Titel: Sacred
Autor: Zanna
Disclaimer: siehe Prolog
Beta: Laren 'knuddel'
Kommentar: So, hier schon das nächste Kapitel (weil ja der Prolog wirklich sehr kurz war). Hoffe es gefällt euch ebenso, im Moment bin ich nämlich noch ziemlich auf dem Sacred-Trip, könnte gut sein daß die nächsten Kapitel etwas dichter aufeinander folgen. Jedenfalls viel Spaß damit!
Kapitel 1
Wilbur Moreton, Hofmarschall von Burg Hohenmut betrat den Sitzungssaal des Kronrates und sah sich stirnrunzelnd um. Die meisten Plätze der Ratsmitglieder waren bereits besetzt, und das Gemurmel der mehr oder weniger leise geführten Unterhaltungen der anwesenden Lords und Ladys bildete eine monotone Hintergrundkulisse.
Mit einem raschen Blick durch den Saal erspähte er einen seiner Bekannten und ging direkt auf ihn zu. „Stonewell," begrüßte er den Lord als er an dessen Platz angekommen war mit einem Kopfnicken. „Wisst Ihr was diese Sitzung soll? Wer hat sie einberufen? Das ist alles höchst ungewöhnlich!"
Der mit Stonewell angesprochene Mann hob den Kopf und nickte Wilbur ebenfalls freundlich zu. Beide Männer waren im selben Alter – etwas über 60 – und kannten sich schon beinahe ihr ganzes Leben lang. Und obwohl man nicht sagen konnte dass sie beste Freunde waren, so hatten doch die gemeinsam erlebten Ereignisse und die Tatsache dass sie sich in denselben Kreisen bewegten die beiden Männer eine Kameradschaft entwickeln lassen.
„Soweit ich weiß wurde die Sitzung von Lord Winterberry einberufen," antwortete Stonewell auf Wilburs Frage. „Was jedoch den Grund angeht bin ich genauso ratlos wie Ihr. Ah, da ist Lord Winterberry ja," Stonewell deutete mit dem Kopf in Richtung der Tür des Saals. „Sieht so aus als würden wir unsere Antwort gleich bekommen."
Wilbur drehte sich um, und tatsächlich, Lord Winterberry, ein gutaussehender Mann Mitte 40 hatte soeben den Saal betreten, gefolgt von ein paar weiteren Lords, und steuerte direkt seinen angestammten Platz im Saal an. Wilbur folgte seinem Beispiel und setzte sich ebenfalls.
Lord Winterberry sah sich im Saal um. „Ist jeder der Lords und Ladys anwesend? Ja?" Als keine Verneinung kam, nickte Winterberry einmal. „Gut, dann können wir ja beginnen. Ich habe diese außerplanmäßige Sitzung des Kronrats einberufen weil ich ein sehr ernstes Thema zur Sprache bringen will."
Winterberry sah sich einen Moment lang schweigend im Saal um, dann fuhr er fort, „In den letzten Jahren ist es schon das eine oder andere Mal angesprochen worden, doch niemals eingehend genug das wir zu einem Ergebnis gekommen wären. Es geht um die Thronfolge. Ich bin der Meinung dass es höchste Zeit ist sich diesem Thema ernsthaft zu widmen."
Leises Gemurmel erhob sich im Saal, doch Winterberry erhob die Stimme um über das Geräusch hörbar zu sein. „Jeder der hier Anwesenden hat mit Sicherheit selbst schon darüber nachgedacht, aber es bisher noch nicht gewagt es laut auszusprechen. Aber seien wir ehrlich – die Zukunft unseres Reiches ist mehr als unsicher.
„Unsere Regentin, so sehr wir sie und ihre Weisheit auch wertschätzen, wird nicht ewig leben. Und so sehr es mich auch schmerzt es so brutal auszusprechen, aber sie ist inzwischen über das Alter hinaus in dem sie noch Kinder bekommen könnte. Mal ganz davon abgesehen dass sie sich in all den Jahren niemals einen Gemahl genommen hat. Lords und Ladys, wir stehen vor einem ernsten Problem."
