Wieder frei

Auf der Insel schien die Zeit stillzustehen, es gab ein oder zwei Dörfer mit störrischen sardischen Einwohnern, die es nicht besonders gern sahen, wenn Johnsons Leute in ihren Kneipen und Restaurants auftauchten, und schon gar nicht, wenn sie anfingen, mit ihren Töchtern anzubändeln. Die meisten Menschen weigerten sich strikt, das Metro zu sprechen, die Amtssprache der EAAU, sondern unterhielten sich weiterhin in ihrem unverständlichen Dialekt. Nur ein paar Einheimische – man munkelte, sie seien die Nachfahren der einst hier von der italienischen Regierung inhaftierten Mafiosi – treiben schwunghaften Handel mit dem Stützpunkt. Bei ihnen ließ sich alles erwerben, was das Leben auf Asinara leichter machte und auf den Stützpunkten der strategischen Raumflotte normalerweise verboten war: Starke Alkoholika, Zigaretten und Zeitschriften zweideutigen Inhalts. Manchmal, wenn Metropolis mit dem Nachschub an Ersatzteilen nicht nachkam, beschafften sie auch diese, wo bei niemand genauer nachfragte, woher. Die Geschäfte liefen gut.

Die Insel hatte eine bewegte Geschichte hinter sich, als Gefängnis, Lager für politische Gefangene und als Quarantänestation für Einwanderer ins sonnige Italien. So stand die Flotte der EAAU in den Augen der Bewohner in der Tradition jener ungeliebten Staatsdiener, die den Menschen hier die Hölle auf Erden bereitet hatten. Zudem benutzte die Armee auch die Gebäude aus jener unseligen Zeit, vor allem das einstige Hospital, ein repräsentatives Haus, in dem es auch ohne Klimaanlage im Sommer erträglich kühl blieb. Zwischendurch war Asinara auch einmal zum Naturschutzgebiet erklärt worden, aber aus wirtschaftlichen Erwägungen hatte Metropolis beschlossen, diesen Status zugunsten eines Militärstützpunktes wieder einzuschränken, auch wenn dies ein paar lästige Nebeneffekte zur Folge hatte.

Auf dem Stützpunkt wurden junge Rekruten für den Bodendienst ausgebildet, die aus diversen gesundheitlichen Gründen nicht flugtauglich waren, aber dennoch ihr Herz an den Militärdienst gehängt hatten. Es gab nur wenige Offiziere hier, altgediente niedere Ränge, die ihre letzten aktiven Monate vor dem Ruhestand gemütlich und ohne Stress hier zu verbringen gedachten. Asinara galt nicht gerade als geeignetes Sprungbrett für eine erfolgreiche Karriere, die meisten Rekruten sahen nach Beendigung ihrer Ausbildung zu, möglichst rasch nach Metropolis oder zu den Venus-Kolonien versetzt zu werden. Wenn das nicht funktionierte, hofften sie, wenigstens in die Nähe der Grenze zu den VOR abgestellt zu werden, „wo etwas los war", wie sie sich auszudrücken pflegten. Das bedeutete für die Bodentruppen meist die Koordinierung von Nachschublieferungen an die kämpfenden Einheiten, so es denn einmal zu einem Grenzscharmützel kam. In der letzten Zeit passierte das recht häufig, so sehr Metropolis dies auch ableugnete. Zwar stand kein Weltkrieg bevor, aber die Großmächte gefielen sich in Kräftemessen und Imponiergehabe.

Major Johnson, der Kommandant des Stützpunktes, hatte sich seine Karrierechancen selbst verdorben, auch wenn er sich das nur selten eingestand, also hing er wohl für immer hier fest. Oder zumindest bis zu seiner Pensionierung, und die konnte er frühestens in fünf Jahren beantragen. Johnson sah sich selbst als Opfer des Systems an, das wegen eines kleinen Dienstvergehens unverhältnismäßig hart büßen musste. Beinahe wäre er sogar zu einer Haftstrafe verurteilt worden, aber aufgrund seiner bisherigen Verdienste hatte man ihm diese Demütigung erspart. Allerdings fragte er sich manchmal, was die härtere Strafe war, in einem Gefängnis zu sitzen, das nach den liberalen Regelungen der EAAU geführt wurde oder in einem Kaff wie dieser Insel, in einem Büro, dessen Klimaanlage niemals zufriedenstellend funktionierte. Auch heute rann ihm der Schweiß wieder ins Strömen über das Gesicht und dunkle Flecken bildeten sich unter seinen Hemdsärmeln. Missmutig trank er einen Schluck Limonade und wandte sich wieder den langweiligen Berichten zu, die er zu allem Unglück regelmäßig nach Metropolis verschicken musste. Das Thermometer zeigte fast 42 Grad, eindeutig zu viel, um sich noch konzentrieren zu können. Draußen schrie ein Esel.

