Die nächsten Tage waren wahrhaftig wenig erfreulich. Und das in mehrfacher Hinsicht.
Zum einen hatte er etliche Zusatztermine im Ministerium zu absolvieren, um einen Ersatzkandidaten für Clark zu finden. Zum anderen sah er seine Frau fast gar nicht mehr. Diese unvernünftige Verrückte suchte ja nach einer Trankalternative und mit jeder Stunde, die sie über staubigen Bücherbergen gebeugt verbrachte und in alten Spruchsammlungen wühlte, verschlechterte sich zudem ihre Laune erheblich.
Ihre Töchter waren, um es gelinde auszudrücken, von den diversen Arbeitsprogrammen ihrer Eltern ebenfalls wenig begeistert und beschwerten sich eindringlich bei ihm und auch bei Hermine. Geschah ihr ganz recht! Das schlechte Gewissen, das man ihr daraufhin deutlich ansah, lenkte ihn von seinen eigenen Schuldgefühlen gegenüber seinen Töchtern auch durchaus erfolgreich ab.
Doch zwei Tage vor Ablauf des Ultimatums stürmte sie plötzlich in seinen Unterricht, „Entschuldigen Sie, Professor Snape", keuchte sie mit roten Wangen und etwas in Unordnung geratener Frisur, „aber ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie vor dem Mittagessen ein paar Minuten Ihrer kostbaren Zeit für mich erübrigen könnten."
Seine Augenbrauen schoben sich finster zusammen, sie würde doch wohl nicht tatsächlich fündig geworden sein? „Ich werde sehen, was sich machen lässt", stellte er gnädig in Aussicht.
„Danke, ich bin in meinem Büro!", fügte sie erfreut an und war auch schon wieder fort.
Das war kein gutes Zeichen, nein, wahrlich nicht!
Daher beendete er auch die Zaubertrankstunde mit mulmigem Gefühl und eilte zügig durch die Verbindungstüre in seine Privaträume.
„Was gibt es denn so Dringendes, das nicht einmal bis nach dem Mittagessen warten konnte?", fragte er, als er in ihr Büro trat, in dem es aussah, als hätte ein Troll gewütet, „Und außerdem, was machst Du eigentlich hier, hast Du nicht Vorlesung?"
„Ich habe Ambros um Vertretung gebeten", erklärte seine Frau mit leuchtenden Augen und winkte ihm die Türe zu schließen und sich zu setzen. Aber er wollte sich nicht setzen, sondern blieb demonstrativ vor ihrem überquellenden Schreibtisch stehen und überkreuzte die Arme abweisend vor seiner Brust.
„Also, was ist? Brauchst Du Hilfe beim Aufräumen?", er wies auf das Chaos rings herum.
„Nein! Ich glaube, ich habe einen Weg gefunden, Severus!", strahlte seine Frau und klatschte in die Hände.
„So? Und von welchem Weg sprechen wir im Augenblick, wenn es denn nicht der Weg zur besseren Ordnung ist? Etwa vom Weg zur Vernunft oder dem Weg zur Einsicht?"
„Nein", schüttelte sie lachend den Kopf, „Du weißt schon, der Weg zur Schneeblume!"
Verdammt, hatte er es doch gewusst, warum musste sie auch immer so fähig sein! Aber so leicht gab er sich nicht geschlagen, „Ach, das! Da bin ich ja mal gespannt", meinte er so gelangweilt wie möglich und reckte das Kinn skeptisch nach vorne.
„Das kannst Du auch, denn ich denke, dass es ein richtig guter Weg ist!", ließ sich seine unerträglich begeisterte Frau nicht bremsen und streckte ihm ein dicht beschriebenes Blatt Pergament entgegen, „Hier, schau!"
Betont gleichgültig nahm er das Schriftstück entgegen und las es langsam und bedächtig durch, dabei verfolgte seine Frau jede seiner Augenbewegungen voller Anspannung.
„Und, was denkst Du?", fragte sie atemlos, als er das Rezept und die dazugehörigen Erklärungen zu Ende gelesen hatte.
„Recht nett, wie mir scheint und auch nicht wenig erheiternd, aber es wird Dir trotzdem nicht helfen!", war sein vernichtendes Urteil.
„Was? Warum nicht?", empörte sich seine Frau enttäuscht.
„Weil Du auch mit diesem Trank – neben den erheblichen Kosten - die gleichen Schwierigkeiten wegen der Reifungszeit hast, wie mit der Muggelmethode! Hier steht etwas von vier Wochen!"
„Man könnte sie verkürzen!", warf Hermine leicht verzweifelt ein.
„Tja, vielleicht, aber in zwei Tagen?", er bedachte sie ungläubig von oben herab, „Das wird wohl nicht reichen!", er schenkte ihr sein fiesestes Wolfsgrinsen, „Ich werde mich übrigens heute Nachmittag zwischen zwei sehr aussichtsreichen Kandidaten entscheiden", er zückte seine Taschenuhr, „Daher muss ich gleich nach dem Mittagessen ins Ministerium, erwarte mich also nicht zum Tee."
„Aber ich dachte, dass Du mir vielleicht hilfst, den Trank zu modifizieren?", starrte ihn Hermine enttäuscht an, als er sich schon wieder zur Tür wenden wollte.
„Nun, das wird nicht möglich sein, tut mir sehr leid, meine Liebe", säuselte er und natürlich wusste auch Hermine, dass es ihm ganz und gar nicht leid tat.
