1. Akt: Der Fremde
Es war ein merkwürdiges Gefühl. Er wusste nicht, ob er wach war oder träumte. Da war Wärme, überall... aber gleichzeitig fror er, eisige Kälte hatte sich tief in seinen Knochen eingenistet. Einen langen Augenblick lang blieb er regungslos liegen und versuchte einzuordnen, wo er sich befand. Was geschehen war.
Er konnte sich nicht erinnern.
Angestrengt zwang er die Panik zurück, die bei dieser Erkenntnis in ihm aufloderte. Es gab nichts zu fürchten. Er würde mit allem fertig werden. Er hätte nicht sagen können, woher er das wusste.
Er konzentrierte sich auf eine Frage, die er mit etwas Glück beantworten konnte: nach seinem momentanem Aufenthaltsort. Er stellte fest, dass er auf etwas weichem lag, höchstwahrscheinlich ein Bett. Es war nicht seins, so viel war sicher. Das Gefühl war ganz anders. Auch der Geruch, der in der Luft schwebte, war ihm unvertraut. Es roch nach... Zimt. Woher wusste er, wie Zimt roch?
Nach einigem angestrengten Überlegen kam er zu dem Entschluss, dass er die Augen öffnen durfte. Der Risikofaktor war vernachlässigbar.
Die Decke war blau. Die Wände waren blau. Ein großes Fenster mit weißen Vorhängen, durch das helles Sonnenlicht einfiel. Ein Schreibtisch in der Ecke, eine Leselampe, die jemand vergessen hatte, auszuschalten. Ein Schrank. Einige Regale. Ein grüner Sitzball. Langsam registrierte er Muster, Einzelheiten.
Unwillkürlich hob er eine Hand, zog sie unter der dicken Decke hervor, die auf ihm lag. Er betrachtete sie; die offene Handfläche, von Furchen und Linien durchzogen, die ein ganzes Leben erzählten. Den Handrücken, stark und zuverlässig, mit ausgeprägten Knöcheln. Die langen, kräftigen Finger, kurz geschnittene Fingernägel.
Er ballte die Hand zur Faust. Die Faust kam ihm nicht bekannt vor.
Zögernd setzte er sich auf, die Decke kroch ein Stück weit nach unten. Er stellte fest, dass er ein Pyjama trug. Es war grün und weiß gepunktet, viel zu kurz an Beinen und Armen. Ein eingestickter Name fiel ihm ins Auge. „Yuugi"las er still. Irgendetwas sollte ihm dieser Name sagen.
Es war so, wie es war. Er hatte keine Ahnung, wo er sich hier befand. Er hatte keine Ahnung, warum er sich hier befand. Er hatte keine Ahnung, wer er war.
Diesmal war die Panikattacke schlimmer. Er verbarg sein Gesicht – es musste sein Gesicht sein, auch wenn er es wahrscheinlich nicht in einem Spiegel erkennen würde – in diesen fremden Händen und versuchte, die Leere zu verdrängen.
„Oh, du bist wach!"
Sein Kopf fuhr hoch. An der Tür stand auf einmal jemand – ein Junge mit der seltsamsten Frisur, die er je gesehen hatte. Obwohl er das natürlich nicht mit Sicherheit behaupten konnte, in seinem Zustand. Der Größe nach zu urteilen, gehörte der Pyjama jedenfalls dem Jungen. Das hieß, mit etwas Glück lautete sein Name Yuugi. Mit etwas Glück konnte er ihm vielleicht erklären, was das Ganze hier sollte.
„Wie fühlst du dich, Kaiba?"Der Junge zögerte offenbar, er tat nur einen zaghaften Schritt ins Zimmer hinein. Aber irgendwie passten er und der Raum zueinander. Der dunkelblaue Teppich und die braunen Bärenhausschuhe an seinen Füßen schienen sich zu kennen.
„Kaiba" hatte er ihn genannt.
Er überlegte sorgfältig, was seine erste Frage sein sollte. Er überlegte sorgfältig, weil er das als einziges Mittel erkannte, die Kontrolle über sich selbst und die aufbrausenden Gefühle in seinem Innern zu behalten.
Er überlegte und fragte schließlich: „Könnte ich einen Spiegel bekommen?"
Vielleicht-Yuugi sah ihn merkwürdig an. „Einen Spiegel?"Als er keine weiteren Erklärungen bekam, versuchte er sich in ein Lächeln zu retten. „Klar doch... Äh, einen Moment bitte..."
Er durchquerte zielsicher das Zimmer und zog eine Schublade des Schreibtisches auf. Der Fremde auf dem Bett erhaschte einen kurzen Blick auf einen abgebrochenen Kamm und eine Schere, dann kramte der Junge einen kleinen Spiegel hervor. Er reichte ihn mit einem verlegenen Gesichtsausdruck rüber. „Hier, bitte sehr."
Die Spiegeloberfläche war warm. Als er hineinschaute, sah er seine Finger ganz leicht zittern.
Nach einem wortlosen Moment gab er den Spiegel zurück. „Danke." Er starrte das Muster auf der Decke an, die das Licht darauf malte. Die Leere ließ sich nicht mehr verleugnen.
„Kaiba? Alles in Ordnung mit dir?"Der Tonfall klang besorgt.
„Ich weiß es nicht."Es kostete ihn einige Überwindung, aufzuschauen und in diese offenen verwunderten Augen zu blicken. „Kaiba. Ist das mein Name?"Seine Stimme hörte sich fremd an. Wie alles andere.
Als Yuugi fragend die Augenbrauen zusammenzog, wusste der Fremde, dass er sein Leben verloren hatte.
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Also das war es, mein erstes Kapitel! Wie fandet ihr's? Hat sich eure Erwartung erfüllt? Die Beschreibung von Yuugis Zimmers ist übrigens rein fiktional, obwohl eine Freundin von mir hartnäckig behauptet, ich hätte ihre Einrichtung und die Bärenhausschuhe geklaut... (nur den Sitzball!!) Ich würde mich über Reviews sehr freuen. Auf geht's zum nächsten Akt!
