Am nächsten Tag, einem für Londoner Herbste sehr sonnigen Samstag, stand Jack schon früh auf der Matte.
»Tut es eine Schachtel Pralinen als Dank für deine Hilfe?«, begrüßte Eri ihn.
»Hmm … Müsste schon eine sehr große Schachtel sein«, überlegte er. »Wie geht es unserem Sorgenkind?«
»Schläft noch immer friedlich, als ich das letzte Mal geguckt habe«, sagte sie, während sie in den Flur traten.
»Na, dann wollen wir mal guten Morgen sagen.«
Als sie das Gästezimmer betraten, sahen sie, dass der Fremde wach war und sie anscheinend bereits erwartete. Jack machte ein tadelndes Geräusch, als er bemerkte, dass der Fremde sich aufsetzen wollte.
»Nein, nein, bleiben Sie still liegen, sonst geht die Naht auf«, sagte er, eilte zum Bett und drückte den Anderen mit sanftem Druck wieder in die Kissen. Dieser schien zuerst verwirrt, verstand dann aber wohl doch die Geste und ließ es geschehen.
»Wie geht es Ihnen?«, erkundigte sich Jack nun, erntete jedoch nur einen verständnislosen Blick. Er sah kurz ratsuchend zu Eri, welche ihm jedoch nur bedeutete, dass sie es ihm doch gesagt hätte. Dann seufzte Jack und versuchte es erneut: »Können Sie uns verstehen?«
Wieder erhielt er nur einen verständnislosen und recht hilflosen Blick, gefolgt von einem zaghaften Kopfschütteln. Jack rieb sich mit dem Handrücken die Stirn. »Ach du meine Güte.«
»Ich hab's ja gesagt«, setzte Eri nach. »Soll ich mein Elbisch-Wörterbuch holen?«
»Du hast das noch?«, fragte er sie ungläubig.
»Ja. Genug Platz für ein bisschen Ramsch habe ich hier ja.«
Als sie mit dem Buch wiederkam und es Jack gereicht hatte, begann dieser darin zu blättern. »Hm, das müsste klappen, versuchen wir es mal.« Dann wandte er sich erneut an den Fremden: »Heniodh men?«
Nun hellte sich die Mine des Fremden deutlich auf. Eifrig nickte er. »Anin, cerin. Ú-bedin lamel, pedin Sindarin.«
»Äh, das ging ein wenig schnell«, sagte Jack. »Und das ist wirklich verrückt. «
Der Fremde schien zu verstehen, dass Jack ihn nicht ganz verstanden hatte und wiederholte langsamer, was er gesagt hatte. Jack musste ein paar Vokabeln nachschlagen, doch dann nickte er. »Anin, henion«, sagte er zur Bestätigung. »Äh, ú-garin mae Sindarin«, fügte er mit einem entschuldigenden Lächeln hinzu.
Der Fremde lächelte. »Cenin. Ú-thu.«
Eri räusperte sich. »Ich würde gerne mitreden wollen«, erinnerte sie.
»Ihm scheint es mittlerweile etwas besser zu gehen, zumindest scheint er recht gesprächig zu sein«, sagte Jack. »Und er spricht Sindarin, wie du sehr gut hören kannst. Ich find das alles echt seltsam, aber was soll's für den Moment. Es funktioniert, das muss vorläufig reichen.« Dann wandte er sich wieder an den Fremden. »Mae le?«
»Cuion, farn. Hannon le. Istodh laew o nestad«, antwortete der Fremde.
