Trennung (Separation)
Kapitel 2
Sonic drehte sich um und Schloss hinter sich die Tür zur Außenwelt. Sein Haus war nun unheimlich still geworden und man konnte lediglich noch den Feierabendlichen Verkehr von draußen von der Straße hören. Noch immer flossen Tränen über das Gesicht des Hedgehogs. Er vermisste Tails schon jetzt und dabei war er gerade Mal … 5 Minuten weg?
Sonic ging zu seinem alten, löchrigen Sofa, das an diversen Stellen Flecken von Essensresten aufwies, und setzte sich nieder. Seinen Kopf mit den Händen abstützend saß er da und schluchzte vor sich hin, wobei die Zeit wie eine Ewigkeit verstrich. Er fühlte sich egoistisch. Tails sollte nun endlich die Fürsorge bekommen die er brauchte, die Fürsorge die er VERDIENTE von ihn liebenden Eltern, während Sonic nur Trübsal blies und sich wünschte dass der junge Fuchs noch immer bei ihm wäre.
Er saß ewig lange einfach nur da und war mit seinen Gedanken bei Tails. Gedanklich zurück an dem Tag, an dem er ihn während eines Spazier-Laufens als kleinen Waisenjungen im riesigen, offenen Wald gefunden hatte. Er dachte an die Weihnachtsabende, Geburtstage, Verschneite Winter, Tage an denen sie krank waren. Und der Gedanke daran, dass er mit dem jungen Fuchs fortan keine Erinnerungen mehr teilen können würde, war eine viel zu große Entbehrung.
Sonic hasste es, es zugeben zu müssen, doch Tails war Alles was er hatte. Sonic verlor seine Eltern bereits in jungen Jahren und in der Nacht in der er Tails fand hatte er endlich wieder eine Familie. Er war nicht länger auf sich alleine gestellt, und das bedeutete die Welt für Sonic.
Was sollte er nun tun? Er wusste nicht wie er die neue Routine in seinem Leben strukturieren sollte. Klar könnte er rausgehen und seine täglichen Läufe absolvieren. Doch wenn er dann in sein leeres Haus zurück kehren würde, mit Niemandem mit dem man die Zeit verbringen könnte, Niemandem mit dem man reden könnte …
Dem Hedgehog überkam die blanke Wut. Er drehte sich um, packte sich die nächstbeste Vase, warf sie mit voller Wucht gegen die nächste Wand und schaute zu wie sie in Millionen von Scherben zerschmettert wurde.
„ARGHHH. ICH HASSE ES! DAS IST NICHT FAIR!" Schrie Sonic und konnte nicht aufhören zu weinen.
…
Tails war erst sein wenigen Stunden in seinem neuen Zuhause. Er war völlig baff darüber, wie groß die Villa mit ihren 10 Schlafzimmern war, wo sie doch nur zu dritt hier wohnten. Er fragte sich wie sie sich solch ein riesiges Haus leisten konnten. Wo er mit Sonic gewohnt hatte gab's nur 2 Schlafzimmer und der Wohnraum war winzig.
Seine Eltern hatten ihn Alleine und Zeit gelassen, damit er in Ruhe auspacken und sein neues Schlafzimmer beziehen konnte. Das Zimmer hatte blau gestrichene Wände, einen Laminierten Fußboden, ein Etagenbett und in allen Ecken verstreute Spielsachen. Das war die angekündigte Überraschung für Tails, der rundum mit Allem verwöhnt wurde. Sonic konnte es sich nie leisten ihm viel zu kaufen, doch er tat was er konnte und Tails hatte immer Verständnis dafür.
Er packte seine Koffer aus und legte die Spielsachen die er von Sonic bekam separat von denen, die ihm seine neuen Eltern gegeben hatten. Er hatte mehrere gerahmte Bilder von sich und Sonic, die er überall im Raum verteilen wollte und hing einige davon an die Wand (An einigen Stellen waren bereits Nägel vorzufinden). Tails kam sich vor als würde er in einem Palast wohnen, und wünschte sich nur noch Sonic könnte das sehen …
Er vermisste den Hedgehog bereits inniglich, freute sich jedoch schon auf einen neuen Start.
