1. Kapitel: I, my life and my problems - Vorgeschichte

„Hey" hörte ich eine Stimme säuseln, eine nervige Stimme, die ich allerdings nicht zuordnen konnte.

„Bist du wach?" Verschlafen schlug ich die Augen auf und sah in ein Gesicht – einfach nur schrecklich! Die Schminke war total verlaufen und die blond gefärbten Haare standen in alle Richtungen ab.

„Morgen." Zu mehr war ich an diesem Morgen – wie eigentlich an jedem Sonntagmorgen – nicht fähig. Neben mir lag ein Mädchen in meinem Bett, doch wer war sie? Ich konnte mich noch nicht mal mehr an ihren Namen erinnern, geschweige denn, wie wir hier gelandet waren. Anscheinend hatte ich es gestern wieder übertrieben, was mir allerdings oft passierte. Und ich bereute es noch nicht einmal. Ich war sogar froh, dass die Mädchen immer wieder auf mich rein fielen, es stärkte mein - relativ kleines - Selbstvertrauen ungemein.

„Ich hoffe, du hast gut geschlafen?" fragte sie mich mit einem Lächeln auf den Lippen, auf denen der Lippenstift verschmiert war. Ich musste wahrscheinlich meine Bettwäsche mal wieder wechseln, denn so wie es aussah, hatte sie gestern noch mehr Schminke im Gesicht gehabt als jetzt eh schon.

„Eigentlich schon" antwortete ich auf ihre Frage und sah ihr dabei in die leuchtenden Augen. Oh nein, sie gehörte auch zu dieser Sorte von Mädchen, die sich Hoffnungen machten. Ich musste sie schnellstmöglich los werden! Nach meiner Antwort kuschelte sie sich an mich und legte ihren Kopf auf meine Brust... Höchste Zeit, etwas zu unternehmen!

Ich richtete mich schnell auf, bevor sie ihre Arme um mich schlingen konnte. Dabei fiel mein Blick auf meine Uhr, halb zwölf. Spätestens um zwölf würde meine Schwester auf der Matte stehen und wenn sie dieses Mädchen entdecken würde, könnte ich mir mal wieder eine Standpauke anhören, wie gefühllos ich denn sei und ob ich denn gar nicht daran dachte, was ich den Mädchen damit an tat. Doch, ich dachte daran, was ich den Mädchen an tat – und es machte mir nicht wirklich etwas aus. Wenn man das erlebt hatte, was ich erlebt hatte, wenn man das gefühlt hatte, was ich gefühlt hatte, dann war das einem egal. Ich wollte, nein, ich konnte und durfte mich in kein Mädchen verlieben, es wäre für mich innerer Selbstmord gewesen.

„Süße, du musst jetzt leider gehen. Ich hab heute nämlich noch was vor." Zwar wollte ich meinen Spaß, das Rausschmeißen hasste ich trotzdem.

„Aber Eddilein, ich dachte, wir könnten heute noch etwas unternehmen." versuchte sie mich mit einem Lächeln zu überreden, das wahrscheinlich verführerisch aussehen sollte. Gegen so etwas war ich aber schon längere Zeit immun.

„Ich habe heute keine Zeit. Machst du dich jetzt bitte fertig?" fragte ich sie und hoffte, dass sie nicht mehr rumzicken würde. Und tatsächlich! Sie stand auf, ohne ein weiteres Wort zu sagen, zog sich ihre Klamotten an und wollte mich etwas fragen, doch ich antwortete ihr schon: „Das Bad ist genau im Zimmer gegenüber."

„Danke." sagte sie und verließ das Zimmer. Ich zog mich an und ließ mich danach wieder auf mein Bett zurück fallen, doch kaum hatten meine Klamotten die Matratze berührt, schreckte ich wieder auf. Zum einen, da mir auf einmal bewusst wurde, dass meine Klamotten sofort dreckig wären – von der Schminke, die jetzt in meinem Bett verteilt war – und zum anderen, weil mein Bruder grinsend in mein Zimmer kam, ohne vorher anzuklopfen.

„Was willst du?" fragte ich ihn genervt.

„Ach, ich wollte nur wissen, was mein Bruder so macht – und ihm etwas geben, damit seine wahrscheinlich großen Kopfschmerzen weggehen." Das Grinsen auf seinem Gesicht wurde immer größer. Er hielt mir ein Glas mit Wasser hin, in dem er wahrscheinlich gerade eine Tablette aufgelöst hatte.