„Winterberry, Ihr könnt der Regentin doch wahrlich nicht vorwerfen dass sie niemals geheiratet hat!" rief Lord Montague, einer der ältesten Lords, aus. „Jeder hier weiß wie tief ihre Gefühle für den verstorbenen Prinzen waren. Ihr wart noch zu jung damals, Winterberry, aber ich hab gesehen was sein Tod dem armen Mädchen angetan hat. Eine Zeit lang hat es so ausgesehen als würde sie sich nie wieder davon erholen." Der alte Mann schüttelte betrübt den Kopf.
„Lord Montague, Ihr versteht mich falsch," erwiderte Winterberry ruhig. „Nichts läge mir ferner als unserer Regentin einen Vorwurf zu machen weil sie ihrer Liebe treu blieb, selbst nach all den Jahren. Selbst wenn es einige gibt die argumentieren dass sie mehr an das Reich denken und einen Gemahl hätte wählen sollen, so gehöre ich nicht dazu, wie Ihr sehr wohl wisst. Aber das ändert nichtsdestotrotz nichts an unserem gegenwärtigen Problem."
Winterberry ließ seinen Blick erneut einen Moment durch den Saal wandern. „Vilya von Mascarell ist eine sehr starke Persönlichkeit, jeder hier kann das bezeugen. Und in den letzten Jahren war es oft nur diese Persönlichkeit die Ancaria zusammen gehalten hat. Doch was geschieht wenn sie einmal nicht mehr hier ist?"
Wilbur runzelte die Stirn und lehnte sich leicht vor. Er konnte den Wahrheitsgehalt von Winterberrys Worten nicht abstreiten, aber dennoch gefiel ihm das hier nicht. „Lord Winterberry, warum habt Ihr die Regentin zu dieser Sitzung nicht eingeladen?" warf er deshalb ein. „Sicherlich ist die Thronfolge doch ein Thema welches sie auch betrifft."
Winterberry wandte sich Wilbur zu. „Nun, dieses Thema ist – nicht leicht und äußerst delikat. Selbst wir haben offensichtlich große Schwierigkeiten es unter uns zu besprechen. Ich dachte die Regentin –" Winterberry zögerte kurz, dann fuhr er fort, „Ich wollte ihr unnötigen Schmerz ersparen."
Wilburs Stirnrunzeln ließ nicht nach. „Ich denke trotzdem dass wir das nicht ohne sie besprechen sollten," sagte er schließlich. Sein Einwurf würde zwar nichts nützen – er war eigentlich nur hier aufgrund seiner Stellung als Hofmarschall. Da er keinen Adelstitel besaß und auch nicht zu den ältesten Familien des Reiches gehörte hätte er andernfalls keinen Zutritt zum Kronrat gehabt. Sein Wort hatte leider nicht allzu viel Einfluss auf all die hohen Herrschaften.
„Ich stimme dem Hofmarschall zu," ertönte auf einmal eine neue Stimme und sämtliche anwesende Lords und Ladys drehten ihre Köpfe der Quelle dieser Stimme zu. „Die Regentin hat ein Recht darauf bei der Bestimmung ihres Nachfolgers mitzureden."
Lord Quatre Winner, das jüngste Mitglied des Kronrates sah ruhig von einem Gesicht der Anwesenden zum anderen. Wilbur nickte dem jungen Mann dankend zu, doch dieser schien das gar nicht wahrzunehmen. Wilbur nahm sich einen Moment den jungen Lord etwas genauer zu betrachten.
Die anderen Ratsmitglieder waren allesamt beträchtlich älter – genauer gesagt war Lord Winterberry mit seinen 44 Jahren Lord Winner altersmäßig noch am nächsten – was daran lag dass jeweils das Familienoberhaupt der höchsten Adelsfamilien einen Sitz im Kronrat innehatte. Lord Winner hatte diese Position aus dem einfach Grund inne, weil er das einzige noch übrige Mitglied seiner Familie war.
Eine ganze Reihe von Jahren hatte es sogar ausgesehen als wäre die Familie Winner bei den Unruhen vor 25 Jahren, als der Verräter DeMordrey nach dem Thron gegriffen hatte, komplett ausgelöscht worden. Als sich die Unruhen gelegt hatten, hatte es kaum eine Adelsfamilie gegeben die keine Verluste zu betrauern hatte. Doch keine Familie hatte es so schwer getroffen wie die Winners. Der Familiensitz war während eines Kampfes vollkommen ausgelöscht worden, und es hatte so ausgesehen als hätte niemand überlebt.
