Einladung in die Comynburg

Beim Frühstück bekam Elaine keinen Bissen hinunter; selbst ihren heißgeliebten Kaffee ließ sie stehen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, und ihre Brust schmerzte, als sei ihr Herz entzwei gebrochen. Mit einer Klarheit, die sie sich selbst nicht erklären konnte, wusste sie, ja, sie wusste es einfach, dass es keine bloßen Träume waren, von denen sie in der vergangenen Nacht heimgesucht wurde. Wenn sie sich Mr. Penn widersetzte und hier blieb, wenn sie Kennard heiratete und seine Söhne bekam, würde das alle ins Verderben stürzen. Kennard. Ihre Söhne. Den Planeten.

Lizzy war mit dem Kaffee noch nicht fertig, als Mr. Penn an ihren Tisch trat. „In zehn Minuten steht ihr mit euren Sachen an der Gangway Dreizehn" teilte er mit. „Ich werde euch eigenhändig aufs Schiff begleiten. Und versuchen Sie keine Tricks, Miss Montray! Jeder im HQ weiß bescheid. Sie kommen hier nicht mehr raus!"

„Das ist doch kein Mensch mehr!", empörte sich Lizzy, sobald sie die Tür ihrer Unterkunft hinter sich zugeknallt hatte. „Er ist einfach grausam und gefühlstot! Schlimmer als ein Roboter!"

„Es ist okay", beruhigte Elaine ihre wütende Freundin achselzuckend. „Ich hatte wieder so einen Traum, sogar deutlicher als sonst. Lizzy, von diesem Planeten lasse ich wirklich lieber die Finger!"

„Und von Kennard", ergänzte Lizzy leise.

Elaine drehte sich heftig um und fing an, ihre Sachen in die Tasche zu stopfen, die Augen blind vor Tränen.

Kurze Zeit später befand sie sich mit ihrer Freundin an Bord des Raumschiffes, das erst in zwei Tagen von Darkover abheben würde. Aber Elaine hatte bereits Abschied genommen von der blutroten Sonne, den kleinen Diamant-Monden und den verwunschenen Bergketten am Horizont. Und von Kennard, seinen vertrauten grauen Augen.

Ich hätte nie gedacht, dich wiederzufinden, dachte Elaine, während sie mit Lizzy den Aktenschrank ausmistete, eine Arbeit, die immer für Crew-Mitglieder aufgehoben wurde, die etwas ausgefressen hatten. Was für ein Schicksal, dass wir von all den Millionen Welten des Imperiums ausgerechnet Darkover zum Auftanken aussuchen mussten, oder? Und – den Gedanken hatte sie erst seit gestern in voller Tragweite begriffen – es ist ein Wunder, dass wir nach der langen Zeit erst neun Jahre auseinander sind. Wir hätten hier gut zweihundert Jahre später landen können, wenn du längst zu Staub geworden wärst. Oder auch tausend…

Dieser Gedanke sprengte Elaines Kopf. Normalerweise musste man sich als Weltraumfahrer mit so etwas nicht beschäftigen, weil man selten alte Bekannte im All wiedertraf. Es war einfach zu unwahrscheinlich. Schicksal, dachte Elaine. Und was nützt es mir? Ich habe dich gefunden und muss trotzdem gehen. Und diesmal verliere dich für immer…

Elaine schluchzte auf, und sofort kam Lizzy herbeigeeilt, um sie zu trösten. In einem Jahr ist er vielleicht schon achtzig, dachte Elaine. Und in zwei Jahren tot! Oh Gott, ich halte das nicht aus!!

„Das wird wieder besser, Eli", sagte Lizzy ratlos. „Du hast doch selbst gesagt, du dürftest selbst dann nicht bleiben, wenn Mr. Penn es erlaubt hätte!"

Das ist ja das Schlimme! Ich wünschte, ich wäre auch schon tot, dachte sie verzweifelt. Das kann nicht schlimmer sein als das hier.

Elaine konnte nicht mehr aufhören zu weinen, unfähig, Lizzy ihren Kummer mitzuteilen. Kennard hätte mich ohne ein Wort verstanden! Das war schon auf Terra so, fiel es Elaine wieder ein.

Lizzy wusste schließlich keinen anderen Rat, als ihre verzweifelte Freundin mit einer starken Schlaftablette in ihre Koje zu bringen. Erleichtert sank Elaine in einen schweren Schlaf, der frei von jedem Traum war.

***

Sie erwachte, als Lizzy sie unsanft an der Schulter rüttelte und mit einer Zahnbürste vor ihrem Gesicht herumfuchtelte.

„Was soll das?", murmelte Elaine schlaftrunken.

„Steh auf und mach dich frisch!", ordnete Lizzy an und fügte mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck hinzu: „Du hast Besuch!"

Elaine fuhr in die Höhe und starrte Lizzy entgeistert an.

Die nickte. „Ja. Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat, hier hereinzukommen, aber dein Kennard kann offensichtlich alles. Und jetzt möchte der Comynlord dich ausführen!"

Mit diesen Worten steckte sie der sprachlosen Elaine die Zahnbürste in den Mund und verließ die Kabine.