Jack nickte. »Na immerhin etwas.« An Eri gewandt sagte er: »Zumindest wird er also nicht gleich sterben. Ehrlich gesagt erstaunt mich das. Nachdem ich mir da gestern Abend gar nicht so sicher war, scheint er wieder recht fit zu sein. Diese Selbstheilung ist erstaunlich.«
Er blätterte wieder einige Vokabeln im Buch nach, dann wandte er sich erneut an den Fremden. »Naro ceridh men o len?«, wollte er wissen. »Nodh man ah bârel?«
Der Fremde schien einen Moment überlegen zu müssen, was Jack ihm damit sagen wollte. Doch dann nickte er. »Im Legolas Thranduilion«, sagte er erneut. »Nostannen n'Eryn Galen.«
»Jack«, mischte sich nun Eri ein. »Vielleicht ist er irgendwie auf dem Kopf gefallen und ist jetzt irre geworden.« Sie verstand so gut wie gar nichts in diesem Gespräch, aber in diesem Satz waren genug ihr bekannte Eigennamen, dass sie wusste, was der Fremde gemeint hatte.
»In dem Fall müsste ich wirklich vehementer darauf bestehen, ihn klinisch einzuweisen«, sagte Jack. »Ich bin Anästhesist, kein Neurologe. Aber weißt du was: Wir werden das jetzt einfach erst einmal mitspielen und schauen, wohin uns das bringt.«
»Das ist doch alles verrückt«, murmelte Eri, aber dennoch ließ sie ihn gewähren und beschloss, es ihm gleich zu tun.
»Suilon le, Legolas. Im Jack Cooper, mellon nín Eri O'Kelly«, wandte sich Jack wieder an den Fremden – Legolas, wie sich Eri korrigierte. »Istodh, äh, i bâr?« Da ihm anscheinend einige Vokabeln fehlten, untermalte Jack seine Aussage mit einer den Raum und das Haus umfassenden Geste, um zu verdeutlichen, was er meinte.
Wieder überlegte Legolas kurz, dann schüttelte er den Kopf. »Mas non?«
Nun war es an Jack, ratlos in seinem Buch zu blättern.
»Was hat er gesagt?«, wollte Eri wissen.
»Ich hab ihn gefragt, ob er weiß, wo er hier ist«, erwiderte er. »Offenbar ist das nicht der Fall, aber ich habe seine Frage nicht verstanden. Die Wörter stehen hier nicht drin.«
»Sag ihm doch einfach, dass wir hier in London sind und dass das mein Haus ist«, schlug sie vor.
Jack nickte und wiederholte auf Sindarin, was sie gesagt hatte.
Legolas sah sie irritiert an, als erführe er das erste Mal von der Existenz einer der größten Städte der Welt. »Ú-lastannen o Landen.«
»Nein, London«, korrigierte Jack und warf Eri wieder einmal einen irritierten Blick zu.
Auch sie war verwirrt. Wie konnte man London nur so falsch aussprechen?
»Lan… Londen«, wiederholte Legolas zögerlich.
»Na ja, fast«, seufzte Jack.
Das schien Legolas auf eine Idee zu bringen. »Telin pedi lamel.«
»Okay …«, meinte Jack langsam.
»Was ist?«, drängte Eri.
»Ich glaube, er will, dass wir ihm Englisch beibringen«, erklärte er. »Wenn ich mir das recht überlege, ist das vielleicht keine dumme Idee. Nehmen wir an, er ist wirklich der, der er behauptet zu sein. Elben sind sehr sprachbegabt, das würde die Dinge also wirklich bedeutend einfacher machen, als wenn ich hier weiter irgendwelchen Blödsinn zusammen stammle.«
»Wann hast du angefangen, ihm zu glauben?«, fragte sie verwundert.
»Gar nicht«, meinte er trocken. »Im Moment ist es jedoch einfacher, das erst einmal als Wahrheit hinzunehmen und später zu fragen, wie es nun wirklich aussieht. Immerhin kommen wir so gerade weiter.«
»Ich sehe ehrlich gesagt nicht, wo wir hier weiter gekommen sind«, konterte sie.
»Er will Englisch lernen, und wir haben ein paar Bücher zum Elbisch lernen. Ich halte das für eine Grundlage, mit der man arbeiten kann«, kommentierte er. »Ich glaube, so kommen wir wirklich weiter.«
»Na gut, immerhin habe ich dich um Hilfe gebeten«, räumte sie ein.
