Altaїr blieb verschwunden. Resigniert legte ich die Übungswaffen zurück an ihren Platz und ging mit schleppenden Schritten zurück ins Dorf. Der Versuch, noch etwas Schlaf zu finden, erwies sich als vergeblich. Hellwach lag ich da und starrte an die Zimmerdecke. Immer wieder tauchte Altaїrs Gesicht vor mir auf und wenn ich die Augen schloss konnte ich mir mühelos den Kuss ins Gedächtnis rufen. Feucht. Heiß. Verlangend.

Es war mir inzwischen egal, ob richtig oder falsch. Es hatte sich einfach nur so gut angefühlt. Mit aller Macht versuchte ich diesen Augenblick in meiner Erinnerung zu verankern, denn so wie es aussah, würde er wohl einzigartig bleiben.

Die nächsten Tage gingen wie ein Traum an mir vorbei. Müde und niedergeschlagen tat ich nur das Nötigste und hoffte, dass die Sonne bald untergehen möge. Noch immer fühlte ich mich krank. Irgendwo hatte ich gehört, dass Altaїr wieder auf einer Mission unterwegs war. Doch auch diese Nachricht änderte nichts an meiner Misere.

Trotzdem trainierte ich weiter, als ob nichts geschehen wäre. Vielleicht konnten wir diese Sache auch einfach vergessen, wenn er zurückkehrte und so tun, als wäre nichts.

Da war sie wieder. Die kleine Hoffnung, die unsinnig und starrköpfig alle Widersprüche ignorierte und mich nicht in Frieden ließ.

Wochen vergingen. Doch Altaїr kam nicht zurück. Ich wurde unruhig. Selbst wenn er mir auswich, so groß, dass man sich nie über den Weg lief, war Masyaf nicht. Außerdem lag Mustafas Haus direkt an dem Weg zur Festung. Jeder der dort hinein wollte, ging an der Werkstatt vorbei. Und wir arbeiteten oft im Freien.

Ich sah andere Assassinen fort reiten und wieder zurückkehren, doch nicht Altaїr. Wenn sie Nachrichten von ihm brachten, bekam ich sie nicht zu hören. Weshalb auch? Ich war nur ein bemitleidenswerter Krüppel, mit dem er sich aus unerfindlichen Gründen abgab.

Auch wenn mir derartiges noch nie jemand ins Gesicht gesagt hatte, war ich nicht taub und hörte, was der Klatsch im Dorf so erzählte. Gerade zu Beginn war es das Thema Nummer eins gewesen, dass der berühmt-berüchtigte Altaїr ausgerechnet mir beim Training half. Eine Zeit lang hatten wir sogar neugierige Zuschauer. Doch bald gab es interessantere Themen auf dem Dorfplatz und die Zuschauer verschwanden wieder.

Einige Wochen lang hatte ich regelrecht Panik, dass Al Mualim mein Training verbieten würde, sobald er davon erfuhr. Doch nichts dergleichen geschah, so dass sich diese Furcht bald wieder legte. Hatte er nun getan, was ich damals befürchtet hatte? Auf eine radikalere Art, als ich es zu vermuten wagte? Hatte der Meister Altaїr auf eine Mission ohne Wiederkehr geschickt? Oder blieb dieser Masyaf aus freien Stücken fern?

Nach knapp zwei Monaten, in denen Altaїr verschwunden blieb, war ich unleidlich geworden. Kaum jemand konnte mich ansprechen, ohne in Gefahr zu laufen, eine gereizte Antwort zu erhalten. Die Ungewissheit, ob ihm etwas geschehen war, zerrte an meinen Nerven.

Doch genauso schlimm war der Gedanke, er könnte bei einer Frau sein. Ich versuchte, meine Eifersucht im Zaum zu halten. Trotzdem wollte ich jene eingebildete oder auch nicht eingebildete Frau am Liebsten mit bloßen Händen erwürgen, sobald mich diese Vorstellung heimsuchte. Meine Eifersucht war derart intensiv, dass ich mir selbst ganz fremd war.

Beide Szenarien verfolgten mich bis in meine Träume und sorgten dafür, dass ich die Nächte lieber auf dem Trainingsplatz verbrachte, als schlafend in meinem Bett. Was tagsüber sehr deutliche Spuren hinterließ. Weshalb sich Mustafa noch weiter mit mir herumgeplagt hat, weiß ich nicht. Vor allem, war es mir damals schlichtweg egal, was mit mir geschehen mochte. Wenn Altaїr nur wohlbehalten wieder zurückkehrte.

tbc...