Nach einer hastigen Katzenwäsche zog Elaine sich eine frische Uniform an und eilte zur Gangway. Ihr Kopf brummte noch unter der Nachwirkung des Schlafmittels, und als sie die schlanke, hochgewachsene Gestalt von Kennard erblickte, wurde ihr schwindlig.

Er stand in würdevoller Haltung mitten im Gang, und Elaine erkannte, dass er im Gegensatz zu gestern sehr offiziell gekleidet war. Er trug einen kostbar aussehenden gefütterten Umhang in den Farben schwarz und einem satten dunkelgrünen Ton, der das Feuerrot seiner schulterlangen Haare zur Geltung brachte.

Ungeachtet dessen, dass Kennards Kleidung zu den kalten Metallen der Medea ungefähr so gut passte wie das Panorama von Darkover zu den endlosen schnurgeraden Gängen im HQ, unterstrich sie die machtvolle Aura, die Kennard ausstrahlte.

Das ist nicht mehr der junge Mann, den ich auf Terra kennenlernte, dachte Elaine. Sie erkannte, dass Kennard eine nicht unbedeutende Macht auf dieser Welt besaß. Der Wachmann am Ausgang hatte das offensichtlich auch schon bemerkt. Wie ein zahmes Kaninchen hockte er auf seinem Schemel und schielte unterwürfig zu Kennard hinauf. Elaine konnte es nicht glauben.

„Seid gegrüßt, Miss Montray", sagte Kennard formvollendet, als Elaine vor ihm stand, und nahm sanft die Fingerspitzen der Hand, die Elaine ihm reichte. „Erlaubt mir als Euer Verwandter, meine Einladung zum Abendessen in der Comynburg auszusprechen, wenn Eure Pflichten es zulassen."

„Kennard… also, ich weiß nicht", stammelte Elaine, völlig hin- und hergerissen.

„Es ist alles geregelt. Noch bei Sonnenuntergang könnt Ihr wieder zurück sein", versprach Kennard, und ein bittender Ausdruck trat in seine Augen. Wenn du das möchtest, fügte er in Gedanken hinzu.

***

Als Elaine kurze Zeit später, an Kennards Brust gedrückt, auf seinem riesenhaften schwarzen Pferd Thendara hinter sich ließ, konnte sie es sich beim besten Willen nicht vorstellen, freiwillig in den engen Metallkasten zurückzukehren, den sie neun Jahre als ihr Zuhause bezeichnet hatte.

Kennard hatte sie fast vollständig in seinen Umhang gehüllt, und sie fühlte seine Wärme an ihrem Rücken, die ihr allmählich in die Glieder sickerte und sie seltsam leicht machte. Elaine konnte sich im gesamten Universum keinen besseren Platz vorstellen, als in Kennards Arm, der sie zuverlässig hielt, während er mit dem anderen das Pferd lenkte, das im schnellen Galopp auf die Comynburg zusprengte.

Zum ersten Mal befand Elaine sich richtig unter dem freien rötlichen Himmel von Darkover, und es überwältigte sie. Grüne Wiesen und schlanke, eigentümlich zierliche Bäume flogen links und rechts an ihr vorbei, und über den Gebirgsketten, deren Umrisse schon fast etwas vertrautes hatten, ging ein fast voller hellgrüner Mond auf.

Vor den Toren der Comynburg angekommen, hob Kennard Elaine vom Pferd und übergab es einem Stallknecht. Der Wächter am Eingang ließ sie ohne eine einzige Frage passieren, doch Elaine spürte ein leichtes trotziges Unbehagen, das von Kennard ausging. Ob es so im Sinne der Comyn war, dass Kennard hier mit einer wildfremden Frau hereinspazierte? Immerhin war er verheiratet…

„Wo gehen wir jetzt hin?", fragte Elaine, als sie Kennard durch die hohen gewölbten Gänge der Burg folgte, doch er gab keine Antwort, bevor sie an einer massiven Holztür ankamen, die ein grün-schwarzes Wappen trug. Kennard schloss sie auf und bedeutete Elaine einzutreten.

„Das sind die Räume unserer Domäne", erklärte Kennard, während Elaine sich staunend in dem Zimmer umsah, das wohl die Funktion eines Salons hatte. Wuchtige Polstermöbel in dunkelgrün und rot waren in mehreren Sitzecken arrangiert, die Wände zierten gewebte Teppiche mit kunstvollen Motiven. Eine breite, etwas gewölbte Fensterfront gewährte einen wundervollen Ausblick auf die grünen Ebenen, die sich vor Thendara erstreckten, und die Bergketten in der Ferne, die im Licht der Sonne rötlich glühten. Elaine war zutiefst beeindruckt und wäre am liebsten gleich durch die Flügeltür hinaus auf weitläufige Terrasse getreten; doch von dem Ritt war sie noch so durchgefroren, dass sie kaum ihre Hände spürte. Zum Glück hatte bereits jemand Feuer in dem großen Kamin gemacht, der in der gegenüberliegenden Wand eingelassen war.