Doch offenbar hatten sie sich geirrt, denn vor nicht ganz zwei Jahren war das nun jüngste Mitglied des Kronrates in Hohenmut aufgetaucht. Die Geschichte die er erzählte klang abenteuerlich und phantastisch zugleich. Offenbar hatte seine Mutter den Angriff überlebt da sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht auf dem Anwesen aufhielt. Sie war im Wald Pilze sammeln gewesen als DeMordreys Truppen mit den Drachenreitern dort vorbeikamen. Als sie zurückkam hatte sie vor den rauchenden Ruinen gestanden.
Aus Angst um ihr Leben war sie geflohen und hatte sich in einem abgelegenen Dorf in den Wäldern versteckt, wo sie Wochen später dann festgestellt hatte, dass sie schwanger war. Und selbst nachdem DeMordrey getötet war und wieder so etwas wie Ruhe ins Reich eingekehrt war hatte die verblichene Lady Winner noch immer die irrationale Angst geplagt sie und ihr Sohn sollten getötet werden. Sie hatte sich in jenem Dorf versteckt bis sie vor zwei Jahren gestorben war. Das war dann der Zeitpunkt gewesen an dem der junge Quatre beschlossen hatte Hohenmut aufzusuchen und seinen angestammten Platz einzunehmen.
Die Geschichte hatte eine Menge Aufsehen erregt hier in Hohenmut, aber so unglaublich sie auch klang, niemand hatte die Identität des jungen Mannes angezweifelt. Die Familienähnlichkeit war einfach zu groß als dass man ihn für einen Betrüger halten konnte. Mit diesen goldblonden Haaren und den aquamarinblauen Augen hätte er sogar das Urbild der Winnerfamilie sein können.
Und so hatte er seinen Platz als das jüngste Mitglied des Kronrates seit über 300 Jahren eingenommen. Und obwohl sein jugendliches Aussehen einem zunächst den Eindruck von Verletzlichkeit und Naivität vermittelte, so waren diejenigen die gedacht hatten den jungen Lord leicht manipulieren zu können sehr schnell eines besseren belehrt worden. Trotz seines Alters von nicht einmal 25 besaß Quatre Winner eine seltsame Art Weisheit die ihm in den letzten zwei Jahren mehr und mehr Respekt verschafft hatte. Wenn der junge Lord Winner etwas sagte, dann hörte man ihm zu.
„Euer Einwand, Lord Winner, und der des Hofmarschalls ist notiert," sagte Lord Winterberry ruhig. „Jedoch halte ich es für angebracht wenn wir jetzt mit unserer Sitzung fortfahren. Die Regentin wird das Protokoll erhalten, und sollte sie dann noch Einwände haben so kann sie eine erneute Sitzung einberufen."
Der Gesichtsausdruck des jungen Lords blieb unlesbar, jedoch gab er mit einem leichten Nicken zu verstehen dass Lord Winterberry fortfahren möge. Wilbur, der noch immer nicht wirklich einverstanden war dass Vilya nicht anwesend war, lehnte sich seufzend zurück. Er würde zwar nicht länger protestieren, jedoch dafür sorgen dass im Protokoll vermerkt wurde wessen Idee es gewesen war die Regentin außen vor zu halten.
„Nun meine Lords und Ladys," wandte Winterberry sich erneut an die Versammlung. „Widmen wir uns nun unserem Problem. Wir brauchen einen Thronfolger."
„Aber wie sollen wir einen Nachfolger wählen?" warf Lord Montmorency ein.
„Im Normalfall wäre dies das älteste Kind des jeweiligen Königs oder Regenten," sagte Stonewell. „Da Vilya von Mascarell jedoch keine Kinder hat müssen wir den nächsten Verwandten wählen."
„Auf diese Art und Weise wurde schließlich auch Vilya die Regentin," nickte Lady Pennington. „Sie hat diese Stellung nicht etwa erhalten weil sie die Verlobte des Prinzen gewesen ist, sondern aufgrund der Tatsache dass sie – nach Prinz Valor – die nächste Verwandte von König Arnum war. Auch wenn diese Verwandtschaft sehr entfernt war. Darum trägt sie auch nur den Titel ‚Regentin'. Hätte sie ein Kind gehabt, so hätte dieses erneut den Titel ‚König' oder ‚Königin' innegehabt. So war es in Ancaria schon immer."
