Und hier kommt das zweite Kapitel...


Dunkler Fluss aus Norden

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Kapitel 2

Machar hastete durch das große Tor zum Thronsaal, zu ihrem Vater. Hinter sich ließ sie den Toten im Hof und die aufgebrachten Wachen, die ihn forttrugen.

Die Reaktion der anderen Wachen, die die letzen Worte gehört hatten waren sehr unterschiedlich. Fast alle waren erschrocken, aber den ältesten darunter auch der weise alte Gwar, der schon viele Kriege gesehen hatte, waren richtiggehend entsetzt gewesen. Die Angst in seinen sonst immer so ruhigen und bemessenen Augen jagten Machar einen Schreck ein. Sagte "Nern" ihnen etwas? Sie konnte sich nicht daran erinnern, den Namen je zuvor gehört haben. Weder in einer Sage noch in einem Lied, die selten aber doch auf der Burg gesungen wurden. Keine waren fröhlich, alle dunkel, aber dieser Name war nie darin vorgekommen.

Die Gänge schienen sich vor ihr zu ziehen, und der Weg den sie zurücklegen musste, wuchs mit jedem Schritt mehr in die Länge. Sie hasste es ihre Vater Nachrichten zu überbringen, am meisten an Tagen, wo er die Nacht davor getrunken hatte. An ihr vorbei huschten Menschen in den Hof. Sie nahm sie nur als dunkle Schatten war und fühlte sich selbst wie in Trance. Wahrscheinlich war die Nachricht vom toten Boten schon überall in der Burg – nur nicht bei ihrem Vater, der abgeschirmt von allem anderen in seinem Thronsaal saß. Er würde Nachrichten immer als Letzter erfahren und doch glauben, er sie der erste. Er würde entscheiden, was zu tun war.

Machar drückte die schweren eisenbeschlagenen Türen zu Thronsaal auf, ihr Vater sah sie mit hochgezogenen Augen an. Um ihn herum saßen seine Untergebenen. Jene Leute die mit dem König spielten, für die er schon längst zum Werkzeug geworden war. Der König, eine Marionette an dünnen Fäden, die jederzeit reißen konnten, wenn man zu fest daran zog.

Für diese Menschen war sie nicht anderes als ein Meldebote. Nichts weiter und sie konnte auch im Gesicht des Vater sehen, dass sie in diesem Moment weder seine Tochter noch sein Sohn war. Ein unbedeutender Niemand, jemand, der zu dirigieren war.

Er hatte vorige Nacht getrunken, zusammen mit seinen Leuten. Sie sah es an den roten Ringen unter seinen Augen. Sie hasste ihren Vater für diese Momente. Er hatte sich so verändert in den letzten Jahren, seit ihrer Kindheit, seit dem ersten Dunkel an das sie sich nicht erinnern konnte.

Es viel ihr schwer ihre Wut und ihren Schmerz zu unterdrücken. Ihr Vater winkte sie zu sich. Abweisend, kalt und unpersönlich.

"Mein König!"

Machar sprach ihn mit seinem Titel an, dann würde er ihr wenigstens zuhören. Ihre Stimme klang in ihren Ohren kratzig und rau. Ein hoheitsvolles Nicken sagte ihr, dass sie fortfahren könne.

"Mein König, einer der Meldereiter ist zurückgekehrt. Er kam aus Norden. Aber mit sehr schlechten Nachrichten!"

Machar schaute ihrem Vater nicht in die Augen. Sie starrte auf den Boden vor ihm. Ihre Stimme war leiser geworden, als die Bilder und das blutige Mal klar vor ihre Augen traten.

"Er ist tot!"

"Berichte, was er sagte!"

Emotionslos kamen die Worte von seine blutleeren Lippen. Sie verletzten Machar immer wieder aufs neue. Trotzdem sie war nicht seine Tochter ... nur eine Untergebene. Nicht einmal sein Sohn.

"Er sprach von einer Dunkelheit..."

Der König nickte wieder. Fordernd. Er wollte die Nachricht hören. Dunkelheit beunruhigte ihn nicht. Er war selbst viel zu dunkel dazu.

"Was noch?"