„Es ist riesig", stellte sie schließlich fest. „Ich muss sagen, Platzmangel ist auf Darkover kein Problem!" In ihren Gedanken formte sich ein Bild von dem winzigen Appartment, das sie mit ihrer fünfköpfigen Adoptivfamilie bewohnt hatte und das fünfmal in dieses Zimmer gepasst hätte.

Kennard schickte Elaine ein ähnliches Bild von sich in einem winzigen Zimmer auf Terra, in dem er dauernd über irgendeinen Gegenstand stolperte und sich seine langen Glieder anstieß. Beide lachten.

„So etwas wie Überbevölkerung wird es auf Darkover nie geben", sagte er dann. Aufgrund der hohen Kindersterblichkeit bei den Armen, dachte er in Elaines Kopf. Und der Inzucht bei den Comyn. Vielleicht ist das der Grund, warum Caitlin nie länger als drei Monate –"

Der Gedankenstrom hörte so abrupt auf, dass Elaine es körperlich fühlte. Ihre Stimmung schlug sofort um. „Wieso höre ich eigentlich ständig deine Gedanken?", fragte sie gereizt, aber auch verletzt.

„Das ist die Alton-Gabe", sagte Kennard mit undurchdringlicher Miene. „Jeder versteht mich, und ich verstehe jeden, wenn ich das will, auch Nichttelepathen. Wobei ich schon auf Terra das Gefühl hatte, du hast Laran, Elaine."

Laran. Übersinnliche Fähigkeiten, wie sie auf Darkover, zumindest unter den Comyn, keine Besonderheit waren. Psi-Kräfte, so hieß es auf Terra-Standard. Elaine hatte sich testen lassen, kurz nachdem Kennard damals abgereist war, und erstaunlich hohe Werte gehabt.

„Tatsächlich?", fragte Kennard und grinste fast schon anzüglich. „Aber wo bleiben meine Manieren. Setz dich doch", sagte er und wies auf eine gemütlich aussehende Couch mit dunkelrotem Stoffbezug. „Und lass mich dir dieses dünne Etwas abnehmen, mit dem du auf Darkover nicht einmal im Sommer eine Nacht überleben würdest…"

Gegen ihren Willen musste Elaine lachen, doch sie sagte streng: „Kennard Alton, hör endlich auf, in meinem Kopf herumzuschnüffeln!"

„Du strahlst deine Gedanken ja förmlich in deine Umgebung ab!", rechtfertigte sich Kennard.

„So, tue ich das?", sagte Elaine langsam. „Nun erzähl mir bloß noch, das war der Grund, warum du plötzlich in der Medea aufgetaucht bist!"

„Jeder in Thendaras Umgebung, der nur ein bißchen Laran hat, muss deine Not gespürt haben", sagte Kennard leise und nahm Elaines Hand. „Wie konnte ich das ignorieren? Wie sollte ich dich gehen lassen? Es stimmt doch, Elaine: Wir würden uns niemals wiedersehen, oder?"

„Nein", hauchte Elaine und fröstelte bei der Endgültigkeit der Entscheidung, die sie für sich selbst treffen wollte. Und trotzdem bin ich neugierig, wie du es geschafft hast, an Mr. Penn und all den anderen vorbei zu kommen, mein tapferer Ritter, dachte sie ein wenig ironisch. Trotz ihrer Erleichterung, nicht mehr in dieser Nussschale gefangen zu sein, die sie für immer von Darkover trennen wollte, war sie sich überhaupt nicht sicher, ob das gut für den Planeten war.

Und Kennards Miene schien ihre verwirrten Gefühle widerzuspiegeln. „Ich bin nicht gerade stolz darauf", gab er zu und erinnerte Elaine an den Kennard, den sie auf Terra kennen gelernt hatte, den Jungen, der ihr gestand, dass er bei Vollmond Albträume und im Aufzug Klaustrophobie bekam. „Ich habe es ja auf normalem Wege versucht", sagte er, mehr zu sich selbst und Elaine fing den Frust von Kennard auf, bei seinen gescheiterten Versuchen, die Beziehungen des Comynrats im HQ zu nutzen. „Aber zum Schluss blieb mir nichts anderes übrig, als die Befehlsstimme anzuwenden. Es war ein Notfall!"

Elaine holte schon Luft, um zu fragen, was eine Befehlsstimme ist, da klopfte es leise an die Tür. Kennard hob nur leicht den Kopf, da ging die Tür auf, und ein junges Mädchen in einfacher Kleidung stellte ein vollbeladenes Tablett auf einem kleinen Tisch ab. „Danke, Catalina", sagte er.

„Habt Ihr noch einen Wunsch, Vai dom?", erkundigte sich Catalina.

„Ja. Könntest du bitte ein paar Kleider für meine Verwandte besorgen? Ich weiß, dass bei Cleindori noch welche im Schrank hängen…"

Mit einer Kopfbewegung entließ Kennard das Dienstmädchen, wobei er Elaines Verlegenheit vollständig ignorierte.

Kaum hatte Catalina das Zimmer verlassen, fuhr Elaine mit blitzenden Augen auf ihn los: „Wieso bestellst du Kleider für mich, als sei ich ein fünfjähriges Mädchen? Was soll diese Frau von mir denken?" Elaine war fassungslos.