„Dann sind wir also erneut auf der Suche nach einem Regenten," sagte Winterberry. „Lord Montague, Ihr seid von uns allen der Älteste und habt Euch ausgiebig mit Ahnenforschung beschäftigt. Könnt Ihr uns sagen wer Vilyas nächste Verwandte sind?"
Lord Montague rieb sich nachdenklich das Kinn. „Nun, die Königsfamilie war leider noch niemals sonderlich kinderreich. Das hat sich durch viele Generationen hindurchgezogen. Valor war Arnums einziges Kind, genauso wie Arnum zuvor ein Einzelkind war. Und auch Vilyas Familie, die ja entfernt mit dem Thron verwandt ist, hat diese Familieneigenschaft geerbt. Soweit ich weiß gab es auch dort seit Generationen nur Einzelkinder. Unsere Regentin ist die letzte in dieser Reihe. Ich fürchte, wir stehen vor einem Problem. Keine der restlichen adligen Familien ist näher mit dem Thron verwandt als eine andere. Meines Wissens gibt es keinen der die Thronfolge antreten könnte." Montague seufzte tief auf. „Es ist wirklich ein Jammer dass unser Prinz so jung und kinderlos sterben musste."
Einen Moment herrschte tiefes Schweigen, dann erhob sich ein lautes Gemurmel im Saal. Sämtliche Lords und Ladys redeten wild durcheinander. Jeder hatte gewusst dass dies kein leichtes Thema sein würde, doch keiner hatte geahnt – oder wahrhaben wollen – dass es so schlimm war. Ohne eine gesicherte Thronfolge würde bald der nächste Usurpator auftauchen. Das Land würde von einem Bürgerkrieg in den nächsten stürzen – und das zu einem Zeitpunkt wo es sich das nicht leisten konnte.
Wilbur besah sich die Aufregung im Saal leicht schuldbewusst. Er räusperte sich und rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her. Er wusste, er würde eine Entscheidung treffen müssen. Doch es würde mit Sicherheit keine einfache sein. Schließlich stand er vor der Wahl ein Versprechen zu brechen welches er vor über 25 Jahren gegeben und bis jetzt gewahrt hatte – oder zuzulassen dass das Land und all die Menschen die darin lebten erneut vor dem Untergang standen.
„Aber wie sollen wir vorgehen?" rief Lady Pennington. „Wir können doch nicht einfach einen Regenten aus dem Hut ziehen!"
„Vielleicht wenn wir die nächste Regentschaft unter uns ausmachten?" versuchte Lord Montmorency sich Gehör zu verschaffen.
Lord Winner, der – außer Wilbur selbst – als einziger nicht in das Geschrei mit eingestimmt, sondern offenbar Wilbur beobachtet hatte, beugte sich auf einmal leicht vor. „Sir Moreton?" wandte er sich an Wilbur. „Habt Ihr etwas dazu zu sagen?" Obwohl der junge Mann nicht laut gesprochen hatte, war seine Stimme klar und deutlich über das Stimmengewirr zu verstehen und brachte sämtliche Lords und Ladys zum Schweigen.
Wilbur rutschte erneut unruhig auf seinem Stuhl umher. Er mochte es nicht wirklich wenn die gesamte Aufmerksamkeit so auf ihm ruhte wie in diesem Moment. Er würde es niemals zugeben, aber die erwartungsvollen Blicke all dieser Lords und Ladys jagten ihm durchaus etwas Angst ein.
„Der Junge hat Recht," warf Stonewell ein. „Ich kenne Euch nun schon lang genug, und Ihr seht ganz so aus als hättet Ihr etwas zu sagen."
Wilbur seufzte tief. Er hatte sich entschieden was er zu tun hatte – er hoffte nur, sie würde ihm vergeben dass er sein Versprechen gebrochen hatte. „Nun gut," sagte er, richtete sich auf seinem Stuhl auf und blickte ruhig in die Runde. „Es ist... nicht ganz korrekt dass Prinz Valor kinderlos starb."
Das Schweigen dass Wilbur daraufhin entgegenschlug war so absolut dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Jedes einzelne ihm zugewandte Gesicht blickte ihn überrascht an. Wilbur war sich sogar sicher, dass die Lords und Ladys nicht überraschter ausgesehen hätten wenn er sich hier vor allen Augen in einen Ork verwandelt hätte.
„Was meint Ihr damit ‚nicht ganz kinderlos'?" fragte Lord Winterberry schließlich.
