*CUT: „die zweite"*
„Na, meine zwei Lieblingsenkel, was habt ihr denn so getrieben? Immer noch genauso erfolgreich wie früher?"
„Oma, bitte sprich Japanisch, ich kann Deutsch doch nicht so gut ...", moserte mein Bruder, während er etwas unglücklich auf seinem Essen herumkaute. Oder es viel eher malträtierte. Sah jedenfalls nicht äußerst appetitlich aus. Jedoch noch bevor ihn der böse Blick unserer Oma traf, schluckte er das Kornflakesmus in seinem Mund schnell herunter.
„Manpei, hatte ich dir nicht gesagt, dass du das gefälligst zu lernen hast? Irgendwann verlernt deine arme, alte Oma ihre Landessprache und dann? Dann können wir uns alle nicht mehr verständigen."
„Dann übersetzt Shinpei eben!", lachte mein Bruder.
Da hatte er auch wieder Recht! Ich war Derjenige von uns Beiden, der damals ständig mit Oma im Garten gesessen und Deutsch gelernt hatte, während mein Zwilling mit Mangalesen beschäftigt gewesen war. Ich interessierte mich für die Deutsche Sprache und die Kultur, das war für Manpei schon immer zweitrangig gewesen, wenn wir hier her fuhren. Und das störte nicht nur die alte Dame, die vor uns saß und sich gerade nicht entscheiden konnte, ob sie ihrem Enkel beherzt gegen den Kopf schlagen oder lachen sollte. Wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich meinen, sie passe weder nach Deutschland, noch nach Japan. Ihr besonderes Temperament erinnerte eher an eine Vollblutitalienerin. Und solche konnten sich durchsetzen. Also hielt ich den Großteil dieser Konversation die Klappe und unterstrich ihren Befehl nur noch mit einer kleinen Anschuldigung, um nicht total neben der Spur zu wirken. Es fiel mir sowieso schon schwer, überhaupt zuzuhören.
„Ja, es wäre aber auch nicht schlecht, wenn du das ein oder andere Wörtchen kennen würdest", schlug ich ihm vor. „Wir sind jetzt immerhin 'n Monat hier."
„Ja, dein Bruder hat recht, Man-Chan. Er könnte dir sicher was beibringen."
Ich nickte selbstgefällig und schaute aufs Meer, sobald sich ihre Blicke wieder abwandten. Wir hatten ganz andere Interessen ... und standen uns doch so nah. Doch obwohl wir uns so nah waren, näher, als es jede anderen Verwandten je sein könnten, fühlte ich mich einsam. Wann hatte das angefangen? Wann hatte ich dieses Gefühl das erste Mal verspürt? Es war noch gar nicht so lange her...
„Und zu deiner Frage, Oma, wir spielen gerade in einem sehr bekannten Drama mit. Zwei Zwillinge!" Einen kurzen Moment linste ich zu Manpei, dessen Augen bei diesem Ausspruch – wahrscheinlich wollte er aber eh nur von sich selber und seiner Unfähigkeit ablenken – anfingen, zu funkeln. Vielleicht lag es aber auch nur an der komischen Lage der Sonne. Unterdrücken musste ich mein aufkeimendes Lächeln jedoch trotzdem. Es fiel mir schwer, nicht glücklich zu sein, wenn er so von unseren Charakteren schwärmte, obwohl ich doch von der ganzen Sache loskommen wollte. Aber es ließ mein Herz einfach höher schlagen. Wahrscheinlich konnte man es für eine kurze Sekunde lang in meinem Gesicht ausmachen, vielleicht war es nur ein klitzekleiner Funkensprung, der über meine Mimik huschte. Doch ich hoffe, er hatte es nicht gesehen.
„Das sind doch tolle Neuigkeiten! Um was für ein Drama handelt es sich denn?"
„Ouran High School Host Club, das musst du doch kennen, Oma!", warf er empört in unsere Konversation hinein. In Japan war diese Reihe wirklich schon als Manga ziemlich populär und erfolgreich. Aber wie sollte eine alte Frau hier in Deutschland über diese Serie Bescheid wissen?
„Nein, wie denn, Kindchen. Ich wohne jetzt seit 20 Jahren hier."
