Ein paar Stunden später standen sie in der Schlange des Terminals der United Airlines. Chase wirkte aufgedreht und zugleich ein wenig unsicher, als er House aufmerksam musterte, der die Tickets am Schalter wieder an sich nahm.
„Sie krempeln mich völlig um", murmelte er in Chase' Ohr und legte den Arm um ihn, um den Jüngeren vorwärts zu schieben, der sich bewegte wie in Trance. Schlafwandlerisch, wie unter einer Glocke. Als sei er geistig überhaupt nicht da. „Ich bin nie gern verreist. Bis Sie aufgetaucht sind."
oOo
Es war kaum zu glauben, aber die Pension, in der House damals gewohnt hatte, gab es noch. Zielstrebig führte er Chase dorthin. Ihm fielen fast die Augen aus dem Kopf vor Staunen. Man hatte die Zimmer renoviert, hatte House erzählt, doch das Foyer erkannte er auf Anhieb wieder. Der präparierte Pfau, die unheimlich knarrende Holztreppe.
Alles soviel kleiner als seinerzeit. Er strich bedächtig über das Gefieder des Vogels. Es war nicht erlaubt gewesen, und doch musste er seine Handlung von damals wiederholen, als stünde er unter einem Zwang. Vielleicht steckte in einer Feder noch der versickerte Schweiß seiner kleinen Hand. Die Entdeckung war aufregend. Während House sich ins Hotelregister eintrug (der Portier war neu, hätte sich jedoch auch in einem anderen Fall nicht an sie erinnert), schaute er sich in der Vorhalle um. Sie war ihm riesig erschienen, wie das Vestibül eines Rittersaales. Exotisch und voller Geheimnisse. Das war sie immer noch – aber so winzig!
„Der Pfau ist weit über hundert Jahre alt", referierte der Portier mit unverhohlenem Stolz und schwerem Akzent. „Er stand im Atelier von Toulouse-Lautrec. Einem berühmten Maler."
Fast meinte er, seine schmerzenden Knie zu fühlen, als er der schlanken, hohen Gestalt hinterher eilte, die Stufen hinauf in das alte Zimmer. Er war jetzt schneller als House. Schneller als vor sechzehn Jahren, als seine Beine noch kürzer gewesen waren.
Als ihm der Moment einfiel, in dem House ihm angeboten hatte, ihn hinaufzutragen, weil seine Knie wund gewesen waren vom Sturz auf der flachen Treppe in den Gärten der Tullerien, würgte er aufsteigende Tränen hinunter, bis sein Rachen salzig schmeckte.
Voller Elan und Tatkraft, hatte House nicht genug davon bekommen können, ihn durch die Gegend zu schleppen. Dennoch hatte er sich nicht viel verändert. Der Stock hatte ihn nicht klein gemacht, auch wenn er es zuweilen behauptete. Die Pension verfügte über einen altertümlich anmutenden Paternoster, wie man ihn aus Mafia-Filmen kannte, doch aus nostalgischen Gründen nahm House den beschwerlichen Aufstieg auf sich. Wenn er ihn damals tatsächlich getragen hätte, hätte er sich nicht davor gescheut, es jetzt wieder zu tun, das wusste Chase. Solche bizarren Einfälle waren ganz nach seinem Geschmack.
Zunächst war es ihm unangenehm gewesen, schließlich war man mit elf kein Baby mehr. Je öfter er ihn jedoch getragen hatte, desto selbstverständlicher war es geworden. Von seinen Eltern hatte das nie jemand getan.
Zugegeben hätte er es nie, doch er hatte sich danach gesehnt, von ihm hochgenommen zu werden, seine Wärme zu spüren, die ihn wie eine Decke umgab und den Duft, der ihn an den seines Vaters erinnert hatte. Nur ein bisschen strenger, würziger. Aber er war ihm auch nie so nahe gekommen wie House. Eigentlich nie jemandem so wie ihm. Oben auf seinen Armen war er sich groß und behütet vorgekommen. Und House hatte ihm das Gefühl vermittelt, dass es in Ordnung und er deshalb ganz bestimmt kein Baby mehr war. Er hatte ihm erlaubt – nein, ihn geradezu genötigt, nachzuholen, was seine Eltern versäumt hatten, und zwar so vehement und trotzdem subtil, dass Schamgefühle keinen Platz gehabt hatten.
Plötzlich hätte er ihn gerne umarmt, einfach so.
Sowie House die Tür aufschloss und ihm den Vortritt ließ, indem er ihn unter seinem Arm hindurch über die Schwelle bat, strömte alles wieder auf ihn ein. Der wehende Vorhang vor dem gekippten Fenster, staubflirrende Luft in schmuddeliger Düsterkeit selbst bei helllichtem Tag, seine Angst vor der eigenen Courage, mit einem Fremden zu gehen, der ihn verhext haben musste. Die körperliche Untersuchung, die er als so peinsam empfunden hatte, weil er seinen Vater nicht verraten durfte, der ihn kurz zuvor geschlagen hatte. Und House darauf bestanden hatte, dass er sich auszog. Er war nett gewesen. Verständig und nicht übertrieben freundlich. Kein bisschen so, wie seine Eltern Fremde stets geschildert hatten. Ab da hatte er Vertrauen gehabt in den rätselhaften Amerikaner. Seinem Zauberer Greg. Er hatte ihn wirklich so genannt. Kindisch. Aber treffend.
