Auf dem Morddezernat des 12. Reviers war immer viel los, Detectives und Officers gleichermaßen begrüßten Castle, als er aus dem Aufzug trat und kehrten dann wieder zu ihren leisen Unterhaltungen zurück. Die Neuigkeiten, daß das Opfer mit ihm in Verbindung stand, hatten sich schnell ausgebreitet. Alle mochten Alexis im Morddezernat und viele sprachen Castle ihr Beileid aus, mit der Bitte, die Wünsche an seine Tochter weiterzugeben.
Er erblickte Kate sofort. Sie stand am Board, an dem bereits das Foto von Paige aus der Fahrerdatenbank hing, eine fast leere Zeitlinie darunter. Im Moment war die einzige Information der Zeitpunkt des Todes; die Nachbarin wusste die genaue Zeit, zu der sie heimgekommen war nicht, aber es war kurz nach neun Uhr morgens.
Kate drehte sich um, als er auf sie zukam und nahm seine Hand, zog ihn mit sich in ihr Büro. „Es tut mir so leid", sagte sie, schloss die Türe und wandte sich im zu um ihre Arme um seinen Hals zu legen. „Hast du schon mit Alexis reden können?"
Castle seufzte, drückte sein Gesicht an den Hals seiner Frau. Seine Gedanken kreisten ununterbrochen um den Fall auf der Fahrt von Paiges Wohnung zum Revier, aber das Gefühl von Kates Umarmung und der unterschwellige Geruch ihres Kirsch-Shampoos beruhigten ihn, ließen seine Gedanken sich ein wenig beruhigen. „Nein, sie ist nicht rangegangen. Sie ist wahrscheinlich gerade im Unterricht."
Kate küsste die Seite seines Halses und zog ihren Kopf ein wenig zurück, während ihre Finger durch die Haare an seinem Nacken fuhren. „Ist bei dir alles ok?"
Er zog eine Schulter hoch. „Das wird es sein, wenn wir den schuldigen Bastard finden."
„Was das angeht..." seufzte Kate, führte ihn zu ihrer Couch, damit er sich setzen konnte und ließ seine Finger zwischen die ihren gleiten, als sie sich neben ihm niederließ. „Ich weiß, wie du reagieren wirst, aber ich muss das sagen. Du solltest nicht an dem Fall mitarbeiten, Rick. Du bist zu-"
„Nah' dran?", unterbrach Castle. Er hatte erwartet, daß sie das sagt. „Den Teufel werd ich tun und nicht an dem Fall mitarbeiten. Ich habe Paige gekannt seit sie ein kleines Mädchen war. Sie ist die beste Freundin von Alexis. War", korrigierte er sich selbst. „Ich werde mitarbeiten, Kate. Gerade du solltest das verstehen."
Kate nickte und ließ ihre Augen auf ihrer beiden Hände, die zusammengefaltet in ihrem Schoß lagen, fallen. „Ich weiß, es tut mir leid, ich musste das sagen." Sie ließ seine Hand los und fuhr sachte mit ihren Fingerspitzen an seinem Kiefer entlang. „Was auch immer du brauchst, ok?"
Castle lächelte sie an. Er lehnte sich vor, um ihre Lippen zu berühren, holte sich von der leichten Berührung noch mehr Sicherheit. „Danke. Ich liebe dich, Kate."
„Ich liebe dich auch. Halt mich auf dem Laufenden, ok? Ich werde helfen, wie und wo immer ich kann. Und Rick", fügte sie hinzu während er aufstand, „sei vorsichtig."
„Ja, wenn Sie es gleich rüberschicken könnten. Danke." Ryan legte gerade den Hörer auf als Castle aus Becketts Büro heraus kam und sich am Mordfallbrett zu ihm gesellte. „Ich hab' gerade mit der Columbia telefoniert. Sie mailen ihren Stundenplan gleich her. Anscheinend war sie Assistentin für einen ihrer Professoren. Espo redet gerade mit ihm."
Castle nahm einen Marker von Ryans Schreibtisch und fügte die Infos, die er kannte, dem Board hinzu. Er hatte Paige seit einigen Monaten nicht gesehen, also müsste er ein paar Infos von Alexis und den Eltern von Paige erfragen.
Oh, ihre Eltern.
„Wurde ihre Familie schon benachrichtigt?", fragte er.
Ryan deutete mit dem Kopf auf Becketts geschlossene Tür. „Beckett versucht sie zu erreichen. Sie sind anscheinend außer Landes." Er unterbrach sich kurz. „Alles klar, Castle?"
