1. Kapitel

August 1995

Das knacken des Feuers forderte seinen Tribut. Ihre Augen wurden immer schwerer und ihr Atem verlangsamte sich. Sie hörte ihr eigenes Herz in einem gleichmäßigen Takt schlagen. Wärme breitete sich aus und der Schlaf legte sich wie eine kuschelige Decke um sie, wodurch sie in einen seltsamen Traum glitt.

Patricia stand im Garten einer großen Villa. Schnee lag über dem Anwesen und so hinterließ sie spuren, als sie langsam auf das Gebäude zuging. Sie schob die angelehnten Glastüren, die zu einem riesigen Saal führten, vorsichtig auf. Der Raum war geschmackvoll eingerichtet, die Möbel alleine schienen schon sehr teuer zu sein. So betrachtet Patricia alles mit erfurcht, während sie langsam zur Bogentür auf der anderen Seite des Raums schritt. Neugierig geworden, zog es sie immer weiter durch die verzweigten Gänge der Villa. Schon lange hatte sie die Orientierung verloren. Niemals, so schien es ihr, hätte sie den Weg zurück in Garten gefunden. Doch auch wusste sie tief in sich, dass sie richtig war. Als sie auf einen neuen Gang angelangt war, blieb sie stehen. Es war alles so vertraut. Es hingen verschiedene Portais von sehr edel gekleideten Personen an den Wänden rechts und links von den vielen weißen Flügeltüren. Auch der Geruch...Patricia schloss die Augen und legte ihren Kopf langsam in den Nacken. Sie versuchte den Geruch, der ihr so in der Nase kitzelte zuzuordnen. Lavendel und Vanille. Ein unbeschreibliches Gefühl breitet sich in ihr aus. Sie schritt schnell weiter. Bei der vorletzten Türe blieb sie stehen. Sie schluckte schwer, irgendwie hatte sich ein Kloß in ihrem Hals gebildet und in ihrem Mund breitete sich ein bitterer Geschmack aus. Ihr Blick war an den Türgriff geheftet. Vorsichtig, als wäre er aus Porzellan griff sie danach und drückte ihn nach unten. Leise knarrte die Türe, als sie aufgedrückt wurde. Leise Töne kamen aus dem Raum. Patricia trat nun völlig ein. Das Zimmer war angenehm hell und eine kleine Wiege stand darin. Auf dem Fensterbrett war eine Spieluhr aufgezogen worden. Leise schlich sie weiter zur Wiege. Unter der Decke schauten ein kleines Köpfchen und zwei winzige Ärmchen hervor. Es war ein neu geborenes Baby. Noch ganz zerknittert schlief es und drückte eines seiner Ärmchen auf sein rechtes Bäckchen. Patricia lächelte. Leise trat sie wieder weg und schaute zu einer Seitentür. Sie führte zu einem etwas größeren Raum, der dem Kinderzimmer ähnlich war. In einer Ecke neben dem Fenster stand ein Himmelbett in dem eine Frau lag. Sie schien zu schlafen. Mit einem mulmigen Gefühl trat Patricia näher an das Fußende des Bettes. Scharf zog sie die Luft ein. Erschrocken stolperte sie rückwärts vom Bett weg.

„Mutter?"

Wenn das ihr Mutter war, dann musste sie ja das...

„Angelique? Schatz? ...der Doktor hat gesagt du sollst was zu dir nehmen", sagte eine Stimme hinter Patricia.

Patricia zuckte zusammen. Diese Stimme würde sie unter allen wieder erkennen.

Großmutter!

Eine streng aussehende ältere Dame ging auf das Bett zu.

„Großmutter, ich ...", Patricia brach im Satz ab, als ihr Großmutter einfach durch sie hindurch ging. Die Frau im Bett war schon erwacht.

„Nein...bitte Mutter! Lass mich!" Angelique drehte sich von ihrer Mutter weg. Es machte Patricia traurig ihre Mutter so schwach zu sehen. Aus den Augenwinkelen bemerkte sie, dass sich auch ihre sonst sehr gefühlskontrollierte Großmutter Sorgen um den Zustand ihres Kindes machte.

„Aber Schatz! So kann das doch nicht weiter gehen!" Noch einmal versuchte die ältere Dame Vernunft walten zu lassen.

„Bitte Mutter...lass mich..."

„Du dummes Ding denkst doch nicht immer noch, dass er hier auftauchen wird oder?" Die Sorgenfalten wichen aus dem Gesicht Patricias Großmutter, stattdessen zog sie wütend die Augenbraun zusammen.

Angelique blickte schweigend in das Gesicht ihrer Mutter.

Diese rümpfte ihre Nase und stellte ihre eine Schüssel mit Suppe auf das Nachtkästchen.