Nach Atem ringend setzte er die Reisetasche ab und schloss die Augen, vor denen das alte Zimmer auftauchte. Die abgeschossenen Paisleytapeten waren einem orangefarbenen Anstrich gewichen, die Möbel moderner, aber ihre zweckmäßige Anordnung noch wie früher. Ein wenig hatte es verloren. Nur die Halle und die Drucke an den Wänden verrieten noch etwas von dem ehemaligen Charme eines Jugendstilhotels.
Ein schleifendes Geräusch sagte ihm, dass House hinter ihn getreten war.
„Chase? Sie brauchen doch nicht etwa Ihren Inhalator? Ich habe Sie ihn nie benutzen sehen, seit Sie groß sind. Aber vielleicht verbergen Sie ja Ihre Makel. Überraschen würde es mich nicht."
„Ich hatte keinen Asthmaanfall mehr", sagte er. „Anfang der Pubertät hat es sich gelegt."
„Ich habe es weggezaubert", erkannte House mit dem ihm unleugbaren Hang zur Überheblichkeit. Nichtsdestotrotz musste es so gewesen sein. An einen folgenden Anfall konnte er sich nicht entsinnen.
Unwillkürlich verglich er ihn mit dem Mann von damals. Das Alter und der chronische Schmerz hatten tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben, das schon zu jener Zeit hager, beinahe asketisch gewirkt hatte. Mittlerweile war sein Haar angegraut. Erschaudernd stellte er fest, dass House nur wenig älter gewesen war als er heute. Und dabei war er ihm so erwachsen vorgekommen.
Der Zeitunterschied von sechs Stunden nagte an ihm, er fühlte sich zerschlagen. Knappe acht Stunden hatten sie im Flieger verbracht.
Der Teppich war noch derselbe. Er bildete sich ein, Ränder eines ausgewaschenen Blutflecks darauf zu erkennen. Was Blödsinn war. Vermutlich hatte der letzte Gast Rotwein verschüttet.
„Sie waren nett", betonte er bebend. „Ich hatte furchtbare Angst, und Sie haben es verstanden, sie mir zu nehmen."
„Und Sie waren umwerfend. Ich hätte mich beinahe vergessen, als Sie in Ihrer berauschend knabenhaften Nacktheit vor mir posiert haben. Das heißt nicht, dass Sie inzwischen weniger prickelnd sind. Sie haben einfach das Zeug zum Pinup."
Zu erledigt, um Entrüstung zu mimen, drehte er sich um, nestelte an House' Kragen herum. An seinen warmen, beruhigenden Atem in seinem Nacken erinnerte er sich am lebhaftesten. Dass es nicht zur Untersuchung gehörte, hatte er natürlich gewusst. Und doch war dieser Augenblick der Ausschlag gewesen, House als Freund zu betrachten.
Mit einem Gefühl, das teils Scham und Freude bekundete, neigte er sich gegen den größeren Mann.
„Wollen wir schlafen?" nuschelte er an der stoppeligen Kehle. House seufzte behaglich. Seine Finger legten sich leicht um seinen Po.
„Oh. Sie sagen schlafen, nicht spielen. Ich bin ein bisschen enttäuscht."
Er gähnte. „Ich soll doch elf sein. Welche Seite hatten Sie?"
„Die rechte. Sie haben zum Fenster hin geschlafen. Aber nicht lange." Grinsend schlug er die Decke zurück. „Manche Angewohnheiten halten sich hartnäckig."
In der recht lauten Nacht machte er vor Aufregung kein Auge zu. House neben ihm lag still, doch er konnte gelegentlich das Weiß seiner Augen blitzen sehen, wenn sich das Licht draußen veränderte.
Endlich erhob er sich und tappte zum Fenster. Der Eiffelturm schillerte im Spiel der Glühbirnen. Als er Zeuge gewesen war, wie die Lichter angingen, hatte er vor Begeisterung in die Hände geklatscht, und House hatte gejohlt und ebenfalls applaudiert, während sie am Seineufer entlang spaziert waren. Keinen Augenblick hatte er gezweifelt, dass House seine Finger im Spiel hatte und den Turm ganz allein für ihn zum Leuchten brachte.
Eine unerklärliche Wehmut drückte ihm die Kehle zu, während er sich auf dem breiten Sims nieder- und mit gesenktem Kopf die Beine baumeln ließ.
Eine Gefälligkeit für eine schöne Zeit.
Sollte sie nun zu Ende sein?
Sehnige Arme schlossen sich um ihn, eine muskulöse Brust presste sich an seine, nachdem er automatisch die Beine gespreizt hatte, um ihn an sich zu spüren. Sein Zuhause. Es war einerlei, wo er sich aufhielt. Jeder Ort, an dem er mit ihm war, bedeutete Heimat. Wenn das bald nicht mehr so sein würde, würde er verrückt werden. Jäh begann er zu schniefen.
