Tear me apart – Fortsetzung

Kapitel 2

Abschied

Als Hermine aufwachte, saß Severus mit dem Rücken zu ihr auf der Bettkante. Sein Körper war in seine üblichen schwarzen Gewänder gekleidet und im ersten Moment erschrak sie darüber, denn wann immer er sich von ihr abwendete, befürchtete sie, dass er fortgehen würde, um Voldemort zu dienen.

Wie aus weiter Ferne hörte sie das Knistern eines Feuers im Kamin und konnte seinen abwesenden Gesichtsausdruck im Schein der tanzenden Flammen sehen. Es dauerte eine ganze Weile, ehe sie sich von ihrem Schrecken erholt hatte und sich traute, ihn anzusprechen.

„Was ist los?"

Er schüttelte den Kopf.

„Ich wollte dich nicht wecken", sagte er monoton.

Dass er sich so zurückhaltend verhielt, war ein deutliches Zeichen dafür, dass er in schlechter Stimmung war.

Sie schloss die Augen und hoffte inständig, dass er nicht wieder getrunken hatte. Dann öffnete sie sie und heftete ihren Blick auf seine Konturen.

„Komm ins Bett, Severus. Es ist noch zu früh, um jetzt aufzustehen."

Er presste seine Kiefer aufeinander und ließ sich Zeit mit seiner Antwort.

„Hermine, wir – wir müssen reden", sagte er schließlich.

Sie kroch neben ihn und legte ihm die Arme um die Schultern. „Also gut, Severus. Reden wir."

Es ist immer noch besser, als nicht zu wissen, was in dir vorgeht.

Endlich drehte er den Kopf in ihre Richtung und nickte. Seine schwarzen Augen waren unleserlich und das gefiel ihr keineswegs.

„Wir müssen Dumbledore über deine Schwangerschaft informieren."

Hermine biss sich auf die Lippe. „Sollten wir damit nicht noch etwas warten? Er wird nicht gerade erfreut darüber sein ..."

„Erfreut?", knurrte er scharf.

Dann wippte er langsam mit dem Kopf auf und ab und schwarze Strähnen fielen ihm über die Augen, sodass sie einen Teil seines Gesichts verdeckten.

„Es ist mir gleich, was er denkt, dieser alte Bastard. Siehst du denn nicht, dass er uns durch die Hölle gehen lässt? Dich, mich und selbst das Kind. Der alte Dummkopf würde jeden opfern, der ihm auf seinem Weg zum Ziel in die Quere kommt." Seine Nasenlöcher blähten sich missbilligend. Dann fuhr er fort. „Für ihn zählt nur, dass Potter lange genug lebt, um dem Dunklen Lord die Stirn zu bieten. Er ist sein Trumpf und er rechnet fest damit, dass du ihm im entscheidenden Moment zur Seite stehst. Aber ich kann nicht zulassen, dass er dich dabei in Gefahr bringt. Alles, was jetzt wichtig ist, ist, dass du in Sicherheit bist. Du und das Kind. Wenigstens dafür sollte er Sorge tragen. Ich bin nur eine wertlose Spielfigur in diesem Krieg." Er schluckte. „Mein Leben war schon immer eine Farce. Es ist verwirkt."

Hermine legte ihm die Finger auf die Wange und versuchte seinen Blick zu erhaschen. Vergeblich.

„Nein, sag so etwas nicht", entgegnete sie zutiefst bewegt.

Er sah sie an. „Es ist die Wahrheit."

Hermine konnte Schmerz in seinen Augen erkennen und er versuchte nicht einmal, ihn zu verbergen, wie er es gegenüber anderen Menschen tat.

„Ich wurde nie geliebt. Weder von meinen Eltern, noch von sonst jemandem. Sie wollten mich vermutlich nicht einmal und so war ich eine einzige Enttäuschung für sie."

Traurig senkte er den Blick und es zerbrach ihr beinahe das Herz, ihn so zu sehen.

„Aber was ist mit deiner Mutter gewesen? Oder mit Lily?"

So schnell wie sie gesprochen hatte, verstummte sie wieder, schließlich wusste sie, dass sie sich auf gefährliches Terrain begab, wenn sie von Harrys Mutter sprach. In diesem Moment jedoch, als er so desolat vor ihr saß, war ihr alles recht, um ihm Trost zu verschaffen.

Er schnaubte. „Meine Mutter war zu schwach. Ich glaube, sie konnte nichts dafür, aber sie begriff nicht, was geschah. Obwohl sie eine Hexe war, konnte sie sich nicht gegen meinen Vater behaupten. Und Lily? Nicht einmal Lily hat mich geliebt. Ich wurde nur benutzt. Von ihr, von Dumbledore und vom Dunklen Lord. Seit meiner Geburt hatte ich niemanden."

Sie biss sich auf die Lippe, als ihr bewusst wurde, worauf er hinaus wollte.

„Du darfst dir keine Vorwürfe machen, Severus. Es war nicht deine Schuld, dass sich alles so entwickelt hat."

