2.

„Herein!" Lisa war erstaunt, als sie Rokko sah. Gestern erst hatte er sich als sehr rücksichtsvoll erwiesen, aber dass er jetzt nicht einfach in ihr Büro lief wie sonst, sondern anklopfte, war ihr suspekt. Das sah ihm so gar nicht ähnlich und das letzte, was sie wollte, war dass der Mann, den sie… ja was eigentlich? Den sie liebte? In den sie verliebt war? Für den sie schwärmte? Nun, zumindest war er der erste Mann, der ihr gesagt hatte, dass er sich in sie verliebt hatte. Auf keinen Fall wollte sie, dass er sich bis zur Unkenntlichkeit verbog. „Hallo, Frau Plenske!" Rokko schmunzelte in sich hinein – sie waren immer noch beim Sie und das, obwohl Lisa bereits mit ihrer Zunge in seinem Mund war. „Sie sind doch eine Frau." Lisa war gespannt, worauf er hinaus wollte, denn immer wenn Rokko diesen Gesichtsausdruck hatte, kam er mit einer unkonventionellen Idee. „So würde ich das sehen." – „Gut und nehmen wir mal an, Sie müssten in Berlin zum Gynäkologen, wo würden Sie dann hingehen?" Das Wälzen der Gelben Seiten hatte nichts gebracht. Wonach suchte man eine Arztpraxis aus? Nach den Öffnungszeiten? Nach dem Namen? Nach dem Stadtteil? Erfahrungen mit Gynäkologen hatte er ja keine, also was tun? Lisas Gesichtsausdruck ließ nicht darauf schließen, ob es eine gute Idee war, sie zu fragen. Rokko wollte offensichtlich ein Spiel spielen, gut, würde sie eben mitmachen: „Das müssen wir nicht annehmen, ich gehe in Berlin zum Frauenarzt. Möchten Sie vielleicht die Adresse?" – „Ja." Rokko war irgendwie erleichtert. Ihm war ja nichts peinlich, aber er wusste, dass die kleinste Kleinigkeit reichen würde, um Lisa in Verlegenheit zu bringen. „Darf ich auch erfahren, warum? Haben Sie etwa Probleme mit Ihrem Uterus?" Gemeinsam kicherten sie eine Weile, bevor Rokko mit der Wahrheit rausrückte: „Gaby, meine Schwester, stand gestern bei mir vor der Tür. Sie hat ihren Freund verlassen und… also sie ist schwanger und hat sich bisher beharrlich geweigert, zum Arzt zu gehen. Sie weiß noch nicht einmal, wann das Kind kommt. Naja, wenn sie sich schon keine Gedanken macht, also ich schon und… mit dem Ärzteverzeichnis war ich überfordert. Ich dachte, ich frage einfach dich, also ich dachte, Sie würden mir vielleicht einen Rat geben können." Rokko hatte also eine Schwester. Wieso weiß ich nichts davon?, fragte Lisa sich. Ich bin doch sonst auch nicht so ignorant. Klar, dass zu ihm eine Familie gehört und dafür hätte sie sich ja mal ein bisschen interessieren können. Dich? Hatte er sie kurz geduzt? Das klang gut. Vielleicht hatte Rokko Recht und sie sollten langsam dazu übergehen, sich wenigstens mit dem Vornamen anzureden, das Du würde dann schon kommen. „Hier." Lisa hatte die Visitenkarte aus ihrem Adressbuch genommen und reichte sie Rokko. Plötzlich hörte sie sich sagen: „Wenn Sie möchten, begleite ich Ihre Schwester." Rokko fühlte mehr als nur einen Stein von seinem Herzen fallen – einmal, weil ihm dann der Besuch in einer gynäkologischen Praxis erspart blieb und einmal, weil Lisa sich für seine Familie zu interessieren schien. Nun, er würde die Dosis gering halten, aber zumindest seine Schwester bedeutete ihm viel und natürlich wollte er, dass Gaby und Lisa sich kennen lernten. „Das wäre sehr nett. Ich rufe da erstmal an, um einen Termin zu kriegen."