Esel! Diese Mistviecher streunten überall herum, und man durfte sich noch nicht mal ein Vergnügen daraus bereiten sie zu jagen. Einst waren die berühmten weißen Esel der Insel vom Aussterben bedroht gewesen, in den letzten Jahrzehnten allerdings hatten sie sich zu einer echten Plage entwickelt. Johnson träumte oft davon, sie allesamt zu Salami zu verarbeiten, aber er musste sich damit begnügen, sie mehrmals täglich vom Stützpunkt zu verjagen zu lassen, vor allem von der Landebahn, wo sie die zarten Pflanzen, die sich durch den in der heißen Sonne aufgeplatzten Asphalt drängten, genüsslich abknabberten. Manchmal machten sie sich sogar über die Lebensmittelkisten her, welche die Piloten nach dem Ausladen neben ihren Frachtschiffen abstellten.

Johnson drehte die Klimaanlage in seinem Büro höher, die letzten Julitage des Jahres hüllten den Anbau des Hospitals in unerträgliche Hitze. Er wünschte sich sehnlichst den Dienstschluss herbei, um in seine angenehm kühle Wohnung zurückkehren zu können und füllte sein Limonadenglas nochmals nach. Nicht ohne Belustigung sah er einigen seiner Männer zu, die einen der verfluchten Esel über die Landebahn scheuchten. Das Tier schlug einige Haken und wollte sich absolut nicht vertreiben lassen, einmal schlug es sogar mit seinen Hufen aus und verfehlte nur knapp einen der Rekruten. Der Mann fluchte wütend und zielte mit einem Ast auf das Hinterteil des Esels. Als die Tür aufging und eine der Soldatinnen aus dem Tower hereinkam, löste er sich nur unwillig von dem Schauspiel und nahm gelangweilt die Meldung entgegen. Was sollte sich schon ereignen, auf diesem langweiligen Stück Land?

„Sir, es ist eine außerplanmäßige Landung angekündigt worden", meldete die Frau. Ihre Uniform sah ein wenig vernachlässigt aus, das Hemd war ebenfalls nicht vollständig zugeknöpft. Johnson übersah es verständnisvoll mit einem Seitenblick auf das Thermometer. Fünfunddreißig Grad im Schatten! Ohne den allgegenwärtigen rauen Seewind hätte das kein Mensch ertragen können.

„Wer will denn was von uns?" fragte Johnson. „Hoffentlich nicht wieder ein paar Touristen, die mit Sondergenehmigung angeln wollen. Ich hasse diese Typen!" Genau genommen empfand er sie als ebenso lästig wie die Esel, nur dass die Esel keine Zelte rund um die Basis errichteten und leere Konservendosen und anderen Müll vor den Zäunen zurückließen.

„Nein, Sir, es ist ein Zerstörer, der hier zum Tanken zwischenlanden will, bevor er zur Venus weiterfliegt. Hat wohl auch einen Passagier für uns dabei."

„Einen Passagier?" Johnson runzelte misstrauisch die Stirn. Wahrscheinlich wieder so ein Idiot aus Metropolis, der die Start- und Landelisten kontrollieren wollte. Viel würde er nicht zu tun bekommen, also blieb er hoffentlich nicht über Nacht. „Haben die gesagt, was der hier will? Der Typ erwartet hoffentlich keinen großen Empfang von uns." So ein Mist, er hatte sich heute morgen aus Nachlässigkeit nicht rasiert. Sein Gesicht musste voller dunkler Stoppeln sein.

„Keine Ahnung, Sir, aber der Passagier bleibt wohl länger hier, jedenfalls fliegt er nicht weiter bis zur Venus. Soll ich eines der Gästequartiere vorbereiten lassen?"