»Okay.« Jack wandte sich wieder Legolas zu. »Fangen wir mit den Grundlagen an«, sagte er und deutete auf sich. »Im Jack. Ich bin Jack.«
Legolas strahlte förmlich und wiederholte eifrig.
»Ich fasse das alles einfach nicht«, seufzte Eri.
In den nächsten Stunden waren sie damit beschäftigt, dem Elben alle möglichen Phrasen und Vokabeln beizubringen – und Eri fragte sich, wann sie begonnen hatte, ihn ebenfalls so zu bezeichnen. Seine Auffassungsgabe war erstaunlich, er sog all die für ihn anscheinend tatsächlich fremden Worte förmlich in sich auf.
Zwischenzeitlich fuhr Jack zu sich nach Hause und holte einige von seinen Klamotten, während Eri die Unterrichtsstunden fortsetzte. Legolas' alte Kleidung war dreckig und zerrissen, aber er zierte sich, vor Eri eines ihrer Nachthemden anzuziehen, damit sie seine Klamotten waschen und nähen konnte. Jack bot sich an, etwas von seinen Sachen zu leihen, was er, nachdem er verstanden hatte, was sie ihm sagen wollten, auch akzeptierte.
Zumindest schien Legolas gute Manieren zu haben und war sehr höflich. Ständig bedankte er sich für alles und schien auch tatsächlich sehr dankbar zu sein, dass sie beschlossen hatten, ihm zu helfen. Eri verstand die Welt nicht mehr, aber sie verbuchte es einfach unter Nächstenliebe, auch wenn Jack erstaunt anmerkte, dass er solche gar nicht von ihr gewohnt war.
»Weißt du, ich sitze zwar im Firmenvorstand, und da muss man oftmals einfach ein Arsch sein, aber das heißt nicht, dass ich es immer bin«, erwiderte Eri.
»Aber dann könntest du doch mit Sicherheit irgendwann einmal einen günstigen Kredit für mich rausschlagen, wenn ich einen brauche«, schlug Jack vor. »So als Dank.«
»Das ist allerdings nicht ganz gesetzeskonform«, gab sie zu bedenken. »Und nicht meine Ecke, nebenbei bemerkt.«
»Wir hätten den Krankenwagen rufen sollen, nur mal so … Ich wäre eh dazu verpflichtet gewesen.«
»Na gut, hast recht. Ich schau, was sich machen lässt.«
Das war mehr als nur eine Schachtel Pralinen, allerdings war das hier auch keine Merci-Situation.
Sobald er auch nur ansatzweise dazu in der Lage war, eine Frage zu formulieren (und das war erstaunlich schnell), löcherte Legolas sie mit allen möglichen Fragen. Er wollte von jedem Ding den Namen und seine Funktionsweise wissen. Jack war darum bemüht, ihm Ruhe zu verschaffen, aber er kämpfte auf verlorenem Posten. Nachdem er jedoch noch einmal die Verletzung untersucht hatte und die Fäden mit selbstauflösenden Fäden aus dem Krankenhaus ersetzt hatte, nahm er Eri beiseite.
»Das ist mir in all den Jahren als Arzt noch nie untergekommen«, sagte er erstaunt.
»Was denn?«, wollte sie wissen.
»Die Heilung hat bereits sichtbar eingesetzt«, berichtete er. »Das kann auch erklären, warum er schon wieder frisch und munter ist, nachdem er gestern noch halb im Delirium lag, als du ihn gefunden hattest. Nachdem er gestern mehr tot als lebendig war und ich nicht einmal sicher war, dass er es schaffen würde … nun, meine Sorgen waren wohl unbegründet. Irre.«
»Jack, kann ich dich um noch etwas bitten?«, fragte Eri ein wenig zaghaft.