„Tails, der Tee ist fertig!" Rief seine Mutter nach oben.
„Okay Mum, ich komme!" Antwortete er.
Seufzend stellte Tails das Auszupacken ein und verließ den Raum. Er ging den langen Flur entlang, eilte die riesige Treppe hinab und kam schließlich in der Küche an. Der lange Weg bis hier her schien Minuten in Anspruch genommen zu haben.
„Hallo Liebling. Ich habe dir dein Lieblingsessen gekocht. Sonic hatte erwähnt was Du magst und was nicht und mir dabei erzählt, dass du Chillidogs mit Extra viel Käse liebst." Erzählte Gracie ihrem neugewonnenem Sohn.
„Klasse!" sagte Tails erfreut, als er an der 12 Personen Tafel Platz nahm. Seine Eltern setzten sich auf die Plätze gegenüber von ihm und hatten Käseüberbackende Pellkartoffeln zum Essen.
„Dann erzähl mal, wie gefällt die dein neues Zimmer?" Fragte Robert.
„Es ist wirklich toll. Um einiges größer als das dass ich bei Sonic hatte! Ich war gerade noch dabei meine Sachen auszupacken. Ich liebe auch die vielen tollen Geschenke, vielen Dank dafür." Lächelte Tails.
„Aw, das freut mich das du so zufrieden bist. Ich hatte mir erst Sorgen gemacht weil ich nicht sicher war was dir gefallen würde." Sagte Gracie.
„Hey das ist schon in Ordnung. Das werdet ihr noch früh genug herausfinden."
„Ich hatte mir überlegt wie es dir wohl gefallen würde, wenn wir Morgen zum hiesigen Freizeitpark gehen würden. Die haben echt die coolsten Bahnen! Was meinst Du Tails?" Fragte seine Mutter.
„ECHT?! Das wäre so was von toll! Ich liebe Freizeitparks!"
„Dann soll's also der Freizeitpark sein!"
Nach dem Essen nahmen sie noch einen Tee zu sich.
„Die Chillidogs waren echt lecker. Danke Mum, Dad!"
„Freut mich dass sie dir geschmeckt haben." Sagte Robert
„Und ich habe dir einen ganz tollen Nachtisch gezaubert. Vanilleeis mit Sprühsahne- Häubchen!" Sagte Gracie stolz.
„Oh wow. Du bist die Beste! Danke schön!" Jubelte Tails.
„Nur das Beste für meinen Sohn." Fügte sie noch hinzu.
…
Es war halb 11 und Schlafenszeit für Tails. Seine erste Nacht in seinem neuen Schlafzimmer. Er war aufgeregt und nervös zugleich.
„Gute Nacht Mum." Sagte Tails
„Gute Nacht mein Schatz und süße Träume." Sie umarmte den kleinen Fuchs ganz fest, gab ihn einen Kuss auf die Wange und löste die Umarmung wieder.
„Nacht Dad!"
„Nacht Tails." Erwiderte sein Vater und nahm ihn ebenfalls kurz in den Arm.
Gleich darauf verließ Tails das Wohnzimmer, in dem sie zusammen den Abend mit Fernsehschauen verbracht hatten, und machte sich auf den Weg zum oberen Stockwerk zurück in sein Zimmer.
Er schlief mit einem kleinen Nachtlicht an seiner Seite. Tails hatte schon immer Angst im Dunkeln. Er glaubt dass er diese Angst als Baby entwickelt hatte, als er alleine im dunklen, offenen Wald zurückgelassen wurde. Sein Nachtlicht hatte er seither immer bei Sich.