„Meinetwegen", erwiderte Johnson und dachte daran, dass Abstellkammer wohl eine bessere Bezeichnung für die vier schlecht ausgestatteten Zimmer im Dachgeschoss darstellte. In zweien davon standen sogar noch die alten Möbel aus dem letzten Jahrhundert, schäbige Krankenhausbetten, von denen die Farbe abblätterte und wacklige Tische und Stühle. Oft benutzt wurden sie ohnehin nicht. „Santini soll eins davon putzen und frische Bettwäsche aufziehen, wenn wir noch welche haben. Und rufen Sie mal in der Pizzeria im Dorf an, ob die heute Abend was liefern können."

„Ok, Sir." Die Soldatin stand schon halb in der Tür. „Die Landung ist in einer Viertelstunde angekündigt, kommen Sie runter zur Rampe?"

„Ich muss noch ein paar Papiere durchgehen", log Johnson, „schicken Sie Lieutenant Montero hin, die sieht eh besser aus als ich. Sie soll aber vorher ihre Uniform in Ordnung bringen."

Die Soldatin grinste, Montero war sicherlich eine der attraktivsten Offizierinnen der Basis und wurde oft vorgeschickt, um Gäste zu begrüßen, „um den Besuchern nicht gleich die schlechten Seiten der Basis zu zeigen", wie Johnson immer sagte. „Ich sage ihr Bescheid, sie ist ohnehin gerade im Tower am Radar. Sonst noch Anweisungen, Sir?"

„Nein, Sie können wegtreten", erwiderte Johnson, der bereits das Interesse an dem landenden Schiff verloren hatte und sich den jagenden Männern auf der Landebahn zuwandte. Der Esel machte seine Sache gut. Johnson legte seine Füße auf den Schreibtisch und beschloss, noch ein kleines Nickerchen zu machen.

OOO

Isabel Montero schützte ihre Augen mit der Hand vor der gleißenden Sonne und verfluchte die Hitze, die sie in ihrer Uniform höllisch schwitzen ließ. Warum überließ Johnson immer ihr diese undankbaren Aufgaben? Weil sie der einzige Offizier außer ihm hier war, der noch nicht unter unzähligen Wehwehchen litt?

Im Tower war es angenehm kühl gewesen und bis zur angekündigten Landung des Zerstörers versprach es ein ruhiger Tag zur werden. In einer Stunde wäre ihre Schicht zu Ende gewesen und sie hätte mit Tim Selbert zum Strand fahren können, aber daraus würde wohl jetzt nichts werden. Unter der Uniform trug sie bereits ihren Bikini und der gepackte Picknickkorb stand unter dem Terminal bereit. Gebratene Hähnchenschenkel, Bier und Tomatensalat, alles, was man für einen Ausflug brauchte. Tim würde mal wieder sauer werden, aber als Mechaniker verlief sein Arbeitstag ja noch ruhiger als ihrer, und er konnte sich Schichtverlängerungen kaum vorstellen. Schade, dabei hatte sie gehofft, dass Tim heute endlich auf einen gemeinsamen Urlaub zur Sprache kommen würde, den sie sich so sehr wünschte. Am Himmel blitzte es kurz silbern auf, der Zerstörer würde bald eintreffen. Montero band vorsichtshalber ihre schwarzen Locken zu einem Zopf zusammen und zupfte ihre Bluse zurecht, ihre Alltagsuniform würde wohl genügen. Die Hose hatte ein Loch am Knie, weil sie sie auch bei Reparaturarbeiten am Terminal benutzte, war aber sonst sauber und frisch gebügelt. Das Loch hatte sie schon vor Wochen stopfen wollen, aber sie vergaß es einfach immer wieder. Hier fiel es ohnehin niemandem auf.