„Danke. Aber was denkst du, was ich hier mache? Ich versuche mich gerade zu entspannen." Konnte er nicht einfach wieder verschwinden? Ich fand es zwar nett, dass er mir eine Tablette brachte, doch er nervte und merkte es anscheinend noch nicht einmal.

„Und, wer war es dieses Mal?" Wie ich diese Fragerei hasste!

„Emmet, erstens, das geht dich nichts, aber auch überhaupt nichts an und zweitens, damit du zufrieden bist, ich habe keine Ahnung."

„Wie, du hast keine Ahnung, mit wem du in der Kiste warst?" fragte er mich ungläubig und brach, nachdem er mir ins Gesicht geguckt hatte, in schallendes Gelächter aus.

„Nein, zumindest kann ich mich nicht mehr an ihren Namen erinnern. Wie sind wir hier eigentlich gestern her gekommen?" Gestern hatte ich mich anscheinend wirklich zu laufen lassen. Normalerweise konnte ich mich zumindest an einen kleinen Teil des Geschehenen erinnern.

„Ich habe keine Ahnung, wahrscheinlich habt ihr euch ein Taxi gerufen, denn als ich dich gesucht habe, wart ihr schon längst weg." antwortete mir Emmet, der sich inzwischen wieder beruhigt hatte. Doch seine Antwort brachte mich auch nicht wirklich weiter. Ich konnte mich nur noch daran erinnern, dass mich Tanya – mal wieder – angesprochen hatte. Ich hatte sie, wie so oft schon, abblitzen lassen und war danach an die Bar gegangen, die im Keller von Mikes Eltern stand. Was danach passiert ist, wusste ich nicht mehr.

„Ist Alice schon aufgetaucht?" fragte ich meinen Bruder, der über meine Dummheit nur den Kopf geschüttelt hatte. Ich konnte ihn ja verstehen. Er hatte die Liebe seines Lebens gefunden, war über alles glücklich mit ihr und konnte sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Doch er verstand auch mich – zumindest bis zu einem bestimmten Grad. Zwar hatte er nie die Erfahrungen machen müssen, die ich hatte machen müssen. Doch auch er war meinem jetzigen Status ziemlich ähnlich gewesen – wenn auch nicht so übertrieben wie ich.

„Nein, sie ist heute früh nur kurz hier aufgetaucht und hat Bescheid gesagt, dass sie und Rose heute nicht da sind – sie wollten shoppen. Danach wollten sie noch ins Kino. Wir sollen daher nachher mit..." Emmet wurde unterbrochen, als das Mädchen wieder in mein Zimmer kam. Sie hatte ihre Haare gekämmt und sich anscheinend wieder geschminkt, denn ihre Hautfarbe glich der von heute morgen überhaupt nicht mehr und auch ihre Lippen leuchteten in einem – etwas sehr heftigen – rot.

„So, Eddilein... Oh, hi, ich bin Katharina und du musst Eddis Bruder sein." sagte sie zu Emmet gewandt, der sich sein Lachen sichtlich verkneifen musste. Ich konnte mir schon denken, was er bei dem Anblick dachte. Sie war natürlich in keiner Hinsicht mit Rose zu vergleichen, denn Rose war wunderschön und dünn, aber auch nicht zu dünn, während sie, nun ja, zwar auch dünn war, aber man konnte sie einfach nicht als hübsch einstufen. Nicht, dass sie hässlich war, nein, nur man konnte einfach nicht erkennen, wie sie denn wirklich aussah. Außerdem waren ihre Klamotten, ihr kurzer weißer Rock sowie ihr pinkes Top, zwar anscheinend gerichtet worden, doch es sah einfach nur grässlich aus.

„Hi. Ja, ich bin Emmet." meinte Emmet und nahm die Hand, die sie ihm entgegen gestreckt hatte. Danach wandte sich Katharina, ich wusste ja jetzt, wie sie hieß, wieder zu mir.

„Also hast du heute wirklich keine Zeit?" fragte sie mich und klimperte dabei wie wild mit ihren Augen. Reichte es ihr denn nicht, dass ich ihr vorhin schon gesagt hatte, dass ich etwas anderes vorhatte – auch wenn das gar nicht stimmte?

„Nein, und du musst jetzt auch gehen." Ich stand auf, legte meinen Arm um ihre Hüfte und schob sie aus meinem Zimmer bis zur Tür.

„Also, man sieht sich." meinte ich noch zu ihr und drückte ihr noch einen Kuss auf die Wange, ich wollte sie ja nicht ganz vergraulen, aber auf den frisch geschminkten Mund wollte ich sie auch nicht küssen.

„Ehm, Eddi..."

