Kapitel 1

Sie fragte sich schon zum hundertsten Male, was sie hier eigentlich tat und schon zum hundertsten Male beantwortete sie ihre Frage selbst.

Einen Weg für die Rettung Englands finden. Mal wieder… Nur diesmal war es anders.

Diesmal saß sie mit einem der Menschen zusammen an einem Tisch, den sie am wenigsten ausstehen konnte – Enrico Maxwell. Oberhaupt der 13 Kongregation Iscariots und Vatikan - Liebling.

Warum er ausgerechnet das Restaurant vor dem Museum gewählt hatte und nicht den üblichen Treffpunkt war ihr schleierhaft. Was hatte dieser Mann vor….

Als habe er ihre Gedanken gelesen räusperte sich ihr Gegenüber und grinste, was mehr einem Zähneblecken gleichkam und die Hellsing Chefin an einen hungrigen Wolf erinnerte.

„Ich dachte mir, liebste Integra, dass dies hier der beste Platz ist. Sie müssen die Spaghetti probieren, sie sind köstlich…"

„Ich bin nicht zum Essen hierher gekommen, Maxwell." Integrals Blick war eisig. „ Das Schicksal Englands steht auf dem Spiel – und Sie reden von Spaghetti!"

„Nun, nun…" Maxwell hob beruhigend die Hände. „Ich wollte nur ein wenig Konversation betreiben – oder wie es die Jugend von heute gerne nennt „small – talk". Meine Absicht war nicht Euch zu beleidigen, ehrenwerte Integra…"

„Wenn wir in diesem Tempo weiter machen gibt es bald keine Jugend mehr, die „small – talk" betreiben könnte!", zischte diese und musste, bei seinen nächsten Worten hart um ihre Selbstbeherrschung kämpfen.

„Ach… Ich glaube Sie haben recht… So ein Jammer…" Das Iscariot Oberhaupt ließ ein Hauch Mitleid in seine Stimme fließen. „Zu schade…"

Dieser Mann trieb sie noch einmal in den Wahnsinn.

Lasst Euch nicht reizen, Meister. Obwohl ich Eure Arten Maxwell zu töten natürlich äußerst verlockend finde. Bevorzugen würde ich…

Verschwinde aus meinen Gedanken, Alucard. Sofort!

Das letzte was sie jetzt brauchte war ein Vampir, der sich über sie lustig machte.

Sehr wohl, Meister…

Ihr war die Ironie in seiner Stimme nicht entgangen, doch im Moment hatte sie wichtigeres zu tun.

Nämlich einen selbstverliebten Menschenverächter davon zu überzeugen, dass in der jetzigen Lage eine Zusammenarbeit für beide Organisationen von Vorteil wäre…

Und da lag das Problem…

„Wenn Ihnen schon nichts an der Jugend liegt, dann doch sicher an Ihrem Leben. Wenn diese Allianz erst einmal England unter ihre Kontrolle bekommt, dann sind Sie und ich ihre Primärziele. Also, helfen Sie nun, oder wollen Sie weiter tatenlos herumsitzen und Spaghetti in sich hineinstopfen!"

Sie hasste sich. Sie hatte sich abgrundtief. Es hatte geklungen wie eine Bitte, ein Flehen… Das was sie absolut und um jeden Preis hatte verhindern wollen, war eingetreten. Er saß am längeren Hebel…

Enrico Maxwell schwieg.

„Die Allianz zwischen Werwölfen und Vampiren ist eine ernstzunehmende Gefahr. Vor allem in Anbetracht ihrer Führer. Wir brauchen alle erdenklich Mittel, die wir kriegen können. Alle!"

Immer noch schwieg Maxwell. Er sah sie zwar an, doch schien sein Blick durch sie hindurch zu gehen. Was sollte sie noch tun, ihm die Schuhe putzen? Vor ihm auf die Knie fallen und betteln? Niemals.

Integral glaubte schon er würde gar nicht mehr antworten und erhob sich.

Vielleicht hatte sie zu schnell geredet und die Flut der Informationen war in seinem Spatzenhirn einfach nicht verarbeitet worden.

Vor ihrem inneren Auge sah sie ein rotes „out of order" Schild über seinem Kopf schweben und wandte sich ab. Teils um ein kleines Grinsen zu verbergen, teils aus der Erwartung heraus keine Antwort mehr von ihrem Widersacher zu bekommen.

„Ich habe mich entschieden." Hielt sie seine Stimme plötzlich zurück. Er machte eine kurze Pause, die wohl der Dramatik dienen sollte und fuhr ärgerlich fort, als sie keine Anstalten machte, sich herumzudrehen:

„ Ich werde Ihnen meinen besten Mann schicken. Alexander Andersen. Ich denke, Sie kennen ihn...?"

„Wenn Sie ihren Schoßhund meinen…"

„Ich redete nicht von Alucard."

Integrals Augen verengten sich zu Schlitzen. Wie konnte er es wagen… Sie Widerstand dem Drang herumzufahren und Maxwell an die Kehle zu gehen. Stattdessen hob sie kurz die Hand.

„Er wird erwartet werden."

„Ach, da wäre noch etwas. Ich will über alle Vorkommnisse in Kenntnis gesetzt werden! Ist das klar?"

„Macht das nicht Ihr Priester für Sie?" Meinte sie und verließ das Restaurant.

„Ich will es von dir hören, liebste Integra", murmelte Enrico leise und gab einem der Ober ein Zeichen.

„Du sollst vor mir kriechen…"

Ohne auf die Bilder in der Eingangshalle zu achten verließ Integral Wingates Hellsing, führender Kopf der Hellsing Organisation, das Museum.

Auf der breiten Freitreppe blieb sie stehen und atmete tief durch.

Die letzten Strahlen der Sonne tauchten den Himmel in ein warmes orangerot. Irgendwie beruhigend, ohne dass sie wusste warum.

Es war besser gelaufen, als sie erwartet hatte.

Ich denke ich kann euch jetzt allein lassen, Meister, unterbrach eine dunkle Stimme ihre Gedanken.

Integral machte sich nicht die Mühe darauf zu antworten. Es war ohnehin keine Frage gewesen und Alucard selbst schon längst nicht mehr in ihrer Nähe.

Langsam ging sie die Stufen hinab und hielt auf den weißen Rolls Royce zu, der ein kleines Stück entfernt, auf dem Kreisrunden Parkplatz stand.

Kaum hatte sie sich dem Wagen genährt, öffnete sich auch schon die Fahrertür und Walter C. Dolneaz, langjähriger Butler des Hauses Hellsing und väterlicher Freund Integrals stieg aus.

Elegant umrundete er den Rolls und öffnete seiner Chefin die hintere Tür.

Ohne etwas zu sagen schloss er diese wieder, nach dem Integral Platz genommen hatte und setzte sich hinter das Steuer des Automobiles.

„Wie ist es gelaufen?" Fragte er, nachdem er den Wagen vom Parkplatz und auf die Straße gelenkt hatte.

„Wir bekommen Unterstützung. Andersen wird uns einen längeren Besuch abstatten…"

Was ?" Walter starrte ungläubig in den Rückspiegel. „Ist das Euer Ernst Intgra? Mit Verlaub aber habt Ihr Euch das überlegt? Alucard und Andersen unter einem Dach?"

„Beide müssen sich eben zusammenreißen…"

Walter schnaubte. „Erzählen Sie das nicht mir, sondern den Beiden..."