Kapitel 1 – Geboren um zu leiden

Der Wetterkanal hatte ein spitzenmäßiges Wetter für ganz Kalifornien vorhergesagt. Dies war auch weitgehend eingetroffen. Die einzige Ausnahme bildete San Francisco. Dort hielt sich der übliche, morgendliche, Nebel hartnäckig bis in den Nachmittag hinein.

Die dunkelsten Wolken befanden sich allerdings nicht am Himmel über der Stadt, sondern hingen über dem Kopf von Chris Perry. Der junge Mann saß, wie üblich, auf der alten Couch im Dachboden des Manors und hatte das „Buch der Schatten" aufgeschlagen vor sich liegen.

Konzentrieren konnte er sich darauf jedoch nicht. Er hatten in letzter Zeit so viel erleben müssen, was ihn einfach nicht losließ.

Erst musste er sich eingestehen der wahre Erbe des magischen Schwertes Excalibur zu sein und dann war er gezwungen worden zu akzeptieren, dass der gute Mensch, der sein Bruder mal gewesen war, wirklich nicht mehr existierte. Wyatt war mittlerweile soweit ins Böse abgerutscht, das er auch nicht davor zurückschreckte sein eigenen Bruder zu töten. Das Schlimmste für ihn war jedoch der Tod seiner Verlobten Bianca. Die meisten Menschen in seiner Zukunft und auch hier in der Vergangenheit hatten sie nicht gemocht. Sie war ein Phoenix und daher trauten sie ihr nicht. Chris jedoch hatte es immer gewusst, dass Bianca ein guter Mensch ist. Sie hatte sich für das Gute entschieden und das war alles war zählte. Phoenix hin oder her. Sie konnte nichts für die Familie, in der sie geboren worden war. Wyatt war das beste Gegenbeispiel. Er war in eine gute Familie geboren worden und jetzt das mächtigste böse Wesen das jemals gelebt hat. Bianca war seine große Liebe gewesen. Was heißt gewesen? Natürlich war sie das immer noch. Wie konnte sein eigener Bruder ihm so etwas antun? Hoffentlich hatte Wyatt wenigstens für eine anständige Beerdigung gesorgt und sie dort nicht einfach so liegen lassen. Sein Bruder hatte schon viele Menschen auf dem Gewissen, aber bisher hatte er den Toten wenigsten diese Ehre einer würdigen Beerdigung gewährt. Doch auch dieser Sache war sich Chris nun nicht mehr so sicher.

Ständig ging ihm durch den Kopf was er hätte ändern können, doch es fiel nichts ein. Bis er auf das Schwert im Stein blickte, welches nur einige Meter von ihm entfernt auf dem Dachboden stand. Excalibur!!! Möglicherweise wäre das Schwert die Rettung gewesen. Er hätte es damals nicht einfach so achtlos nebenhin legen dürfen. Als rechtmäßiger Erbe des Schwertes wäre es bereits damals schon seine Pflicht gewesen mit ihm kämpfen zu lernen. Dann hätte das Schwert ihn, in jener traurigen Zukunft, sicherlich erkannt und sich auf seine und nicht auf Wyatts Seite geschlagen. Ein weiterer Fehler, ein weiterer Vorwurf, der sich zu all den bereits in seinem Leben begangen hinzufügen würde.

Gut erinnerte sich noch an den Tag als er aus der Zukunft zurückgekommen war. Phoebe hatte ihn gefragt wie es ihm geht und was mit Bianca sei. Er hatte ihr gesagt, dass sich nun keiner mehr um sie kümmern müsste. Sie hatte verstanden und ihn erstmal, wie er es wollte, allein gelassen. Jedoch hatte sie ihm versichert, dass er sich mit ihr unterhalten könnte, wenn er den Wunsch dazu verspüren sollte. Die Anderen hatten es auch versucht nett und verständnisvoll zu sein, aber es gelang ihnen nicht so recht. Das lag wohl daran, dass sie ihn einfach nicht besonders mochten und noch weniger trauten. Phoebe war da zwar keine Ausnahme, doch mit ihr war es irgendwie nicht so schlimm wie mit den Rest der Familie. Wahrscheinlich die Empatin in ihr. Diese Fähigkeit hatte ihr auch ermöglich das ein oder andere Gefühl Chris´ zu spüren, obwohl einen Zaubertrank dagegen genommen hatte. Phoebe hatte ihm, fairerweise, erzählt dass sie einige seiner Gefühle empfangen hatte als er bewusstlos auf der Couch gelegen hatte. Damit war ihr sehr deutlich geworden, was Chris für Bianca gefühlt hatte und wie sie konnte sich ausmalen wie er jetzt wegen ihres Todes leiden würde. Schließlich hatte auch Phoebe in ihrem Leben etliche traurige Erfahrungen in Sachen Beziehungen machen müssen. Ihre Ehe mit Cole, zum Beispiel, hatte ebenfalls mehr als dramatisch geendet.

Am meisten tat ihm allerdings das Verhalten eines Vaters Leo weh. Die Dankbarkeit, dass er seine Familie, durch die Vernichtung des Dämons mit Excalibur, zum x-ten Mal gerettet hatte, hielt nur sehr kurz. Danach trampelte er wieder auf Chris´ Gefühlen rum. Selbst nach Biancas Tod hielt sein Mitleid mit dem jungen Mann nur eine Woche. „Aber warum mache ich mir was vor?" fragte sich Chris. „War Leo, ihm gegenüber, nicht schon früher so ignorant und kaltschnäuzig ihm gegenüber gewesen?" Noch lebhafter erinnerte er sich an den Tag als seine Mum gestorben war. Leo´s Reaktion war nicht sehr liebevoll gewesen. Er hatte ihm die Schuld gegeben und ihn einfach abgeschoben. Wohl weil er seiner Mutter so ähnlich sah und damit er sich nicht mehr um ihn kümmern musste. Die Erinnerung an diesen Tag trieb ihm weitere Tränen in die Augen. „Nein, er durfte nicht daran denken, sonst würde er sicherlich zerbrechen."

Da klopfte es an die Tür und eine Gestalt betrat den Dachboden. „Alles klar, Chris?" „Sehe ich so aus?" „Nein, entschuldige bitte." „Was ist los? Ein Dämon?!" „Nein, Chris. Wir haben uns unterhalten und wollen etwas Wichtiges mit dir besprechen." „Okay, ich komme mit. Brauchen wir das Buch?" wollte der junge Wächter wissen. „Nein nur dich." Chris legte das Buch auf sein Podest und verließ mit dem Besucher den Dachboden.