„Chase." Sein Name. Er sprach ihn bedeutungsvoller aus als seinen Vornamen, mit dem er nie richtig warm geworden war. „Was bedrückt Sie? Ich wollte Ihnen eine Freude machen. Mir scheint, ich habe ordentlich danebengegriffen."
Er schüttelte den Kopf, barg ihn an House' Schulter. Nirgendwo anders sollte er jetzt sein.
„Das ist nicht wahr ... ich freue mich sehr. Es ist nur ... ich weiß nicht, was. Vielleicht hat mich Ihr Abschied damals doch verwirrt. Ich hatte zum ersten Mal einen richtigen Freund, und jeder, dem ich von Ihnen erzählt habe, hat mich ausgelacht. Weil es Menschen wie Sie eigentlich gar nicht mehr gibt. Vielleicht bin ich einfach nur müde."
Eine Weile herrschte Stille. Nur seinen eigenen Atem konnte er hören, keuchend und verachtenswert verräterisch. Ein Schluchzen vibrierte darin, das House mit sanften Druckbewegungen gegen seinen Unterbauch eindämmte. Auch dafür hätte er sich ihm an den Hals werfen mögen.
„Kommen Sie wieder ins Bett? Oder wollen wir noch ein bisschen das Pariser Nachtleben aufmischen?"
Er würde sich gern auf dem Flur auf und ab tragen und dabei schaukeln lassen. So wie nach dem Traum über seine Mutter. Aber das ging ja nicht. Eigenartig, wie plastisch ihm auf einmal alles wieder vor Augen stand. Es war nahezu schmerzhaft, daran zu denken. Eigentlich verabscheute er Erinnerungen an seine Kindheit; zu jener Zeit hatte er nicht einmal Tagebuch geführt, um seine Erlebnisse oder Gedanken niederzuschreiben. Doch die mit House war unvergesslich gewesen.
„Ich möchte ... ein wenig an die frische Luft", sagte er. „Wenn es in Ordnung ist."
oOo
Kaum waren sie draußen, hakte Chase sich bei ihm unter. Die Nacht war klar, voller Sterne und typisch französisch. Von irgendwoher erklang Akkordeonmusik, und es duftete nach Crêpes. Vom Aroma angelockt, fanden sie die erste Bude und erstanden zwei. Zimt und Zucker und einen Becher Apfelsaft. Chase lächelte.
„Dass Sie sich daran noch erinnern. Ich habe das Zeug nicht vertragen."
„Aber Sie waren ganz verrückt danach. Und ich hätte es besser wissen müssen. Ich kam mir schrecklich inkompetent vor. Sie haben es Daddy nicht gesagt, oder?" Er umfasste Chase' Nacken und drückte ihm beiläufig einen Kuss auf die Schläfe, an der ein blaues Aderngeflecht sanft pulsierte. Etwas beschäftigte ihn, über das er mit House nicht reden konnte. Er würde Geduld haben müssen.
Seine kräftigen Zähne bissen von dem süßen, zusammengeklappten Pfannkuchen ab, und er gab einen Ton höchsten Genusses von sich. Richtung Tullerien, die der Pension am nächsten waren, schlenderten sie weiter.
„Irgendwo hier sind Sie mir ausgebüxt." House warf seinen leer getrunkenen Cidre in hohem Bogen in den nächststehenden Papierkorb. „Wissen Sie das noch?"
Er nickte. „Das war dumm."
„Sie waren schon damals schneller als ich. Ohne die Treppe und Ihre Unachtsamkeit wären Sie auf und davon gewesen. Sobald Sie merken, dass Kämpfen sich nicht lohnt, laufen Sie weg. Ich glaube, das ist der größte und vielleicht der einzige Unterschied zwischen uns. Seit wann ist das denn so?"
Betreten senkte er die Lider. „Ich wollte Ihnen nicht zur Last fallen ..."
„Sie wussten, dass Sie das nicht taten. Genauso wenig wie heute."
„Ich wusste es nicht", beharrte er trotzig, während er House' Blick einfing. Seine Augen sprühten Funken. „Ich war ... nie jemandem um meiner selbst willen wichtig. Warum einem Fremden?"
Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verlassen. Ich habe nicht gewusst, was du durchmachst. Die Wahrheit ist, dass ich es nicht wissen wollte. Ich war genauso ignorant wie Dad.
Der erstaunlich emotionale Ausspruch, den er so objektiv dahersagte, als redeten sie über das Wetter, und seine stumme Erkenntnis darauf taten ihm weh. Aber er konnte beidem nicht widersprechen, und er wusste nicht, ob Chase auf ein Geständnis wie seines Wert gelegt hätte. Dazu kannte er ihn zu wenig und doch zu gut.
Einen kurzen Moment lang glaubte er, er würde sich ein Herz fassen. Doch er wandte den Kopf und wechselte das Thema.
„Gehen wir zurück?"
Er klang so wie immer. Gleichmütig und ein wenig spröde.