„Du bist ein mieser Schuft und hämischer Lump!", schimpfte seine Frau daher auch wütend hinter ihm her und stampfte zornig mit dem Fuß auf.
„Mag sein, aber dafür bin ich ein Schuft und ein Lump mit einer lebendigen Frau!", antwortete er gut gelaunt und machte sich auf zum Mittagessen.
Natürlich war ihm klar, dass die Schlacht noch lange nicht geschlagen war, immerhin war seine Frau eine wirklich gute Tränkemeisterin und wenn sie etwas wollte, dann konnte sie nicht viel aufhalten.
Das sollte sich schon am nächsten Tag erweisen. Da schrieb er nämlich gerade mit großer Genugtuung seine Expeditionszusage an einen gewissen Grant Flemming, einen ausgewiesenen Zauberkunstmeister mit dem Spezialgebiet „Flüche" aus der Nähe von Liverpool, als er von einem lauten Schrei dermaßen erschreckt wurde, dass er einen langen, unschönen Strich quer über den Brief an Mister Flemming zog. Verdammt, was war denn jetzt los. Hektisch stürzte er in sein Wohnzimmer, wo soeben auch seine Töchter aus ihren jeweiligen Zimmern gestürmt kamen.
„Was ist passiert, Dad?", fragte Eileen und sah sich verwundert um.
„Ich habe keine Ahnung!", gab Severus zu, aber Sera deutete auf Hermines Büro, „Ich glaube, das kam von Mum!"
„Nun, vielleicht hat sie ja endlich selbst eingesehen, dass ihr ganzes Bemühen unvernünftig und töricht ist!", murmelte Severus, aber Eileen schüttelte mit dem Kopf, „Sorry, Dad, aber es klang eher froh!", Ja, bei näherer Betrachtung der Dinge, würde er zu einem ähnlichen Schluss gekommen sein. Wollte er aber nicht.
Trotzdem, Severus war noch nicht ganz zu Hermines Bürotür gelangt, als diese schon aufgerissen wurde und eine ziemlich desolat aussehende Tränkeprofessorin herausstürzte.
Als sie sich ihrer versammelten Familie gewahr wurde, lief sie ihnen entgegen und riss mit lautem Jubelgeschrei ihre Töchter in die Arme, um sie ganz fest an sich zu drücken. Dann richtete sie sich etwas mühsam wieder auf – so ein Bauch war ja auch schon recht lästig – und sah ihrem Mann triumphierend in die Augen, bevor sie ihm zehn dicht beschriebene Seiten gegen die Brust drückte und verlangte, „So! Lies es in Ruhe und wenn Du mir nicht glaubst, dann braue es nach, ich habe jetzt erst einmal einen Mordshunger und muss unbedingt etwas essen!"
Natürlich tat er das, sowohl das in Ruhe Lesen, wie das Nachbrauen, denn das Rezept war auf den ersten Blick nicht schlüssig. Aber je länger er darüber nachdachte und je weiter er in der Zubereitung fortfuhr, umso sicherer war er sich, dass sie den Durchbruch geschafft hatte.
Verdammt! Verdammt! Verdammt!
Drei Stunden später kam sie entspannt ins Labor geschlendert und fragte, „Na, hatte ich recht?"
„Wo warst Du so lange, hast Du die Hauselfen in Panik versetzt, weil Du in der Küche aufgekreuzt bist?", fragte er im Gegenzug.
„Nein, ich habe mir nur einige Sandwichs bestellt, dann den Mädchen noch vorgelesen und eine Runde ‚Snape explodiert' mit ihnen gespielt", lächelte Hermine, „Danach habe ich in aller Ruhe ein Bad genommen", sie sah ihn herausfordernd an, „Und nun sag schon, dass ich recht hatte!"
„Du hattest recht!", knurrte Severus widerwillig, „jedenfalls soweit ich das bis jetzt beurteilen kann", dann aber richtete er sich auf und funkelte sie an, „Trotzdem wirst Du nicht teilnehmen können!"
„Was? Warum nicht?", ihr Mund klappte auf.
„Wegen unserer Abmachung!"
„Ich versteh Dich nicht!"
„Dann helfe ich Deinem Gedächtnis gerne auf die Sprünge, meine Liebe", säuselte Severus, „Es ging nur zum einen darum einen Ersatz für den Akklimatisierungstrank zu finden, der niemandem schadet, Dir nicht und dem Kind nicht. Aber wir hatten ebenfalls vereinbart, dass Du eine medizinische Zustimmung zu dieser Mission bekommst!", er hob eine Augenbraue, „Wie sieht es damit aus?"
„Das erledige ich morgen", grummelte Hermine und senkte den Blick.
„Dann werde ich großmütig bis zum morgigen Abend warten, bevor ich die Eule mit der Bestätigung für Grant Flemming abschicke und Du Dich wieder in Ruhe Deiner Familie, Deinen Studenten und der Geburtsvorbereitung widmen kannst."
„Du bist zu gut zu mir!", spottete Hermine säuerlich.
„Ich weiß!", grinste Severus hoheitsvoll und fühlte sich schon wieder etwas besser.
Gut, zugegeben dieser Trankersatz war wirklich beeindruckend, aber er hatte schon im Stillen damit gerechnet, dass sie eine Lösung für dieses Problem finden würde. Dass aber Poppy einer solchen Mission in ihrem Zustand zustimmen würde, das war völlig ausgeschlossen und darum konnte er auch einen ziemlich entspannten Abend verbringen.
