Survivors
von Dyce
übersetzt von
Alcina vom Steinsberg
Disclaimer: Sämtliche wiederzuerkennenden Figuren gehören Joanne Rowling, alles andere und die Geschichte selbst gehört Dyce. Ich habe mir alles nur ausgeliehen, um zu gucken, wie es sich in meiner Muttersprache liest ;o).
Ü/N: Ein liebes Dankeschön an alle Reviewer! Da macht das Übersetzen gleich doppelt so viel Spaß!
Das Original der Geschichte befindet sich hier auf FFnet.
Meiner wunderbaren Beta, TheVirginian, ein tausendfaches Dankeschön für die gute, schnelle und inspirierende Arbeit!
oOoOoOo
2. Kapitel
Hermine hatte Molly Weasley eine kurze Eule mit ihrer Adresse und einer Erklärung geschickt, daß sie Zeit brauche, um mit sich und ein paar Angelegenheiten ins Reine zu kommen. Molly würde wohl annehmen, daß Rons Verlust gemeint war, was auch stimmte, und alle wissen lassen, daß es ihr gut ging und sie allein sein wollte.
Zumindest stellte Hermine sich das so vor. Genau zwei Wochen nach ihrer Ankunft öffnete sie die Haustür und fand Harry und Neville davor.
Toll. Gaaaanz toll. Zwei der Menschen, die Severus am meisten verabscheute. Er regte sich schon genug über ihre eigene Anwesenheit auf, und das bekam ihm nicht besonders.
„Was wollt ihr denn hier?", wollte sie wissen und schlüpfte hinaus. Über die Schulter warf sie einen Blick auf Winky, die in dem kleinen Wohnzimmer wartete.
„Ich gehe kurz raus", erklärte sie, „laß nicht zu, daß er herunterschleicht und mich aussperrt. Ich habe meinen Zauberstab bei mir, und wenn es sein muß, werde ich die Tür einreißen."
Winky nickte amüsiert. Hermine schloß die Tür hinter sich und schob die Jungen um die Hausecke, wo es nur wenige schmale Fenster gab und Severus sie hoffentlich nicht bemerkte.
„So, und jetzt nochmal: was wollt ihr hier? Und warum schaut ihr mich so an?"
„Weil du ein blaues Auge hast?", erwiderte Neville kleinlaut.
Hermine stutzte und befühlte ihr linkes Auge. Er hatte recht. Severus hatte letzte Nacht wieder einen Alptraum gehabt, und während sie versuchte, ihn wach zu bekommen hatte er geschafft, wozu er in wachem Zustand trotz allem zu gut erzogen war: er hatte sie ins Gesicht geschlagen. Sie hatte den Heilungsprozeß natürlich beschleunigt, morgen würde nichts mehr davon zu sehen sein. Doch der Prellung, die er ihr zugefügt hatte, hatte ihn so schockiert, daß sie das noch ein bißchen hatte auskosten wollen.
„Stimmt. Aber das erklärt nicht, warum ihr hier seid."
„Wir haben uns Sorgen um dich gemacht". Harry machte Anstalten, ihre verfärbte Wange zu berühren. Als er sich jedoch bewußt wurde, daß er seine künstliche, hellgoldenfarbene Hand gehoben hatte, ließ er sie wieder sinken.
„Was zum Teufel tust du hier? Und wer bitte ist 'er', der dich nicht aussperren soll?", wollte er mürrisch wissen. „Und wie bist du zu dem blauen Auge gekommen?"
„Ich bin hier, weil sonst niemand hier bleiben würde", gab sie bissig zurück. Es lief nicht besonders gut, und es machte keinen Sinn, es verharmlosen zu wollen.
„Das Haus gehört Professor Snape, Harry. Ich bin schon seit ein paar Wochen hier und -", sie bekam keine Chance, ihre Erklärung zu beenden.
„WESSEN Haus?", stieß Harry ungläubig hervor, wurde aber zu seiner sichtlichen Überraschung von Neville übertönt.
„Hat er dich geschlagen?" Nevilles gutmütiges Gesicht war ungewohnt finster verzogen. „Er hat dich geschlagen. Ich werde -"
„Es war keine Absicht, Neville", erklärte Hermine bestimmt und umfaßte seine Hände, bevor er explodieren konnte. Beim Anblick seiner erhobenen Augenbrauen wurde ihr klar, wie seltsam das klang.