Im Hotelzimmer zog House ihn halb auf sich und hoffte, er würde verstehen. Er hätte ihm gerne gesagt, was ihn aufwühlte; dass er ihm viel mehr bedeutete als das, was sich oberflächlich zwischen ihnen abspielte, und dass er ihn gerne dazu gebracht hätte, sich ihm anzuvertrauen, mit ihm zu sprechen. Von Anfang an, obwohl er seine Fürsorge mit Spötteleien bemäntelt hatte, da ihn das Gefühl, das Chase in ihm geweckt hatte, aufs Höchste verunsichert hatte.
Aber er würde ihm die Zukunft verbauen. Eine seiner größten Ängste bestand darin, dass Chase sich von ihm abhängig machte, kleiner Märtyrer, zu dem er erzogen worden war. Zwar hatte er behauptet, zufrieden zu sein in ihrer Beziehung, aber er wollte niemanden an sich ketten. Nicht einmal den Jungen, ohne den er sich ein Weiterleben nicht vorstellen konnte. Die Welt sähe wieder dunkel aus ohne Chase.
Das letzte Jahr hatte er um viele Erfahrungen bereichert. Nicht alle waren gut gewesen, aber sie hatten sie zusammen überstanden und die schönen dafür umso mehr genießen können.
Chase erwiderte seine Umarmung heftig, als hätte er darauf gewartet. Sein Mund war nahe an seinem, und er gestattete sich, die wundervoll geschwungene Oberlippe zu liebkosen, sie zu treffen, ohne sie ihm aufzuzwängen. Milder Schweiß vermischte sich mit seinen Ausdünstungen und ließ sich das Bettzeug klamm anfühlen, als er ihm das Haar zurückstrich und das gesunde Bein besitzergreifend über seine Hüfte legte. Er wollte ihn nicht hergeben. Niemals.
Die Zwickmühle, in der sie sich befanden, schien unüberwindbar. Vielsagende Signale gingen von dem geschmeidigen Körper aus, während der Junge hingebungsvoll seinen Mund bearbeitete und gedämpfte, wollüstige Laute ausstieß, die tief in seiner Kehle rumorten.
„Hey", flüsterte er amüsierter, als ihm zumute war. „Sind wir frühreif?"
„Ich will nicht elf Jahre alt sein", brummelte er und wälzte sich von ihm herunter. Kurz darauf schlief er ein.
Sonnenstrahlen fielen ins Zimmer, und er merkte, dass Chase ihn während der Nacht nicht losgelassen hatte. Wie ein Kind seinen Teddybären hielt er ihn umklammert, die Nase platt an seinem Oberarm. Er weckte ihn mit einer sachten Bewegung der Schulter, woraufhin er schläfrig blinzelte und sich orientierungslos hochstemmte. Ein zaghaftes Lächeln stahl sich auf das ebenmäßige Gesicht. Glücklicherweise hatte er sich von heute Nacht offenbar einigermaßen erholt.
„Bonjour. J'ai bien dormi", sagte er in astreinem Französisch. „Ich dachte, ich träume. Aber wir sind wirklich in Paris."
„Dann wäre es Zeit für einen traumhaften Start in den Tag, was meinen Sie?"
Frühstück nahmen sie außerhalb. Als sie die Straße zu den Cafés überqueren wollten, griff House nach seiner Hand. Verdutzt bremste sich Chase.
„Immer noch der kleine Heißsporn. Hat man Ihnen nicht beigebracht, nach links und rechts zu schauen?"
„Oh." Er lachte. Sein tiefes, unbeschwertes Lachen, bei dem House ganz warm ums Herz wurde und das ihm ganz allein gehörte, wenn sie unter sich waren. Er sollte es nie verlieren. Wenn er darüber nachdachte, klang es anders als in der Klinik. Freier und selbstbewusster. „War das die Stelle? Ich kann mich nicht mehr so gut erinnern."
„Sie hatten Glück, dass ich ohnehin vorhatte, den Kongress zu schwänzen. Oder ihn zumindest nicht vor einem guten Frühstück zu besuchen. Die Croissants in der Pension waren nicht halb so gut wie Ihre in der Boulangerie. Nüchtern lässt sich so ein staubtrockener Medizinermarathon kaum durchstehen."
Seine Hand ließ er nicht fahren, als sie lospreschten, um zur anderen Straßenseite zu gelangen. Genau wie einst. Nur dass der Gehstock seinen Respekt einflößenden Teil dazu beitrug, unversehrt und fix ihr Ziel zu erreichen.
oOo
Er wagte es nicht, ihm zu sagen, dass er damals wie heute überzeugt davon war, dass eine höhere Macht sie zusammengeführt hatte. Der pragmatische House würde es nicht verstehen und ihn womöglich aufziehen.
Doch seinen Kinderglauben hatte man ihm trotz einiger Krisen nicht nehmen können. Daraus schöpfte er Kraft, damals mehr als jetzt. Manchmal wünschte er sich, er hätte ihn noch im selben Maß wie als Junge.
Über vieles, das schwierig gewesen war, hatte er ihm hinweggeholfen. Nicht umsonst hatte er in dem hoch gewachsenen Mann eine Art Himmelsgestalt vermutet. Bei der Erinnerung an den hölzernen Täufer Johannes in der heimatlichen Kapelle musste er lächeln. Der jetzige House ähnelte ihm noch mehr als der junge. Stützte er sich nicht sogar auf einen Stock in der rechten Hand, mit dem er die Wüste durchwandert hatte?