Am Rande des Landefelds grasten zwei Esel, aber spätestens der Lärm der Landung würde sie vertreiben. Jetzt war der Zerstörer nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören, die Landedüsen bremsten fauchend den Fall zur Erde ab. Montero stand außerhalb der Sicherheitsmarkierung, dennoch wurde es unerträglich heiß. Mit dem Ärmel wischte sie sich den Schweiß von der Stirn, der in großen Perlen hinunterrann. Auch im Nacken sammelte sich Feuchtigkeit, die ihren Kragen durchtränkte. Montero war Spanierin und die Hitze gewöhnt, aber niemand ihrer Landsleute wäre auf die Idee gekommen, an diesem Tag eine Bluse und eine Uniformjacke zu tragen. Aber Johnson hatte eindeutig befohlen, dass sie in kompletter Aufmachung am Landeplatz erschien. Der Asphalt stank zudem unerträglich in der Hitze, es hätte sie nicht gewundert, wenn etwas davon an ihren Schuhen kleben bleiben würde. Die Jungs im Tower lachten sicherlich schon schadenfroh über sie und ließen sich ein kaltes Bier schmecken. Eigentlich war das verboten, aber Johnson, der faulste Kommandant, den Montero je kennen gelernt hatte, scherte sich nicht darum. Zudem sah er ohnehin nur selten im Tower vorbei. Das überließ er Montero, die dort auch die Rekruten ausbildete.

Der Zerstörer setzte nun endgültig zur Landung an, was die Esel tatsächlich zur Flucht veranlasste. Der Lärm war höllisch, Montero hielt sich die Ohren zu. Federleicht setzte das Militärschiff auf dem Asphalt auf, nachdem der Pilot noch einmal die Landedüsen betätigt hatte. Der Asinara Tower mochte sich am Ende der Welt befinden, aber er verfügte über einen modernen Leitstrahl, der es den Piloten leicht machte, eine vorbildliche Landung hinzulegen. Sekunden später schaltete der Captain den Antrieb des Schiffes ab und der Lärm verebbte. Kurz grüßte der Mann aus dem Cockpit zu ihr hinüber und wandte sich dann wieder seinem Steuerpult zu. Montero winkte zurück und trat näher an das Schiff heran, wo sie auf das Ausfahren der Gangway unter dem Ausstiegsluk wartete. Es dauerte nicht lange, bis die schmale Treppe ausfuhr und die Schleusentür sich langsam öffnete. Zwei große, schlanke Männer traten auf die oberste Stufe, beide in adretten Uniformen der strategischen Raumflotte, ihre Mützen und Sonnenbrillen verbargen einen Teil der Gesichter. Der etwas kleinere Mann im Rang eines Lieutenants trug rechts und links je einen großen Koffer, wohl das Gepäck des anderen Mannes. Dieser hatte sich lediglich einen tragbaren PC unter den Arm geklemmt und stieg eilig die sieben Stufen bis zum Boden hinunter. Montero versuchte vergeblich, auf die Entfernung seine Rangabzeichen zu identifizieren. Ein hohes Tier sicherlich, und sie stand hier in ihrer schäbigen Uniform. So würde ihm von Anfang an klar werden, was ihn auf Asinara erwartete, dem verschlafensten Stützpunkt der EAAU.

Montero nahm vorsorglich Haltung an und überlegte kurz, ob sie dem Mann entgegen gehen müsse. Aber er war schon mit einigen schnellen Schritten bei ihr und legte zur Begrüßung kurz die Hand an die Mütze. Der Kofferträger folgte ihm nach und ächzte sichtlich unter dem Gewicht des Gepäcks. Der Offizier plante wohl einen längeren Aufenthalt. Hinter ihm fuhren bereits die ersten Tankwagen an den Taurus heran, die Versorgungseinheit hatte ausnahmsweise einmal schnell reagiert und zeigte sich von ihrer fleißigen Seite. Einige Mechaniker, darunter Tim Selbert, sprangen aus den Fahrzeugen und schleppten die breiten Treibstoffschläuche hinter sich her, um den Kreuzer für den Weiterflug vorzubereiten. Das Technikerteam schien rasch zu begreifen, dass heute etwas anders war als sonst, aber hoffentlich kam Tim nicht auf die Idee, gerade jetzt zu ihr hinüberzulaufen, was ihm durchaus zuzutrauen war. Aber Tim war damit beschäftigt, die Pumpen des Tankwagens anzuwerfen, die bald mit einem regelmäßigen Gurgeln den Treibstoff in den Bauch des Taurus beförderten.

