Kapitel 2
Elizabeth schrak zusammen und starrte die Dame, die sie eben so sanft umarmt hatte und ihr nun ein freundliches Lächeln schenkte, verwirrt an. „Mrs. Reynolds hat mir erzählt, daß du dir den Knöchel verletzt hast, Liebes. War Doktor Mitchell schon da? Hast du große Schmerzen?" fragte sie teilnahmsvoll und nahm Elizabeths Hand in ihre. Elizabeth schwieg. Wer war diese Frau? Großgewachsen, schlank, lange, dunkelblonde Haare, sehr gut gekleidet in einem dunkelblauen Seidenkleid, ein passendes Collier mit einem lupenreinen Saphir, umkränzt von Diamanten, um den Hals – und ihr völlig unbekannt. Bevor sie die Gelegenheit zu fragen hatte, fuhr die freundliche Dame fort.
„Du mußt dich wirklich ein wenig schonen, Liebes. In deinem Zustand kann so ein Sturz verhängnisvolle Folgen nach sich ziehen!" Sie sah gleichzeitig besorgt und wehmütig aus. Elizabeth runzelte die Stirn. In ihrem Zustand? Die fremde Frau tätschelte liebevoll ihre Hand und lächelte dann wieder. „Aber ich will dich nicht ängstigen. Fitzwilliam sagt immer, ich wäre zu überängstlich, kannst du das glauben? Solche Worte aus seinem Mund?" Sie lachte hell und in ihren Augen blitzte der Schalk. „Du tust ihm so gut, Elizabeth! Er hat sich so verändert seit eurer Hochzeit, ist viel offener, viel fröhlicher geworden. Aber was rede ich, das ist ja mittlerweile ein alter Hut. Wieviele Jahre seid ihr schon verheiratet? Sechs? Und ich kann es immer noch nicht fassen, was du für einen wunderbaren Menschen aus ihm gemacht hast. Ich danke Gott jeden Tag dafür, daß er dich damals nach Pemberley geschickt hat. Kannst du dich erinnern? Natürlich kannst du," die Frau lachte wieder fröhlich, „genau hier in dieses Zimmer hat man dich gebracht weil du dir drüben im Wäldchen den Fuß gebrochen hattest. Und was für ein Zufall, daß Fitzwilliam an diesem Tag aus London zurückkam." Sie schüttelte sichtlich amüsiert den Kopf. „Die garstige Wurzel hat Fitzwilliam noch am nächsten Tag entfernen lassen, damit sie kein Unheil mehr anrichten konnte. Unfaßbar, wie das Schicksal manchmal mit einem spielt, nicht wahr?"
Elizabeth wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie war mit Mr. Darcy verheiratet? Seit sechs Jahren? Na davon hätte sie aber gewußt, oder? Die gute Dame mußte da etwas ganz übel durcheinander bringen! Als sie gerade den Mund aufmachen und die seltsame Lady fragen wollte, wie sie auf solchen Unsinn kam und wer sie überhaupt war, deutete diese mit einem liebevollen Lächeln nach draußen. „Schau, Fitzwilliam ist gerade nach Hause gekommen," sagte sie leise und ihr Gesicht strahlte eine heitere, aber irgendwie auch traurige Stimmung aus. Elizabeth beugte sich neugierig nach vorne und in der Tat, unten auf dem Rasen war ein Pferd zu sehen, dessen Reiter abgesessen war und von zwei Kindern stürmisch begrüßt wurde. Die Lady öffnete das Fenster und lautes Lachen und aufgeregte Kinderstimmen drangen zu ihnen nach oben. Elizabeth starrte ungläubig auf die kleine Gruppe.
Der Reiter war eindeutig Mr. Darcy, die beiden Kinder kannte sie nicht, aber sie fühlte nichtsdestotrotz eine vage Verbindung zu ihnen. Ein Junge, vielleicht fünf Jahre alt, mit dunklen Locken, rannte aufgeregt auf Mr. Darcy zu, der beim Anblick der Kinder vom Pferd gesprungen war und den Kleinen mit offenen Armen auffing. Lachend wirbelte er ihn herum und der Knabe jauchzte vor Vergnügen. „Oh Papa, Papa! Wie schön, daß du wieder da bist! Hast du uns was mitgebracht? Papa?" Mr. Darcy lachte, setzte das Kind wieder ab und wuschelte ihm durch die Haare, die den seinen so ähnlich waren. „Warst du denn auch artig genug, Robert? Ich glaube, ich werde erst einmal deine Mutter fragen müssen, ob du auch ein Geschenk verdient hast!" Der Junge zog eine Schnute und schaute seinen Vater nahezu indigniert an. „Natürlich war ich artig, Papa!" brummte er. Darcy grinste und wollte etwas sagen, doch in diesem Moment kam ein kleines Mädchen auf wackligen Beinen über den Rasen gelaufen und ein Strahlen breitete sich auf Darcys Gesicht aus.
