2. Am seidenen Faden

Sie schloss mit einem ungesagten Zauber die Vorhänge um das Bett ihres Patienten, während sie den Umhang von seinem leblosen Körper löste, anschließend vorsichtig das Hemd aufknöpfte und ihm ebenfalls auszog. In ihrer Ausbildung hatte sie gelernt mehrere Dinge gleichzeitig oder in schneller Abfolge zu tun.
Madam Pomfrey besah sich den Jungen und erschrak. Über seinen Oberkörper, von der linken Schulterpartie bis zur untersten rechten Rippe war ein Schnitt, aus dem stetig Blut floss.

Sie hatte an dieser Schule schon viel gesehen. Sich streitende und gegenseitig verfluchende Schüler waren an der Tagesordnung. Aber dieses Jahr übertrafen sich die Schüler wahrlich. Erst Katie Bell, die dank Professor Snape zwar nicht gestorben war, aber dafür lange im St. Mungo-Hospital bleiben musste und nun ein schwer verletzter Draco Malfoy, den es zu retten hieß.

Endlich kam Holly mit der Wundessenz und diversen Heiltüchern. Die junge Assistentin war erst vier Monate hier. Sie gehörte zu den besten Absolventen unter den Heilerauszubildenden und wollte unbedingt ihren Assistenz-Dienst in Hogwarts absolvieren, wofür Madam Pomfrey in dieser Situation sehr dankbar war.

"Der Schüler heißt Draco Malfoy, Haus Slytherin. Sieh in der Akte nach seiner Blutgruppe und bring dann den passenden Blutbildungstrank her!", sprach die Schulkrankenschwester zu der jungen Frau.
Sie selbst tränkte die Tücher mit der Wundessenz und versuchte mit der linken Hand das Blut zu entfernen, während sie mit dem Zauberstab in ihrer rechten Hand einen Diagnosezauber sprach.

Der Schnitt war, Merlin sei Dank, nicht besonders tief. Jedoch hörte er nicht auf zu bluten, was der Schulheilerin große Sorgen machte. Sie versuchte mehrere Sprüche um die große Wunde zu schließen, vergeblich. Da wusste sie, dass der Fluch, welcher den Schüler getroffen hatte, schwarzmagisch war. Als Holly mit dem passenden Trank kam, Draco hatte Blutgruppe 1 4 wie fast alle Reinblüter, nahm die Heilerin ihr diesen ab und schickte sie los um Professor Snape zu holen.

Die Assistentin verlor keine Zeit und war in der nächsten Sekunde auch schon zur Tür raus. Madam Pomfrey schnappte sich die Phiole vom Blutbildungstrank und flößte diesen dem noch immer bewusstlosen Draco ein. Mit einem speziellen Massagegriff an seiner Kehle animierte sie ihn zum Schlucken. Zum Glück hatte sie diesen kleinen Trick schon vor vielen Jahren von ihrem Ausbilder gelernt. Anschließend versuchte sie mit den Heiltüchern die Wunde abzudrücken um zu verhindern, dass er allzu viel Blut verlor.
Sie hatte es aufgegeben den Schnitt magisch verschließen zu wollen. Sie konnte es nicht, da ihr der passende Zauber für diese Art von Verletzung nicht geläufig war. Deshalb hoffte sie inständig, dass Professor Snape, der sich viel besser mit schwarzmagischen Flüchen auskannte als sie, dem Jungen würde helfen können.

Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, betrat Holly mit einem sehr angespannt aussehenden Professor Snape die Krankenstation.
"Hier ist er Professor", sagte die junge Heiler-Assistentin und zeigte auf das Bett hinter dem Vorhang.
Snape nickte nur grimmig, schaute kurz zu dem immer noch am Boden kauernden Harry und trat schließlich an den Patienten heran. Stumm stieß er Madam Pomfreys Hände beiseite und entfernte die Tücher. Mit einer fließenden Bewegung zückte er seinen Zauberstab und fuhr damit über den langen Schnitt auf Dracos Oberkörper. Sein Murmeln, was sich eher wie Gesang anhörte, hallte an den Wänden des Krankenflügels wieder. Madam Pomfrey sah seinem Tun gespannt zu und atmete erleichtert auf, als sich die Wunde tatsächlich zu schließen begann.

Als kein Blut mehr floss, nahm sie ein frisches Heiltuch zur Hand, tauchte es in die Wundessenz ein und legte es über den gesamten Bereich der Wunde, ehe sie Dracos Oberkörper verband.