„Er wird nicht kommen...und das weißt du!", Angeliques Mutter betonte das nochmals und blickte in das Gesicht ihres Kindes, die ihr Gesicht abwendet. Patricia wusste nicht von wem die beiden sprachen, aber sie wusste, dass hier etwas nicht stimmte. Als Patricias Großmutter wütend über die Sturheit ihrer Tochter aus dem Zimmer stürmte, folgte ihr ihre Enkelin, aber nicht ohne nochmals ein Blick hinter sich zu ihrer Mutter zu werfen. Angelique fing an zu weinen. Patricia musste sich beeilen um mit ihrer mithalten zu können. Sie beide gingen ein Stockwerk höher und betrat eine Art überdimensionales Wohnzimmer. Dort saß ihr Großvater vor einem Kamin und las gerade den Tagespropheten, während er eine Pfeife rauchte.

„Sie will einfach nichts essen! Und hofft doch tatsächlich, dass dieser Kerl noch mal zu ihr kommt! Herr Gott noch mal!" Patricias Großvater blickte streng zu seiner Gattin auf. Er mochte es nicht wenn man flucht.

„Na dann wird sie das bestimmt interessieren!" Er reichte seiner Frau die Zeitung. Patricia konnte die Überschrift erkennen. Eine Gruppe Todesser erfolgreich gefangen genommen.

Patricia runzelte ihre Stirn und fragte sich was ihre Mutter damit anfangen sollte. Ihre Großmutter las eine Weile und dann legte sie die Zeitung mit einem Schnauben bei Seite.

„Richtig so! Aber ich werde ihr ganz sicher nicht diese Nachricht überbringen!" Patricias Großmutter sah auffordernd zu ihrem Mann und ging dann aus dem Zimmer. Patricia sah ihr nach und drehte sich dann zu ihrem Großvater um, der in das knisternde Feuer starrte. Nach einer Weile löschte er seine Pfeife und stand auf. Patricia wartete hinter ihrem Großvater während er leise bei Angelique anklopfte.

„Ja?"

Sie traten ein.

„Deine Großmutter schickt mich! Sie hat mir erzählt, dass du immer noch nichts isst?!"

Angelique verdrehte die Augen. „Und deswegen bist du gekommen?"

„Nein! ...Es ist mehr, weil wir uns beide sorgen machen, dass naja... dass du dich vielleicht in etwas rein steigerst..."

Er setzte sich auf die Kante vom Bett.

„Versteh mich nicht falsch! Ich verstehe, wenn du nicht so schnell los lassen kannst. Aber deine Großmutter sagt, dass du es noch nicht einmal versuchen willst..."

Angelique, die zuerst neugierig zugehört hatte, wandte ein zweites Mal wütend ihr Gesicht von ihren Eltern ab.

„Hör auf! Ich möchte davon nichts hören!" Angeliques Stimme war schwach.

„Ich will dich nicht zum zuhören zwingen, aber vielleicht bringt dich das ja zur Vernunft!" Ihr Vater legte Angelique den Tagespropheten neben die noch volle Suppenschüssel.

Erst als die Tür ins Schloss gefallen war schaute Angelique auf die Zeitung, die neben ihr lag. Patricia kam näher zu ihrer Mutter. Angelique nahm die Zeitung und schlug sie auf. Während sie las wurde sie blass, Tränen standen in ihren Augenwinkeln. Nun verstand Patricia gar nichts mehr. Warum weinte ihre Mutter um ein paar Todesser? Plötzlich schmiss Angelique die Zeitung auf den Boden und schlug die Bettdecke auf die Seite. Sie stürmte zum Schrank und kramte dort nach Anziehsachen. Als sie fertig war schlich sie sich ins Nebenzimmer zur jungen Patricia und streichelte ihre Wangen liebevoll und verließ dann das Zimmer. Als Patricia ihr folgen wollte fiel ihr Blick noch mal auf Zeitung und sie erstarrte. Das Datum. Sie schaute auf die offen stehen gebliebene Zimmertüre. Es war das Datum, das auf dem Grabstein ihrer Mutter stand...

Erschrocken öffnete Patricia ihre Augen und atmete schwer. Es war ein Traum. Nur ein Traum. Aber so real. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie geweint hat. Sie wischte sich mit den Händen über das Gesicht. Dann starrte sie schweigend an die Decke und überdachte das so eben erlebte. Sie musste unbedingt ihren Großvater fragen was am Todestag von ihrer Mutter geschehen war.

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als es an der Fensterscheibe klopfte. Sie setzt sich auf.