„Willkommen auf Asinara, Sir", rief Montero gegen den Pumpenlärm an und nahm eine bequemere Haltung an. Gleichzeitig warf sie einen Blick auf die Rangabzeichen des Besuchers, er war ein wirklich hohes Tier! „Entschuldigen Sie das fehlende Begrüßungskommando, der Kommandant steckt in der Verwaltung fest."

„So, dieses verlassene Stück Land besitzt also auch eine Verwaltung." Der Mann verzog missmutig den Mund und sah sich um. Was er sah, gefiel ihm offensichtlich gar nicht. Dann fand er seine Gelassenheit wieder und wandte sich lächelnd Montero zu. Hinter ihm setzte der Lieutenant erleichtert die Koffer auf dem Asphalt ab. „Gibt es hier sonst noch etwas von Bedeutung, was ich wissen müsste?" Er reichte ihr die Hand zur Begrüßung und sie drückte sie herzhaft. Es geschah nicht oft, dass höhere Offiziere, die sich hierher verirrten, derart freundlich grüßten, Montero war positiv überrascht.

„Jede Menge Esel und Langeweile, Sir", erwiderte sie und blieb auf der Hut. War der Kerl ein Inspektor aus Metropolis? Aber in diesem Rang? Meist schickte die Armee nur Lieutenants, höchstens einmal einen Major vorbei, Offiziere, die Johnson schnell abwimmeln konnte, bevor sie begriffen, wie verlottert es auf dem Stützpunkt tatsächlich aussah.

„Esel? Wie interessant." Der Offizier warf einen kurzen Blick auf die schäbigen Gebäude. „Was die Esel betrifft, so habe ich keine Lösung anzubieten, aber die Langeweile wird wohl bald vorbei sein, wenn ich mir diese Bruchbude so ansehe. Hier gibt es ja wohl einiges zu tun für unterbeschäftigte Soldaten."

Das hörte sich allerdings so an, als wolle der Mann länger bleiben. Johnson würde das nicht gerne hören, er ließ sich nicht gern von Metropolis in seine Angelegenheiten hineinreden und dieser Offizier würde sich garantiert von Johnson nichts sagen lassen. Der Ärger schien schon vorprogrammiert zu sein. „Möchten Sie jetzt Ihr Quartier sehen, Sir?" fragte sie höflich. Santini sollte es wohl inzwischen geschafft haben, eines der schäbigen Zimmer notdürftig zu säubern. Wahrscheinlich würde Johnson den Mann ohnehin morgen in eine der Dienstwohnungen umquartieren, die einiges mehr an Komfort boten. „Leider sind wir hier kein Luxushotel, aber ich hoffe, kurzfristig wird Ihnen der Raum genügen."

„In den letzten Jahren hatte ich kaum Gelegenheit, mich an Bequemlichkeiten zu gewöhnen, Lieutenant." Der Offizier begann, ihr zum Hauptgebäude zu folgen, wieder begleitet von seinem koffertragenden Gehilfen. „Ich bin sicher, für den Anfang wird es reichen, bis wir etwas besseres gefunden haben."

„Sie werden also länger bleiben, Sir?" fragte sie vorsichtig. Sie schloss aus seiner Bemerkung, dass er längere Zeit im Grenzgebiet stationiert gewesen war, wo es manchmal heiß herging und die Soldaten unter weitaus größerem psychischen Druck standen als hier. Vielleicht hatte er um Versetzung auf einen ruhigeren Stützpunkt gebeten. „Metropolis hat uns nichts davon mitgeteilt, wir erfuhren sehr kurzfristig von Ihrer Ankunft."

„Metropolis ist nun einmal immer etwas langsam, wenn es an die Übermittlung von Befehlen geht", erwiderte er. „Aber ich werde Ihrem Kommandanten alles nötige mitteilen, sobald die Verwaltung ihm Zeit dazu lässt. Gibt es auf diesem Stützpunkt übrigens kein Nähgarn?" Er deutete auf das Loch in ihrer Hose, klang aber nicht unfreundlich dabei.

„Ach das", erwiderte sie unangenehm berührt. „Ich wollte das schon seit Wochen stopfen, es ist meine Arbeitshose, Sir. Das Loch habe ich mir an einem losen Relais reingerissen. Soll nicht wieder vorkommen..."

„Ach, Sie sind Technikerin?" fragte er interessiert.