„Ja." Nachdem er fertig war, das Hauptfach von Paige an die Tafel zu schreiben, drehte er sich zu Ryan um, dessen Augenbrauen voller Sorge zusammengezogen waren. „Ich werde mich besser fühlen, sobald wir das hier aufgeklärt haben."
Esposito legte den Hörer auf und stand auf, schnappte seine Jacke und seinen Notizblock. „Das war der Professor. Ihm fiel niemand ein, mit dem Paige ein Problem gehabt haben könnte, außer einer Person, die wegen einer schlechten Note ziemlich aufgebracht war."
Ryan zuckte mit den Schultern. „Studenten sind doch ständig wegen schlechter Noten wütend, vor allem an Elite-Unis. Was ist in diesem Fall so besonders?"
Esposito schaute auf seinen Notizblock. „Weil diese Person sie ein, und ich zitiere, ‚lügendes Miststück, das alles Schlechte, was ihr passiert, verdient' genannt hat."
Ryan nickte und schnappte sich ebenfalls seine Jacke. „Lass uns gehen. Kommst du mit, Castle?"
„Ja." Er folgte ihnen zum Aufzug, aber gerade als die Türen aufgingen, klingelte sein Handy. Er schaute auf das Display, doch bei dem Anblick des lachenden Gesichts seiner Tochter sank sein Herz. „Oder doch nicht", teilte er den Jungs mit und ging in Richtung Pausenraum. Er schloss dessen Tür hinter sich und wischte auf dem Display, um den Anruf anzunehmen. „Hey, Pumpkin."
„Dad? Was ist los? Ist alles klar bei dir?"
Alexis klang irritiert, was Castle ihr natürlich nicht verübeln konnte. Seine Nachricht war mit Absicht sehr vage gewesen. Er schloss die Augen, hasste es, seiner Tochter sagen zu müssen, daß ihr Leben für immer verändert war. „Mir geht's gut. Aber, ähm, ich muss mit dir über etwas reden. Wo bist du?"
Ryan und Esposito besuchten zuerst die Unterkunft des potenziellen Verdächtigen, fanden dann aber heraus, daß er wahrscheinlich in der Hauptbibliothek sei. Sein Zimmergenosse kannte Paige nicht oder was anscheinend passiert war.
Die Jungs suchten die Bibliothek Stockwerk für Stockwerk ab, sich leise durch die Gänge schleichend, konnten den Verdächtigen aber nicht finden, bis sie einen Studierraum im dritten Stock erreichten. Esposito deutete an, daß Ryan von der anderen Seite kommen sollte und ging leise auf den Verdächtigen zu. „Steven Walker?"
Steven sah von dem Buch vor ihm auf, drehte sich um und sah Espositos Abzeichen an dessen Hüfte. „Kann ich Ihnen helfen?"
Detective Esposito, NYPD. Ich muss Ihnen ein paar – hey!", rief er, als der junge Mann von seinem Stuhl hochsprang und durch die Bibliothek raste immer zwischen den Bücherregalen hin- und her. Espo fluchte vor sich hin, während er und Ryan ihn verfolgten, die Proteste von Angestellten und anderen Studenten ignorierend.
Er schoss aus der Eingangstüre heraus und sah, wie Ryan den Verdächtigen schon vor sich festhielt und ihm Handschellen anlegte.
Ryan grinste seinen Partner an. „Hast wohl ein paar Trainingsstunden ausfallen lassen?"
Espo schüttelte nur den Kopf und versuchte nach dem Sprint die Treppen hinunter seinen Atem wieder unter Kontrolle zu bringen. „Halt' die Klappe, Mann. Steven Walker, Sie kommen mit uns."
Walker war auf der ganzen Fahrt zum Revier still, sprach zum ersten Mal als er fragte, was sie denn wollten während sie ihn in einen Verhörraum setzten. Ryan und Esposito ließen ihn schwitzen, während sie von Beckett ein Update über den Fall und die Verbindung von Paige und dem Verdächtigen bekamen. Sie hatten keine objektiven Beweise, nur Indizien und lange nicht genug, um einen Durchsuchungsbefehl für sein Zimmer zu erhalten.
Sie brauchten ein Geständnis.
„Steven Christopher Walker", donnerte Ryan, als er und Esposito sich in die Stühle gegenüber des Verdächtigen fallen ließen. „Woher kennen Sie Paige Galloway?"
