Alles, was ich mir nicht ausgedacht habe gehört Kiera Cass.

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Flucht

Ich kroch unter dem Zaun des Palastgeländes hindurch. Der Boden war schlammig und dreckig und ich ebenso, aber das war mir egal. Ich konnte nicht mehr klar denken. Mein Kopf brummte und wann immer ich an meine Haare fasste, durchschoss mich ein unglaublicher Schmerz und meine Hand war danach rot vor Blut. Offensichtlich war ich doch nicht so unversehrt davongekommen, wie ich geglaubt hatte. Mit jeder Sekunde, die verging, spürte ich, wie mir schwummeriger wurde, ich hörte meinen eigenen keuchenden Atem, als sei er der einer Fremden.

Doch ich durfte jetzt nicht aufgeben. Wenn mich jemand in dieser Situation finden würde, wäre das mein Ende. Nicht nur würde ich sofort aus der Selection ausgeschlossen werden, nein, ich würde ausgepeitschte werden, weil ich mich den Gesetzen und Befehlen des Königs widersetzt hatte.

Doch es würde niemand herausfinden, ich war zu gut für sie alle.

Endlich spürte ich die harten Metalldrähte nicht mehr in meinem Rücken und wagte es, den Blick zu heben. Ich sah keine Wachen oder Beobachtungstürme, weswegen ich es wagte, mich aufzurichten.

Schmerz schoss durch meinen Körper, und ich musste mich am Zaun festhalten, um nicht umzufallen. Die Rebellen hatten glücklicherweise alle Kameras und sonstige Sicherheitskräfte ausgeschaltet und die Wachen waren bei den Schutzkammern, um die dort anwesenden zu schützen. So musste ich mir kaum Sorgen machen, gesehen zu werden oder gar aufzufliegen.

Zum Glück hatte ich nicht den Hauptausgang genommen, der in die Hauptstadt führte, sondern den Küchenausgang, der zum Kräutergarten führte, an den hinter dem Zaun ein dunkler Wald angrenzte.

Ich humpelte durch das Gesträuch und kratze mir Beine und Arme auf, wo meine Haut nicht von dem dreckigen zerfetzten Kleid bedeckt wurde. Schnellstmöglich würde ich ein Bad und ein neues Kleid finden müssen. Um es nicht zu vergessen, ich würde natürlich auch mein Make-Up erneuern müssen. Ich spürte das Verlangen, meinen Taschenspiegel herauszuholen, doch dann ließ ich lieber bleiben, da ich Angst hatte, dass mein Entsetzenschrei die Wachen alarmieren würde.

Doch so, wie ihn jetzt aussah, würde mich jeder für eine Fünf oder Sechs halten, wenn nicht sogar eine Acht. Als Tarnung war dies gut, denn niemand würde sich wundern, wenn eine Acht dreckig durch den Wald läuft. Diese erbärmlichen Kreaturen hatte ich schon so oft gesehen, wie sie mit letzten Kräften nach Wurzeln und Früchten suchten, auf dem Boden kriechend, dreckig und stinkend.

Und mochte ich auf den ersten Blick auch so wirken, so würde ich doch niemals so sein. Ich war eine Zwei, und dies würde ich auch immer bleiben. Selbst vor Schmutz starrend wäre ich niemals so erbärmlich und von niederer Stellung wie dieses Gesindel. Doch momentan war ich mit ihnen fast zu verwechseln und als ein Mitglied der unteren Kasten würde mir niemals jemand Hilfe anbieten. Auch Ärzte und Krankenhäuser würden mich nicht behandeln.

"Gäbe es doch etwas wie öffentliche Kassen für Kranke! Dann würde niemand mehr leiden und selbst das niedere Gesindel würde nicht immer Keime schleudernd alle anstecken. Ach, wäre ich Königin, selbst wenn es das Volk nicht wert ist, ich würde eine gesetzliche Krankenversicherung einführen!"

Natürlich war mir dieser Gedanke schon früher gekommen, und natürlich war ich nicht wie diese America, die sich dazu herabließ, mit niederem Gesindel zu reden. Und doch, wäre das Leben für uns, die Elite der Gesellschaft, nicht einfacher, wenn wir nicht immer den Schmutz der Armen sehen würden?

Als ich ein Geräusch hinter mir im Wald hörte, schrak ich zusammen. Wie unvorsichtig von mir, so nahe am Palast meinen Gefühlen so laut Ausdruck zu verleihen.

Hatte mich jemand gehört?

Ich rannte zu einem nahe stehenden breiten Baum, versteckte mich hinter dessen Stamm und versuchte, mich so unsichtbar wie möglich zu machen. Nicht einfach in einem weißen Kittel und mit wunderschön glänzenden Haaren wie meinen, aber immerhin war in Celeste Newcome und unschlagbar in Allem.

Dann spürte ich meine Kopfschmerzen zurückkehren und schloss die Augen. Alles wurde schwarz. Ich hörte nur nacheinander Rauschen in meinen Ohren und hatte Schwierigkeiten mich auf den Beinen zu halten. Ich ließ mich am Stamm hinuntergleiten. Dann verlor ich endgültig das Bewusstsein.

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29.12.2229

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