Er sah sie scharf an. „Nein?"

Entschieden schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß genau, dass du denkst, du hättest es besser wissen müssen. Aber glaube mir, niemand konnte ahnen, dass es eines Tages so weit kommt. Selbst Dumbledore wusste seinerzeit nicht, wie mächtig Voldemort werden würde, bis es zu spät war."

„Das ist keine Entschuldigung."

„Nein, ist es nicht. Ich will dir damit nur sagen, dass du seither getan hast, was du tun musstest, um alles zu ändern. Du hast dich für uns entschieden. Du hast Harry beschützt, so gut du nur konntest. Du nimmst eine unbändige Last auf deine Schultern, um ihm zu helfen, Voldemort eines Tages zu besiegen."

„Und dennoch werde ich nie frei sein."

„Doch. Ich glaube fest daran."

„Dann machst du dir etwas vor, Hermine."

„Vielleicht. Aber ich werde nicht aufhören, an dich zu glauben."

Snape holte tief Luft, ehe er antwortete. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie es für mich war, einer von ihnen zu werden."

Seine Augen wurden zu engen Schlitzen. Und dennoch hatte sein Blick ein unheimliches Feuer in seinem Inneren, als er von den Todessern sprach.

Hermine schauderte, als sie ihn beobachtete. Es war kein Wunder, dass sie sich früher oft vor ihm gefürchtet hatte.

„Sie waren so mächtig und sie gaben mir das Gefühl, dazuzugehören. Doch letztendlich haben auch sie mich nur benutzt. Heute weiß ich, dass es ein Fehler war, mich auf ihre Seite zu stellen. Sie haben mein Leben zerstört. Nun werde ich dafür bezahlen, dass ich zu schwach war, um ihnen und ihren Verlockungen zu widerstehen."

Er seufzte gedankenverloren und stand auf.

„Es ist Zeit."

Hermine starrte ihn irritiert an.

„Was? Zeit wofür?"

„Ich muss gehen."

Sie schluckte, als sie den rauen Ton in seiner Stimme registrierte.

„Und wohin gehst du?"

Völlig unerwartet streckte er ihr seinen linken Arm entgegen. Erst jetzt merkte sie, dass die Ärmel seiner Kleidung aufgerollt waren und das zornige Mal entblößten.

„Er hat nach mir gerufen."

Sie konnte es nicht glauben, als sie den monotonen Klang hörte, der seine Worte begleitete. War das der Grund für den Schmerz, den er ihr vorhin mit seinem Blick offenbar hatte? Wohl kaum.

Sie wollte es nicht wahrhaben, denn jedes Mal, wenn er fort musste, zerriss es ihr fast das Herz. Warum war er nur immer so ernst, als wäre er schon längst nicht mehr bei ihr, sondern weit weg, bei Voldemort.

„Nein!", rief sie mit erstickter Stimme. Sogar ihre Tränen versiegten augenblicklich durch den Schock, in den er sie versetzt hatte. „Du darfst nicht zu ihm."

Er verzog die Mundwinkel und entblößte seine Zähne. „Ich muss."

Das Bild, das sich ihr bot, wirkte surreal. Niemand konnte je in ihn hineinsehen und trotz allem erkannte sie, dass er nicht gehen wollte. Es erschreckte sie. Er war so stark und durfte nicht zweifeln. Sie brauchte ihn. Genauso wie ihr gemeinsames Kind.

Hermine sprang auf. Ihr nackter Körper löste eine ungeahnte Reaktion auf seinem Gesicht aus. Sie konnte sehen, wie er mit den Augen dem flackernden Licht des Feuers folgte, das sich gespenstisch auf ihrer Haut abzeichnete. Die runde Wölbung ihrer Körpermitte, die der Schatten ihrer Gestalt auf den Boden warf, würde bald anschwellen. Und dann würde sie sich nicht mehr lange verleugnen lassen.

Er hatte recht, bald würden auch alle anderen sehen, dass sie ein Kind in sich trug.

Hermine fröstelte. Etwas in ihrem Inneren verkrampfte sich bei dem Gedanken daran, was vor ihnen lag. Dann durchbrach sein tiefer Ton die eigenartige Stille, die zwischen dem Knistern herrschte, das aus dem Kamin kam.

„Du bist wunderschön."

Einen Moment lang sahen sie sich wortlos an, dann stürzte sie plötzlich nach vorne und fiel ihm um den Hals.

Schlagartig versteifte er sich, so sehr war er wieder der, der er immer gewesen war.

Hermine wollte es kaum wahrhaben, denn obwohl sie wusste, dass er es zu seinem eigenen Schutz tat, versetzte es ihr einen Stich.

„Hermine ..." raspelte er kaum hörbar hervor.

Sie biss sich auf die Lippe, blickte auf und sah sich mit seinen schwarzen, durchdringenden Augen konfrontiert.

„Ich muss jetzt gehen."

„Nein!"