„Sie wird keine Fragen stellen", sagte Kennard knapp, und Elaine merkte mal wieder in aller Deutlichkeit, wie fremd sie hier doch war, trotz ihrer Sehnsucht. Auf Terra ließ man sich von Robotern bedienen – aber nie von Menschen!

„Außerdem – ich habe doch Kleider!"

„Die für Darkover völlig ungeeignet sind", ergänzte Kennard sanft.

„Du tust ja so, als würde ich ewig hierbleiben –" Elaine brach mitten im Satz ab.

„Du kannst auch nach unserem Abendessen zurückkehren", gab Kennard zurück. „So, wie ich es versprochen habe." Seine Stimme war immer noch sanft, aber es hatte sich ein kühler Ton eingeschlichen.

Elaine fiel sofort auf, dass Kennard den leichten Gedankenfluss, der die ganze Zeit zwischen ihnen herrschte, und den Elaine schon als selbstverständlich akzeptiert hatte, einfach abgedreht hatte wie ein Radio. Als hätte er einen Wall um sich errichtet, dachte sie und fühlte sich plötzlich einsamer als je zuvor, in dieser seltsamen riesigen Burg auf einem fremden Planeten. Und wer war dieser Mann überhaupt?

„Aber falls du es dir anders überlegst…", sprach Kennard jetzt weiter, fasste in eine weite Falte seines Umhangs und zog zwei Papiere hervor. Elaine erkannte sofort das Emblem des HQ.

„Was ist das?", fragte sie mit zitternder Stimme.

„Lies selbst", forderte Kennard sie auf.

Mit fliegenden Fingern riss Elaine die Papiere an sich. Das, welches das hässliche Logo der Medea trug, war das Zertifikat über ihre abgeschlossene Ausbildung, auf das sie schon seit zwei Jahren gewartet hatte. Auf dem anderen standen ein paar Sätze in Mr. Penns akkurater Handschrift, die jedoch seltsam fahrig aussah:

Hiermit bestätige ich, Edward Gregory Penn, dass Elaine Montray, geboren am 16. Februar 6002 AD auf Terra, ihre Ausbildung auf dem Raumschiff Medea am 23. März 6227 AD abgeschlossen hat. Anschließend hat sie 2 Standardjahre und 17 Standardtage in unserem Dienst gearbeitet, welcher mit 112.350 $ vergütet wird. Das Guthaben wird in der Kennedy Bank in New York City, Terra hinterlegt.

Elaine Montray ist ab sofort aus dem Dienst befreit und kann ihn jederzeit wieder aufnehmen.

Thendara, Darkover, 9. April 6229 AD

Edward Gregory Penn."

Mit offenem Mund starrte Elaine Kennard an. „Hast du ihm die Pistole auf die Brust gesetzt?", entfuhr es ihr.

„Ich würde nie eine anrühren!", brauste Kennard auf. „Hab ich dir damals nicht von unserem Vertrag erzählt? Wir dürfen keine Waffen benutzen, die über Armlänge hinaus wirksam sind!"

„Aber wir dürfen die Befehlsstimme benutzen", sagte Elaine lauernd. Sie wusste immer noch nicht, was genau die Befehlsstimme war, doch sie spürte, dass Kennard sie eingesetzt hatte, um Mr. Penn diese Sätze abzunötigen, und dass er deswegen fürchterlich im Zwiespalt war.

„Ja, du hast recht", sagte Kennard unwirsch. „Eine der ersten Regeln auf Darkover, mindestens so wichtig wie der Vertrag, lautet, dass man seine donas, seine Laran-Gaben nicht missbrauchen darf. Mit der Befehlsstimme kann man Menschen zwingen, etwas zu tun, ob sie es möchten oder nicht. Ich habe damals im Turm einen Eid geschworen, es nicht zu tun. Und jetzt bin ich eidbrüchig, für eine gute Sache", murmelte er leise. „Wie Dyan früher…"

Er blickte auf. „Ja, ich habe es für dich getan. Du scheinst dich gar nicht zu freuen."

„Ich sehe bloß, dass du das alles geplant hast, ohne mich auch nur zu fragen, was ich will!", sagte Elaine, aber es klang weniger wütend, als sie es gerne gehabt hätte.

„Ich weiß, was du willst", sagte Kennard leise. „Yllana mea… du gehörst hierher", flüsterte er mit brennenden Augen. „Zu mir!"

Elaine merkte, wie ihr Widerstand dahinschmolz. Sie spürte einen dicken Kloß im Hals. „Ich weiß", flüsterte sie, und ihr Herz begann auf einmal dumpf zu pochen.

Kennard ging auf sie zu und berührte sanft ihre Fingerspitzen. „Sei mir nicht böse", murmelte er. „Aber wie soll ich denn ohne dich weiterleben? Elaine…" Seufzend zog er sie an sich, und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar.