„Wirklich, es war keine Absicht. Genauso wenig, wie es damals keine Absicht war, als du mich beinahe durch dieses Fenster gestoßen hast." Sie zuckte die Schultern und lächelte ihm halbherzig zu. „Keiner von uns hat heutzutage einen guten Schlaf. Ich habe ihn aus einem Alptraum aufgeweckt und beruhigt, aber nicht, bevor er nicht einen Treffer landen konnte. Gott allein weiß, wer er gedacht hat daß ich bin."
Neville entspannte sich und nickte. Jeder von ihnen hatte irgendwann während des Krieges Schläge abbekommen oder ausgeteilt, wenn jemand aus einem Alptraum aufwachte. So wenig er Severus auch leiden konnte, das blaue Auge zumindest durfte er ihm nicht zum Vorwurf machen.
Harrys Blick dagegen war noch immer finster. „Das erklärt nicht, was du hier überhaupt machst", sagte er kühl. „Warum bist du hier, Hermine?"
Warum war sie hier? Severus wollte das ebenfalls wissen, fragte jedoch nicht. Winky hatte gefragt, aber wenn überhaupt, hatte sie nur eine Teilantwort bekommen. Und sie selbst war sich auch nicht immer sicher.
„Weil sonst niemand da ist", wiederholte sie schulterzuckend. „Snape ist zu schwach, um sich um sich selbst zu kümmern, und Winky hat auch nur begrenzte Möglichkeiten. Zumal er ständig versucht, sie rauszuschmeißen. Als er Hogwarts verließ, ist sie ihm gefolgt, weil er miserabel aussah. Was sollte ich tun, Harry? Ihn in seinem einsamen Elend verrotten lassen?"
„Warum nicht? Er kriegt nur, was er verdient", gab Harry erbittert zurück. Mochte Snape nun ein Spion sein, ein Märtyrer oder keines von beidem, er konnte ihm Dumbledores Tod nicht vergeben. Als er erfuhr, daß Hermine Snape entlastet hatte, war Harry außer sich gewesen. Und daß er ihr deswegen nicht die Meinung gegeigt hatte, lag nur daran, daß er sie, als er es herausfand, als schluchzendes Häufchen Elend antraf.
„Der Prozeß war schlimm genug, Hermine, aber das hier -"
„Verschon mich, Harry", gab Hermine zurück, „wir wissen alle, daß du Snape schon seit der ersten Klasse haßt. Es hat nichts mit dem zu tun, was er getan hat und was nicht, und das weißt du ganz genau."
Harry sah überrascht auf.
„Als wir ihn fanden, folterten sie ihn langsam zu Tode", fuhr sie grimmig fort. „Erinnerst du dich, Harry? Er hat ein Auge verloren, drei Finger und ein paar Fußzehen, und sie haben ihm die Haut von den Füßen abgezogen. Er hat überall Narben, seine Lunge und Nieren sind geschädigt, und er lag wochenlang im Koma... er ist genug bestraft, Harry, selbst dir sollte das reichen."
„Aber-"
„Kein Aber!" Hermine starrte ihn wütend an. „Du hast ihn nie leiden mögen, Harry. Auch Ron konnte ihn nie ausstehen, und Neville hat Angst vor ihm." Bei der Erwähnung von Rons Namen kippte ihre Stimme.
„Mir ist das egal. Er hat mehr durchgemacht als jeder von uns, Harry, selbst du. Aber anstatt daß wir ihm auf unseren verdammten Knien für seine Opfer danken, hielt es niemand für nötig, auch nur den geringsten Gedanken daran zu verschwenden, ob der noch am Leben ist oder nicht, nachdem er St. Mungos verlassen hatte. Ich jedenfalls bin kein selbstsüchtiger, nachtragender und undankbarer Trottel, und ich werde NICHT zulassen, daß er da oben liegt und sich langsam zu Tode hungert, weil es für ihn keine Rolle mehr spielt, ob er lebt oder stirbt."
„Gut. Wenn es das ist, was du willst, entschuldige, daß wir dich behelligt haben." Harry stolzierte wutschnaubend davon. Hermine mußte sich zwingen, nicht – wie früher - hinter ihm herzulaufen, besänftigend, tröstend und erklärend. Harry brauchte sie nicht mehr.
