Der dreiköpfige Hund
„Ahhhhhhhh!" vier Stimmen schrieen lauthals im Chor. Die schiere Panik saß den dazugehörigen Schülern in den Knochen. Wie konnte man nur so etwa in einem Schloss halten?
„Lauft!" rief Hermine, die als erstes ihre Stimme wieder fand. Ron, Neville und Harry sprangen in Aktion und kamen gleichzeitig zu der schmalen Tür, die den Raum des Monsters vor dem rettenden Gang trennte. Alle drei auf einmal passten sie jedoch nicht durch und so stecken die drei Jungs fest. In ihrer Panik kamen sie nicht auf die Idee, auch nur einen Sekunde zurück zu weichen, um die anderen durchzulassen.
Eines der Mäuler des dreiköpfigen Hundes erwischte schließlich Harrys Umhang und zerrte daran. Harry wurde ruckartig zurück gerissen. Ron und Neville fielen nach vor, als für sie der Durchgang plötzlich möglich war.
„Ron!" schrie Harry verzweifelt und ruderte mit dem Armen um irgendwo Halt zu finden.
„Harry!" rief Ron panisch und kam Harry zu Hilfe.
Er griff nach Harrys Hand und zerrte daran, während der dreiköpfige Hund an Harrys Umhang zerrte.
Hermine sah den beiden entsetzt zu. Sie dachte fieberhaft nach, was die tun könnte, aber ihr fiel kein Spruch ein, der mächtig genug war, ein solches Wesen außer Gefecht zu setzten. Doch dann fiel ihr etwas Verrücktes ein. Schnell zog sie den Zauberstab und hielt ihn auf den Hund und zwar auf jenen Kopf gerichtet, der nach Harry geschnappt hatte.
„Hermine nicht, du könntest Harry treffen!" jammerte Neville ängstlich.
„Ich weiß was ich tue!" sagte Hermine und klag dabei selbstsicherer, als sie es wirklich war. Sie wusste nicht wirklich, ob ihr Zauber etwas bringen würde. „Creato Peppero!"
„Arg!" rief Harry plötzlich und kniff die Augen zu. Als er den Pfeffer einatmete, den Hermine heraufbeschworen hatte, musste gewaltig niesen. Aber er war nicht der einzige. Auch der dreiköpfige Hund musste niesen und damit kam Harry frei.
Von Ron gezogen, stolperte Harry nach vor und beide huschten durch die Tür, die sie blitzartig hinter sich zuschlugen.
Keuchend lehnten sich die vier an die Außenseite.
„Puh, das war knapp!" schnaubte Ron atemlos.
„Ja, danke Her-he-haaa-haaaatschi!" sagte Harry mit zittriger Stimme.
„Entschuldige, Harry. Mir ist nichts Besseres eingefallen!" sagte das Mädchen.
„Wieso, die Idee war doch gut!" versicherte Harry dem Mädchen. Seine Knie jedoch zitterten so stark, dass er nicht wusste, wie lange sie ihn noch tragen würden.
„Ge-ge-gehen wir?" stotterte Neville.
„Ja, lasst uns verschwinden!" stimmte Ron zu.
„Geht's wieder, Harry?" fragte Hermine besorgt, als sie das blasse Gesicht des Jungen sah.
Harry nickte stumm.
Als die vier Freunde das Ende des Ganges erreicht haben, hörten sie plötzlich schlurfenden Schritte heran nahen.
„Das ist Filch!" rief Hermine erschrocken.
„Lauft!" rief Ron und die vier eilten durch einen weiteren Gang davon.
Harry fiel ein Stück zurück. Der Schreck saß noch so tief, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Als er seine Freunde um die Ecke laufen sah, versuchte er sein Tempo zu beschleunigen, aber seine Füße spielten nicht mehr mit. Er fiel nach vor und landete auf seinen Bauch. Auf dem glatten Boden glitt er noch gut drei, vier Meter dahin.
Harry kam vor einem Paar Füße zu Halten und er wusste, ohne auf zusehen, dass sie keinen seiner Freunde gehörten.
„Potter!" rief eine verärgerte Stimme „Was treibst du so spät außerhalb des Gemeinschaftsraum?"
„Professor Snape!" rief Harry erleichtert und stand wieder auf. Er keuchte und hatte Mühe ausreichend Luft in seine Lungen zu pumpen.
Der Professor sah den Jungen studierend an. „Was um alles in der Welt ist passiert?"
Doch Harry antwortete nicht. Er ließ sich nach vorne fallen und schlag seine Arme um den Mann vor sich.