Die gemütliche, ein wenig schäbige Boulangerie, in der sie sich kurz nach House' beherzter Rettung wieder getroffen hatten, hatte der Filiale einer Bekleidungskette Platz machen müssen. Enttäuscht verlangsamte er seine Schritte, obwohl er damit gerechnet hatte. Für ihn war das Ereignis mehr als ein halbes Leben her. Schon die Tatsache, dass die Pension überlebt hatte, wenn auch in leicht verändertem Gewand, war verblüffend gewesen, eine angenehme Überraschung.
Sein leerer Blick glitt über die Schaufensterauslagen, die er gar nicht recht wahrnahm. Massenware. Gesichtslose Läden. Selbst in der alten Welt war der Einheitsbrei auf dem Vormarsch. Irgendwie machte ihn das traurig. Individualismus schien nicht mehr gefragt.
House fuhr ihm übers Haar; eine Geste, die wie so vieles selbstverständlich geworden war zwischen ihnen. Aber er war sich nicht sicher, ob House nicht doch nur mit ihm spielte.
„Es gibt noch andere Bistros", meinte er tröstend. „Soll ich Ihnen hier ein T-Shirt kaufen? Es gibt eines mit Spiderman."
Trotz der Rhetorik der Frage verneinte er.
In einem etwas heruntergekommenen Stehcafé kehrten sie ein und suchten sich einen Fensterplatz, von dem aus man die Passanten vorbeiflanieren sah. Fast so wie früher. Nur schade, dass er die barsche Madame an der Selbstbedienungstheke nicht mehr wieder sah, für die er seine Bestellung nun in ihrer Landessprache aufgegeben hätte. Allerdings wäre sie sowieso schon längst in Rente.
„Was hat Ihr Essen gekostet?" neckte ihn House, während er die Jacke über die Bank schmiss und sich dann erstaunlich behende auf den Bistrohocker hievte. „Wissen Sie das noch?"
Er hatte den Kurs nachgeschaut, nachdem er wieder zuhause war. Dass er sich nicht vorher informiert hatte, war ihm peinlich gewesen, und er war tatsächlich im Nachhinein rot geworden. Was für ein dummer Junge er doch war!
Jetzt lachte er darüber und freute sich, dass House den alten Scherz wieder aufwärmte. Tausend Francs für ein kontinentales Frühstück. Soviel hatte House ihm spaßeshalber abknöpfen wollen.
„Etwa zweihundert US-Dollar, zweihundertzwanzig Australische Dollar oder hundertfünfzig Euro."
Beeindruckt pfiff sein Mentor durch die Zähne. „Das muss ein wahrhaft fürstliches Frühstück gewesen sein."
„Das war es", bestätigte er ernst und bekämpfte unerwartete Befangenheit, indem er den Kopf senkte und an seiner Nagelhaut zupfte. „Ich habe es Ihnen nie zurückgezahlt. Ich lade Sie ein."
„Oh kommen Sie. Sie waren halb verhungert und ein Charmeur sondergleichen und hatten keine tausend Francs im Geldbeutel. Jeder unvernünftige Mensch hätte Ihnen etwas geschenkt. Außerdem ist es längst verjährt. Francs gibt es heute keine mehr."
Das Frühstück kam. Was genau er gegessen hatte, war ihm entschlüpft. Nicht jedoch House. Zweimal servierte die Bedienung mit dem freundlichen Lächeln Croissants, Crêpes, ein weich gekochtes Ei und Kakao.
Es erstaunte Chase, dass die meisten jungen Französinnen seinem Klischee entsprachen. Sie sahen grazil aus wie Audrey Hepburn oder Amélie aus der fabelhaften Welt, mit der er sich so erschreckend gut identifizieren konnte. An ihrer Bluse steckte ein Namensschild, das sie sogar als Letztere auswies.
Eine fabelhafte Welt hatte er sich auch erdichtet, um vorm Alltag zu fliehen, der ihn doch immer wieder einholte. Im Gegensatz zu Amélie hatte er kein Träumer sein dürfen.
Die Parallelen zu seinem eigenen Leben hatten ihn völlig aus der Bahn geworfen; er hatte den Film nicht zu Ende sehen können, da ihn bereits die ersten Szenen hochgradig bestürzt hatten.
Der Vater, ein ehemaliger Mediziner, dessen einzige Liebesbezeugung zu seiner Tochter regelmäßige Leibesvisitationen waren und der ihr einen Herzfehler untergejubelt hatte, weil sie zu aufgeregt war, um seine Berührungen als etwas Selbstverständliches hinzunehmen, war für den Rest des Publikums komisch anzuschauen gewesen. Für ihn, der Vergleichbares erlebt hatte, nicht. Der Film hatte ihn durchschaut, und darum hasste er ihn. Wenigstens war sein Vater nicht einmal dazu fähig gewesen, seinen Pulsschlag als pathologisch zu diagnostizieren. Damit wäre er ja lästig geworden, zu der familiären noch eine medizinische Bürde.
