Als Jin das nächste Mal zu sich kommt und blinzelnd die Augen öffnet, bleibt er von grellem Licht verschont. Vorsichtig wendet er den Kopf, um sich zu orientieren und findet sich in einem Bett wieder, das in einem abgedunkelten Raum steht. Wovon er leider nicht verschont wird, sind zahlreiche Stimmen, die augenblicklich wieder ertönen. „Gott sei Dank, Jin, du bist wieder wach. Wie geht es dir?" „Es tut mir so leid, Jin!" „Nein, mir tut es leid. Es war meine Katze, die das alles verursacht hat." „Aber ich habe doch geschossen!" „Aber ohne meine Katze hättest du nicht daneben getroffen und das Haus zerstört!"
Er hebt die Hand, um die Stimmenflut einzudämmen. „Ruhe!", sagt er so laut er es vermag, ohne dass sein Kopf wieder zu zerspringen droht. Er schaut in die Runde und fixiert alle Anwesenden, ohne auch nur ein Gesicht zu erkennen. „Könnt ihr mir vielleicht mal sagen, wer ihr seid und was ihr von mir wollt?" Er runzelt leicht die Stirn. „Und wer bin ich überhaupt?", fragt er etwas ratlos.
Für einige Sekunden herrscht endlich absolute Ruhe, alle scheinen völlig überrumpelt davon zu sein, dass er gefragt hat, wer er ist. Fragend schaut er in die völlig entgeisterten Gesichter, bis endlich eine Stimme ertönt. „Retrograde Amnesie, das kann vorkommen, wenn jemand einen so heftigen Schlag auf den Kopf bekommen hat." Der Typ, der gerade gesprochen hat, trägt einen langen weißen Kittel, scheint also hier der Arzt zu sein. Zumindest solche Dinge weiß er noch. Er fasst sich vorsichtig an den Kopf, der offenbar mit einem dicken Verband umwickelt ist, und lässt die Hand wieder sinken. „Also, klärt mich jetzt endlich mal jemand von euch auf? Oder seid ihr plötzlich alle stumm geworden?"
Endlich ergreift ein junger Mann mit Brille das Wort. „Also, dein Name ist Yūichi Jin, jeder nennt dich Jin. Du bist die Power Elite von Border, einer Organisation, die Neighbors bekämpft, die unsere Welt überfallen. Mit deinem Nebeneffekt bist du in der Lage, in die Zukunft zu schauen." „Yūichi Jin", wiederholt er murmelnd den Namen. „Da klingelt leider nichts bei mir." Er schließt kurz die Augen und seufzt: „Irgendeine Zukunft kann ich auch nicht sehen."
Der Arzt ergreift wieder das Wort: „Das kann alles wiederkommen, dazu braucht es aber etwas Geduld. Ein solcher Schlag auf den Kopf will erst einmal verkraftet werden." „Geduld", murmelt Jin. „Bin ich ein geduldiger Mensch? Ich weiß es nicht." Er schaut fragend in die Runde. „Das werde ich wohl noch rausfinden. Also, wer seid ihr alle?"
Der Junge mit der Brille macht den Anfang: „Mein Name ist Osamu Mikumo. Als wir uns das erste Mal trafen, hast du mir das Leben gerettet." Ein kleiner weißhaariger Junge stellt sich als nächstes vor: „Yūma Kuga, ich bin ein Neighbor." Jin schaut ihn verblüfft an. „Hieß es nicht gerade, dass ich Neighbors bekämpfe? Was tust du dann hier?" Yūma grinst nur. „Ich bin auch bei Border. Ich überfalle eure Welt also nicht, sondern ich helfe sie zu beschützen." Jin nickt leicht. „Ich hoffe nur, dass ich mich bald wieder an alles erinnere, sonst muss ich euch noch Löcher in den Bauch fragen."
Ein sehr großer muskulöser Mann führt die Vorstellungen weiter: „Reiji Kizaki, Anführer von Tamakoma 1." Er deutet auf drei weitere Personen: „Kirie Konami, Kyōsuke Karasuma und Shiori Usami, ebenfalls Mitglieder von Tamakoma 1. Du, Jin, bist ebenfalls dem Zweigstellenleiter von Tamakoma unterstellt, Takumi Rindō." Jin nickt allen zu. „Hoffentlich kann ich mir die Namen alle merken", murmelt er. Ein junges Mädchen, genauso klein wie der weißhaarige Junge, fängt an zu weinen: „Das ist alles meine Schuld." Sie verbeugt sich so tief, dass ihre Haare beinahe über den Boden wischen. „Ich habe beim Schießen Ibis ein wenig verzogen und darum habe ich das Haus getroffen, neben dem du gestanden hast, und die Trümmer haben dich unter sich begraben."
„Nein, Chika, das war nicht deine Schuld, es war meine Schuld. Ich hätte besser auf meine Katze aufpassen müssen", mischt sich ein weiteres Mädchen ein, das eine graue Katze auf ihrem Kopf sitzen hat. Sie verbeugt sich mindestens genauso tief wie Chika vor ihr und die Katze springt von ihrem Kopf herunter genau auf das Krankenbett von Jin. Er streichelt der Katze über den Kopf, während Osamu eine Frage wiederholt, die er bereits gestellt hatte: „Wie konnte es denn passieren, dass du das nicht vorhergesehen hast." Jin zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung."