Für ihn war Ginny da, wie auch Remus, Tonks und die Weasleys, von den überlebenden Mitgliedern von Dumbledores Armee und den Lehrern von Hogwarts ganz zu schweigen.
Severus dagegen war allein, ganz und gar allein. Wenn sie nicht blieb und sich um ihn kümmerte, würde er sterben. Und niemand außer Winky um ihn trauern. Kein Mensch hatte das verdient, und sie ließ nicht zu, daß es ihm geschah.
Neville berührte sie sanft am Arm. Hermine bemerkte erst jetzt, daß sie zornig vor sich hingemurmelt hatte. Er lächelte kläglich.
„Ich verstehe", sagte er. „Das heißt – du weißt, daß ich mich ihm freiwillig nicht auf hundert Meilen nähern würde. Aber ich verstehe dein Bedürfnis, hierzubleiben. Ich werde – ich versuche es den anderen zu erklären. Paß auf dich auf, ja?"
„Das mache ich." Sie schaute ihm nach, als er hinter Harry herlief. Neville war ein lieber Kerl, aber dieses Einfühlungsvermögen war neu. Seltsam, aber wohltuend.
Als sie zurückkam, war die Tür war verschlossen.
Seufzend umrundete Hermine das Haus, ließ die Scheibe des Küchenfensters verschwinden, kletterte hinein und setzte das Fenster wieder instand. Sie fand ihn in dem mit Büchern vollgestopften Wohnzimmer, die schwarze Robe um seine erbärmlich dünne Gestalt geschlungen und auf die Haustür starrend, als erwarte er, daß sie sie niederriß.
„Es ist wohl müßig, darauf zu hoffen, daß Sie nicht gelauscht haben", meinte sie gelassen. Statt erschrocken aufzufahren, wie sie halb erwartet hatte, drehte er sich nur zu ihr um und starrte sie eisig an.
„In der Tat, das ist es", gab er erbittert zurück. „Ich sagte Ihnen bereits, daß Ihr Mitleid weder erwünscht noch akzeptiert ist, Miss Granger."
„Und ich sagte Ihnen, daß sie von mir keines bekommen." Sie betrachtete ihn gleichmütig.
„Anteilnahme und Mitleid sind nicht dasselbe."
„Haarspalterei!" fauchte er. „Ein letztes Mal, Miss Granger: verlassen Sie mein Haus, lassen Sie mich in Frieden, und beenden Sie ihre verfluchte Einmischung ein für alle Mal!"
Hermine kreuzte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. „Nein. Ob Sie es wollen oder nicht, Severus, ich werde Sie nicht aufgeben."
Ihr wurde bewußt, daß sie seinen Vornamen das erste Mal benutzt hatte, während er vollständig wach war.
„Sich Freiheiten herauszunehmen, wird Sie mir kaum mehr gewogen machen, Miss Granger", knurrte er. „Ich kann mich nicht erinnern, Ihnen den Gebrauch meines Vornamens gestattet zu haben."
„Nach allem, was wir durchgemacht haben, haben wir das beide verdient." Sie begegnete seinem wütenden Blick mit Gelassenheit. „Jetzt noch vorzugeben, daß wir uns kaum kennen, ist ziemlich witzlos, finden Sie nicht auch?"
„Nein", grollte er, „das finde ich nicht. Sie wissen nichts über mich, Miss Granger, und ich wäre Ihnen äußerst dankbar, wenn Sie nicht vorgäben, es zu tun."
Hermine schüttelte den Kopf. „Sie wären überrascht. Als Harry dieses Buch vom Halbblutprinzen fand, habe ich mich erkundigt, wissen Sie. Und wußte lange vor ihm Bescheid. Die Heirat Ihrer Mutter war genauso wie Ihre Geburt im Anzeigenteil des Tagespropheten zu finden. Und – naja. Ich habe weitergesucht – Sie wissen doch, wie das bei mir ist, wenn etwas meine Neugier geweckt hat."
Snape runzelte die Stirn. „Gibt es einen besonderen Grund, der Sie in meine Privatspähre eindringen ließ, Miss Granger, oder geschah das lediglich zu Ihrer – Unterhaltung?" Er klammerte sich an den letzten Rest seiner Selbstbeherrschung, und hätte seine Zauberkraft für mehr als nur ein paar Funken gereicht, hätte er ihr damit längst seine Meinung kundgetan.