„Es handelt von einem Mädchen, das ein Stipendium für eine der angesehensten Schulen Japans erworben hat", fuhr mein Bruder unbeirrt fort, während ich die verwirrten und amüsierten Blicke meiner Oma aufzufangen wusste. Und lächelte einfach mit. Redete mir ein, dass ich von einem Ende meines Gesichtes zum anderen strahlte, weil ich sie endlich wieder sah. Aber im Inneren wusste ich ganz genau, warum ich so glücklich war. „Allerdings stellt sich heraus, dass diese Schule voller versnobter Teenager ist, die irgendwann alle einmal das Unternehmen ihrer Väter und Mütter übernehmen werden. Aber in erster Linie geht es eben um den Host Club; Von gelangweilten Schülern für die gelangweilten höheren Töchter", zitierte er einen der berühmtesten Sätze dieser Serie; und das immer noch alles auf Japanisch. Ich befürchtete, das würde sich niemals ändern. Und wieder ein Grinsen, das über meine Lippen flog. „Dieses Mädchen wird fälschlicherweise für einen Jungen gehalten, als sie den Host Club betritt und stößt erst mal eine teure Vase um. So muss sie dort als Host arbeiten, um ihre Schulden abzubezahlen."
„Aha. Und das ist so erfolgreich?", lachte die alte Frau zweifelnd und verstand wahrscheinlich nicht ein einziges Wort.
„Ja, sehr! Oma, du bist viel zu alt, um das zu verstehen." Diesmal sogar ein kleines Giggeln, das meinem Mund ungewollt entwich.
„Sehr nett, wirklich sehr taktvoll, Manpei! Und was für eine Rolle spielt ihr beiden dort?"
Manpei rückte sich auf dem Stuhl zurecht. Ich wusste, wie er zu unseren Rollen stand und fand sich unglaublich wichtig, auch, wenn er es im gleichen Atemzug ungerecht fand, dass ich, als jüngerer Bruder, den älteren und dominanteren Zwilling Hikaru im Drama spielte. Ich sah ihn leise grinsen, seine Augenlider auf Halbmast, warf einen Blick auf seine – ebenfalls – nackten Schultern, da wir Tank Tops trugen, bemerkte die Sonne, die sich zufrieden auf seiner Haut widerspiegelte, sie glänzen ließ. Jetzt schon begann er, brauner zu werden. Ein Merkmal, das unsere Gene mit sich brachten. Und manches Mal waren wir ganz schön froh darüber gewesen. Aber ich dachte nicht über einen bevorstehenden Sonnenbrand nach oder darüber, wie heiß es ihm gerade war, denn mittlerweile saß ich im Schatten. Ich konnte nur daran denken, wie es wäre, diese Schultern zu berühren, obwohl ich es schon etliche Male gewissenlos getan hatte. Unzählige. Ich konnte und wollte nicht weiterdenken. Besann mich dazu, weiterhin zuzuhören. Fand es schon merkwürdig, dass Oma noch nichts aufgefallen war, normalerweise war nämlich ich der aufgeschlossenere und erzählfreudigere Typ von uns Beiden.
„Na, jeder von den Hosts hat bestimmte Merkmale, um Kundinnen zu gewinnen. Da gibt es zum Beispiel den „coolen Typ", den „natürlichen Typ" und wir, die „kleinen Teufel." Wir provozieren ein wenig mit unserer Brüderliebe und so. Die Rollen machen Spaß und die Leute dort sind unglaublich nett!" Fast musste ich die Luft anhalten, als er wie beiläufig die Bombe mit unserer Geschwisterliebe platzen ließ. Ich konnte mich noch dran erinnern, wie es war, das damals unseren Eltern sachlich erklären zu müssen. Es waren Rollen, nichts weiter, aber wer sah schon gerne seine eigenen Söhne miteinander flirten, sich so nahe kommen, dass sich ihre Nasenspitzen berührten? Aber wahrscheinlich war auch nur ich so angespannt deswegen. Weil ich mehr darin sah als unsere Rollen. Weil ich mehr sehen wollte … oder auch nicht. Ich war mir sogar sicher, dass Oma mal wieder überhaupt nicht kapierte, was eigentlich Klartext war. Und das meinte sie wahrscheinlich nicht einmal böse. Japanisch war einfach nicht mehr ihr Ding.
„Das freut mich, zu hören. Aber entschuldigt mich jetzt, wir quatschen später noch einmal weiter. Die Pflicht ruft!" Ich zwang mir ein amüsiertes Lachen auf die Lippen, bis sie ging. Ablenken hieß die Devise, von mir ablenken, solange es nötig war.