Elaine versank in seiner Umarmung und umschlang ihn so fest sie konnte. Sie fühlte rauen Stoff an ihrer Wange und atmete seinen vertrauten Geruch ein, den sie nie vergessen hatte, und der ihr die Tränen in die Augen trieb. Sie hörte sein Herz schlagen, und alle Ängste fielen von ihr ab. Kennard hatte recht. Sie gehörte hierher, und niemand konnte daran etwas ändern. Ein warmes, nie gekanntes Glücksgefühl breitete sich in ihr aus, und es dauerte einen Moment, bis sie merkte, dass es auch Kennards Gefühle waren, die sie spürte.

Sie hob den Kopf und blickte ihm in die Augen. Ich war noch nie so glücklich, hörte sie seine Gedanken. Er strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn und nahm langsam ihr Gesicht in seine Hände. Dann küsste er sie, wie noch kein Mann sie geküsst hatte.

***

Elaine ging an diesem Abend nicht zurück in die terranische Zone. Sie blieb bei Kennard, dem Mann, der sie ohne Worte verstand und der sie mit einer leidenschaftlichen Zärtlichkeit und Ausdauer liebte, die sie sich nie hätte träumen lassen.

Elaine war schon immer wählerisch gewesen und hatte sich bisher mit den zwei Bettbeziehungen, die sie während ihrer Ausbildungszeit hatte, zumindest auf dem körperlichen Sektor durchaus glücklich geschätzt.

Aber etwas Entscheidendes hat ihnen gefehlt, dachte Elaine, und eine Gänsehaut überzog sie bei der frischen Erinnerung daran, wie Kennard sie berührt hatte. Wie sollen sie auch einem Telepathen das Wasser reichen können, der immer genau weiß, was ich gerade will? Und so ein Gefühl in mir hatte ich bisher bei keinem anderen…

Trotz aller Schmetterlinge im Bauch war sie kurz vor Morgengrauen von ihrem knurrenden Magen erwacht und hatte sich mit Heißhunger auf das Abendessen gestürzt, das sie und Kennard bis dahin nicht angerührt hatten.

Nun stand sie, in einen dicken flauschigen Morgenmantel gehüllt und warmen Filzpantoffeln an den Füßen, vor einem der großen Fenster und beobachtete, wie sich die riesige blutrote Sonne langsam über den sanft geschwungenen Hügelketten im Osten erhob. Der Himmel erhellte sich fast schlagartig zu seinem vertrauten rötlichen Farbton – ein neuer Tag begann, und Elaine fragte sich in freudig-banger Erwartung, was er bringen würde.

Kennard hatte davon gesprochen, bald mit ihr nach Armida zu reisen, um sie seinem Vater vorzustellen. Er meint es wirklich ernst!, dachte sie, und immer noch hatte dieser Gedanke etwas Überwältigendes. Für ihn ist alles beschlossene Sache. Er würde sich von seiner Frau trennen und sie, Elaine Montray, heiraten.

Das alles hatte Kennard zwar noch nicht ausgesprochen, aber sie wusste es aus ihren Träumen und spürte es zwischen seinen Worten. Er war ein sehr entschlossener Mann, ein Charakterzug, der Elaine einen Halt gab, den sie zwischen den Sternen vergeblich gesucht hatte. Aber er machte ihr auch Angst. Sie würde sich ihm unterordnen müssen, und viel hatten Frauen auf Darkover ohnehin nicht zu sagen, wie er ihr schon früher auf der Erde erzählt hatte.

Andererseits – was hatte ich schon auf der Medea großartig zu melden?, überlegte Elaine. Was hatten wir von der Emanzipation, außer dass wir Sex haben durften, mit wem wir wollten, ohne Kinder kriegen zu müssen – zu dürfen, korrigierte sie sich gleich darauf. Nicht einmal da hatten wir eine Wahl. Wir waren wirklich wie Leibeigene. Hier würde ich wenigstens respektiert werden. Von Kennard, der mich liebt und dafür alle möglichen Tabus brechen wird.

Elaine wusste nicht, woher dieser letzte Gedanke plötzlich kam, aber sie merkte, dass es einer ihrer präkognitiven Anflüge war, an die sie sich allmählich zu gewöhnen begann. Ebenso wie es immer selbstverständlicher für sie wurde, dass sie Darkover nie mehr verlassen würde.

Allein schon, um mir den Ärger mit Mr. Penn zu ersparen, dachte sie mit einem Anflug von Galgenhumor. Er würde mich in der Luft zerreißen, sobald wir von Darkover abgehoben wären, und hinterher könnte ich Lizzy brühwarm von seinen neuesten Flüchen berichten. Ach, Lizzy… Ich habe mich nicht einmal richtig von dir verabschiedet!

Beim Gedanken an ihre Freundin wurde ihre Kehle eng, und ihre Seele brannte vor Verlangen, ihr in allen Einzelheiten von dieser einmaligen Nacht mit Kennard zu erzählen, von diesem Gefühl der Verschmelzung, das sie bisher noch mit niemandem erlebt hatte.