Hermine dachte über seine Frage nach. Genau. „Ich war einfach neugierig, was Sie anbelangt", gab sie zu. „Bei genauerem Nachhaken sind die meisten Menschen recht einfach zu begreifen. Sie dagegen – Sie sind ein sehr komplexer, komplizierter Charakter. Bis heute ahne ich bei der Hälfte ihrer Taten nicht, aus welchem Grund Sie sie begangen haben." Hermine begegnete seinem Starren mit Gleichmut. „Sie sind eine Herausforderung, Severus. Ich kenne Sie besser als Sie vermuten, aber verstehen – nein. Davon kann kaum die Rede sein. Ich glaube, niemand versteht Ihre Motivation."
Er betrachtete sie lange und unergründlich. Es war ihm anzusehen, wie er ihre Worte wog und besah, ihr stillschweigendes Kompliment über seine Komplexität, ihr Eingeständnis, trotz ihres Herumschnüffelns und ihres Wissens kaum etwas herausgefunden zu haben.
Weniger scharf als gewohnt gab er zurück: „Ich darf mich wohl glücklich schätzen, daß Sie zumindest nicht vorgeben, mich zu verstehen. Bitte verfallen Sie auch künftig nicht diesem Irrglauben."
Das Abwägen war offenbar ein wenig zu ihren Gunsten ausgefallen.
„Nein." Hermine warf ihm einen Blick zu. „Wie ist es, kommen Sie mit hinunter in die Küche zum Mittagessen? Winky würde sich freuen, wenn es Ihnen gut genug dafür geht."
Snape erhob sich und arrangierte seine Robe um sich herum. „Ja, vorausgesetzt, Sie sind in der Lage, in gediegener Stille zu essen", antwortete er kühl. „Sollte Ihr Geschnatter nicht aufhören, lasse ich Winky Ihre Mahlzeit auf Ihr Zimmer bringen."
„Ich denke, ich werde mich aufs Essen konzentrieren können, wenn ich mir Mühe gebe." Sie trat beiseite und ließ ihn vor. Es war wichtig, ihm Respekt zu erweisen.
Er bemühte sich nach Kräften, seinen früheren selbstbewußten, energischen Schritt zu imitieren, da er sich von ihr beobachtet wußte. Er kam keine drei Schritte weit, bevor seine versehrten Füße ihm den Dienst versagten und ihn stolpern ließen. Hermine fing ihn instinktiv auf, bevor er stürzen konnte. Sie hielt ihn mit Leichtigkeit, denn seine schwere Robe schien mehr Masse zu haben als er selbst. Als sie aufsah, begegnete sie seinem überraschten, ja fast furchtsamen Blick, nur wenige Zentimeter entfernt.
„Beeilen Sie sich ein wenig gemächlicher, Severus", meinte sie freundlich und hielt seinem Blick stand, während sie ihn behutsam stützte. „Selbst der mächtigste Zauberer erholt sich nicht von heute auf morgen von dem, was Sie durchgemacht haben." Sie ließ ihn los und bemühte sich, möglichst unauffällig in seiner Nähe zu bleiben.
Einen Moment lang schien er unsicher, dann nickte er knapp und schlurfte, sie möglichst ignorierend, mühsam in Richtung Küche.
Nach dem Essen hinkte Severus wieder nach oben. Hermine bestand darauf, ihm die Treppe hinauf zu folgen, was er nach Kräften abzuwehren versuchte, um dann grollend zu ignorieren, wie ihre besorgten Blicke ihm den Flur entlang folgten.
Die ungewohnte Anstrengung hatte ihn erschöpft, aber er wollte nicht zurück ins Bett. Statt dessen schlurfte er an seinen Schreibtisch und ließ sich erleichtert in den bequemen Stuhl davor sinken. Seine Schmerzen hatten nachgelassen, zeitweise sogar vollständig aufgehört.
Doch das Gehen strapazierte seine versehrten Füße, und er geriet durch die geringste Anstrengung außer Atem.
Es hatte ihn erstaunt, wie genau Hermine über seine Verletzungen Bescheid wußte. Sie mußte ihn in St. Mungos besucht haben, während er im Koma lag. Er wußte, daß ihn jemand vom Orden besucht hatte, bisher aber nicht wer. Wie seltsam, daß sie über ihn Bescheid wußte, während er kaum etwas davon ahnte, was der Krieg ihr angetan hatte. Daß der Weasley-Junge umgekommen war, wußte er. Er konnte sich auch an die entscheidende Schlacht erinnern, obwohl er sie nur teilweise bei Bewußtsein mitbekommen hatte. Er erinnerte sich vage an welliges, braunes und glattes, dunkelblondes Haar, das über ihm hing, während Magie ihn auf einem Brett fixierte und ihn aus Voldemorts Versteck schwebte.