„Bon appétit ", wünschte die zweite Amélie und zwinkerte Chase spitzbübisch zu.
„Kakao", schnaubte er, war aber nicht böse. Immerhin trank House seinen mit sichtbarem Vergnügen.
„Den Milchkaffee habe ich Ihnen erst einen Tag später schmackhaft gemacht. Ich kann mich täuschen, aber ich glaube, Sie haben ihn nur meinetwegen runtergewürgt. Deshalb bleiben wir vorläufig beim Kakao."
Auf einmal erfasste ihn der Drang, zu lachen. Wie eine Eruption brach es aus ihm heraus. Leicht hysterisch, konnte er gar nicht mehr aufhören, und House sah auf. In den unglaublich blauen Augen lag weder Besorgnis noch Argwohn. Er lächelte.
„Was? Habe ich einen Milchbart? Oder finden Sie's albern, wenn Erwachsene Schokolade trinken? Sagen Sie doch. Ich meine, nicht dass mich das davon abhalten würde, aber wenn Sie's überzeugend begründen können oder einfach sagen, dass Sie jetzt nicht mehr mit mir ausgehen möchten, lass ich das Gesöff sofort zurückgehen."
Abwinkend und immer noch kichernd erklärte ihm Chase, was für ein dummes Gesicht sein Vater gemacht hätte, wenn er ihm aus jedem Winkel der Welt Fotos von einem Gartenzwerg geschickt hätte: aus Montreal, Manhattan, Prag und Paris. House bohrte nicht nach, quittierte seinen Lachkrampf stattdessen mit einem Grinsen. Höchstwahrscheinlich kannte er Amélie und Gartenzwerge. Er kannte alles. Manchmal war es unheimlich mit ihm.
„Wissen Sie, was eigenartig ist?" sagte House, während er nach einer Schachtel Marlboro angelte und ihm eine Zigarette anbot. Zaudernd nahm er sie an, und House gab ihm Feuer aus dem silbernen Sturmfeuerzeug. Familienerbstück. Er hatte es zur Erinnerung an ihn vermachen wollen, als er ernsthaft erwogen hatte, mit Tante Amy nach Australien zurückzukehren, nachdem sie House und ihn über die Weihnachtszeit besucht hatte.
„Ich weiß einiges über Ihre Eltern, aber über Stiefmama sprechen Sie nie. Gibt es da Rivalen? Halbgeschwister? Ihre Mutter war auch jung, so unwahrscheinlich kommt es mir nicht vor, dass Dad noch mal seinen ehelichen Pflichten nachgekommen ist, wenn er eine Vorliebe für Frischfleisch hatte. Oder hat sie Kinder in die Verbindung gebracht?"
Hätte er ihm ins Gesicht geschlagen, das glucksende Lachen hätte nicht abrupter enden können. Seine schmalen Finger zitterten. Er klemmte die qualmende Zigarette in den Aschenbecher und die Hände zwischen die Knie, um seinen Aufruhr zumindest äußerlich zu kaschieren. Die Schultern rundete er in abschottender Haltung, wobei er fröstelte.
Sein Blick wich zum Fenster aus, als er sich eine Strähne aus der Stirn pustete und sie dann hinters Ohr steckte, bevor er seine Nasenwurzel kniff. Indessen entging House die verschlossene Miene und das Zucken seines Kiefermuskels nicht, ebenso wenig wie die mühsam kontrolliert ruhige Atmung. Die Frage regte ihn auf, doch nach einer kurzen Pause, in der er sich leidlich gesammelt hatte, antwortete er. Nur eine minimale abweichende Vibration der Stimmbänder veränderte seine Tonlage, die er bestrebt war, nüchtern zu halten. Er sprach in abgehackten, etwas kurzatmigen Sätzen.
„Sie wohnt in Brisbane. Ich kenne sie kaum. Kinder hatte sie nicht. Weder mit Dad noch aus einer früheren Ehe, jedenfalls nicht dass ich davon wüsste. Nach dem Tod meiner Mutter hat er mich überall hingeschickt, um dafür zu sorgen, dass ich nicht zuhause war. Internat, das College. Es war besser so. Ich hatte ihm nicht viel zu sagen, und seiner neuen Frau noch weniger. Gesehen habe ich sie nur ein oder zwei Mal. Besonders sympathisch waren wir uns beide nicht. Seit mein Vater tot ist, habe ich nichts mehr von ihr gehört. Sie müssten das verstehen."
Drauf und dran, zu weinen, blinzelte er mehrmals und rieb mit der Hand über den Mund, der nach dem nervösen Zungenlecken feucht schimmerte. House versuchte, ihn zu einem längeren Gespräch zu bestechen, indem er etwas von sich preisgab, was ihm beinahe zu persönlich schien. Doch Chase verdiente Ehrlichkeit. Ihre Vergangenheit auszugraben und offen vor den Partner hinzulegen, war für beide kein Pappenstiel. Da er anscheinend auf einer heißen Spur war und Chase ihm näher als sonst jemand, machte er eine Ausnahme. Sein Problem hatte mit der Familie zu tun, das war offensichtlich, und das war gefährliches Terrain. Intime Geheimnisse, die er ohnedies nur häppchenweise vorwarf, entriss man ihm nicht ohne Gegenleistung.
