Finstere Träume

Die Nachtgesichter der Menschen scheinen manchen ein Fluch und anderen ein Segen der Valar zu sein. Doch wer sich von den Göttern abgewandt hat und nur noch im Schatten wandelt, der hat keine Träume, weder gute noch schlechte. So hatte Tarzûpol es einst von seinem Vater gelernt und wahrlich hatte er nie einen Traum, nachdem er alt genug war, der Finsternis zu dienen.

Doch in dieser Nacht, in der er schreckliche Nachrichten empfing und von der Vernichtung seines Bruders und des großen Auges erfuhr, kam ein Gespinst aus fremden Gedanken zu ihm, welches andere, in diesen Dingen erfahrenere, als Traumgesicht bezeichnet hätten.

Er wandelte durch die Straßen des Halblingdorfes, er hörte schrilles Geschrei und er sah, wie die seltsam verzerrten Fratzen der Hobbits rohe Drohungen riefen und den Tod für jemanden forderten. Furcht überkam ihn- wollten sie seinen Kopf? Doch da erschien ein alter Mann, in weiße Lumpen gehüllt und mit hasserfülltem Blick. Ihm schienen all die Flüche zu gelten... Wie von unsichtbarer Hand geleitet, richtete sich Tarzûpols Blick auf die rechte Hand des Meisters, auf die Hand Sarumans, dessen Namen ihm nun wie aus dem Nichts zuflog. An ihr blinkte ein Ring, ein goldenes Geschmeide und schien dem gebeugten Mann Kraft zu geben. Er sprach drohende, spöttische Worte und die Halblinge wichen zurück. Dann gab es einen großen Wirbel, eine Mischung aus Gefühlen und wirren Bildern und auf einmal lag Saruman auf dem Boden, hingestreckt von der Hand seines eigenen Dieners. Ein Dunst stieg von dem toten Körper auf, klagendes Stöhnen erscholl, aber der Wind blies den Nebel schnell gen Osten davon.

Die Leiche des Zauberers verfiel rapide und bevor einer der widerwärtigen Hobbits ein Tuch über den Anblick warf, schien der blinkende Ring an Sarumans nun verknöchertem Finger Tarzûpol zuzublinzeln.. Fast meinte er, eine raunende Stimme zu hören, die ihn aufforderte, seine Hand auszustrecken und nach dem herrlichen Schatz zu greifen, eine Stimme die von ihm verlangte das Erbe eines der Großen von Mittelerde anzutreten. Und er wollte es, oh ja mit jeder Faser seines verdunkelten Herzens.

Die Faluck Harzan

Die scheußlichen Geräusche eines erwachenden Dorfes drangen durch die Tür der Mühle und weckten Tarzûpol. Die Bilder seines Traumes standen ihm vor Augen wie brennende Fanale und eine innere Unruhe hatte ihn erfasst, die er nicht abzuschütteln im Stande war. „Sandigmann, wo bleibt mein Frühstück?" rief er in die noch dunkle Mühle hinein und hörte, wie der dreckige Hobbit aus seinem Bett fiel und fluchte. „Willst du deinem Gast nicht aufwarten?" fragte er drohend, doch bevor er noch weiteres sagen musste, kam der Müller mit Brot, Wurst und einem Humpen Bier angelaufen. „Ich bin schon da, Herr!" winselte er dienstbeflissen und reichte dem schwarzen Dunedain die dürftige Verpflegung. Hastig schlang der die dargebotenen Speisen hinunter und versuchte, aus den Bildern des Traumgesichtes Schlüsse zu ziehen. Wie kam es, das er überhaupt einen Traum hatte? Seit seiner Kindheit war das nicht mehr geschehen und er vermisste wahrlich nichts. Etwas musste ihm diese Gedanken eingegeben haben. Der Ring?

Mit vollem Mund fragte er den ängstlich neben ihm stehen Sandigmann: „Warst du dabei, als Saruman zu Tode kam?" Leicht verwirrt schaute ihn der Hobbit an, dann schien er zu begreifen, das „Scharrer" gemeint war und er antwortete: „Nein Herr, ich habe darüber nur die spöttischen Worte anderer gehört, doch sah ich seinen Leichnam, denn man bürdete mir auf, ihn zu beerdigen. Niemand wollte den Körper berühren, weil bei seinem Tod etwas seltsames geschah..." „Halt!" unterbrach ihn Tarzûpol schroff. „War dieses Seltsame etwa, das Nebel aufstieg und sich ein Seufzen hören ließ, wie von Geistern?" Verwundert sah Sandigmann zu ihm auf. „Ja Herr, so habe ich jedenfalls gehört. Die anderen wollten mit dieser Zauberei nichts zu tun haben."

Erregt fragte der schwarze Waldläufer den verderbtem Halbling weiter aus. Wo waren die Überreste begraben? Wer wusste noch davon? Hatte er vielleicht etwas blinkendes an Sarumans Hand gesehen? Soweit er konnte versuchte Sandigmann zu antworten, doch gab dies Tarzûpol keine Befriedigung. „Höre Halbling!" forderte er, nachdem die gestammelten Antworten des Hobbits verklungen waren. „Du musst nun zu deinem Tagewerk schreiten, doch heute Nacht führst du mich zu der Stelle, wo du die Leiche verscharrt hast. Ich begehre etwas, das du in deiner Einfalt unter der stinkenden Erde dieses Landes begrubst! Kein Auge außer deinem soll mich dabei erblicken, wie ich es finde und in Besitz nehme! Bereite Sturmleuchte, Spaten und Schüppe vor!"