In dem Moment spürte Elaine, wie sich Kennards Gedankenfluss, den sie die ganze Zeit ganz schwach wahrgenommen hatte, leicht verstärkte. Er war aufgewacht und hinter sie getreten. „So viele Grübeleien am frühen Morgen, Yllana", flüsterte Kennard, und der Klang dieser fremdartigen Form ihres Namens war wie eine Liebkosung. „Wie soll ich denn dabei weiterschlafen?"

Sie drehte sich zu ihm um und starrte ihn wortlos an. Ihre Liebe zu ihm übermannte sie fast. Aber in was für eine Lage würde sie alle das bringen?

„Du denkst einfach zu viel, mein Mädchen", sagte Kennard und strich ihr mit einem Finger leicht über die Wange, was sämtliche Schmetterlinge in Elaines Bauch wild mit den Flügeln schlagen ließ. „Warum nicht den Dingen ihren Lauf lassen? Gegen die Liebe kann man nicht viel machen. Und gegen den Hunger anscheinend auch nicht", sagte er mit einem ironischen Blick auf das Tablett, auf dem Elaine nicht mehr viel übrig gelassen hatte

„Ich hatte wirklich Hunger", murmelte Elaine. Nach der Nacht, fügte sie in Gedanken hinzu und kicherte.

Kennard begann herzhaft zu lachen und bemerkte: „Na, dann hoffe ich, du hast dich jetzt genug gestärkt und hältst es bis zum Frühstück noch eine Weile aus!" Er fasste sie sanft am Ellenbogen und geleitete sie, immer noch grinsend, ins Bett zurück.

***

Das sie auch den Rest des Tages kaum verließen. Nahezu unersättlich schien der Hunger, den die beiden jahrelang in sich herumgetragen hatten, seit sie sich damals auf der Erde begegnet waren. Kaum dass sie erschöpft nebeneinander niedergesunken waren, streckten sie schon wieder die Hände nacheinander aus. Elaine und Kennard konnten einfach nicht genug bekommen von ihren Küssen, dem Geruch und der Wärme des anderen.

Und für Elaine war es eine neue, völlig überwältigende Erfahrung, die Erregung ihres Partners zu spüren, als sei es ihre eigene; manchmal wurde das Gefühl so stark, dass sie meinte, ihr Kopf müsste zerspringen. Kennard teilte jede Empfindung mit ihr, und sie war fast erschrocken darüber, wie tief seine Liebe zu ihr war.

Zwischendurch hielten sie sich in den Armen und schwelgten ein wenig in ihren Erinnerungen an eine kurze gemeinsame Zeit; sie waren auf Terra eigentlich nur knappe zwei Monate zusammen gewesen. „Und dann musste ich gehen", sagte Kennard bitter. „Meiner Pflicht als Comynerbe nachkommen. Wie dumm ich damals war… ich hätte dich einfach mitnehmen sollen!"

„Oder du wärst geblieben", erwiderte Elaine. Zumindest hätte ich mir das gewünscht…

„Das wäre unmöglich gewesen!", antwortete Kennard kurz, und Elaine entdeckte dahinter, was er meinte. Er gehörte den Comyn an, daran konnten auch die vielen Lichtjahre Entfernung zu seiner Heimat nichts ändern. Er konnte sich nicht einfach vor seiner Verantwortung drücken. „Außerdem habe ich Terra gehasst, das weißt du!"

Ja, Elaine erinnerte sich. Kennard hatte sich zwar nach sieben Jahren, als sie ihn kennenlernte, gut an die terranischen Gepflogenheiten angepasst, aber an einige Dinge hatte er sich nie gewöhnen können. So sah man ihn, auch bei schlechtem Wetter, niemals ohne Sonnenbrille, und fast jeder tapfere Versuch, mit ihr Aufzug zu fahren, endete in einem Desaster.

Komischerweise hatte sie sich direkt nach so einer Panikattacke in den sonst so ruhigen rothaarigen Jungen verliebt, vielleicht weil er danach zum ersten Mal seine Sonnenbrille abnehmen musste. Seine grauen Augen hatten sie nie wieder losgelassen…

Sie wusste nie genau, was er für sie empfand, aber zumindest war sie der einzige Mensch auf Terra, dem er bedingungslos vertraute. Er erzählte ihr von dem Zwiespalt, den er in sich trug: Er hatte furchtbares Heimweh nach Darkover, doch gleichzeitig fürchtete er sich vor den Bürden, die sein Erbe mit sich bringen würde. Und in einem fort sendete er Bilder von dieser wunderschönen Welt, die sich in ihrem Unterbewusstsein einnisteten und den Keim für ihre Sehnsucht nach der Ferne legten.

Für Kennard war es ein zweischneidiges Schwert, als er den Befehl zur Rückkehr erhielt. Elaine hatte sich immer gefragt, ob seine Erleichterung, Terra endlich verlassen zu können, seinen Abschmiedsschmerz von ihr nicht bei weitem überwogen hatte.

„Das stimmt nicht!", unterbrach Kennard empört ihren Gedankenfluss. „Ich habe dich schon damals geliebt. Nur leider habe ich es erst richtig gemerkt, als ich schon im Raumschiff saß." Er grinste zerknirscht. „Ich war damals wirklich noch sehr jung… und irgendwie habe ich mir immer gewünscht, du würdest mir folgen!"