„Ich wäre froh gewesen, wenn ich meinen tyrannischen Dad hätte auswechseln können. Es hätte keines großen Kunststücks bedurft, ihn zu übertrumpfen. Aber ich sehe ein, dass es anders ist, wenn es um Mom geht."
„Sie hat mich gebraucht", murmelte Chase wie zu sich selbst. Immer noch starrte er hinaus auf die Straße. Mittlerweile hatte es zu nieseln begonnen, graue Wolken schoben sich vor die schüchterne Sonne. Passanten hoben lachend oder verärgert ihre Jacken und Mäntel über die Köpfe. Eine vom lieben Gott inszenierte Kulisse für den bekümmerten jungen Mann in dem unscheinbaren Café, das für House durch Chase nicht mehr unscheinbar war. „Danach niemand mehr."
Die Gleichgültigkeit, mit der er artikulierte, ließ Sentimentalitäten nicht zu, wenngleich sie House mehr zusetzte als Trauer oder Wut es getan hätten. Wie er mit Tränen umzugehen hatte, hatte er lange geübt. Zwar gab es kein Patentrezept, doch es schmeichelte und tat ihm gut, dass er vorwiegend durch seine bloße Gegenwart das Elend lindern konnte.
Mit einem inbrünstigen Ich brauche Sie, das ohnehin hohl und konstruiert geklungen hätte,war es nicht getan, darum sah er ihn nur teilnahmsvoll an.
„Ich verstehe", sagte er, aber so leise, dass Chase es nicht hörte, der sich jetzt mit geradem Kreuz hinsetzte. Gebraucht werden. Das war seinem zurückhaltenden Australier wichtiger als Geliebt werden. Vielleicht weil er die Bedeutung erst spät erkannt hatte, wenngleich jede Faser in ihm es forderte.
„Mein Ei fehlt", stellte er eher aufgeheitert als missmutig fest, als er wieder zum Tisch schaute und beschloss, sich erfreulicheren Dingen zu widmen. Schließlich sollte der Trip etwas Besonderes werden. Falls er sich zusammenriss, war er das auch. Glaubte Chase. Aber House wollte keine aufgesetzte Fröhlichkeit. Was er eben hauptsächlich durch seine Körpersprache gebeichtet hatte, war ein Anfang. Fürs Erste sollte es genügen. Persönliche Belange erschöpften sie beide, so dass er die Ablenkung erleichtert zur Kenntnis nahm.
„Haben Sie es in Ihrem Ärmel?" In kindlicher Erregung hob sich seine Stimme. Das Leuchten hatte er sich erhalten. Er zappelte auf dem Stuhl herum und sah erwartungsvoll zu ihm auf.
Bleib so, dachte er sehnsüchtig. Bleib mein kleiner, staunender Junge.
Da House sich darauf vorbereitet hatte, erfüllte er ihm gern diese Reminiszenz an seinen damaligen Kniff, mit dem er das Kind von damals für sich eingenommen hatte. „Das wäre ein bisschen zu simpel, finden Sie nicht? Damit kann man elfjährige, gutgläubige Naturburschen beeindrucken, aber keinen qualifizierten Arzt in einer renommierten Klinik, der unter dem brillanten Dr. House arbeitet. Außerdem haben Sie nicht besonders gut aufgepasst. Das Ei steckte in Ihrem Kragen und das hier in meinem Ärmel."
Er nahm Chase' Serviette und faltete sie sorgfältig so klein wie möglich, ehe er sie mit großartigem Gebaren zwischen Daumen und Zeigefinger solange hin und herdrehte, bis sich vor den kindhaft großen, grünblauen Augen ein Ei bildete, das House nach einem unauffälligen Griff zu seinem Schoß mit Fingerfertigkeit austauschte, in den leeren Becher stellte und ihm aufschlug.
„Wow!" hauchte Chase ehrfürchtig. „Das war toll! Verraten Sie mir den Trick?"
Lächelnd stieß House den beißenden Rauch aus den Lungen und musterte sein Gegenüber.
„Ein guter Zauberer tut das niemals. Nur ein schlechter oder ein mitleidiger. Heute haben Sie keine Mitschüler mehr, die es zu beeindrucken gilt. Und Cameron ist aus dem Alter raus. Wie wär's mit einer zweiten Crêpe?" Bevor Chase Protest einlegen konnte, winkte er der Kellnerin in ihrer schwarzweißen Livree.
„Ich platze", ächzte er, verputzte den Pfannkuchen aber bis zum letzten Krümel.
Gemächlich bummelten sie weiter zum Fluss durch den Jardin des Tuileries, der ehemalige Lieblingsplatz. Während ihres ersten Zusammentreffens hatten sie Stunden darin vertrödelt. Ähnlich wie später in der Parkanlage außerhalb Princetons. Wahrscheinlich verknüpfte Chase mit Parkanlagen gute Erinnerungen, oder sie ersetzten ihm den Strand und die kleine versteckte Oase, die er ihm daheim mit jungenhaftem Besitzerstolz gezeigt hatte.