Er nickte knapp und nahm sie mit sanfter Gewalt bei den Schultern. In diesem Moment konnte sie sich nicht länger zurückhalten. All die Tränen, die sie sich für diesen Augenblick aufgespart hatte, drangen mit voller Wucht in ihre Augen.

„Sieh mich an", sagte er ernst.

„Ich – ich kann nicht", brachte sie mühsam hervor.

Wie oft hatte sie ihn beobachtet? Jeden Zentimeter seines Körpers mit ihren Augen erforscht. Seine langen eleganten Finger dabei studiert, wie sie sich in perfekt abgestimmter Harmonie jedem einzelnen der unzähligen Knöpfe auf seiner Brust widmen konnten.

Snape. Er hielt seine Geheimnisse hinter seiner harten Fassade verborgen, wo niemand sie finden konnte, es sei denn, er wollte es.

„Doch, du kannst. Du bist stärker als du denkst, weil du mein Herz aus Stein gebrochen hast."

Sie zog die Nase hoch. „Sag das nicht."

„Aber es ist wahr. Für so viele Jahre war ich nicht fähig, mich zu öffnen. Und dann kamst du."

„Oh, Severus. Bleib bei mir. Ich brauche dich! Ich brauche dich so sehr!"

Endlich verschwand die Anspannung, die beständig in seinem Körper zu stecken schien. Er nahm seine Hände von ihr und legte die Arme um sie.

Hermine verbarg ihren Kopf in seinem schwarzen Haar und schluchzte los. Ihre Finger krallten sich in den Stoff seiner Kleidung, ganz so, als würde sie ihn dadurch aufhalten können.

Doch sie konnte es nicht, ganz gleich, wie sehr sie es auch versuchte.

„Bleib bei mir. Ich möchte nicht, dass mein Traum Wirklichkeit wird."

Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter und umklammerte mit den Fingern die Knöpfe auf seiner Brust. Sie war verzweifelt, wie schon so oft.

Er schluckte laut, während er sie in den Armen hielt. „Vielleicht wird er nicht heute wahr."

Hermine konnte fühlen, dass seine linke Hand zitterte. Er schien sie nur noch schwer kontrollieren zu können.

Sanft küsste sie ihn auf den Hals, direkt oberhalb seines Kragens und er schloss die Augen.

„Ich liebe dich, Hermine Granger", flüsterte er leise in ihr Ohr.

Ihre Tränen quollen hervor, auch dann, wenn sie sich vorgenommen hatte, für ihn stark zu sein.

„Komm zu mir zurück, Severus."

Wie in Zeitlupe löste er sich von ihr los und nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände, obwohl er kaum noch in der Lage war, die linke Hand ruhig zu halten. Dann sah er sie mit dem unergründlichen Schwarz seiner Augen an.

„Was auch immer geschieht, ich bereue keine Minute davon, dass ich dich zur Frau genommen habe. Keine! Verstehst du?"

Sie nahm ihre Lippe zwischen die Zähne und biss darauf, bis das Blut aus der dünnen Haut floss.

„Professor …", flüsterte sie leise, um sich zu versichern, dass alles real war, was mit ihnen passiert war und noch passieren würde. „Wir haben es geschafft, oder?"

Er nickte und beugte sich zu ihr hinab, um ihr einen Kuss auf den Mund zu geben. Seine Lippen nahmen das Blut von der frischen Wunde auf, die sie sich in ihrem Schmerz zugefügt hatte.

Dann sah er sie mahnend an. „Ja, wir haben es geschafft, Granger."

Sie schluchzte auf. „Ich werde der ganzen Welt erzählen, dass du es geschafft hast. Sie sollen wissen, wer du wirklich bist."

Er sah nicht gerade zuversichtlich aus, trotzdem nickte er.

„Sag meinem Sohn, dass ich ihn liebe."

Ihre Kinnlade sackte nach unten. „Deinem Sohn?"

„Ja. Es wird ein Sohn sein", versicherte er ihr ernst.

Hermine war vollkommen sprachlos. „Wie? … Woher weißt du das?"

Snape setzte ein gequältes Lächeln auf. „Ich bin ein Zauberer, Hermine."

Seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, doch es genügte ihr, um ihren Blick zum Leuchten zu bringen.

„Ein Sohn …"

„Ja."

„Dann werde ich Dumbledore davon erzählen", sagte sie abwesend.

Seine Mundwinkel strafften sich blitzartig. „Vielleicht solltest du das. Und richte ihm meine Grüße aus. Ich bedaure es sehr, dass ich nicht dabei sein kann, wenn du ihm in den Hintern treten wirst ..."

Hermine heulte auf. „Oh, Severus …"

Noch einmal drückte er sie an sich, spürte ihre nackte Haut unter seinen Fingern und küsste sie.

„Ich liebe dich, Hermine Granger."

Damit ließ er sie los, machte eine Drehung auf dem Absatz und war verschwunden.

Ihre Tränen fanden schon längst kein Halten mehr, als sie „ich liebe dich, Severus", in die Stille des Raumes hinein flüsterte.