Sie hatte sich verändert. Verschwunden war die übereifrige Schülerin, das Mädchen. An seine Stelle trat eine verschlossene, fast verbissene junge Frau, die seine Sticheleien ignorierte und ihn mit gehetztem Blick beobachtete. Eine Frau, die ihm nie Sympathie entgegengebracht hatte und nun trotzdem mit derselben beschützenden Freundlichkeit über ihn wachte, die sie jedem ihrer Freunde gewährte. Die sich bemühte, ihn zu verstehen.
Severus war noch immer ungehalten über ihr Eindringen in seine Privatsphäre. Aber zumindest gab sie nicht vor, zu wissen, was ihn antrieb oder ähnlicher Unsinn. Im Gegenteil, ihr Eingeständnis, daß er schwer zu lesen und verstehen war, schmeichelte ihm sogar. Zumal er sich nicht erinnern konnte, daß sich bisher überhaupt jemand die Mühe gemacht hatte zu versuchen, ihn zu verstehen. Er war sich nicht sicher, was dieses Gefühl für ihn bedeutete. 'Beunruhigend' traf es wohl am ehesten.
Weshalb ließ ausgerechnet Hermine Granger ihm diese beunruhigend ernstgemeinte, fürsorgliche Aufmerksamkeit angedeihen? Einem versehrten, ehemaligen Spion mit zerrütteten Nerven, dessen Existenz sonst kein Schwein interessierte?
Nicht zum ersten Mal in seinem Leben machte er eine Bestandsaufnahme seiner selbst.
Die Finger und Zehen waren verloren. Keine Magie konnte nachwachsen lassen, was vom Körper abgetrennt worden war, besonders nicht durch Voldemorts Methoden. Sein Auge war ebenfalls zerstört, einen magischen Ersatz hatte er abgelehnt. Lungen und Niere waren so gut wie möglich wiederhergestellt worden, aber Voldemorts dunkle Magie bekämpfte den Heilungsprozeß, ein gewisser Schaden würde bleiben. Dieselbe dunkle Magie verlangsamte die Heilung seiner Narben und der geschundenen Füße, wobei seine innere Einstellung nicht gerade geholfen hatte, wie man ihm sagte. Ein Muggel, der nicht gesund werden wollte, vermochte seinen Heilungsprozeß in bemerkenswerter Weise zu verlangsamen. Wollte ein Zauberer nicht genesen, hielt er seine Leiden für verdient, war es ungleich schwerer, seinen Körper zur Heilung zu bringen.
Emotional war er ein Wrack. Seine Kaltblütigkeit war komplett dahin... die Schrecken, die ihn nächtens heimsuchten, waren nichts Neues. Nun aber kamen die Panikanfälle sogar tagsüber, und er wagte es kaum, das Haus zu verlassen. Er quälte sich mit Selbstverachtung: für seine Taten würde er niemals Vergebung erlangen können, noch hatte er sie verdient.
Einem Albus Dumbledore mochte der Glauben an die höhere Sache geholfen haben. Einem Severus Snape jedoch, dessen Träume vom Aufmarsch vorwurfsvoller Gespenster heimgesucht wurden, half er nicht.
Alles in allem ein unnützes, überflüssiges Stück Mensch, dachte Severus grimmig. Er wäre besser gestorben. Nur die jahrelange Gewohnheit und der verbissene Wille, zu überleben, hatten ihn davon abgehalten, selbst tätig zu werden. Simple Vernachlässigung tat das Ihre und hätte ausgereicht, hätten sich nicht Winky und die unselige Hermine eingemischt.
Sein Geist beschritt diesen wohlbekannten Pfad mit Leichtigkeit. Hoffnungslos, wertlos und abscheulich, besser tot als am Leben... oft schon war er diesen mentalen Weg gegangen.