»Klar.«
»Kannst du dich erst einmal eine kleine Weile um ihn kümmern?«, fragte sie. »Er ist wie ein großes Baby, das alles lernen will, und … na ja, ich brauch einfach Abstand zu der ganzen Sache. Muss mir das durch den Kopf gehen und so. Du als Arzt scheinst das ja irgendwie leichter hinnehmen zu können, aber ich kann das einfach nicht. Scheiße, Mann …«
»Klar, besser ist«, stimmte er zu. »Nimm 'ne Aspirin, wenn du eine im Haus hast. Und setz dich vielleicht nicht unbedingt ins Wohnzimmer.«
»Och! Erinnere mich bloß nicht an die Schweinerei!«, stöhnte sie.
»Das kann warten, Eri. Komm erst mal wieder runter.«
»Eher mit einem Scotch als mit einer Aspirin.«
»Du trinkst zu viel …«
»Nur manchmal. Und ich finde, jetzt ist das erlaubt.«
Jack zuckte mit den Schultern und ließ sie machen.
Eri beschloss es, mit einem Scotch und einer Gesichtsmaske auf der Terrasse zu versuchen. Der Tag war mild und sonnig, die Temperaturen angenehm. Sich auf eine Liege auf der Terrasse zu legen, war mit Sicherheit ein guter Weg zum Entspannen.
Da tauchte so ein Typ auf, der behauptete, Legolas zu sein, überlegte sie, nachdem sie es sich bequem gemacht hatte. Er sprach nur Sindarin (und wahrscheinlich Westron) und wirkte hier, als sei er völlig fehl am Platze. Dazu noch die seltsamen Klamotten wie aus einem Fantasy-Film und das Messer, das ebenso nicht ganz normal aussah. Und wie er selbst auch aussah. Als wäre er nicht ganz von dieser Welt. Sie sträubte sich, das Wort »schön«, bei Männern anzuwenden, aber auf ihn traf es einfach zu. So ebenmäßige, elegante Gesichtszüge hatte sie noch nie bei einem Mann gesehen und so seidig glattes, langes Haar auch nicht. Selbst nach dem Aufwachen heute Morgen hatte er kein bisschen zerzaust ausgesehen.
Aber hatte Legolas nicht blonde Haare?, ging es ihr durch den Kopf. Nun, Peter Jackson hatte es so interpretiert, aber wenn sie es sich recht überlegte, hatte Tolkien nie eine klare Aussage dazu getroffen. Dass ihr Legolas dunkelblondes, fast braunes Haar hatte, hatte also nichts zu bedeuten. Und was war mit den Ohren? Nun, ein wenig spitz waren sie in der Tat, eher blattförmig als rund. Das sah durchaus etwas fremdartig aus, allerdings gab es genug Freaks dort draußen, die sich solche Ohren operieren ließen …
Eigentlich passte alles. Trotzdem weigerte sich ihr Verstand vehement, es auch zu glauben. Legolas ploppte nicht einfach so blutend auf ihrem Sofa auf! So etwas passierte nur in schlechten Fanfictions!
»Bullshit«, murmelte sie und musste ob der Absurdität ihrer Situation auflachen.
Zumindest war Wochenende und Mrs. Heatherton würde nicht kommen, sodass sie den Samstag und Sonntag für sich hatte, um in Ruhe darüber nachzudenken.
Und wenn er wirklich Legolas war? Was dann?
»Nein, das lassen wir lieber«, murmelte sie und wollte diesen Gedanken vorerst nicht weiter denken.
Sie klaubte sich die Gurkenscheiben von den Augen und ging durch die offene Terrassentür zurück ins Wohnzimmer. Den Blick in Richtung des ruinierten Sofas vermied sie und ging stattdessen geradewegs zu ihrem Plattenspieler. Sie wollte bereits zu Beethovens Fünfter greifen (»Ein bisschen Drama.«), als sie erneut schmunzeln musste und doch die Platte mit dem Filmsoundtrack des ersten Herr der Ringe auflegte.
»Mensch, Eri, du hast einen dämlichen Humor«, sagte sie zu sich selbst.
Max glotzte sie aus seinem Glas heraus an und zeigte sich von all dem völlig unbeeindruckt. Für ihn war die Welt in Ordnung, solange nur jeden Abend seine Futterflocken von oben herab aufs Wasser rieselten.