„Ja?" Was wollte sie denn jetzt noch?

„Ich komme nicht nach Hause." Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Och nein, anscheinend wohnte sie nicht hier im Internat. Sollte ICH sie jetzt etwa nach Hause fahren? Das konnte sie sich aber mal schön abschminken. Ich hatte wirklich besseres zu tun. Doch andererseits war mir klar, dass sie nicht lockerlassen würde. Ich hatte mich schon fast mit dem Gedanken abgefunden, sie nach Hause zu fahren, als Emmet in den Flur kam.

„Darum musst du dir keine Gedanken machen Katharina. Ich habe dir gerade ein Taxi gerufen, es wird am Haupteingang auf dich warten." Ich drehte mich zu Emmet um, der ein scheinheiliges Gesicht aufgesetzt hatte. Ich warf ihm einen dankenden Blick zu, ehe ich mich wieder zu ihr wandte: „So, dann hätten wir dieses Problem auch geklärt. Also dann tschüss."

„Bis dann!" meinte sie daraufhin noch, schlang noch einmal ihre Arme um meinen Hals und verließ dann – endlich! - die Wohnung. Ich schloss die Tür hinter ihr und drehte mich zu Emmet um.

„Danke Bruder. Ich bin dir was schuldig!"

„Kein Problem Eddi-Schatzi!" machte sich Emmet über mich lustig. Er wusste genau, wie ich es hasste, Eddi genannt zu werden, geschweige denn mit irgendeiner Verniedlichung gerufen zu werden.

„Dann ist ja gut, Teddy." Ich wusste genau, dass ich ihn damit ärgern konnte – er hatte es schließlich verdient. Ich genoss es, ihm dabei zuzusehen, wie er vor Wut anfing zu kochen und sein Gesicht rot anlief. Er presste seine Lippen aufeinander, anscheinend wollte er sich irgendeinen Spruch verkneifen. Nach einer Weile nahm sein Gesicht wieder eine einigermaßen normale Farbe an und seine Gesichtszüge entspannten sich. Auf einmal fiel mir ein, dass Katharina ihn vorhin unterbrochen hatte, als er mir gerade irgendetwas über Alice und Rose erzählen wollte.

„Ey, was wolltest du mir vorhin erzählen?" Er schien einen Moment zu überlegen, doch dann wandelte sich sein Gesichtsausdruck und er schaute mich wissend an.

„Ich wollte dir eigentlich nur Bescheid sagen, das die beiden heute Abend nach dem shoppen noch ins Kino wollten, irgendein neuer Film soll angelaufen sein, und sie haben uns gefragt, ob wir mitkommen wollen." Ich überlegte. Emmet würde allein schon wegen Rose hin gehen und eigentlich hatte ich ansonsten nichts zu tun heute Abend. Hausaufgaben konnte ich ja jetzt noch machen. Außerdem musste ich noch mein Zimmer aufräumen und die Bettwäsche wechseln. Bis heute Abend wäre ich bestimmt beschäftigt und wenn nicht, dann könnte ich ja noch lesen.

„Klar, warum nicht? Also der Film ist schon ausgesucht? Wenn du hingehst, geh ich auch hin. Wann eigentlich?"

„Alice meinte, um sechs seien sie fertig mit shoppen. Wir würden uns dann eine viertel Stunde später vor bzw. im Kino treffen."

„Klar." meinte ich daraufhin nur noch und ging in die Küche, um etwas zu frühstücken, auch wenn es mittlerweile schon fast 13.00 Uhr war. Aber ich hatte keine Lust, was Warmes zu essen. Daher schmierte ich mir nur einige Brötchen mit den verschiedensten Aufstrichen und nahm sie mit nach oben in mein Zimmer. Dort angekommen setzte ich mich a meinen Schreibtisch, auf dem nur eine Lampe, einige Stifte sowie meine Hefte und Hefter für die Schule lagen, und schmiss meinen Computer an. Während er hoch fuhr schaute ich schon einmal nach, was für Hausaufgaben ich noch erledigen musste: Geschichte, Mathe und Spanisch, eigentlich alles schnell zu erledigen.

Als mein Computer endlich hochgefahren war – ich hatte in der Zwischenzeit schon ein Brötchen verdrückt – sah ich meine E-Mails nach. 12 Neue. Das ging eigentlich, wenn man bedachte, dass Wochenende war. Allerdings war dies nur eine E-Mail-Adresse von zweien. Die zweite kannten eigentlich nur sehr enge Freunde sowie meine Familie.