„Technikerin, Ausbilderin und Fluglotsin in einer Person, Sir. Ich kam direkt nach der Ausbildung hierher um ein paar Erfahrungen in der Praxis zu sammeln."

„Das ist gut, heute kennen sich viel zu viele Offiziere nur noch in der Theorie aus. Aber sagen Sie", er zögerte einen Moment, „sind Sie Mexikanerin? Sie erinnern mich sehr an eine Offizierin aus der Raumfahrtpsychologie in Metropolis."

„Nein, ich komme aus Spanien, Sir. Aus dem Süden, Alicante."

„Aus Spanien also", es klang ein wenig enttäuscht, wie Montero erstaunt feststellte. „Ein Bekannter von mir ist Spanier. Wir haben früher viel zusammen gearbeitet und in Zukunft wohl wieder."

Sie erreichten das Hauptgebäude und traten in die angenehm kühle Vorhalle ein, wo der Lieutenant erleichtert die Koffer seines Vorgesetzten abstellte. Nach der Hitze auf dem Landefeld fühlte es sich fast kalt an, wie ein kleiner Schock. Einige Rekruten erhoben sich rasch von den Stufen der großen Marmortreppe und sahen neugierig hinüber. Aus der Kantine, die sich links von der Eingangshalle befand, wehte der Duft von Braten und angebranntem Gemüse herbei. Das Geklapper von Geschirr verriet, dass sich dort einige der Soldaten zu einem späten Mittagessen aufhielten, während ein Reinigungsroboter über den altmodischen Steinboden surrte. Montero blieb ein wenig unschlüssig stehen, es war wohl angebracht, Major Johnson über den Besuch zu informieren. Mit einem Offizier aus Metropolis hatte er sicher nicht gerechnet. Zunächst aber winkte sie einen der Rekruten herbei und wies ihn an, die schweren Koffer hinaufzutragen, was der Lieutenant mit einem leisen Seufzer quittierte. Der Rekrut machte kein begeistertes Gesicht, aber Montero scheuchte ihn mit einer ungeduldigen Bewegung davon. Der Offizier musste ja einen schönen Eindruck von dieser Garnison bekommen.

„Ich sehe schon, es mangelt hier sehr an militärischer Disziplin", sagte der Mann und nahm seine Sonnenbrille ab. „Das werde ich wohl als erstes ändern müssen."

Montero sah in ein Paar strahlend graublaue Augen und erkannte im selben Moment, wen sie vor sich hatte. Major Johnson würde sich wahrscheinlich vor Eifer überschlagen, wenn er von der Ankunft dieses Gastes erfuhr.

OOO

Das Geräusch der Brandung hallte zu seinem Fenster herüber und ein Hauch von Salz hing in der Luft, fast wie in Metropolis, das ihm vorerst verschlossen blieb. Aber der Salzgeruch war auch schon die einzige Gemeinsamkeit mit der strahlenden Hauptstadt im Atlantik, in der um diese Zeit das Leben noch pulsierte und die Menschen rund um die Uhr ihren Geschäften nachgingen. Unzählige Schiffe starteten und landeten auf ihren Raumhäfen und der Himmel über der Stadt summte von privaten Helikoptern und fliegenden Bussen. Hier gab es nichts dergleichen, nur einen lauten Chor von Zikaden in den verdorrenden Büschen vor dem ehemaligen Hospital und einen schreienden Esel, der verzweifelt seine Gefährtin suchte. Im ein paar Kilometer entfernten Dorf waren die letzten Lichter längst erloschen, nur am Steg des kleinen Fischereihafens brannten noch ein paar Positionsleuchten trübe vor sich hin. Ein Ort der noch öder war als das Militärgefängnis, aus dem er gerade entlassen worden war und sicherlich noch ungeeigneter zur Umsetzung seiner Ambitionen. Ein paar unflätige Flüche kamen ihm in den Sinn, die aber wenig an seiner misslichen Lage änderten. Am Nachmittag hatte er sich die Basis von Montero zeigen lassen, den Albtraum jedes Führungsoffiziers. Von den Gebäuden blätterte die Farbe, das Materiallager erwies sich als ein einziges Chaos aus Ersatzteilen und leeren, schmutzigen Containern und stank wie eine heruntergekommene Tankstelle. Niemand fühlte sich dafür verantwortlich, da auch niemandem die Verantwortung dafür übertragen worden war. In allen Ecken lungerten rauchende Soldaten herum, die es noch nicht einmal für nötig befanden, vor einem Vorgesetzten Haltung anzunehmen. Sie grüßten ihn begeistert, das schon, schienen in ihm aber eher einen Kameraden als einen Führungsoffizier zu sehen. Nun, wenigstens das ließ sich eventuell noch zu seinen Gunsten wenden. Montero hatte sich ersichtlich für diese Zustände geschämt, vielleicht konnte er sie einspannen, um etwas daran zu ändern. Er würde ihr Gelegenheit geben, ihr Talent als Ausbilderin unter Beweis zu stellen, und wer wusste es schon, vielleicht war sie wirklich gut.