"Er sprach von einer Dunkelheit...er sprach von ‚Nern'!"

Machar hörte auf zu sprechen, denn der König stand mit einer hastigen Bewegung auf. Sein Gesicht war gespenstisch weiß und sein Atem flatterte.

"Nern?..."

Machar hatte ihren Vater noch nie so aufgebracht gesehen. Trotzdem klang seine Stimme ruhig, als er sprach. Ruhig, kalt und ... anders.

"Man sende einen weiteren Boten nach Norden. Er soll mir berichten, was er auf der Meldestelle sieht oder was dort vor sich geht. Dann werden wir weiterberaten. Macht schnell, die Zeit drängt!"

Er wandte sich um und verließ er den Thronsaal mit wehendem Mantel und verschwand im Gang, der zu seinen Gemächern führten. Es war an Machar die weiteren Befehle zu geben. Doch das lag ihr nicht. Sie sah, dass sich die Männer fürchteten. Sie würden sich ihren Befehlen nicht wiedersetzen, aber sie würden es nie freiwillig tun. Sie hatten Angst, die ganze Burg schien von der Angst erfasst.

Wenn es nach ihr ginge, würde sie selber hinreiten, doch das würde ihr Vater ihr nie erlauben. Dazu war ihm sein Erbe doch zu teuer. Er würde sie nur in Notfällen schicken.

Und es war sowieso nicht ratsam den König jetzt aufzusuchen. Schweren Herzens entschied sie sich für einen Wächter, in den sie Vertrauen hatte. Er war noch einer der jüngeren und kannte diese dunkle Gefahr nicht. Machar hoffte, dass er zurückkehren würde. Unversehrt und ohne Wunden. Sie wollte nicht Schuld sein an einem Tod sein. Nicht Schuld am Tod einer ihrer Männer, einer ihrer Freunde.

Das Bild und der Blick des Boten war ich noch im Gedächtnis. Vor ihren Augen flimmerte es kurz. ein roter Schleier überzog das Bild, doch er ließ sich nicht wegwischen, als sie sich unwillig mit der Hand über die Augen wischte.

Sie sah einen Reiter auf dem Bauch im Steppengras liegen. Machar blinzelte.Der Reiterlag jetzt so, dass sie sein gesicht sehen konnte. Es war der junge Mann, den sie gerade losgeschickt hatte, doch seine Stirn war entstellt - entstellt durch das rote Auge. Machar wurde übel, doch dann war das Bild auch schon wieder verflogen.

Als der Wächter unten am Fuße des Hügels angekommen war, gab er seinem Pferd die Sporen und wurde immer kleiner.

Der Wind fuhr ihr durch die schulterlangen Haare, als sie wieder auf ihrem Wachplatz stand und die graugrüne Weite vor sich sah. Sie sah das Land, das wahrscheinlich einmal ihr gehören würde. Sie würde es regieren müssen, sie als einzige Erbin. Einmal noch sah sie kurz im Sonnenlicht die Waffen des Reiter blinken, dann war er aus ihrer Sicht verschwunden.

Ihre Gedanken schweiften ab, zu Kindheitserinnerungen, als sie noch anders war. Als sie noch lachte und nicht verbittert war.

Der kalte Wind griff auch ihr Herz an. Doch sie wollte nicht kalt werden, nicht so wie ihr Vater. Verfallen ohne eigenen Willen. Opfer seiner angeblich so treuen Untertanen und Helfer.

Wie sie so dastand, überkam sie ein leichter Schwindel und sie musste sich an der Mauer anhalten. Als sie wieder klar sehen konnte, war sie weiß im Gesicht. Für einen kurzen Moment war über der Ebene ein rotes Auge zu sehen gewesen. Die Wiesen schienen für eine kurze Zeit zu brennen. Dann war es wieder vorbei.

Allzu deutlich trat nun wieder das blutige Auge auf der Stirn des Boten in ihr Gedächtnis.

Das rote Auge...


reviews sind auch diesmal erwünscht( wann eigentlich nichtg?)

Mykena: Danke für dein review! Zum Stil kann ich nur sagen, dass es das erste Mal ist, dass ich so schreibe. Mal sehen, wie lange ich es durchhalte.