Snape stand wie gelähmt da. Seit wann suchten Schüler bei ihm Trost? Zuerst wollte er Harry von sich schieben. Doch als er spürte, dass Harry am ganzem Leib zitterte, sah er sich vorsichtig im Gang um, ob ihn auch ja niemand sah, ehe er einen Arm um den Jungen legte.
„Harry, was ist passiert?" fragte er nochmals, aber diesmal sanfter.
Doch Harry war nicht fähig zu reden. Er umklammerte den Professor, als wenn sein Leben davon abhinge.
„Wir gehen in mein Büro!" sagte Professor Snape schließlich und endlich ließ Harry von dem Mann ab.
„Entschuldige" nuschelte er verlegen.
Ooo
Als Snape dem Jungen die Tür zu seinem Büro aufhielt und der Junge an ihm vorbei ging, fiel dem Professor auf, dass Harrys Umhang hinten zerrissen war.
„Was ist mit deinem Umhang passiert?" fragte er Stirn runzelnd.
„Es war keine Absicht. Bitte, das müssen Sie mir glauben!" fing Harry plötzlich an zu flehen.
„Was war keine Absicht?"
„Wir waren am Weg in den Gemeinschaftsraum und dann hat sich diese Treppe gedreht. Wir wussten zuerst nicht, wo wir waren! Erst als die Fackeln an der Wand angingen"
„Und wo ward ihr?" fragte Snape, obwohl er die Antwort schon erahnen konnte.
„Im verbotenen Korridor!" sagte Harry leise und senkte den Kopf.
„Und ihr seid nicht sofort umgekehrt, weil...?"
„Filchs Katze. Sie tauchte plötzlich hinter uns auf!"
„Verstehe, bevor man sich von dem alten Hausmeister erwischen lässt, geht man das Risiko ein, gefressen zu werden. Wie habt ihr die Türe überhaupt auf bekommen?"
„Herm- ähh... wir haben sie mit einem Zauberspruch geöffnet!"
„Und ihr seid hineingegangen, ohne euch vorher um zu sehen, was hinter der Tür war und das, obwohl ihr wusstet, dass ihr in einem verbotenen Korridor wart? Und obwohl, Professor Dumbledore beim Empfangsessen gesagt hatte, wer keinen Wunsch zu sterben hat, sollte den Korridor meiden? "
Harry schrumpfte ein paar Zentimeter. Es war wirklich nicht gerade die klügste Entscheidung gewesen.
„Davon abgesehen, dass ihr euer Leben in Gefahr gebracht habt, habt ihr damit ganz nebenbei gegen mehrere Schulregeln verstoßen! Nachts außerhalb des Gemeinschaftsraum. Betreten des verbotenen Korridors und Zaubern auf den Gängen! Das sind drei Regelbrüche. Dass ich das nicht ungestraft lassen kann, ist dir klar, oder?"
Harry schluckte und nickte dann zaghaft.
„Also, wer waren die anderen?" fragte Professor Snape nach.
Harry sah erschrocken auf. Er konnte doch seine Freunde nicht verraten.
Severus zog einen Augenbraue hoch. „Da ich mir ziemlich sicher bin, dass nicht du die Regel Zaubern auf den Gängen gebrochen hast, wäre es nicht fair, wenn ich dich dafür bestrafen müsste, oder?"
Harry schluckte. „Ich... Es tut mir Leid, Sir. Ich kann es Ihnen nicht sagen!"
Snape schüttelte fassungslos den Kopf, „Gryffindors!" murmelte er vor sich her. „Na schön, Potter. Strafarbeit morgen, übermorgen und den Tag darauf, jeweils um 19.00 Uhr in meinem Büro. Du kannst gehen!"
Doch Harry ging nicht. Mit hängenden Kopf stand er da und schniefte. „Es tut mir Leid, Professor."
Snape stöhnte innerlich. „Harry, was willst du jetzt von mir hören? Du hast die Regel gebrochen und wenn du mir nicht sagst, wer mit dabei war, wirst du die Strafarbeit alleine machen müssen!"
Harry nickte missmutig. „Ich verspreche, ich werde da nie wieder hingehen!"
„Das will ich hoffen, denn sonst versohle ich dir eigenhändig deinen Hintern!"
Der Junge sah erschrocken auf und schluckte.
Nach einer stillen Pause, in der sich Harry und Professor Snape einfach nur ansahen, fragte der Professor schließlich „Hat der Hund deinen Umhang so zerrissen?"