Die Erinnerung an sanfte Arme, die ihn schützend hielten, und einen warmen, liebevoll besorgten Blick wollte nicht zu diesem gedanklichen Pfad passen und weigerte sich dennoch beharrlich, verdrängt zu werden, auch wenn er es immer wieder versuchte. Beide Gedankenstränge rangen miteinander, während er an seinem Schreibtisch saß, blind und taub für die Welt, die um ihn herum in der Dunkelheit und Kälte des Vorfrühlings versank.
„Es ist nichts Ernstes", versicherte der Heiler Hermine, die besorgt im Flur vor dem Schlafzimmer gewartet hatte. „Nur eine Erkältung, verschlimmert durch seinen geschwächten Zustand. In ein paar Tagen ist er wieder in Ordnung, wenn er gut gepflegt wird."
Hermine kaute unglücklich auf ihrer Unterlippe. „Seit ein paar Tagen verläßt er wieder das Bett", erklärte sie. „Er war heute das erste Mal unten, und wir nahmen an, daß er schläft. Winky hat erst viel später nach ihm gesehen und ihn in dem ungeheizten Zimmer am Schreibtisch gefunden."
„Das wird es gewesen sein", stimmt der Heiler, ein kleiner, stämmiger Zauberer mit gepflegtem braunen Haar und einem buschigen Schnurrbart namens Achille Emendis, zu.
„Sie werden ein Auge auf ihn haben müssen, Miss... Granger, nicht wahr?"
Hermine nickte. Da sie weder wußte, wo sie einen lokalen Heiler hätte finden können, noch wie sie einem solchen Severus' Verletzungen hätte erklären sollen, hatte sie ihren Ruhm als Freundin Von Harry Potter Die Mit Dabeigewesen War eingesetzt, um einen Heiler aus St. Mungos für einen Hausbesuch zu bekommen.
„Das werde ich. Er – widersetzt sich der Genesung zu einem gewissen Grad. Nach einem solchen Trauma... ich nehme an, Sie haben seit Kriegsende mehr als nur ein paar Fälle davon erlebt."
„Zu viele", stimmte er ihr traurig zu. „Posttraumatischer Streß, die Schuld des Überlebenden, schlichte Verzweiflung... manchmal ist es schwer, zu den Betroffenen durchzudringen."
Er warf ihr einen neugierigen Blick zu. „Wenn Sie die Frage gestatten: sind Sie mit ihm verwandt?"
Hermine schüttelten den Kopf. „Eine ehemalige Schülerin", erklärte sie in der Hoffnung, ihn damit zufriedenzustellen. „Ich kenne ihn schon lange und weiß, daß er keine Familie hat."
Und reichlich unsympathisch war er ihr auch gewesen, auch wenn sie seine Intelligenz und Zauberkraft immer bewundert und respektiert hatte.
„Ich verstehe." Der Heiler schien erleichtert über einen plausiblen und vor allem unverfänglichen Grund für die Anwesenheit einer sehr jungen Frau im Haus eines Zauberers mittleren Alters. Nach Hermines Erfahrung waren die meisten Magier reichlich prüde.
„Nun, er kann sich glücklich schätzen, Sie zu haben, Miss Granger. Manch eine arme Seele hat niemanden, den sie dieser Tage um Hilfe bitten kann."
„Er hat mich nicht gebeten. Tatsächlich setzt er mich täglich mindestens einmal vor die Tür."
Sie lächelte kläglich. „Ich ignoriere das. Er ist – naja, sein Urteilsvermögen ist im Moment nicht gerade das Beste. Wenn er soweit ist, daß er mich tatsächlich aus dem Haus werfen kann, dann gehe ich vielleicht."
Emendis lächelte. „Ich sehe, Sie verstehen etwas von Kranken. Nehmen Sie nicht zu persönlich, was er von sich gibt, erst recht nicht jetzt." Er tätschelte ihr freundlich den Arm.
„Durch das Fieber ist er in den nächsten Tagen möglicherweise etwas desorientiert."
„Das habe ich bemerkt. Ich werde mich gut um ihn kümmern und Sie rufen, sollte es ihm schlechter gehen."
Der Heiler nickte und verabschiedete sich. Hermine schlüpfte zurück ins Schlafzimmer. Severus schlief, sein mageres Gesicht schweißnaß. Sie zog sich einen bequemen Stuhl ans Bett. 'Desorientiert' war eine harmlose Umschreibung seines Zustandes, als er das letzte Mal aufgewacht war.