Sie erschrak, als ihr auffiel, dass sie Max am Vorabend nicht gefüttert hatte.
»Armer Junge, dann gibt's heute eben zwei Portionen. Eine jetzt und eine nachher.«
Nachdem der Fisch gefüttert war und die Musik in einer angenehmen Lautstärke aus den Lautsprechern des Plattenspielers drangen, begab sie sich wieder nach draußen. Sie ließ erneut die Terrassentür offen stehen, um der Musik zu lauschen, und ließ ihre Gedanken treiben. Sie wollte jetzt nicht weiter über ihr kleines Elbenproblem nachdenken.
Eine ganze Weile hatte sie so ihre Ruhe, bis sie leise Schritte hinter sich hörte.
»Eri, kann ich dich sprechen?«, fragte Jack.
Sie brummte unwillig. »Wenn es denn sein muss. Ich wollte eigentlich etwas ausspannen.«
»Ja, schon klar, und ein bisschen Ruhe wollte ich dir auch gönnen. Aber es ist nicht ganz unwichtig.« Er nahm sich einen der Terrassenstühle und setzte sich neben sie.
»Mensch, Jack, so wichtig ist es jetzt auch nicht, dass du mir nicht mal Zeit lässt, die Gesichtsmaske abzumachen und den Morgenmantel auszuziehen«, protestierte sie.
»Ich wusste ja nicht, dass du da so empfindlich bist«, stellte er etwas irritiert fest.
»Ja!«, knurrte Eri. Etwas grober als gewollt. Sie stand auf und verschwand in der oberen Etage ihres Hauses, wo sich ihr Bad und Schlafzimmer befanden. Kurz darauf kam sie wieder angemessen gekleidet und mit gesäubertem Gesicht herab und setzte sich zu Jack. »So, jetzt können wir. Auch wenn ich jetzt nicht über unseren Sonderling nachdenken wollte.«
»Ich denke aber, wir sollten das«, sagte er. »Du bist bestimmt auch schon zu dem Schluss gekommen, dass die ganzen Puzzleteile zu gut zusammenpassen und es einfach stimmen muss.«
»Nur dass es nicht alle Tage passieren, dass Elbenprinzen aufploppen und dir dein Sofa vollbluten.«
»Bist du sauer wegen des Sofas, kann das sein?«
»Hmm, na ja … ein bisschen«, räumte sie ein. »Die Neuanschaffungskosten sind nicht das Problem, eher das ganze ohne große Fragen zu beseitigen. Das als Rotweinflecken auszugeben, erscheint mir etwas unglaubwürdig.«
»Dann sag halt, du hast satanistische Rituale durchgeführt, die etwas schief gingen und in deren Verlauf du aus Versehen deine Katze abgestochen hast«, sagte Jack trocken.
Eris Mundwinkel zuckten und dann musste sie wiehernd loslachen.
»Eri, deine Lache ist und bleibt scheußlich!« Aber auch er musste lachen.
Als sie beide sich wieder beruhigt hatten, fuhr er fort. »Aber nehmen wir einfach mal an, das ist wirklich passiert. Es ist total irre, ich weiß, und wissenschaftlich vorn und hinten nicht zu erklären. Aber nehmen wir an. Was machen wir dann?«
Eri seufzte. »Ihn zurückschaffen?«
»Aber wie?«
»Keine Ahnung.« Sie zuckte mit den Schultern. »Legolas gehört hier nicht hin. Er hat ja noch nicht mal mein Haus verlassen und wirkt schon von vielen Dingen überfordert. Und das war nur der Lichtschalter im Gästezimmer und die Klimaanlage. Wird er denken, dass die Kaffeemaschine ihn fressen will? Und das Auto ihn zerfleischen?«
»Eri, ich mein's ernst«, mahnte Jack.