Schweigend saßen sich eine rothaarige und eine blonde Frau in der S-Bahn gegenüber. Gaby tat es bereits leid, dass sie Lisa so abgekanzelt hatte: „Rokko mag ja darauf stehen, so bemuttert zu werden, aber ich nicht." Eigentlich war Lisa doch ganz nett und Gaby wusste nicht, was in sie gefahren war, so mit ihr zu reden. Die Mauer, die sie um sich errichtet hatte, um andere nicht an sich heran zu lassen, war meterdick und ihre Abwehrhaltung mehr als gut trainiert. Im Fall der Fälle könnte sie es ja auf die Hormone schieben. Immer wieder sah sie zu Lisa rüber, die nervös mit ihren Fingern spielte und sich fragte, warum sie angeboten hatte, Rokkos Schwester zu begleiten. Sie wollte doch nur nett sein. Was Rokko wohl an dieser Lisa fand? Gut, so hässlich wie sie ihr im ersten Moment vorkam, war sie eigentlich nicht – die Brille war zwar unglaublich unvorteilhaft und die Klamotten erst, aber ansonsten…sie hatte schöne Augen und eigentlich ein hübsches Gesicht. Mit der Zahnspange sah sie aber aus wie 14. Eigentlich passte Lisa gut in das Kowalski-Beuteschema, aber nicht in Rokkos, sondern in Gabys. Ja, sie war genau die Sorte Mädchen, die sie sich in der Schule ausgesucht hätte, um sie zu mobben und zu drangsalieren. Die Sorte Mädchen, die so schrecklich liebenswürdig und zurückhaltend war und die nur in ihr Visier geriet, weil sie genau das hatte, was Gaby wollte: Eine heile Familie. Diese Lisa war bestimmt extrem klug und könnte mit ihrer Intelligenz irgendeine lebenswichtige Erfindung machen, aber sie war mindestens genauso schüchtern und scheu, um sich damit in den Vordergrund zu schieben. Gott, wie sie diesen Typ Mädchen schon damals hasste. Dabei hatte sie nicht einmal einen guten Grund – keine von ihnen hatte ihr je etwas getan und kaum eine hatte es je gewagt, sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Von Zeit zu Zeit warf Lisa einen Blick auf Gaby, sah aber sofort wieder weg, wenn sie bemerkte, dass Gaby zurücksah. Unweigerlich fühlte sie sich an ihre Schulzeit erinnert. Irgendetwas sagte ihr, dass Gaby und sie wohl nie Freunde geworden wären. Jetzt mussten sie sich aber zusammenraufen, immerhin wollten sie beide Rokko in ihrem Leben haben. Meine Schwester ist schwanger – Rokko hätte ruhig mal erwähnen können, dass sie kurz davor stand, zu platzen. Lisa hatte eher damit gerechnet, dass Gaby in den ersten Schwangerschaftsmonaten war. Wieder blickte sie zu ihr auf und folgte ihrem Blick aus dem Fenster. Da gab es nichts Spannendes zu sehen – das gute alte Berlin eben. Was wohl an Berlin besser war als an Hamburg? Die gleichen miesen Gegenden, die gleichen verdreckten S-Bahnen, genauso ein „Drecksloch." – „Bitte?" Lisa war aus ihrem Gedanken geschreckt, als sie Gabys Stimme hörte. „Ich sagte, euer Berlin ist genauso ein Drecksloch wie unser Hamburg." – „Oh." Naja, sie musste Berlin ja nicht mögen, aber was sollte Lisa denn darauf antworten? Das waren bestimmt die längsten 5 Stationen, die sie je mit der S-Bahn zurückgelegt hatte. Gaby und sie hatten sich einfach nichts zu sagen – zumindest traute sich Lisa nach ihrer Ansage nicht mehr, dabei hätte sie ihr liebend gerne Fragen über Rokkos Kindheit und Jugend gestellt.