Elizabeth hatte vor lauter Rührung Tränen in den Augen, als sie sah, wie Mr. Darcy die Kleine vorsichtig auf die Arme nahm, zärtlich an sich drückte und auf die Stirn küßte. „Hallo, meine kleine Prinzessin," sagte er liebevoll und lachte, als sie ihre kleinen Arme um seinen Hals legte und einen feuchten Schmatzer auf seine Wange drückte. „Ich hab dich so vermißt, Liebes," murmelte er und strich über ihren kleinen Lockenkopf. „Wo hast du denn deine schöne Mama gelassen, Elinor, hm? Bist du etwa den ganzen Weg alleine gekommen, um mich zu begrüßen? Na, dann wollen wir Mama doch am besten einmal suchen gehen, nicht wahr? Komm, Robert." Mit dem Jungen an der Hand und dem Mädchen auf dem Arm machte er sich langsam auf den Weg zum Hauptportal und verschwand nach kurzer Zeit aus Elizabeths Blickfeld.
Die fremde Dame blickte den dreien sehnsüchtig hinterher und seufzte leise. Lächelnd wandte sie sich einen Moment später Elizabeth zu. „Die beiden sind euch sehr gut gelungen, Elizabeth," sagte sie und Elizabeth erkannte Tränen in ihren Augen. „Und im Sommer seid ihr dann schon zu fünft," ihr Blick fiel auf Elizabeths Bauch und sie erhob sich langsam. „Werdet ihr sie Anne nennen?" fragte sie plötzlich leise und drückte noch einmal ihre Hand, doch bevor Elizabeth etwas erwidern konnte, war sie auch schon an der Tür. „Ich werde Fitzwilliam sagen, daß du hier bist, Liebes..." Und Elizabeth war auf einmal wieder alleine im Zimmer.
Sie erschrak, als es plötzlich an die Tür klopfte und Mrs. Reynolds, gefolgt von einem älteren Herrn, das Zimmer betrat. „Ah, Miss Bennet, konnten sie sich ein wenig ausruhen?" fragte die Haushälterin stellte den Herrn als Dr. Myers vor. „Ich hatte Besuch von einer Dame," murmelte Elizabeth, immer noch vollkommen perplex. „Eine Dame?" fragte Mrs. Reynolds erstaunt. „Eins von den Zimmermädchen wahrscheinlich? Sonst ist hier niemand und Miss Georgiana kommt erst morgen. Aber stellen sie sich vor, Mr. Darcy ist vor einer Viertelstunde überraschend nach Hause gekommen – wir hatten ihn nicht so früh erwartet." Der Doktor hüstelte dezent und Mrs. Reynolds wandte sich um. „Oh, entschuldigen sie, Doktor. Wir können gleich noch ein wenig weiterplaudern, Miss Bennet." Mit einem entschuldigenden Nicken ließ sie Elizabeth mit dem guten Doktor alleine.
Dr. Myers sprach wenig und untersuchte ihren Knöchel äußerst genau, aber sein Gesichtsausdruck war ernst. „Ich fürchte, er ist gebrochen," meinte er schließlich und kramte in seiner großen Tasche nach etwas, womit er den Fuß verbinden und schienen konnte. „Gebrochen?" stieß Elizabeth entsetzt hervor. Das konnte doch nicht wahr sein! „Ja, und sie müssen während der nächsten Tage strikte Bettruhe einhalten. Sie dürfen das Bein unter keinen Umständen belasten, nur in Notfällen aufstehen. Ich werde Mrs. Reynolds ein wenig Laudanum hinterlassen, falls die Schmerzen zu stark werden und morgen wieder vorbeischauen." Elizabeth schüttelte entschieden den Kopf. „Ich muß nach Hertfordshire zurück, Doktor!" sagte sie entschlossen, doch der gute Mann hob die Hand. „Wenn sie meinen Anordnungen nicht Folge leisten, liebe Miss, werden sie möglicherweise nie mehr richtig laufen können, falls die Knochen nicht einwandfrei zusammenwachsen. Sie haben die Wahl. Ich schicke ihnen Mrs. Reynolds wieder nach oben. Bis morgen dann." Er verbeugte sich knapp und verließ den Raum, eine sichtlich geschockte Elizabeth zurücklassend.
Die Haushälterin versuchte ihr bestes, Elizabeth zu beruhigen. „Sie sind hier auf Pemberley in den besten Händen, Miss Elizabeth," sagte sie und drückte tröstend ihre Hand. „Machen sie sich keine Sorgen, Mr. Darcy wird nicht zulassen, daß es ihnen an etwas mangelt. Ihre Verwandten werden heute noch von Lambton nach Pemberley übersiedeln, damit sie in ihrer Nähe sind." Elizabeth wußte nicht, wie ihr geschah. Die Vernunft sagte ihr, daß sie auf den Doktor hören sollte, doch bei dem Gedanken, die nächsten Wochen hier unter einem Dach mit Mr. Darcy zu verbringen, war ihr alles andere als wohl. Und wer um alles in der Welt war diese seltsame Frau gewesen, und wo steckten die beiden Kinder, die Mr. Darcy vor noch nicht einmal einer Stunde vor ihrem Fenster so stürmisch begrüßt hatten? Ein Schauer lief über ihren Rücken, als sie sich daran erinnerte, daß es angeblich ihre eigenen Kinder sein sollten. Liebe Güte, war das vielleicht unheimlich! Nein, am liebsten hätte sie das Haus sofort wieder verlassen. Sie fürchtete sich. Etwas ging hier entschieden nicht mit rechten Dingen zu!