»Ich auch!«, hielt sie dagegen. »Du hattest eine Menge Spaß dabei, ihm Englisch beizubringen und selbst dein Elbisch aufzubessern. Aber ich habe derweil eben auch über solche Dinge nachgedacht. Und was noch viel wichtiger ist: Sollen wir ihm sagen, dass er nur ein fiktiver Charakter in einem Fantasybuch ist?«
»Ist es denn überhaupt noch fiktiv, hast du darüber schon nachgedacht?«, warf Jack mit der Miene ein, wenn er an einem medizinisch schwierigen Fall saß und den Wissenschaftler in sich herauslies, der das ganze erforschen wollte.
Eri zögerte. »Tolkien hatte immer so getan, als habe er Frodos und Bilbos Aufzeichnungen im Roten Buch nur übersetzt. Meinst du …?« Sie sprach nicht zu Ende.
»Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, anzunehmen, dass das hier alles wirklich passiert und er eben doch nicht einfach nur geistig verwirrt ist«, sagte Jack. »Allein schon, dass er Sindarin-Vokabeln kennt, von denen ich noch nie, in keiner Schrift, etwas lesen habe und von denen ich mir sicher bin, dass auch Christopher Tolkien sie nicht kennt. Und diese auch noch zu gut ins Sprachsystem passen. Das hat sich kein Irrer zusammenphantasiert, das ist echt. Also ja, vielleicht hatte Tolkien nie nur so getan. Er sagte immer, dass Mittelerde ein früheres Entwicklungsstadium unserer Welt sei. Allein schon Mittelerde, Midgard. Streng genommen haben wir hier also einen Zeitreisenden.«
»Willkommen im einundzwanzigsten Zeitalter«, kommentierte sie trocken. Sie kannte das alles, was Jack ihr da sagte, und trotzdem hatte sie noch so ihre Probleme, es zu akzeptieren. »Das ist irre, vollkommen irre.«
»Ja, ist es«, stimmte er ihr im Brustton der Überzeugung zu. »Aber ich hab Lunte gefressen. Ich will dieses Rätsel jetzt lösen. Ich bin Arzt, ich krieg das hin. Irgendeine rationale Erklärung wird es dafür geben.«
»Wir werden in den nächsten Tagen sehr viel Tolkien lesen, nehme ich an«, schloss sie daraus.
»Exakt«, bestätigte er. »Und wir werden Legolas fragen. Dafür muss er aber erst einmal besser Englisch lernen. In Anbetracht seiner enormen Auffassungsgabe sollte das jedoch schnell gehen. Ehrlich, so etwas habe ich noch nie erlebt, dass jemand etwas, egal was, so schnell lernt.«
»Vergiss seine Selbstheilungskräfte nicht«, erinnerte sie.
»Siehst du, das sind noch zwei Details, die darauf hindeuten, dass das alles wahr sein muss«, stellte er fest. »Elben lieben Sprachen, und ihre Körper sind wesentlich widerstandsfähiger als die der Menschen.«
»Weißt du, was mir da gerade in den Sinn kommt?«, sagte Eri. »Weißt du eigentlich, wie alt er ist? Bestimmt schon ein paar Hundert Jahre. Oder tausend! Du meine Güte, das kann ich mir gar nicht vorstellen.«
Je länger sie sich mit dem Gedanken zu beschäftigen schien, desto eher schien sie gewillt zu sein, das Offensichtliche auch anzunehmen. Es machte die ganze Sache so viel einfacher, als sich irgendeine wirre Geschichte mit Drogen und Junkies und Cosplays auszudenken. Sie beschloss, ihre Abwehr fallen zu lassen. Außerdem: Man hatte nicht alle Tage einen Prinzen im Haus, nicht einmal in London. Da begegnete man ihnen höchstens mal in der Bar.