„Wir provozieren, he?", stieß ich ihn gezwungen lachend an seiner Schulter an, um überhaupt mal irgendetwas zu sagen, und ignorierte den Gedanken daran, dass ich meinem Verlangen mal wieder nicht hatte standhalten können.
„Ja, das tun wir!", grinste mein Bruder, stand auf, ging um den Tisch rum und setzte sich unverblümt auf meinen Schoß. Ich konnte gar nicht so schnell gucken, da schlang er schon fröhlich seine Arme um meinen Hals. So gerne ich gerade noch seine Schultern hatte anfassen wollen, das hier war mir zu schnell zu viel auf einmal.
„Hey! Im Drama, nicht in Wirklichkeit!", schrie ich entsetzt auf. Wahrscheinlich viel zu auffällig. Viel zu nervös und verschreckt. Hätte ich nicht haargenau gewusst, dass mich seine Berührungen in wirklich grenzwertige Situationen führen könnten, hätte ich mich gezwungen, nicht so zu reagieren. Hätte ich nicht unglaubliche Angst, er könnte meine Nervosität riechen, hätte ich diese Situation mit vollem Genuss ausgekostet. Es ließ mein Herz springen, als er sich weiter an mich lehnte und seine Arme enger um mich legte, seinen Kopf auf meiner Schulter ruhen ließ. Ich konnte seine nächsten Worte kaum hören, so laut pochte mein Herz in meinen Ohren. Hatte Angst, er hörte es. „Provozieren können wir gut!"
„Ja ...", stammelte ich und wandte mich aus seinem Griff. „Meinst du nicht, wir sollten heute mal in die Stadt gehen?", lenkte ich ab und schummelte ihn irgendwie von meinem Schoß runter, während meine gesamte Haut kribbelte, die er berührt hatte, als wäre mein gesamter Körper eingeschlafen.
„In die Stadt? Ich dachte, wir verbringen einen faulen Tag am Meer?"
„Das können wir doch immer noch machen!", schlug ich vor und war eigentlich ganz froh, dass er keine Lust hatte. „Gut, dann geh' ich eben alleine. Ich will zur Klippe!" Und ja, das kam mir gelegen.
Manpei nickte lächelnd und trug sein Geschirr rein, überhaupt gar nichts erwidernd gegen meine schnelle Entscheidung. Normalerweise verbrachten wir nämlich viel Zeit beieinander. Gerade an den ersten Tagen im Urlaub. Aber es war mir recht so.
Jedoch brauche ich einen kurzen Moment, um wieder klar zu werden. Nur langsam gewöhnte sich mein Herz an die nicht mehr vorhandene und doch so geliebte Nähe. Ich atmete tief durch und folgte ihm dann.
Warum merkte denn keiner, dass wir so verschieden waren?
Freudig trippelte ich die langen Steinwege entlang, die ins kleine Dorf führten. Es war so idyllisch hier und ein richtig großer Unterschied im Gegensatz zum großen, beschäftigten Tokyo. Ich genoss es, mal nicht ständig von der Seite her angeguckt und um Autogramme gebeten zu werden, wenn das denn mal Normalfall war, schließlich waren die meisten Japaner so gut erzogen und schüchtern, dass sie es erst gar nicht versuchten oder sich trauten. Aber das war wirklich „Urlaub". Ich mochte die Deutsche Mentalität einfach. Dass die Leute es gewohnt waren, Ausländer um sich herum zu haben und sich nicht wunderten, wenn ein Japaner durch die Straßen schlenderte. Für sie war ich einfach ein Bürger dieses Landes.
Am großen Marktplatz hielt ich inne und sog die frische, vertraute Luft in mich ein. In der Mitte befand sich ein großer Brunnen, der fröhlich vor sich hinplätscherte. Der seichte Wind wehte den ein oder anderen Wassertropfen in meine Richtung und die Bäume ringsherum spendeten wunderbaren Schatten.
Als kleine Kinder hatten Manpei und ich gerne im Brunnen gebadet und Fangen gespielt.
Ich seufzte und ließ mich nieder. Meiner Schlenderroute, wenn ich allein in die Stadt ging, war jedes Mal aufs Neue dieselbe. Diese Routine brauchte ich und beruhigte mich auch auf eine ganz merkwürdige Art und Weise. Sie lenkte mich von all dem Stress und Trubel ab, den ich zurzeit hatte. Befreite meine gequälten Gedanken, die in meinem Kopf so lange Radau machten, bis ich Kopfschmerzen bekam. Die dort eingeschlossen waren wie elendige Zirkustiere.