Wilbur seufzte tief. „Es fällt mir nicht leicht dies hier zu berichten, denn es bedeutet dass ich ein Versprechen breche welches ich vor langer Zeit einer sehr guten Freundin gab. Jedoch denke ich dass ich keine andere Wahl habe. Ich bitte euch Lords und Ladys jedoch mich meine Geschichte in Ruhe zu Ende erzählen zu lassen bevor Ihr mich befragt. Es ist auch so schon schwer genug."
Lord Winterberry nickte zustimmend, und Wilbur holte tief Luft. „Vor 25 Jahren griff der Verräter DeMordrey zum Thron, und unser Prinz, zusammen mit einer Handvoll von getreuen musste sich wochenlang verstecken bevor er den Verräter stellen und besiegen konnte. Ein Kampf bei dem der Prinz selbst ebenfalls ums Leben kam. Was nicht so viele hier wissen ist die Tatsache dass DeMordrey zu jenem Zeitpunkt unser geringstes Problem war. Der schwarze Magier Shaddar hatte einen Dämon beschworen, welchen er in unsere Welt entließ."
Leise, erstaunte Ausrufe und ungläubiges Kopfschütteln bei den gespannt lauschenden Ratsmitgliedern. „Also das ist der Grund weshalb...!" entschlüpfte es Lady Pennington sogar bevor sie sich wieder fassen und den Rest des Satzes hinunterschlucken konnte. Schließlich hatte der Rat versprochen Wilbur seine Geschichte beenden zu lassen ohne ihn zu unterbrechen.
„Ja genau," ging Wilbur dennoch auf Lady Penningtons Ausruf ein. „Das ist der Grund warum damals von einem Tag auf den anderen die Orks begannen in unser Land vorzudringen. Die Anwesenheit des Dämons bewirkte dass sich die Untoten erhoben und von Süden her begannen unsere Welt zu überrennen. Doch ich hole zu weit aus. Darüber kann ich ein anderes Mal berichten.
„Hier geht es schließlich im Moment um die Thronfolge. Der Prinz hatte damals eine Handvoll Gefährten um sich gescharrt, alles erfahrene Kämpfer von denen jeder etwas besonderes zur Gruppe beitrug. Wir alle haben damals schlimme Zeiten durchgemacht, und ich denke es ist nur zu verständlich dass der Prinz damals Trost fand bei einer der Kämpferinnen mit denen er so viele Tage und Wochen verbrachte."
„Ihr meint also es besteht die Möglichkeit dass der Prinz doch irgendwo ein Kind hat?" fragte Winterberry.
„Aber warum hat die Frau dann all die Jahre geschwiegen?" warf Stonewell ein. „Man sollte doch annehmen dass sie inzwischen vorgetreten wäre und den rechtmäßigen Platz für ihr Kind eingefordert hätte, wenn sie denn tatsächlich eines bekommen hat."
Wilbur zog kurz die Mundwinkel hoch. „Das ist der Punkt wo es kompliziert wird. Um Eure Frage zuerst zu beantworten, Lord Winterberry, es besteht nicht nur die Möglichkeit eines Kindes, ich weiß es mit absoluter Gewissheit. Es gibt ein Kind aus dieser Verbindung. Was jedoch die Mutter angeht..." Wilbur seufzte tief, dann gab er sich einen Ruck. „Sie ist kein Mensch. Die Mutter von Valors Kind ist die Waldelfin Maegalcarwen, die damals Teil der Gruppe war die gegen Shaddar und DeMordrey kämpfte."
Erneut herrschte ungläubige Stille im Raum. Und erneut spiegelten die Gesichter nur Unglauben und Schock wider. Schließlich war es Lord Montague der als erstes die Worte wiederfand. „Nun, das ist immerhin was neues," murmelte der alte Mann. „Wir hatten noch niemals zuvor einen Elf auf dem königlichen Thron von Ancaria."
Das schien den Bann zu brechen und erneut erklang ein lautes Durcheinander an Stimmen.
„Ich erinnere mich an Maegalcarwen," konnte man Lady Pennington hören. „Sie hat mir damals geholfen vor meinem ersten Ehemann zu fliehen. Ein brutaler Mistkerl dem es eine Freude war jeden zu misshandeln der schwächer war als er selbst. Ohne sie wäre ich heute wohl nicht mehr am Leben."
„Wieso hören wir erst jetzt davon?" Montmorency blickte empört in die Runde.