Es war halb zwei in der Nacht und er fand noch immer nicht zur Ruhe. Der Druck in seinem Kopf hatte sich in den letzten Stunden noch verstärkt, es brachte ihm auch keine Erleichterung, in dem kleinen Zimmer wie ein nervöser Panther auf und ab zu gehen. Vor einer Stunde hatte er versucht, in dem quietschenden Bett Schlaf zu finden, aber der Versuch blieb erfolglos, weder fühlte er sich müde, noch kamen die kreisenden Gedanken in seinem Kopf zum Stillstand. Nach dem er sich ein paar mal hin und her gewälzt hatte, ohne auch nur den leisesten Anflug von Schlaf zu verspüren, hatte er beschlossen, wieder aufzustehen und seinen Sportanzug anzuziehen. Vielleicht würde er noch einige Runden auf dem Gelände laufen, um so endlich ein wenig entspannter zu werden. Tausende Gedankenfetzen schienen durch seinen Kopf zu irren, Ideen, wie man aus diesem Loch doch noch einen brauchbaren Stützpunkt machen konnte, längst fällige Gespräche mit politischen Freunden, die sich aus lauter Angst, mit ihm in Verbindung gebracht zu werden, außerordentlich bedeckt hielten. Zudem Erinnerungen an das Militärgefängnis, die kahlen, sterilen Zellen, die miserabel ausgestattete Bibliothek und der Kampf seines Rechtsanwaltes um unzensierte Kommunikation nach außen. Er trat an das rissig gewordene Keramikwaschbecken des Zimmers heran und betrachtete sich in dem ebenso schlecht erhaltenen Spiegel. Für seine Verhältnisse war er in den letzten Jahren blass geworden – wenigstens das ließ sich hier abstellen – sah aber immer noch jünger aus, als er wirklich war. Frauen hielten ihn für attraktiv, aber daraus machte er sich nichts. Wichtig war allein, dass er jetzt nicht die Geduld verlor und sich etwas einfallen ließ, wie er rasch wieder nach Metropolis zurückkehren konnte.

Die Euphorie der letzten Tage, die ihm einen aussichtsreichen Wiederbeginn seiner Karriere verhieß, war längst verflogen und machte einem Gefühl der tiefen Demütigung Platz. Sie hatten ihm das Kommando über einen Haufen undisziplinierter Soldaten gegeben, als sei er ein einfacher Sergeant der Armee und nicht gewohnt, eine ganze Flotte zu kommandieren. Im Gefängnis hatten die übrigen Häftlinge hohe Achtung vor ihm gehabt, sogar der Leiter der Haftanstalt hatte niemals gewagt, es sich mit ihm zu verderben. Hier jedoch...nun gut, die Soldaten hatten ihm zugejubelt, als sie erfuhren, dass er von nun an das Kommando über diesen erbärmlichen Stützpunkt führte, sich dann aber schnell wieder ihrem geruhsamen Alltag zugewandt. Ein paar Wochen hier und er würde verrückt werden.