Es erschreckte mich eher weniger, dass die Tatsache, dass ich mich in letzter Zeit irgendwie zu Manpei hingezogen fühlte, auch beinhaltete, dass ich wohl oder übel schwul ... na ja, oder halt bi war. Irgendwie hatte ich schon immer ein wenig diesen Verdacht gehegt. Dass mit Manpei ... dadurch war mir das ganze einfach erst klar geworden.
In Japan war Schwulsein zwar akzeptiert, aber nur, wenn es nicht gerade der eigene Sohn oder der eigene Freund war. Solange es ein „Traumgespinnst" war, war es durchaus okay. Immerhin gab es sogar alte Überlieferungen, dass Samurai zur damaligen Zeit durchaus auch gleichgeschlechtliche Liebe akzeptierten und auch praktizierten.
Hier in Deutschland, das wusste ich, war es einfach üblicher und auch normaler. Das gefiel mir natürlich. Auch wenn ich es gar nicht sein wollte. Es war kein großes Problem für mich wie es wahrscheinlich für andere Männer meines Alters sein könnte. Ich hatte schließlich mit schlimmeren Tatsachen zu kämpfen. Und – mal ehrlich – ich hasste eher die Gewissheit, dass ich mich in meinen Bruder verguckt hatte als die, dass ich wohl oder übel auf Jungs stand.
Wenn ich durch die Straßen Japans zog, hatte ich mir den ein oder anderen Jungen schon mal angeschaut und geprüft, was ich von ihm hielt. Jedes Mal kam ich zu dem gleichen Entschluss: Hübsch, aber ... nicht so hübsch wie Manpei!
So viel zum Thema Narzissmus.
„Nein, Leon ... nein! Das kannst du vergessen, das mache ich nicht!"
Ich erschrak, als ein Junge neben mir voller Wut in sein Handy schrie und dann so unbändig auf den Auflege-Knopf drückte, dass er direkt noch weitere Zahlen erwischte. Er seufzte und legte seinen Kopf in die Hand, als er sich mit einigem Abstand zu mir auf den Brunnen sinken ließ. „Das ist doch jetzt wohl nicht wahr ..."
Interessiert blickte ich auf den Blondschopf, dessen längere Haare sein ganzes Gesicht verdeckten. Er sah ziemlich verzweifelt aus, also erhob ich die Stimme, auch wenn ich nicht wirklich sicher war, was ich von dieser Szene halten sollte. Ich war es einfach nicht von unserer Mentalität gewohnt. In der Öffentlichkeit gab es kein aus dem Rahmen fallen.
„Was ist los?"
Erschrocken wandte er sich zu mir um und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Er hatte glasklare grüne Augen. So was hatte ich noch nie gesehen...
„Oh, tut mir leid ... ich hab nicht gemerkt, dass Jemand neben mit sitzt ..."
„Ist schon okay!", lächelte ich und schaute auf seine Hände, die nervös mit dem Handy spielten.
„Du bist nicht von hier, hmm?", fragte er nun etwas interessierter, wobei ich mich fragte, ob man – trotz meines Aussehens – doch so schnell erahnen konnte, dass ich nicht Deutsch war. Ich zählte mich eigentlich immer noch zu einem guten Deutschkönner, aber die feinen Unterschiede merkte man halt trotzdem. Und als mich kurz die Angst beschlich, ich könnte etwas völlig falsches sagen, antwortete ich lieber schnell.
„Ich kann zwar gut Deutsch, aber den Japanischen Akzent hört man wohl immer noch raus, hmm?", lächelte ich verlegen. Ich hätte es gerne, dass man es nicht mehr bemerkt. Aber so schwer ich auch daran arbeitete, klappte es immer noch nicht richtig.
„Warum bist du hier?"
Ich freute mich, dass ich Zugang zu Jemandem hier gefunden hatte und auch, dass der Junge recht nett zu sein schien. Und hübsch, trotz dass er nicht aussah wie Manpei. „Urlaub. Meine Oma wohnt hier, betreibt eine Pension direkt am Meer."
Er nickte und wandte sich verträumt dem Himmel zu, der heute wirklich keine einzige Wolke trug, sei sie noch so nebelig und verschleiert.
„Ich bin Adam!", streckte er mir erfreut die Hand entgegen, nachdem er kurz gezögert hatte, die ich allerdings sofort ergriff.
„Shinpei. Aber nenn mich lieber Shin!"
*CUT: „die zweite/ENDE"*