Die folgende Nacht verbrachte sie auf zwei in ein Feldbett verwandelten Stühlen, da sie ihn nicht allein lassen wollte. Gegen drei Uhr früh hatte er wieder einen Alptraum, diesmal ohne Schreie, die sie auch in ihrem Zimmer gehört hätte. Selbst jetzt dauerte es eine Weile, bis sein schwaches Wimmern sie weckte. Noch im Halbschlaf war sie an seinem Bett, doch sein Anblick machte sie schlagartig hellwach. Sie hatte ihn bisher panisch erlebt, wütend, wild und gehetzt, aber noch nie hatte sie ihn weinen gesehen. Wie ein Embryo fest zusammengerollt lag er da, seine kläglichen, leisen Schluchzer vom Kissen gedämpft. Seine Augen waren offen, doch er reagierte nicht auf ihre Berührung.
„Severus", flüsterte sie und legte behutsam ihre Hand um seine geballte Faust, während er sie blind anstarrte, „Severus, wachen Sie auf... schsch, ist ja gut, es ist nur ein Traum..."
Er vergrub sein Gesicht im Kissen und murmelte etwas Unverständliches. Vorsichtig ließ sie sich auf der Bettkante nieder und stupste ihn behutsam. „Ist ja gut", murmelte sie, ihrer Stimme so viel Ruhe wie möglich verleihend, „schsch, ist ja gut..."
Diesmal verstand sie, was er murmelte.
„Es tut mir leid", flüsterte er, noch immer die Dämonen seines Traums anstarrend, „es tut mir leid, es tut mir so leid..."
„Ich weiß", sagte sie leise und befühlte seine Stirn. Noch immer fiebrig. Sie strich ihm behutsam das Haar aus dem Gesicht und keuchte erschrocken auf, als seine Hände plötzlich ihre freie Hand umklammerten. Er setze sich auf und starrte sie mit diesem befremdlichen, ausdruckslosen Blick an.
„Es tut mir leid", flehte er, „es tut mir so leid... ich meine es ernst... bitte, es tut mir so furchtbar leid..."
„Ich weiß, daß Sie es ernst meinen", sagte sie hilflos. „Es ist gut, Severus. Lassen Sie sich davon nicht mehr bekümmern, ja? Es ist jetzt alles gut."
Er starrte sie einen einen Moment lang an, unsicher schwankend. Hermine hob den Arm, um ihn zu stützen, und er lehnte sich mit einem leisen, unglücklichen Laut an sie, der ihr das Herz brach. Sanft schloß sie ihn in die Arme, seinen Kopf auf ihrer Schulter.
„Sch", wisperte sie und wiegte ihn sanft, „ist ja gut. Alles ist gut. Ich bin ja da."
Die heiße Stirn an ihre Halsbeuge gepreßt, klammerte er sich an sie, und sie hörte nicht auf, ihn zu wiegen und ihm beruhigend zuzuflüstern. Langsam entspannte er sich, und seine Schluchzer gingen in langsame, abgehackte Atemzüge über. Schließlich machte er sich von ihr frei und betrachtete sie verwirrt, Erkennen im Blick.
„Hermine?" fragte er überrascht, „was -?"
Errötend ließ sie ihn los. „Sie haben Fieber", erklärte sie und befühlte prüfend seine Stirn, „und Sie hatten einen Alptraum. Beides zusammen hat Ihnen wohl ziemlich zugesetzt."
Severus nickte mit gerunzelter Stirn – mehr aus Verwirrung denn aus Mißbilligung.
„Es war – schlimm", gab er zu, „aber Sie haben es besser gemacht." Gähnend legte er sich zurück und ließ sich von ihr wieder zudecken, was gar nicht so ungewöhnlich schien, wie man hätte annehmen können.
„Danke."
Hermine lächelte. „Gern geschehen. Ich bleibe hier und passe auf, in Ordnung?"
Er nickte und gähnte erneut. „Danke", murmelte er schläfrig, „bitte bleib hier."
Dann war er eingeschlafen.
Hermine fand so schnell keinen Schlaf. Dableiben sollte sie? Seit wann denn das? Meinte er nur jetzt, während er schläfrig und verwirrt war? Oder solange er krank war? Oder – der Mann sagte im unpraktischsten Moment, was er wirklich dachte. Dann zum Beispiel, wenn er nach dem Erwachen alles gefahrlos abstreiten konnte.
oOoOoOo