Der völlig ahnungslose Müller nickte furchtsam und setzte an, etwas zu fragen- „Keine Sorge, niemand wird Dir deshalb etwas tun, das verspreche ich. Ich habe das Gefühl, das Du hier unter all diesen wichtigtuerischen Schleimlingen doch nicht glücklich wirst." Tarzûpol machte eine Pause „Nachdem ich gefunden habe, was ich heute Nacht suchen will, kannst Du mit mir kommen, als mein persönlicher Diener." Er lachte schaurig. „Das kommt dir doch sicher besser zupass als ein ödes Leben in diesem verfluchten Dorf?" Sandigmann konnte ob des großzügigen Angebotes nur bewundernd nicken und machte sich sodann auf, um ein letztes Mal Getreide zu schroten.

Nachdem sein unfreiwilliger Gastgeber gegangen war, verfiel Tarzûpol in eine bedrückte, selbst für sein Seelenleben besonders schwarze Stimmung, nur zwischenzeitlich aufgehellt durch das wilde Begehren nach Sarumans Ring. Er gedachte seines Bruders, all der Gelegenheiten, an denen sie zusammen durch die öden Lande Angmars, des Nebelgebirges oder der Gebiete zu Füßendes Gipfels von Carn Dun gezogen waren. Sie hatten Dunedain gejagt, Orkdiener für ihre Feste rekrutiert, Trolle aufgehetzt und Richtung Oststraße getrieben, Hinterlassenschaften von Arnor geplündert und weitere großeTaten vollbracht. Doch immer wieder kehrten sie zurück zu der Festung ihrer Vorväter in den tiefen Schluchten der Ettenöden.

Ihre Familie ging weit zurück, bis auf die schwarzen Numenorer des zweiten Zeitalters. Sie hatte sich besonders hervorgetan beim Stellen von Heerführern und großen Kriegern für den Hexenkönig von Angmar, in dessen Dienste ihre Vorfahren nach dem Fall von Rhudauer getreten waren. Selbst das Verschwinden des obersten Nazgul und das Ende seines Reiches hatten sie überstanden... Wenn es in den Waldläufern und Dunedain Überreste der Königreiche von Arnor gab, warum sollte nicht Angmar wenigstens in ihrer Blutlinie weiterleben? Sie nannten sich Faluck Harzan, in der schwarzen Sprache hieß das soviel wie „Ritter von Angmar" und der Titel wurde mit der Zeit zu ihrem Familiennamen. Viele der Schrecken von Eriador hatten sie heraufbeschworen, manche Reisende des Nordens endeten in den Kerkern ihrer halb verfallenen Burg Nuk- Drashnal. Und doch hatten sie es immer geschafft, still wie die Toten und unerkannt wie die Schatten zu sein. Als unsichtbare Drohung waren sie den Waldläufern und Elben bekannt, aber nie hatte jemand das düstere Tal, in dem Nuk- Draschnal lag, lebendig verlassen um davon zu berichten.

Auch fiel ihm der Tag ein, an dem ein Bote Saurons zu ihnen gekommen war, ein besonders starker und blutdurstiger Orkhäuptling aus den Brutstätten von Dol Guldur. Er war durch die Tiefen des Nebelgebirges gewandert und forderte im Namen des große Auges, das die Sippe der Ritter von Angmar, der Falluck Harzan nun ihren Teil zur Auferstehung der Finsternis leisten sollten. Arzupol war Feuer und Flamme gewesen für diesen Gedanken, er wollte die Hexenkunst der Nazgul und Saurons erlernen, er wollte den Westen mit einer Decke von Furcht und Untergang überziehen. Doch Tarzûpol mochte seine Heimat Angmar nicht verlassen, er wollte die Tradition ihrer Linie hier im Norden aufrecht erhalten. So versicherte er dem Gesandten Saurons, er werde in Eriador als Brückenkopf des Schattens arbeiten und im Geheimen die Rückkehr der Dunkelheit vorbereiten. Doch als sein Bruder und der Bote fort waren tat er nicht mehr als bisher auch, um Schrecken zu verbreiten, denn sein Herz glaubte lange Zeit nicht an einen Sieg Saurons über den Westen.

Erst als Arzupol ihm nach fast dreißig Jahren eine Nachricht geschickt und von dem Wiederaufbau Barad- Durs in Mordor berichtet hatte, dessen Kommandant er geworden war, begann der jüngere Bruder auf die Rückkehr des Herrn der Finsternis auch nach Eriador zu hoffen. Er verließ Nuk- Drashnal und wanderte durch die Ebenen des Nordens, suchte dunkle Orte an denen Orks und Warge gezüchtet werden konnten. Er kämpfte mit einigen Dunedain und blieb siegreich. Er hörte die Schreie der Nazgul, als sie im Norden jagten, doch er war zu weit fort, sie zu erreichen. Und schließlich vernahm er den Ruf eines Mächtigen und dachte, der neue Statthalter Mordors im Norden sei eingetroffen.

Nun aber war alle Hoffnung zerschlagen worden, von hässlichen Elben, krabbelnden Hobbits und den hochmütigen Dunedain, seinen Erbfeinden. Die Wut und das Verlangen nach Rache gärte wieder in ihm und ließ ihn bis zum Sonnenuntergang keine Ruhe finden..