In einem der Koffer fand er die Tabletten, die der Gefängnisarzt ihm verordnet hatte, die Streifen waren noch fast unangetastet. Eigentlich sollte er sie regelmäßig nehmen, gegen seine innere Unausgeglichenheit, die Anfälle von maßloser Aggression, die ihn manchmal befielen und die wiederkehrende Schwermut. Er hielt die Ausführungen des Arztes für vollkommen übertrieben, denn er glaubte, mit ein wenig Disziplin ließe sich das alles doch auch ohne Medikamente beherrschen, aber manchmal nahm er sie doch, vor allem, wenn er einen klaren Kopf brauchte. Wenn er nach Metropolis zurückkehren wollte, nicht erst in ein paar Monaten, sondern so schnell wie möglich, dann war das unerlässlich. Seine politischen Freunde hatten ihm zugesichert, er würde schnell wieder in seine frühere Stellung zurückkehren, er müsse nur ein wenig Geduld beweisen. Seine Geduld aber hatte sich in den letzten Jahren aufgebraucht, er wollte nicht von einer sechs Quadratmeter großen Zelle in den nächsten Käfig umquartiert werden. Von der altmodischen Ablage über dem Waschbecken nahm er das Zahnputzglas und füllte es mit Wasser. Vorsichtshalber schluckte er gleich zwei der Tabletten und spülte auch noch eine Kopfschmerztablette hinterher. Ob er Andy Capeletti anrufen sollte? In der Hauptstadt war es jetzt erst halb elf, sein Freund war bestimmt noch wach. Dann aber entschied er sich dagegen, sie hatten vereinbart, nur im Notfall Kontakt miteinander aufzunehmen, denn die Sicherheitskräfte behielten ihn bestimmt noch im Auge. Er hätte auch noch gern einem anderen Menschen aus Metropolis wiedergesehen, aber vorerst musste auch das warten. In den letzten sieben Jahren hatte er sie nie aus den Augen verloren und jeden Schritt ihrer Karriere verfolgt, sich manchmal auch über ihr Privatleben erkundigt, sie aber nie kontaktiert. Nach der verdammten Gerichtsverhandlung hätte er ihr gern für ihre Aussage gedankt, aber Capeletti riet davon ab. Wenn es herausgekommen wäre, wäre es eventuell zu einem Berufungsverfahren gekommen, das einen ungünstigeren Ausgang zur Folge hätte haben können. Was konnte aber schon ungünstiger sein als fünfzehn Jahre Haft?

Das Medikament ließ sich Zeit zu wirken und seine Unruhe verstärkte sich, als ihm bewusst wurde, wie wenig er von dieser verdammten Insel aus an seiner Lage ändern konnte. Seine sogenannten Freunde saßen derweil in ihren luxuriösen Häusern und genossen Macht und Ansehen. Die übrigen Offiziere aus dem inneren Kreis der Partei geboten über Geschwader von Raumschiffen und unzählige Laserbatterien, auch wenn sie zu feige waren, sich gegen den Willen der Regierung zu stellen. Was ließ sich wohl mit ein paar Rekruten und desillusionierten Soldaten auf Asinara anstellen? Er musste einen Plan entwickeln, wie sich aus dieser verfahrenen Situation das beste machen ließ und es gab vorerst nur eine einzige Möglichkeit, sich ein wenig Ablenkung zu verschaffen.

Vor dem Fenster schrie noch immer der verdammte Esel.

Der General nahm seine Sportschuhe aus dem Koffer und beschloss, ein paar Runden um die Basis zu laufen. Als er sein Zimmer verließ, war es im Gebäude vollkommen still, auch seine Schuhe machten kaum ein Geräusch auf dem Steinboden. Am Ausgang hielten ein paar müde Soldaten Wache, die sich leise unterhielten und an ihren Zigaretten zogen. Montero war unter ihnen und hielt Händchen mit einem der Techniker, sie trug zwar ihre Uniform, aber leichte Strandschuhe an den Füßen, was recht seltsam aussah. Bei seinem Anblick ließ sie erschrocken die Hand des Mannes los und nahm Haltung an. Die übrigen Soldaten sahen ihn nur ein wenig verwundert an und taten es Montero mit einiger Verzögerung gleich. Ein erbärmlicher Haufen, dachte er, Zeit, hier ein wenig Ordnung reinzubringen.

Als er zurück kam – die körperliche Anstrengung hatte ihm einige Erleichterung verschafft und erfühlte sich endlich müde genug, um schlafen zu können, war der Esel immer noch da und störte seine Nachtruhe mit seinem Geschrei. Wenigstens dagegen kann ich etwas unternehmen, dachte er und nahm seine Waffe vom Tisch. Danach zielte er kurz und drückte ab. Nun war es endlich still.