Der Besuch beim Arzt war auch nicht besser: Lisas Frauenärztin war eine nette, aufgeschlossene ältere Dame, die voller Begeisterung das Ultraschallbild erläuterte. Gaby war Lisas verklärter Blick natürlich nicht entgangen und so tat es ihr noch mehr leid, dass sie so patzig zu ihr gewesen war. Allerdings hatte sie eine seltsame Art das zu zeigen: „War's das?" Die Untersuchung dauerte sehr lange, weil sie ja das erste Mal seit Beginn der Schwangerschaft beim Arzt war. Es wurde Blut abgenommen, sie wurde gewogen, der Blutdruck gemessen, es wurden viele Fragen zur medizinischen Vorgeschichte gestellt und es gab haufenweise Infobroschüren. Das war Gaby alles zu viel und sie zeigte das. Lisa und die Ärztin tauschten immer wieder viel sagende Blicke. „Gut, Frau Kowalski, soweit ist alles in Ordnung, trotzdem möchte ich Sie nächste Woche noch einmal wieder sehen. Sie können dann ja auch den Vater mitbringen." – „Sie meinen den Mistkerl, der mir dieses Balg gemacht hat? Ich bin froh, wenn ich den nicht wieder sehen muss." Lisa schluckte hart – bei Gaby biss man wirklich auf Granit, egal, was man machte.

Wieder raus aus der Praxis fragte Gaby ganz unvermittelt: „Gibt's hier irgendwo Eis? Ich hätte Bock auf Schokoladeneis." Gabriele Kowalski würde sich nie im Leben mit Worten entschuldigen, dann würde sie ja zeigen, dass sie schwach und verletzlich war, aber sie würde schon einen Trampelpfad von der „unausstehlichen Hexe" zur „einigermaßen ertragbaren Fast-Schwägerin" finden. „Kann man von hier aus auch zu Rokko laufen? Ich meine, ohne dass man gleich eine Marathonstrecke zurücklegt?", fragte Gaby Lisa wieder ganz unvermittelt, als sie mit ihrem Eis auf einer Bank saßen. „Ja, das ist nicht so weit, aber ob das in deinem…" – „Schwanger ist vielleicht ein Zustand, aber wenn ich laufen will, dann laufe ich. Also: Wo lang?"

„Hey, da seid ihr ja. Wie war's beim Arzt?" Rokko hatte Gaby und Lisa die Tür geöffnet und sah beide erwartungsvoll an. „Ganz super", gab Gaby ihm zur Antwort und ging sofort in ihr Zimmer. Mit einem lauten Knall landete die Tür im Schloss. „Was ist denn mit ihr? Sie sah ja so verkniffen aus." – „Du würdest auch verkniffen aussehen, wenn ‚vorgewärmt' nicht ‚warm' bedeutet." Oh mein Gott, habe ich das gerade laut gesagt? Lisa wäre am liebsten im Boden versunken. Wie süß sie ist, wenn sie verlegen ist. Diese Art von Kommentar ist doch sonst gar nicht typisch für sie. „Ja, die Freuden des Frauseins – das werde ich wohl nie erfahren." Rokko zog Lisa in seinen Arm, um ihr die Scham zu nehmen. „Aber was hat die Ärztin denn nun gesagt?" Lisa griff in ihre Handtasche und reichte Rokko den Mutterpass und die anderen Papiere: „Sie wollte sie nicht." Entschuldigend zuckte Lisa mit den Schultern: „Die Ärztin sagt, es ist soweit alles okay. War gar nicht so einfach, alle notwendigen Informationen aus deiner Schwester herauszubekommen. Auf jeden Fall will sie sie weiter beobachten, die Plazenta machte ihr Sorgen. Es könnte sein, dass sie das Kind bald nicht mehr ausreichend versorgen kann und das muss beobachtet werden, damit die Geburt notfalls eingeleitet werden kann." Rokko nickte – hatte er wohl doch den richtigen Riecher gehabt. Fast andächtig betrachtete er das Ultraschallbild – bald würde er Onkel sein, der Gedanke gefiel ihm. Lisa räusperte sich: „Ich geh dann wohl besser." Lag da Enttäuschung in Rokkos Blick? „Okay, gut. Ähm, Lisa?" – „Ja?" – „Bleiben wir jetzt eigentlich beim Du?" Lisa überlegte einen kurzen Augenblick: „Ja, jetzt fühlt es sich richtig an." Rokko strahlte, als Lisa auf ihn zukam, um ihm einen sanften Kuss zu geben: „Wir sehen uns morgen." – „Ja, bis morgen."