Zuerst löschte ich die Werbe- und Erinnerungsmails. Die restlichen vier las ich mir durch. Eine war von meiner Mutter und eine von meinem Vater, die andere von Tanya, die mich – mal wieder – nach einem Date fragte und die letzte war von meinem Freund Sam. Ich wusste zwar nicht, wieso er an diese Adresse schrie aber mich sollte das nicht stören.

Hey Edward,

was machste so? Hast dich das gesamte WE nicht gemeldet.

Hattest du deinen Spaß auf Mikes Party? Ich wollte dich eigentlich ansprechen, aber du warst ja beschäftigt...

Wer wars eigentlich?

Falls du nicht beschäftigt bist, kannste ja zurück schreiben.

Sam

Typisch Sam. Auch er machte sich über mich lustig. Er kannte mich nämlich schon solange ich denken konnte, und er wusste, auch wenn er es bescheuert fand, dass ich mich nur als Aufreißer gab, und dies nur aus Eigenschutz.

Hey Sam,

ja, hatte ich, aber hab sie vor ner Stunde weggeschickt. Hättest mich ruhig ansprechen können, dann hätte ich mir das heute Morgen wahrscheinlich erspart. Und wie läufts bei dir? Haste es schon gemacht?

Edward

Ja, Sam war nämlich unsterblich in ein Mädchen verliebt – Leah – doch er traute sich nicht, sie anzusprechen. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass er ansonsten immer, wirklich immer, auf die Menschen zuging, ohne sich auch nur im entferntesten Gedanken darüber zu machen, was sie von ihm denken könnten. Ich verstand es ehrlich nicht. Natürlich hatte ich auch schon mal geliebt und war bitter enttäuscht worden, doch mich hatte die Liebe nie so verändert. Und klar, ich war damals noch ein anderer Typ von Junge, aber ich hatte nie darauf geachtet, in ihrer Gegenwart immer das Richtige zu tun, ihr immer zu gefallen. Und wahrscheinlich würde ich das auch nie – ich konnte einfach keinem Mädchen mehr vertrauen.

Nachdem ich auch meinen Eltern geantwortet hatte, Tanyas Mail „übersah" ich ganz aus versehen, machte ich mich an meine Hausaufgaben. Auch wenn viele auf den ersten Blick dachten, ich würde nichts für die Schule tun – ich war genau das Gegenteil: Ich hatte vorbildliche Noten.

Die Hausaufgaben dauerten doch etwas länger als gedacht, ich musste noch Vokabeln lernen, doch letztendlich war ich um 15.00 Uhr fertig. Bevor ich mich fürs Kino fertig machte – ich musste noch duschen – wechselte ich meine Bettwäsche und brachte sie zur Waschmaschine. Anschließend bezog ich mein Bett neu und räumte mein Zimmer auf. Nach einer Stunde war ich damit fertig und schlüpfte unter die Dusche. Während das Wasser auf mich herab prasselte, dachte ich über den bevorstehenden Kinobesuch nach. Rose und Alice hatten bestimmt keine Zeit, die Tüten zum Auto zu bringen. So würden wir im Kino wahrscheinlich mehr Platz beanspruchen, als uns eigentlich zustand und danach dürften Emmet und ich die Tüten schleppen. Nicht, dass es uns schwer gefallen wäre, nein, dafür waren wir trainiert genug. Allerdings nehmen Tüten ziemlich viel Platz in Anspruch, auch wenn noch so wenig Inhalt in ihnen ist. Daher liegt das Problem im Platz, denn wir haben nun einmal nicht so viel Platz an den Armen, um alle Tüten ohne Probleme zu tragen. Ich frage mich immer wieder, wie die beiden Mädchen es schaffen, alle Tüten zu schleppen und dabei auch noch weiter zu shoppen. Aber das wird wahrscheinlich immer ein Geheimnis bleiben.

Es war Anfang August, das neue Schuljahr lief noch nicht lange, und Alice hatte gerade ihr Taschengeld bekommen. Also waren bestimmt einige Klamotten in Alice Hände gefallen.

Ich schäumte mir die Haare ein, da fiel mir etwas ein. Hatten mich Tanya und ihre Clique Lauren und Jessica nicht gefragt gehabt, ob ich heute ins Kino wollte? Bestimmt waren sie heute auch da. Mal wieder mit Jessica oder Lauren rumzumachen wäre ja auch mal eine nette Abwechslung. Aber das könnte ich Alice nicht antun. Sie war von meinem Verhalten enttäuscht und außerdem konnte sie alle drei nicht ausstehen. Also würde ich sie irgendwie loswerden müssen.

Vielleicht würde mir ja Emmet helfen.