Walker ließ den Blick zwischen den beiden Detectives wandern. „Was?"
Esposito lehnte sich vor. „Warum sind Sie weg gerannt, Steven? Schuldige Leute rennen weg. Sind Sie schuldig?"
„Wow, jetzt warten Sie mal", unterbrach Walker, seine gefesselten Hände vor sich haltend. „Was ist hier los? Müssen Sie mir nicht meine Rechte verlesen? Oder mich 'nen Anwalt holen lassen?"
„Warum, brauchen Sie einen?"
„Erzählen Sie uns nur etwas über Ihre Beziehung mit Paige", beharrte Ryan. Er lehnte sich ebenfalls vor und spiegelte damit die Pose seines Partners.
„Schauen Sie, was auch immer sie über mich erzählt hat, ist nicht wahr."
„Was ist nicht wahr?"
„Woher kannten Sie sie, Steven?", fragte Espo, seine Stimme vor brodelnder Wut immer lauter werdend.
„Sie ist die Studentenhilfe in einem meiner Kurse", erklärte Steven. „Sie hat mir, ähm, mit meiner Note geholfen."
Esposito hob eine Augenbraue. „Warum haben Sie sie dann umgebracht?"
„Ich – was?" Steven starrte nur, seine Augen geweitet und an den Fotos des Tatorts, die sie vor ihm ausbreiteten, klebend. Die Kinnlade fiel ihm herunter. „Ich habe sie nicht – denken Sie, daß ich das war? Ich war das nicht!"
Ryan legte eine Hand auf Espositos Schulter als er aufstehen wollte. „Warum sind Sie in der Bibliothek vor uns weg gerannt?"
„Ich dachte-" Steven seufzte. „Ich hatte Hasch in meiner Tasche, Mann. Ich dachte, daß Sie mich deswegen verhaften wollten."
Ryan und Esposito sahen sich an. „Uns interessiert das Hasch nicht. Erzählen Sie uns was über Paige."
„Sie ist die studentische Assistentin in meinem Kurs ‚Einstieg in die Psychologie'. Ich verlor zunehmend den Anschluss und sie hat angeboten, mir zu helfen meine Note zu verbessern. Ich musste bald eine Hausarbeit abgeben und sie behauptete, sie sei abgeschrieben, wenn ich aber anfinge mit ihr zu schlafen, würde sie es niemandem erzählen." Er ließ seine Stirn in seine Hände fallen. „Das hab ich dann gemacht, aber sie hat mir eine 3 gegeben. Ich kann keine 3 kriegen, ich hab' ein Stipendium."
Er schaute zurück zu den beiden Detectives, Panik und Sorge in den Augen. „Schauen Sie, Mann, ich war stinkwütend. Ich hab' sie heute Morgen im Büro des Professors aufgesucht und sie konfrontiert, klar."
„Sie sagten, sie verdiene alles, was ihr zustoße", warf Ryan ein.
„Ja, aber ich meinte schlechte Noten oder so. Wir stritten uns, sie sagte schade um meine Note, dann bin ich gegangen. Bin zur Bibliothek und da war ich bis Sie mich dort gefunden haben."
Ryan stand auf und stupste Espositos Arm an. „Klar, das werden wir ja sehn."
„Warten Sie mal, noch 'was", rief Steven, als sie die Türe öffneten. „Sie war am Telefon, als ich dort ankam. Sie sagte, daß sie den Dekan morgen früh um zehn treffen würde. Vielleicht war der Grund dieses Treffens ja der, warum sie umgebracht wurde."
„Klar." Ryan folgte Esposito zum Board, wo Beckett schon Stevens Aussage hinzufügte. „Ich ruf' die Uni an, fordere Überwachungsvideos an."
„Frag' auch nach den Kameras in der Bibliothek", instruierte Beckett. „Ich habe eine Nachricht bei Paiges Hausmeister wegen des Videomaterials des Hauseingangs hinterlassen. Falls Walker lügen sollte, werden wir es herauskriegen."
„Wir werden aber auch herauskriegen, wenn er die Wahrheit sagt." Ryan zog sein Handy aus der Tasche und schrieb eine Nachricht an Castle.
Verdächtiger behauptet, daß Paige ihn erpresst habe, nachdem sie ihn beim Diebstahl geistigen Eigentums erwischt hat. Kannst du Alexis fragen, ob sie was darüber weiß?
Castles Antwort kam sofort. Mach ich.