Harry nickte und ein Schaudern rannte über seinen Rücken, bei der Erinnerung daran.
„Hast du eine Ahnung, wie knapp du deinem frühzeitigen Tod entkommen bist?"
Wieder nickte Harry.
„Wie hast du dich befreit?" wollte Snape aus reiner Neugierde wissen.
„Herm... Ähh. Jemand hat Pfeffer herauf beschworen und dann musste der Hund niesen!"
Snape schüttelte erneut den Kopf. Erstklässler kamen wirklich auf die absurdesten Ideen.
„Na, schön. Bist du fit genug, um den Weg in deinen Gemeinschaftsraum alleine zu finden, oder brauchst du Begleitung?"
Harrys Augen leuchteten kurz auf. Doch dann lief der Junge rot an und senkte den Kopf. „Ich denke, ich schaffe das auch alleine!"
„Mach vom Lumos-Zauber Gebrauch, wenn du durch die dunklen Gänge gehst!" riet Snape.
Harry nickte und dann musste er lächeln. „Danke, Professor!"
„Danke, wofür?" fragte Snape verwundert.
„Dafür, dass Sie im richtigen Moment da waren!"
„Im richtigen Moment? Wenn das Vieh dich gefressen hätte, dann wäre ich mehr als zu spät dran gewesen!"
„Aber es hat mich nicht gefressen!"
„Gute Nacht, Harry!" beendete Professor Snape das Thema und hielt die Bürotür für den Jungen auf.
„Gute Nacht, Professor!" sagte Harry und huschte bei der Tür heraus.
„Warte!" rief Snape den Jungen noch mal zurück.
Fragend drehte sich der Junge um und sah wie der Professor den Zauberstab zog. Harry schluckte. Was hatte er jetzt vor?
„Sieh mich nicht so panisch an, Potter. Wenn ich dir was antun wollte, dann hätte ich es im Büro gemacht und nicht hier am Gang, wo uns einer beobachten könnte."
Harrys Gesichtsausdruck entspannte sich wieder.
„Reparo!" sprach Snape und Harrys Umhang wurde auf magische Weise repariert.
„Danke!" sagte Harry erneut und strahlte.
„Keine Ursache. Und jetzt geh und halte die Augen offen!"
Harry nickte und machte sich schließlich auf den Weg. Snape sah den Jungen nach, bis er um die Ecke bog. Dann hörte er ein leises „Lumos!" und der Professor konnte einen hellen Lichtstrahl sehen, der an Fußboden und Wand reflektiert wurde.
Mit einem Seufzen stieß sich Snape vom Türrahmen ab und ging zurück in sein Büro. Er war verwirrt. Er fühlte Stolz, als er eben Harry den Lumos-Zauber sprechen hörte. Jenen Zauber, den er dem Jungen beigebracht hatte. Aber er fühlte auch Panik. Er durfte den Jungen nicht so nahe an ihn heran lassen. Er war doch der Sohn seines Erzfeindes!
Aber Harry war so ein herzliches, offenes Kind. So ganz und gar nicht wie sein Vater, obwohl er James so ähnlich sah.
Severus seufzte erneut. Wieso war der Junge so zutraulich zu ihm geworden? Er hatte doch nichts getan, um das Vertrauen des Jungens zu verdienen. „Danke, dass Sie im richtigen Moment da waren!" hallte Harrys Stimmer erneut durch seinen Kopf. Kurioserweise wusste er, was Harry damit meinte.
Der Junge war leichenblass vor Angst. Er konnte sich nicht einmal mehr auf den Beinen halten. Und dann stand er da, Severus. Und über das Gesicht des Jungen huschte Erleichterung. Er war überzeugt davon, wenn Snape da war, dann war er sicher, selbst wenn der dreiköpfige Hund ihm nachgelaufen wäre.
Severus schüttelte den Kopf. Er müsste lügen, wenn er behaupten würde, der Junge wäre ihm egal. Nein, Harry war ihm nicht egal. Als er gehört hatte, wo der Junge mit seinen Freunden war, da spürte er so was wie Angst um den Jungen. Was wenn Harry das nicht überlebt hätte? Aber wieso spürte er das? Er hatte schon lange kein Interesse mehr an seinen Mitmenschen. Schon gar nicht an den Schülern. Was war es also bei Harry?
Es waren wohl diese grünen Augen, die ihn immer so durchdringend ansahen. Lilys Augen. „Ach, Lily!" flüsterte Severus. Sie war damals die einzige, die ihn wirklich gesehen hatte!