Sehenswürdigkeiten waren keine geplant. Nachdem Chase ohnehin nicht der Actiontyp war, schien ihm das ganz recht zu sein.
Der Nieselregen hatte aufgehört, und über der Stadt gleißte ein doppelter Regenbogen. Wie auch den Sonnenuntergang in Melbourne hätte ihn keine Kamera so wunderbar eingefangen wie die Realität. Sie blieben stehen und betrachteten ihn, wobei House ein Verlangen in den Augen des Jungen las, das er als Heimweh interpretierte. Er liebte die Sonne, das Meer und den Strand, der in Melbourne weißer und feinkörniger war als sonst irgendwo. House hatte es erfahren. Das weiche, streichelnde Gefühl zwischen den Zehen. Der idyllischen Urkraft der Küste war er selbst beinahe erlegen, obwohl ihm Gewässer und Ozeane von klein auf widerstrebten. Widerstrebt hatten, bevor er Chase dort gesehen hatte.
Sie waren ein paar Mal in Atlantic City am Strand gewesen, aber das war nicht dasselbe.
„Halte ich Sie?" fragte er. „Sie dürfen keine Rücksicht auf mich nehmen, wenn ich es tue. Ich möchte Ihre Freiheit nicht auf dem Gewissen haben. Sie sind jung und müssen selbst entscheiden, was das Beste ist für Sie. Ich glaube nicht, dass ich es bin."
Beunruhigt wandte Chase sich ihm zu, aus seinem Blick verflüchtigte sich eine Verklärtheit, die ihm die Aura eines raffaelitischen Gemäldes verliehen hatte. Wie ein Engel sah er aus. Das Träumerische, mit dem er gen Himmel geschaut hatte und das House jedes Mal mit einem Bann belegte, dem er sich selbst mit gutem Willen nicht hätte entziehen können, blieb.
Es mutete wie ein Wunder an, dass er sein Leben mit ihm teilte.
Der Preis dafür war hoch: ständige Bedenken, ob er blieb oder ging und wie sie mit beidem fertig wurden.
Allerdings hatte er ihn in früheren Beziehungen ebenfalls bezahlt. Dem ungeachtet hatte er mit Chase etwas Besonderes, das er nicht kampflos aufgeben würde. Es sei denn, er wollte es. Wirklich und wahrhaftig und gefestigt würde er ihn gehen sehen, und nur auf diese Art.
„Mich halten? Nein, nein. Nie. Ich dachte nur gerade, dass ich daheim nie einen so schönen Regenbogen gesehen habe. Vielleicht liegt es an Ihnen", setzte er nach einem tiefen Atemzug gedämpfter und doch wagemutig hinzu. „Zu zweit sieht man die Dinge anders. Positiver. Selbst die, die auf den ersten Blick hässlich sind."
„Machen Sie das nicht mit mir. Sie bringen einen alten Krüppel in Verlegenheit."
Er tat es tatsächlich, indem er auf das Trauma des Missbrauchs hinwies, das er ohne House nie überwunden hätte, und das war keine Übertreibung. Darauf war er stolzer als auf alles, was er bisher zuwege gebracht hatte.
Trotzdem hatte House mit einer derart unverblümten Romantik aus dem Mund seines üblicherweise schweigsamen Australiers nicht gerechnet. Obwohl er ahnte, dass er tief im Inneren einer war, ein Romantiker. Meist jedoch einer der Taten, nicht der Worte.
„Es stimmt. Es war damals so, und so ist es noch immer. Ich wünschte, Sie hätten mich mitgenommen."
Antworten konnte er jetzt nicht. Stumm vor Verwunderung und emotionalem Chaos hinkte er ein gutes Stück voraus, um Chase sein Gesicht nicht sehen zu lassen. Glücklicherweise begriff er. Vermutlich schämte er sich nun seiner Offenheit. Wozu es keinen Grund gab. Es war nichts Verkehrtes daran gewesen.
Er glaubte, dass er ihn noch nie so häufig zu Tränen gerührt hatte wie in den letzten beiden Tagen. Doch die Schwermut, die er fühlte, überkam ihn des Jungen wegen. Seine eigene hatte nichts damit zu tun. Sie verblasste gegen Chase', der sich seinen Charakter im Gegensatz zu ihm nicht selbst erarbeitet hatte. Ungünstige Einflüsse hatten ihn zu dem gemacht, was er war. Seinetwegen brauchte er nicht viel anders sein. Bis auf das mangelnde Selbstvertrauen war er perfekt.
Um ihn aufholen zu lassen, blieb er stehen und drehte sich um. Zögernd schloss Chase zu ihm auf.
„Es tut mir leid", sagte er kaum vernehmbar. „Ich weiß selber nicht, was mit mir los ist."
„Es ist gut, dass Sie's gesagt haben." Er zog ihn an seine Seite und hielt ihn fest. „Was jetzt? Eis und Kino?"
Sichtlich aufgewühlt, aber mit einem Geräusch, das House derartig erregte, dass er wohl besser Bett und Sex vorgeschlagen hätte, stimmte er zu.