„Tut mir leid, dass du so lange warten musstest", neckte ihn Elaine, aber ihre dunklen Augen blieben ernst. Wir haben wirklich Glück gehabt, mein Lieber!

Nein, Yllana, es ist unser Schicksal, antwortete Kennard stumm.

Ansonsten redeten sie nicht viel. Sie ließen vielmehr ihre Gedanken fließen, auch wenn sie sich liebten, wobei Elaine Kennards Freude darüber spürte, dass es mit ihr so einfach war. Caitlin hatte wohl auch Laran, doch hatte sie sich gegen Kennard von Anfang an abgeschirmt. Das war aber schon so ziemlich alles, was er Elaine offenbarte. Ja, über Caitlin sollten wir wohl auch noch sprechen, dachte Elaine sich etwas ironisch in Kennards Kopf hinein.

Später, war seine Antwort.

Er braucht Zeit, dachte sie bei sich und versuchte, den kleinen Stich in ihrer Brust zu ignorieren. Eigentlich kennen wir uns kaum, und ich hatte schließlich auch nicht vor, ihm meine Albträume sofort auf die Nase zu binden! Für seine Söhne hat er sich bestimmt ein netteres Schicksal vorgestellt…

Dabei fiel ihr auf, dass sie in der vergangenen Nacht keinen einzigen Traum hatte, was schon seit Wochen nicht mehr vorgekommen war. Ob es daran lag, dass sie mit Kennard so glücklich war?

Gegen Abend nahmen sie ein ausgiebiges gemeinsames Bad in der größten Wanne, die Elaine je zu Gesicht bekommen hatte. Zu ihrer Begeisterung hatten sich die Vorstellungen der Terraner und Darkovaner im sanitären Bereich über die Jahrtausende nicht allzuweit voneinander entfernt, sondern waren von letzteren eher noch verfeinert worden. Ein wichtiges Kriterium, um sich in einer ansonsten eher mittelalterlich anmutenden Welt wohlzufühlen, fand sie.

Danach kleideten sie sich an. Nach kurzer Überlegung ließ Elaine ihre terranische Uniform liegen und bediente sich aus dem Kleiderstapel, den Catalina, wahrscheinlich gestern abend schon, diskret im Vorraum der Suite abgelegt hatte. Schließlich entschied sie sich für ein langes dunkelrotes Kleid, das am Ausschnitt und den ausgestellten Ärmelenden reichbestickte Verzierungen in einem helleren Farbton trug. Ein seltsamer Duft stieg Elaine in die Nase, als sie hineinschlüpfte; es roch wie ein Zuhause, das sie noch nicht kannte, und der Stoff fühlte sich angenehm kühl und schwer auf ihrer Haut an.

Kennard musste ihr mit den vielen Schnüren und Ösen helfen, nachdem sie in stiller Übereinkunft beschlossen hatten, dass sie im Moment keine Dienstboten kommen lassen wollten, wie es eigentlich Brauch gewesen wäre. Doch Kennard hatte schon auf der Erde oft genug zu erkennen gegeben, dass er mit Konventionen nicht viel im Sinn hatte. Außerdem war er nach der gestrigen Auseinandersetzung sehr viel sensibler gegenüber Elaines Schwierigkeiten mit seiner Kultur geworden.

„Du siehst wunderschön aus", sagte Kennard, als er sein Werk vollendet hatte, und schob Elaine zu einem großen Wandspiegel. Elaine erblickte darin eine Frau, die sie nicht kannte. Das lange fließende Kleid unterstrich eine Seite an ihr, die sie bisher immer erfolgreich unter ihrer praktischen Uniform verborgen hatte.

„Die Haare kann ich dir leider nicht aufstecken", bemerkte er und ließ verlangend Elaines volles dunkles Haar durch seine Finger gleiten. „Dabei darf eigentlich nur ein Ehemann seine Frau mit offenen Haaren sehen", fügte er mit hochgezogenen Augenbrauen und einem leichten Lächeln hinzu.

„Dann greifen wir der Zeit eben ein bisschen voraus", sagte Elaine keck, worauf Kennard wieder sein Lachen hören ließ, das ihn um Jahre jünger machte und das Elaine so liebte.

Doch er wurde gleich wieder ernst und musterte Elaine intensiv im Spiegel. „Du hast es schon gesehen, nicht wahr?"

Elaine erschrak und fühlte ihre Hände und Füße kalt werden. „Ja, in meinen kühnsten Träumen!", gab sie zurück, krampfhaft bemüht, ihren munteren Tonfall beizubehalten; dabei wurde ihr schon im selben Moment klar, dass sie es mit dieser Bemerkung nur noch schlimmer machte. Sie konnte förmlich zusehen, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Am liebsten hätte sie sich die Zunge abgebissen.

Kennard drehte sie zu sich herum. „Was hast du? Möchtest du mir nicht davon erzählen?", fragte er besorgt.