Tails kuschelte sich ins untere Etagenbett während seine Gedanken Achterbahn fuhren. Er war sich ziemlich sicher dass er in dieser Nacht nicht allzu viel Schlaf bekommen würde.
Der Tag war seiner Meinung nach eigentlich ganz gut verlaufen. Er hatte eine schöne Zeit mit seiner Adoptionseltern verbracht, sie schon etwas besser kennen gelernt und sich mit ihnen bereits über seine Vorlieben, Abneigungen und Phobien unterhalten, damit sie ihn noch besser kennen lernen konnten. Das Pärchen machte einen liebevollen und fürsorglichen Eindruck.
Gleich darauf kam ihm auch Sonic wieder in den Sinn. Er wünschte sich so sehr dass der Hedgehog nun bei ihm sein und ihn trösten könnte. Tails machte sich Gedanken darüber ob er alleine klar würde, als ihm in diesem Moment wieder Schuldgefühlen plagten, wenn auch nur ein klein wenig. Er meinte dass es sicherlich eine gute Idee wäre Sonic Morgen mal anzurufen. Nur um nachfragen zu können ob alles in Ordnung war und um ihm von seinen Eindrücken zu erzählen.
Doch zuerst wollte Tails nur noch die Augen schließen und versuchen zu schlafen, da der Morgige Tag aufregend zu werden versprach. Tails liebte Freizeitparks, die er bisher nur zwei Mal in seinem Leben besucht hatte. Einmal an seinem 6-ten Geburtstag und das andere Mal während des Sommers zusammen mit Sonic. Er konnte es kaum erwarten wieder dort hin zu gehen.
Mit diesen Gedanken verfiel Tails in einen tiefen Schlaf.
…
Es war bereits Nachmittag des nächsten Tages. Sonic hatte die ganze Nacht über keinen Schlaf gefunden und hatte deutliche Ringe unter den Augen gebildet. Er hatte den Abend zuvor keinen einzigen Tee mehr getrunken und das einzige was er seit Tails Abreise zu sich genommen hatte war ein halbes Sandwich an dem er lediglich etwas herum geknabbert hatte.
Er verbrachte den Tag in der Wohnung, starrte mit leerem Blick auf den Fernseher und nahm nicht wirklich von irgendwas Notiz. Seine Gedanken waren einzig und alleine auf eines Fokussiert – Tails. Seinen kleinen Bruder … den er sich so sehr zurück wünschte. Den er einfach nur wiedersehen wollte. Er begann sich Gedanken darüber zu machen, wie er das Alles auf Dauer bewältigen sollte, wo doch bisher gerade mal ein Tag vergangen war.
Sonic wollte Tails anrufen, konnten den Drang jedoch unterdrücken um Tails etwas Zeit zur Eingewöhnung zu geben und sich nicht dabei einzumischen. Aber er nahm es sich für den Morgigen Tag fest vor. Er dachte, dass Tails sich vielleicht freuen würde von ihm zu hören, während Sonic selbst schon sehr gespannt darauf war wies Tails so ging.
…
Es war halb 7 am darauffolgenden Abend und Sonic hatte die meiste Zeit des Tages in Tails Schlafzimmer verbracht. Er hatte das Bett, den Kleiderschrank, die Kommode, den Fernseher und alles andere im Zimmer so belassen wie es war, nur um sich die Illusion aufrecht zu erhalten, dass Tails noch bei ihm leben und schon Bald aus dem Urlaub zurückkommen würde. Er fühlte sich wohl wenn er in seinem Zimmer saß. Es gab ihm das Gefühl dass Tails noch immer bei ihm wäre.
Er hatte seinen Tag damit verbracht alte Fotoalben hervorzukramen. Er saß auf Tails Bett und blätterte in den Erinnerungen. Dabei empfand er eine Gefühlsmischung aus Traurigkeit und Freude. Freude über all die schönen, gemeinsamen Augenblicke die sie zusammen schon erlebt hatten und letztendlich Traurigkeit darüber, dass es fortan keine weiteren mehr geben würde….