»Krass, oder? Aber lassen wir das, wir sind abgeschweift«, wechselte Jack das Thema. »Wie gehen wir mit ihm um? Kulturschock und so …«
»Du bist der Arzt, sag du es mir.«
»Psychologie war nur aus Langeweile ein privates Steckenpferd, und elbische Psyche gehört da nicht dazu«, sagte er. »Aber wir sollten es langsam angehen. Trotz seiner hohen Regenerationsfähigkeit sollte er in den nächsten Tagen im Bett bleiben und sich schonen. Durchaus denkbar, dass seine Verletzung eine Schwertklinge oder so war, und da es Legolas ist, wird's wahrscheinlich ein Ork gewesen sein, deren Klingen bestimmt Rost angesetzt haben. Ich habe getan, was ich konnte, um eine Sepsis zu vermeiden, und ihm Antibiotika gegeben, aber man weiß ja nie. Wer weiß, was die für Bakterienkulturen in Mittelerde haben. Außerdem muss er viel trinken, um den Blutverlust auszugleichen. Keine Ahnung, ob das hier relevant ist, aber sicher ist sicher. Essen nicht zu vergessen, am besten erst mal leichte Kost, ganz europäisch-ländlich und nicht Sushi oder so.«
»Du sagst das, als wäre ich jetzt für sein leibliches Wohl verantwortlich«, stellte Eri fest.
Er nickte. »Ich denke, es ist besser, wenn du ihn erst mal bei dir behältst. Wie gesagt, er braucht ohnehin Ruhe, und auf die Straße sollten wir ihn zu seinem eigenen Wohl zunächst nicht lassen. Wie gesagt, Kulturschock.«
»Ich muss Montag genauso wie du wieder arbeiten«, erinnerte sie ihn. »Was mache ich dann mit ihm?«
»Ich sag ihm einfach, dass er noch ein paar Tage im Bett bleiben soll, vielleicht länger als notwendig«, sagte Jack. »Er hat mich mit Elrond verglichen, weil ich ihm also so hervorragender Heiler erscheine. Ich glaube, er bewundert mich dafür.«
Eri musste bei der Vorstellung losprusten. »Gut, du bist Notfallarzt, aber das … trotzen, zu gut!«
Er stimmte mit ein. »Eigentlich tut er mir ja leid, er weiß es einfach nicht besser. Aber ja! Na ja, jedenfalls wird er machen, was ich ihm sage. Er scheint recht geduldig zu sein, auch wenn er wahrscheinlich sogar noch mehr als wir darauf brennt zu verstehen, was hier passiert ist. Ich stell mir das schrecklich vor. Da wacht man verletzt in einer völlig fremden Welt auf und versteht nicht mal die Sprache, geschweige denn den ganzen Rest.«
Plötzlich wurde Eri wieder ernst. »Oh Mann, hast Recht. Das muss echt scheußlich sein«, sagte sie mitfühlend. »So hab ich das noch gar nicht gesehen. Wahrscheinlich ziemlich gemein, dass ich eher über mein Sofa als über so etwas nachdenke.«
»Ich verstehe dich ja auch schon irgendwie«, meinte Jack. »Macht dich zwar nicht gerade sympathisch, aber nun ja.«
»Danke auch …«
»Das war nicht böse gemeint, ich mag dich trotzdem.«
»Schon klar.« Sie lächelte versöhnlich.
»Nun ja, wenigstens haben wir jetzt eine Wochenendbeschäftigung mit seinem Sprachunterricht. Hast du irgendein Märchenbuch oder so etwas in der Art im Haus? Das könntest du ihm vielleicht schon am Montag zum Lesen geben. Irgendetwas Leichtes. Und wenn es was mit Fantasy zu tun hat, ist es vielleicht auch nicht ganz verkehrt, das ist ihm vielleicht vertrauter.«
»Hmm, lass mich überlegen.« Sie rieb sich das Kinn. »Irgendwo habe ich noch eine Grimm-Übersetzung von irischen Elfenmärchen, glaube ich, das klingt doch passend, oder? Aber meinst du, er wird das schon verstehen? Und die Schrift …«
»Gib ihm noch deine Elbisch-Unterlagen dazu. Ich bin sicher, dass er sich das allein genauso gut beibringen kann, während wir wieder auf Arbeit sind.«
»Was würde ich dafür geben, auch so hochbegabt zu sein. Beneidenswert.«
»Da sagst du was. Ich fange langsam an, die Númenorer zu verstehen.«
Wieder mussten sie auflachen.