Habe ich blöde Pute gerade wirklich vorgehabt, Kennard diese fürchterlichen Träume zu beichten?? schalt sie sich. Dann kann ich auch gleich wieder freiwillig zur Medea zurückkriechen! Vielleicht meint er ja, ohne mich nicht mehr leben zu können, aber auf solche Aussichten kann er ganz bestimmt verzichten!

Sie zwang sich zu einem Lächeln und sagte schlicht: „Kennard, es ist nichts. Ich wünsche mir einfach nur, mit dir zusammen zu sein!"

„Das ist auch mein größter Wunsch", sagte Kennard, aber sein prüfender Blick zeigte ihr, dass er mehr wusste, als er zugab und sich Sorgen machte. Sie konnte förmlich spüren, wie seine mentalen Fühler sich vortasteten, zögernd in ihr blätterten –

Heftig machte sich Elaine von ihm los. „Raus!", fauchte sie ihn an. „Kennard, geh raus aus meinem Kopf! Das geht dich nichts an!"

Kennard wich zurück, als habe sie ihn geschlagen, und vielleicht hatte sie das. „Elaine, das wollte ich nicht!", sagte er, und sie nahm den reservierten Tonfall wahr, den er ihr gegenüber schon einmal angeschlagen hatte. „Natürlich respektiere ich deine Privatsphäre. Es ist bloß – du hast mich auch sonst nie zurückgewiesen, und manchmal bist du wirklich kaum zu überhören. Ich dachte, wir hätten keine Geheimnisse voreinander."

„Ach ja?", rief Elaine höhnisch. „Dann erzähl mir doch endlich, was mit dir und Caitlin ist!"

Kennards Gesicht verschloss sich und nahm den zynischen Ausdruck an, den er für gewöhnlich zur Schau trug. Sein Gedankenstrom, der ohnehin schon recht spärlich geflossen war, hörte ohne Übergang auf.

Es war mal wieder, als sei ein stetiges Meeresrauschen abrupt abgedreht worden. Die Stille tat in Elaines Ohren weh, und ihr Herz krampfte sich zusammen. Aber trotzig hob sie den Kopf und starrte ihm direkt in die Augen. „Ach, so ist das. Wir haben also keine Geheimnisse voreinander!"

Kennard erwiderte nichts. Kein Wort, kein Gedanke erreichte Elaine, die sich einsam wie nie zuvor fühlte. Keine vierundzwanzig Stunden sind wir zusammen, und schon haben wir den ersten Streit. Das ist ja nicht zum Aushalten!, dachte sie verzweifelt. Ich hätte nicht so heftig reagieren sollen… und der Spruch mit Caitlin wäre wirklich nicht nötig gewesen!

„Gut. Ich gehe dann mal an die frische Luft!", verkündete sie mit forscher Stimme. Wie sonst sollte sie verhindern, dass Kennard ihr schlechtes Gewissen bemerkte? Elaine war es schon immer schwer gefallen, sich zu entschuldigen, und sie hatte nicht den blassesten Schimmer, wie sie ihre Gedanken „abschirmen" sollte, wie Kennard es nannte.

Immerhin entlockte sie ihm mit ihrer Ansage ein spöttisches Grinsen. „Kein Mensch, der einigermaßen bei Sinnen ist, geht nach Sonnenuntergang allein auf die Straße. Ich dachte, das hättest du inzwischen begriffen, Elaine", sagte er, mit einem nachsichtigen Ton in der Stimme, der Elaine fuchsteufelswild machte.

„Auch nicht auf den Balkon?", schnappte sie zurück. Schnurstracks ging sie auf die große Flügeltür zu, die auf die weitläufige Dachterasse führte, riss sie auf und knallte sie mit voller Wucht hinter sich zu.

Die Kälte fuhr ihr sofort in die Glieder, aber bei dem Gedanken, wie Lizzy sich amüsieren würde, wenn sie ihr von ihrem würdevollen Abgang erzählen könnte, musste Elaine trotzdem kichern. Gleich darauf wurde sie von einem Weinkrampf geschüttelt. Ich werde sie nie wiedersehen! Wenn Lizzy ihren dreißigsten Geburtstag feiert, werde ich schon alt und grau sein!

Elaine hatte sich noch nie so zerrissen gefühlt. Morgen früh hebt die Medea ab, und dann sitze ich hier fest! Auf diesem hinterwäldlerischen Planeten ohne elektrischen Strom, bei einem Mann, den ich kaum kenne!

„Und der dich über alles liebt", hörte sie Kennards Stimme hinter sich. Gleich darauf legte er ihr einen warmen Umhang um die Schultern, und sie spürte seine Gedankenausläufer wieder in ihrer gewohnten beruhigenden Weise in ihrem Kopf, wie heranbrandende Wellen. „Du hast noch eine Nacht Zeit, dich zu entscheiden, Elaine. Ich bringe dich sofort zurück, wenn du willst!"

Elaine fuhr herum und warf sich an seinen Hals. „Ich werde dich nie mehr verlassen!", weinte sie.

Kennard hielt sie und strich ihr sanft übers Haar. „Versprichst du es, meine Yllana?"

Elaine blickte auf und versenkte ihren Blick in Kennards graue Augen. „Ich verspreche es!"

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