Eine weitere Stimme meldet sich zu Wort: „Dazu kann ich was sagen." Er nickt Jin kurz zu. „Zur Erinnerung, ich bin Tachikawa Kei, dein Rivale. Wir sind beide Angreifer. Natürlich bist du nur Nummer zwei nach mir." Kei wirft ein Päckchen Reiscracker aufs Bett. „Hier, zur Stärkung. Auf die Dinger bist du total versessen." Jin öffnet das Päckchen und fängt an zu knabbern. „Hmm, lecker", seufzt er glücklich und schiebt sich einen Reiscracker nach dem anderen in den Mund, während Kei erklärt: „Jin kann, oder konnte, sehr viel sehen, aber es gab immer auch Dinge, die er nicht sehen konnte. Eine Erklärung dafür gibt es nicht. Offenbar war das einer der Fälle, in denen er es nicht konnte." Alle anwesenden nicken verstehend.
Der Arzt beschließt, dass es für heute reicht und erklärt: „Der Patient braucht viel Ruhe. Also ist die Besuchszeit für heute beendet. In ein paar Tagen kann er vermutlich bereits entlassen werden, um darauf zu warten, dass sein Gedächtnis wiederkommt, muss er nicht in der Krankenabteilung bleiben. Er hat doch sicher jemanden, der sich dann um ihn kümmert?" Alle Anwesenden versichern, dass sie sich gut um Jin kümmern werden und verlassen nacheinander das Krankenzimmer. Bevor Chika den Raum verlassen kann, hält Jin sie kurz zurück: „Gib dir nicht die Schuld, es war einfach eine Verkettung unglücklicher Zufälle." Chika nickt kurz und verbeugt sich noch einmal. „Danke, Jin." Dann eilt sie den anderen hinterher.
Bevor die Tür sich schließt, bemerkt Jin, dass die Katze noch immer auf seinem Bett sitzt. „Halt, du hast deine Katze …", ruft er und endet leise, als die Tür zuklappt „… vergessen." Er streichelt der Katze seufzend über das Fell. „Das war dann wohl zu spät." Die Katze reibt ihr Köpfchen an Jins Hand und schnurrt leise. „Du bist also die Schuldige?", fragt er sie nur ein kleines Bisschen vorwurfsvoll. „Und wie soll man dir böse sein?" Die Katze schaut ihn mit einem so niedlichen Blick an, dass Jin lächeln muss. „Anscheinend gar nicht", stellt er fest. Die Katze ringelt sich auf Jins Schoß ein und er genießt sogar die beruhigende Wirkung des Schnurrens. „Dir scheint es hier in der Krankenabteilung besser zu gefallen als mir", schmunzelt er und greift wieder nach den Reiscrackern. „Willst du auch ein Stück?", fragt er die Katze und hält ihr einen kleinen Brocken hin. Sie schnuppert kurz daran, verzichtet dann aber darauf, ihn zu fressen. „Na gut, dann bleibt mehr für mich übrig", meint Jin und steckt sich das Stückchen selbst in den Mund.
Während er isst, lässt er den Besuch noch einmal Revue passieren. Er kennt jetzt seinen Namen und die Namen seiner Besucher, aber alles andere liegt absolut im Dunkeln. Was für ein Mensch ist er? Dass er Osamu das Leben gerettet haben soll, ist wohl ein Indiz dafür, dass er kein schlechter Kerl ist. Sein Beruf scheint verantwortungsvoll und nicht ungefährlich zu sein. Und so wie es aussieht, ist er ein guter Kämpfer. ‚Natürlich' die Nummer zwei nach Tachikawa Kei? Im Moment muss er das wohl so hinnehmen, auch wenn er das Gefühl hat, dass Kei davon viel zu überzeugt ist. Woher mag das Gefühl kommen? Ist da eine verborgene Erinnerung, die in sein Bewusstsein dringen möchte? Aber Jin kann sich noch so anstrengen, er kann nichts abrufen, was Keis Worte bestätigen oder widerlegen würde.
Dann ist da die Behauptung, dass er in die Zukunft sehen kann. Wieder versucht Jin sich zu konzentrieren, aber außer, dass die Anstrengung ihm wieder Kopfschmerzen einhandelt, passiert gar nichts. Mit einem frustrieren Seufzen legt er die Reiscracker beiseite, schließt er die Augen und denkt an die bestürzten Gesichter seiner Besucher. Er scheint eine wichtige Rolle bei Border zu spielen und der Verlust seiner Fähigkeit und seines Gedächtnisses dürfte alle in Schwierigkeiten bringen. Seine Hände ballen sich zu Fäusten, er muss unbedingt sein Gedächtnis so schnell wie möglich wiedererlangen und seine Fähigkeit auch, er lässt doch sonst alle im Stich! Unwillig schüttelt er den Kopf. Nein, ein besonders geduldiger Mensch ist er wohl nicht, zumindest im Moment nicht.