„Sir Moreton," rief Lord Winterberry mit erhobener Stimme. „Seid Ihr Euch absolut sicher?"
Wilbur nickte. „Das bin ich. Maegalcarwen hat mich aus der Gefangenschaft durch die Orks befreit und ich bin einige Tage mit ihr durch das Land gezogen bevor wir uns dem Prinzen angeschlossen haben. In der Zeit sind wir gute Freunde geworden. Außer mir wusste niemand von der Schwangerschaft, nicht einmal der Prinz. Maegalcarwen hat mich gebeten stillschweigen darüber zu bewahren. Sie wollte nicht dass ihr Kind in die politischen Machenschaften der Menschen, wie sie es nannte, verwickelt würde. Und ich habe mein Versprechen bis zum heutigen Tage gehalten. Doch nun," Wilbur seufzte, „nun steht das Wohl unseres Landes auf dem Spiel. Und Maegalcarwens Kind ist inzwischen alt genug um selbst seine Entscheidung zu treffen."
Lord Winterberry nickte nachdenklich. „Nun, das stellt uns vor eine neue Frage. Es gibt zwar einen Thronerben, aber wie Lord Montague eben schon gesagt hat, bisher saß noch niemals jemand anderes als ein Mensch auf dem Thron von Ancaria. Wollen wir die Krone tatsächlich an die Elfen übergeben?"
„Eure Aussage ist nicht ganz korrekt, Lord Winterberry," warf Lord Winner ein. „Wir würden die Krone nicht an die Elfen übergeben. Sondern an Valors Sohn oder Tochter. Das Kind, das immerhin nur ein Halbelf ist. Und es könnte durchaus auch sein, dass es überhaupt kein Interesse am Thron von Ancaria hat."
Der junge Lord sah sich einen Moment lang aufmerksam im Saal um und schien jede einzelne Reaktion der Ratsmitglieder zu registrieren. „Und außerdem könnte es durchaus von Vorteil sein wenn ein Halbelf auf dem Thron sitzt," fügte er schließlich hinzu. „Elfen, selbst Halbelfen haben eine weitaus höhere Lebenserwartung als Menschen. Es würde also eine geraume Zeit vergehen ehe wir uns erneut Sorgen um die Thronfolge machen müssten." Ein geradezu spöttisches Lächeln lag auf dem Gesicht des jungen Lords.
„Das ist kein Thema um Witze darüber zu machen, Lord Winner," erwiderte Lord Winterberry kühl.
„Oh ich scherze durchaus nicht," antwortete Lord Winner ebenso kühl. „Wie auch immer unsere Entscheidung aussehen mag, bevor wir überhaupt weiter diskutieren können sollten wir erst einmal herausfinden ob der potentielle Thronerbe überhaupt Interesse daran hat. Ich schlage vor wir schicken eine Abordnung nach Tyr-Fasul und sprechen mit Maegalcarwen und ihrem Kind."
Wilbur lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Obwohl die Diskussion ob es eine Abordnung geben sollte oder nicht inzwischen auf Hochtouren lief, war Wilbur sich sicher dass genau das geschehen würde. Lord Winner machte ganz den Eindruck als hätte er sich diese Sache in den Kopf gesetzt, und Wilbur hatte in den letzten zwei Jahren festgestellt – wenn der junge Lord Winner sich etwas in den Kopf setzte, so wurde das auch durchgeführt. Egal wie viel Protest es anfangs dagegen auch gab.
Es würde sich also eine Abordnung des Kronrates auf den Weg nach Tyr-Fasul, die Hauptstadt der Waldelfen machen. Und Wilbur hatte die Absicht Teil dieser Abordnung zu sein. Er war es Maegalcarwen schuldig ihr persönlich mitzuteilen dass er sein Versprechen gebrochen hatte. Und er konnte nur hoffen dass er das richtige getan hatte und die Waldelfin ihm vergeben würde.
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Anmerkung: Damit bei denen die das Spiel kennen keine Verwirrung aufkommt: Im Spiel ist Tyr-Fasul der Name der kleinen Ansiedlung im Wald. Da mir kein passender Name für die Hauptstadt der Elfen eingefallen ist, hab ich einfach diesen Namen geklaut. :-) Die Festung im Wald heißt in meiner Geschichte jetzt also anders (falls sie überhaupt erwähnt wird).