Sonic begann sich unwohl zu fühlen. Es waren jetzt erst wenige Tage vergangen und er hatte bereits angefangen abzunehmen, weil er sich Essen nicht einmal mehr nähern konnte. Normalerweise liebte Sonic gutes Essen, doch im Augenblick löste schon der reine Gedanke ans Runterschlucken Würgereize bei ihm aus.
Die Tür zu Tails Schlafzimmer hinter sich schließend, ging Sonic die Treppe hinunter zum Wohnzimmer und blieb vor dem Telefon stehen. Dort verweilte er gut 10 Minuten und grübelte eingeschüchtert darüber nach was er sagen sollte. Er dachte es wäre das Beste er würde ihn nur fragen ob er sich schon eingelebt hätte, und keinesfalls erwähnen wie aufgewühlt er durch seine Abwesenheit war. Er wollte es Tails nicht vermiesen.
Den Hörer in der Hand wählte Sonic nervös Tails Nummer. Seine Hände zitterten während des Vorgangs. Es klingelte mehrmals bis der Anruf am anderen Ende entgegen genommen wurde.
„Hallo?"
„Tails, Kumpel!"
„Sonic! Oh Junge freu ich mich von Dir zu hören!"
„Wie geht's Dir Bruderherz?"
„Mir geht's richtig gut! Meine Eltern sind voll lieb. Du müsstest mal mein Zimmer sehen – das ist RIESIG!"
„Hehehe, Klasse! Freut mich dass das es Dir so gut geht. Ich wollte schon früher angerufen haben, aber ich dachte ich lass dir erstmal Zeit dich einzuleben."
„Das ist schon in Ordnung. Oh, ich hab ganz vergessen von den vielen Geschenken zu erzählen die ich bei meiner Ankunft bekommen hab. Ich hab ein Duzend neuer Spielzeuge bekommen!"
„Das ist Mega cool!"
„Nicht wahr?! Meine Eltern waren Gestern mit mir im Freizeitpark und das war einfach unglaublich toll! Das hatte mich daran erinnert, wie wir das letzte Mal da waren."
„Oh ja, das war schon ein schöner Tag damals, oder?!"
„Und ob es das war! Wie geht's dir eigentlich?"
„Mir geht's ganz gut, Danke. Wie immer halt."
„Das freut mich Sonic. Ich vermiss dich, weißt Du?!"
„Ich vermiss dich auch…"
„Sonic, ich muss auflegen. Mein Dad ruft mich wegen irgendwas. Es war schön mal wieder von dir zu hören. Halt mich auf dem Laufenden, okay?"
„Das mach ich. Wir sehen uns!"
„Machs Gut Sonic!"
„Machs gut!"
Womit beide schließlich auflegten.
Nachdem er wieder die Stimme seines kleinen Bruders vernehmen konnte ging es Sonic wesentlich besser. Es nahm ihm augenblicklich alle seine Schmerzen. Er war kurz davor noch etwas weiter zu gehen und nach einem Treffen fragen, dann jedoch wieder der Meinung dass es dazu noch zu früh wäre und er es erstmal bei Telefonaten belassen sollte.
Er war glücklich, zugleich jedoch auch ziemlich wütend und verärgert. Tails schien glücklich zu sein, sehr glücklich sogar. Es schien als hätte er sein neues Zuhause längst akzeptiert und sich eingelebt. Sonic hatte sich falsche Hoffnungen gemacht. Verdammt, er hatte so sehr gehofft dass Tails es nicht mögen würde, unglücklich wäre … denn so sehr Sonic es auch hasste es zuzugeben, so sehr hatte er es erwartet dass Tails zu ihm zurück kommen würde. Er hatte gehofft und gebetet dass er Heimweh bekommen und zurück nach Hause kommen würde. Sonic wollte ihn zurück …
Der Anruf war der letzte Strohalm …
Tails war glücklich in seinem neuen Zuhause.