"Das wird nicht viel bringen, Poppy. Eine Narbe wird er zurückbehalten.", sagte Snape ruhig.
Mit einem Schwenk reinigte die Heilerin das Bettzeug vom Blut und erwiderte: "Ich bin schon froh, wenn der Junge wieder aufwacht, Severus. Die Narbe ist eher meine geringste Sorge."
"Hast du ihm schon einen Blutbildungstrank gegeben?"
"Aber natürlich!"
"Gib ihm noch einen."

Die Heilerin verschwand mit den schmutzigen Tüchern, Dracos Hemd und dem Umhang in einen anliegenden Raum und kam mit einer weiteren Phiole des Blutstärkungstrankes für die Blutgruppe 14 wieder. Snape hatte den Patienten inzwischen zugedeckt. Nachdem Madam Pomfrey ihm den Trank verabreicht hatte, konnte man beobachten wie Draco langsam wieder Farbe bekam. Natürlich, er war von Natur aus sehr blass, aber so weiß wie er war als Harry ihn hergebracht hatte, war er noch nie gewesen.

"Er wird bestimmt bis Morgen früh nicht aufwachen. Jetzt können wir nur warten und hoffen, dass er sich wieder vollständig erholt", seufzte die Heilerin und richtete das Wort erneut an den Professor.
"Danke, dass du so schnell gekommen bist. Ich wusste wirklich nicht, wie ich die Blutung hätte stoppen sollen."
"Das war keine Kunst. Mehrere Schüler sagten, dass sie Potter mit Malfoy auf dem Arm rennen gesehen haben. Dann musste ich nur noch der Blutspur folgen. Auf dem Gang kam mir deine Assistentin dann schon entgegen."

Ein paar Sekunden war es still, in denen die beiden nachdenklich auf den bewusstlosen Draco schauten. Plötzlich hob Snape seinen Kopf, seine Augen blitzten gefährlich und er rief: "Apropos Potter!"

Er machte kehrt, trat hinter den Vorhang und sah an der Wand einen verstörten und immer noch schluchzenden Harry kauern, den allerdings Holly versuchte zu beruhigen. Doch so richtig drang sie zu dem Jungen nicht durch. Er stand ohne Zweifel unter Schock. Das schien Snape aber nicht weiter zu berühren. Energisch stieß er die Assistentin beiseite, hockte sich vor den Gryffindor, packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn kräftig.

Mit drohendem Tonfall redete er auf den völlig erschrocken dreinblickenden Harry ein: "Was bei Merlins linkem Gehänge, Potter, hast du dir dabei gedacht?! Du törichtes, unausstehliches Balg! Bist du denn von allen guten..."
"SEVERUS!", ging Madam Pomfrey dazwischen. "Lass den Jungen! Du siehst doch dass er völlig neben sich steht!"

"Iii-ch...iich... woll...wollte...nicht...Draco!", stotterte Harry.
Doch Holly strich ihm beruhigend über den Rücken. "Komm hoch Harry. Draco wird schon wieder. Möchtest du dich zu ihm setzen?"
Der junge Zauberer nickte nur abwesend und ließ sich von der Heiler-Assistentin auf einen Stuhl bugsieren, den sie neben Dracos Bett heraufbeschworen hatte.

Madam Pomfrey redete währenddessen auf Snape ein. "Severus, wenn du den Jungen noch mal so angehst, dann verweis ich dich der Krankenstation! Haben wir uns verstanden?"
"Poppy du verstehst das nicht! Du hast keine Ahnung was Potter da angerichtet hat!", erwiderte Snape.
"Ich weiß nur, dass er einen schwer verletzten Schüler hierher gebracht hat und selbst völlig durch den Kessel ist. Du wirst ihn sich beruhigen lassen, bevor du wieder mit ihm sprichst. Ist das jetzt klar?!" Die Worte der Schulheilerin klangen ernst. Sehr ernst sogar.
"Ist ja gut!", zischte Snape. Er war immer noch aufgebracht, musste sich aber unter Kontrolle halten.

Er beschwor für sich einen weiteren Stuhl herauf und nahm ebenfalls am Krankenbett Platz, direkt gegenüber von Harry, der Draco mit völlig leeren Augen anstarrte.

Snape verschränkte die Arme und blickte ihn still und mit erzürntem Gesichtsausdruck an. Er machte sich nicht die Mühe seine Emotionen zu verbergen, denn in seinem Kopf rumorte es gewaltig.