Aus dem großen, zerknautschten Deckenhaufen lugte ein verwuschelter Kopf und schaute sich suchend um. Als ihr Augen endlich ihr Ziel erfasst hatten, wurde die Decke schnell auf die Seite schlagen und ein noch etwas zerknittert aussehendes Mädchen kam zur Vorschau. Nun ja, sie war ja schon ein Teenager mit 14 Jahre. Sie erinnerte sich an ihr jüngeres Ich und musste wieder lächeln. Als sie die Vorhänge auf die Seite zog erkannte sie, dass eine Schleiereule vor ihrem Fenster mit einem Brief wartete. Schnell öffnete sie das Fenster und die Eule flatterte herein, warf den Brief ab und verschwand schon wieder. Patricia runzelte die Stirn. Sie hob den Brief auf und drehte ihn auf die Rückseite. Hogwarts.

Also hatten ihre Großeltern es doch geschafft, dass sie doch noch nach Hogwarts durfte, nach dem Reinfall in Beauxbaton. Sie überflog schnell die Einkaufsliste und las sich dann den Brief von Dumbledore durch.

„Tz!" Patricia war nicht sehr überzeugt von seinem Vorschlag. So nahm sie den Brief runter zum Frühstücken und legte ihn ihrem Großvater vor. „So...du wirst also vor den Erstklässlern eingeteilt und was gefällt dir daran nicht?"

Verwirrt blickte er auf. „Ich will nicht wie ein kleiner Erstklässler da vorne eingeteilt werden! Warum kann man mich nicht schon einen Tag davor einem Haus zuteilen?" Patricia fühlte sich

nicht wohl bei dem Gedanken vor der ganzen Schule diesen dämlichen Hut auf zusetzten. Um ehrlich zu sein hatte sie ein wenig Angst, aber das würde sie niemals sagen. Ihr Stolz halt.

Ihre Großmutter schnaubte und hatte somit das Thema beendet. Ihr gefiel es immer noch nicht das ihre Enkelin dort hin kommen würde. Warum wusste Patricia nicht. Und jetzt fiel ihr auch wieder ihr Traum ein.

„Großvater?"

„Hm?" Er war in den Tagenspropheten versunken.

„Kannst du mir vielleicht sagen was am Todestag von Mom geschehen war..."

Ihre Großmutter verschluckte sich an ihrem Tee.

„Was hast du gesagt?" Ihr Großvater hatte den Tagespropheten fallen lassen.

„Naja, ihr habt mir nie erzählt was vor Moms Tod geschehen war und warum sie so traurig war?" Patricia war aus versehen etwas von ihrem Traum herausgerutscht. Mist!

„Dummes Ding...wie kommst du nur darauf, dass deine Mutter traurig gewesen sein sollte?" Patricias Großmutter stellte ihren Tee ab und blickte zu ihrer Enkelin.

„Ich-..." Fing Patricia an und wurde schon im selben Moment von ihrer Großmutter unterbrochen.

„Es war ein Unfall Patricia! Ein Unfall nichts weiter! Und davor ist auch nichts wichtiges passiert, dass irgendwie wichtig für dich wäre!"

Ihr Großvater hatte die Zeitung aufgehoben und nickte zustimmend.

„Und warum war eure Reaktion dann so, so ...?" Patricia suchte noch Worten. Ihr Großvater räusperte sich. „Patricia Schatz, es war ein normaler Tag gewesen! Sie war spazieren und du hast in deiner Wiege geschlafen, nichts weiter! Und jetzt iss weiter, damit du fertig packen gehen kannst!" Patricia schaute ihren Großvater verletzt an. Sie hatte gedacht, dass wenigstens er ihr die Wahrheit sagen würde.

„Das glaube ich euch nicht!" Mit diesem Satz sprang sie auf und rannte in ihr Zimmer. Was sie nicht mehr mitbekam, waren die Blicke die ihre Großeltern austauschten.

„Na gut! Dann sag es mir halt nicht, ich finde es auch so heraus!", murmelte Patricia, während sie ihre Koffer fertig packte. Sie würden den Sommer zurück nach England in das Gut der Großeltern ziehen. Kurz nach dem Tod ihrer Mutter waren ihre Großeltern mit ihr nach Frankreich gezogen. Nun, wo Patricia ihr Studium in Hogwarts machte, hielt ihre Großeltern nichts mehr an diesen Ort. Patricia dachte oft an England. Sie stellte sich oft die Landschaft vor und das Anwesen der Großeltern. Manchmal sind die Vorstellungen so lebendig vor ihren Augen, dass sie schon Heimweh nach einem Land bekommt, in dem sie lediglich geborgen wurde. Auch glitten ihre Gedanken häufiger zu ihren Verwandten. Sie würde jetzt endlich die Gelegenheit bekommen heraus zu finden wer ihr Vater war. Und endlich ihr Tante wieder sehen. Die größere Schwester ihrer Mutter. Doch was sie mehr interessierte, war die Verwandtschaft väterlicherseits. Als sie noch jung war, hatte sie erfolglos den Baumstamm der Familie gesucht, doch jetzt hoffte sie ihn in England zu Gesicht zu bekommen.

Heute Abend würde es losgehen.

Mit einem Grinsen im Gesicht schloss Patricia den Koffer.