»Pass auf, am Ende hast du noch Sauron im Haus«, scherzte Eri.
»Also Sauron war immer einer meiner Lieblingscharaktere«, meinte Jack.
»Lass das nicht Legolas hören. Vielleicht verwechselt er deine Akne-Überbleibsel aus der Jugend noch mit einem Ork.« Eri musste kichern.
»Manchmal bist du echt garstig. Wie … wie ein Ork!« Jack musste dennoch grinsen, auch wenn er nur ungern an die Krater in seinem Gesicht erinnert wurde, die die Überbleibsel seiner Hautkrankheit während der Pubertät waren.
»Oh Gott, lass uns aufhören! Die Witze werden auch nicht besser«, prustete Eri.
Heniodh men? – Versteht Ihr uns?, Sindarin
Anin, cerin. – Ja [Eigenbildung, abgeleitet von der Bildung von penin, was »nein«, bedeutet], [das] tue ich., Sindarin
Ú-bedin lamel, pedin Sindarin – Ich spreche eure Sprache nicht, ich spreche Grauelbisch., Sindarin
Anin, henion. Ú-garin mae Sindarin. – Ja, ich verstehe. Ich kann nicht gut Sindarin., Sindarin
Cenin. Ú-thu. – Ich sehe. [Das ist] nicht schlimm., Sindarin
Mae le? – Geht es Euch gut?, Sindarin
Cuion, farn. Hannon le. Istodh laew o nestad. – Ich lebe, [das ist] genug. Ich danke Euch. Ihr wisst viel über Heilung., Sindarin [Hannon ist eine Vokabel der Filme und bei Tolkien nicht belegt, eine andere Phrase für Dank ist mir allerdings nicht bekannt.]
Naro ceridh men o len? Nodh man ah bâr?– Könnt Ihr uns mehr über Euch erzählen? Wer seid Ihr und wo kommt Ihr her? [Wörtlich: Was seid Ihr und Euer Wohnort?], Sindarin
Im Legolas Thranduilion. Nostannen n'Eryn Galen. – Ich bin Legolas, Thranduils Sohn. Ich wurde im Grünwald geboren. [wörtl. gezeugt]., Sindarin
Suilon le, Legolas. Ich bin Jack Cooper, meine Freundin [ist] Ery O'Kelly. Erkennt Ihr diesen Ort? [wörtlich. Wisst Ihr dieses Heim?] – Ich grüße Euch, Legolas., Sindarin
Mas non? – Wo bin ich? [Anmerkung: Mas habe ich nur im Internet mit Sternchen versehen (=rekonstruiert) gefunden und auch alle Formen von sein sind in meinem Buch nur rekonstruiert]
Ú-lastannen o Landen. – Ich hörte noch nie von London., Sindarin
Telin pedi lamel. – Ich will eure Sprache sprechen., Sindarin
Ein paar linguistische Hintergründe für sprachlich Interessierte. Ich habe keinen vollen kontrastiven Vergleich der Phonetik von Sindarin und Englisch angestellt, wenn ich ehrlich bin. Ich denke auch nicht, dass das nötig wäre, um nachzustellen, wie Legolas Englisch sprechen würde (angenommen er spricht den Buchstandard meines Elbisch-Buches, was er sogar nicht einmal tut, sondern einen dort nicht aufgeführten waldelbischen Dialekt spricht, demnach eigentlich Tawarwaithin und nicht Sindarin). Ich habe mir also die IPA Transkriptionen einiger englischer Wörter angeschaut und dann das Lautinventar des Sindarin (welches übrigens recht lautarm im Vergleich zum Deutschen ist, so gibt es zum Beispiel nur gespannte Vokale und auch keine Murmelvokale) und dann überlegt, wie Legolas die ihm unbekannten Laute mit dem ihm zur Verfügung stehenden Lautinventar substituieren würde.
